DAS TIEFE TAL

Ob ich schon wanderte 

im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, 

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 

[Psalm 23,4]

 

 

!!! Folgender Auszug aus der Schrift "Der geistliche Führer" 

mag besonders für jene Seele eine geistliche Stärkung sein, welche sich momentan im "finstern Tal" befindet. !!!

!!! Am Ende des Textes, findet man die Möglichkeit diesen Text als Mp3-Datei anzuhören oder auf den Rechner zu laden !!!

 

 

Zitiert aus "Der geistliche Führer " Teil II,  das Kapitel IV - IX


INHALT:

Teil II Kapitel IV - Wie wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele ist, dieses erste und geistige Martyrium wie blind zu erdulden.

Teil II Kapitel VI

Teil II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind nötig zur Erlangung des innerlichen Friedens.

Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Teil II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig, dass die Seele ihr Elend erkennt.

 

 

 

Teil II Kapitel IV - Wie wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele ist, dieses erste und geistige Martyrium wie blind zu erdulden.

 

 

Damit die Seele aus dem Irdischen zum Himmlischen emporgehoben wird, und zu dem höchsten Gut der Vereinigung mit Gott gelangen kann, Ist es nötig für sie, in dem Feuer der Trübsal und Versuchung geläutert zu werden. Es müssen zwar alle Diener des Herrn Mühseligkeit, Verfolgungen und Ungemach erleiden. Aber die glücklichen Seelen, welche von Gott den geheimen Pfad des inneren Lebens geführt werden, müssen schrecklichere und heftigere Versuchungen und Qualen erdulden, welche noch bitterer sind als diejenigen, womit die Märtyrer der ersten christlichen Kirche gekrönt wurden.

        

Die Märtyrer wurden, abgesehen von der kurzen Dauer ihrer Marter, mit hellem Licht und besonderer Hilfe durch die Hoffnung auf die nahe und sichere Belohnung getröstet. Die verlassene Seele aber, welche in sich selbst sterben und gänzlich von sich ausgehen und ihr Herz reinigen muss, sieht sich ferne von Gott, umringt von Versuchungen, Finsternis, Bedrängnis, Kummer, in beschwerlicher, strenger und seelischer Dürre. Sie empfindet die Schrecken des Todes in jedem Augenblick ihrer qualvollen Versuchungen. Es ist eine schreckliche Trostlosigkeit, ohne die geringste Linderung, eine so große Betrübnis, dass der Schmerz davon gleich einem verlängerten Tod und einem fortwährenden Martyrium erscheint. Man kann deshalb nicht ohne triftigen Grund sagen, dass wenn es auch viele Märtyrer gibt, so gibt es doch nur wenige Seelen, weiche unserem Herrn Christus mit Frieden und Ergebung in solchen Qualen nachfolgen. Zudem wurden die Märtyrer von Menschen gefoltert, und Gott tröstete ihre Seelen. Hier aber ist es Gott, welcher Bedrängnis bringt und sich selbst verbirgt. Er lässt die Dämonen, gleich grausamen Peinigern, tausend Wege finden, um Seele und Körper so zu peinigen, dass der ganze Mensch innen wie außen gekreuzigt ist.

         

Dein Kummer wird dir unüberwindlich und deine Leiden durch keinerlei Trost heilbar erscheinen. Ja selbst der Himmel will keinen erquickenden Regen mehr auf dich her absenden. Du wirst dich von Schmerzen umfangen und von innerer Bangigkeit bedrückt fühlen, denn deine Kräfte sind verdunkelt und dein Gebet zur Ohnmacht verurteilt. Heftige Versuchungen werden dich bedrängen, ja auch quälende Zweifelsucht und lästiger Glaubensmangel. Einsicht und Urteilskraft werden dich verlassen. Alle Wesen werden dir Verdruss bereiten. Versammlungen geistlicher Art werden dir Schmerz verursachen. Das Lesen von Büchern, wie heilig diese immer sein mögen, wird dir nicht mehr wie früher Trost gewähren. Wenn man dir von Geduld spricht, so wird es dich außerordentlich verstimmen. Die Furcht, Gott durch deine Undankbarkeit und durch den Mangel an Erkenntlichkeit gegen seine Güte zu verlieren, wird deine Seele bis ins innerste durchwühlen. Wenn du seufzend zu Gott um Hilfe flehst, wirst du anstatt Trost innerlichen Tadel und Ungunst von ihm empfinden. Es wird dir ergehen wie jenem kanaanitischen Weibe, dem er zuerst keine Antwort gab, und das dann wie ein Hündlein behandelt wurde.

        

Obgleich dich der Herr zu dieser Zeit nicht verlassen wird, da es unmöglich sein würde, einen Augenblick zu leben ohne seinen Beistand, so wird die Hilfe doch so verborgen sein, dass deine Seele sie nicht erkennen, und auch nicht der Hoffnung und des Trostes fähig sein wird. Du wirst dich vielmehr ohne jedes Heilmittel glauben, und wirst gleich den Verdammten die Qualen der Hölle erleiden. "Stricke des Todes hatten mich umfangen, und Ängste der Hölle hatten mich getroffen" (Ps.116,3). Gerne möchtest du diese Qualen mit einem gewaltsamen Tode vertauschen, denn das würde dir eine Erleichterung bringen. Und gleich wie die Verdammten kein Ende Ihrer Leiden und Bitterkeiten sehen, also wird es dir auch ergehen.

        

Wenn du aber wüsstest, o gesegnete Seele, wie sehr du von jenem göttlichen Herrscher inmitten deiner langen Qualen geliebt und verteidigt wirst, so würdest du sie so süß finden, dass Gott ein Wunder wirken müsste, um dich am Leben zu erhalten. Sei standhaft, o glückliche Seele, standhaft und guten Mutes. Denn wie unerträglich du dir selbst auch immer sein magst, so wirst du doch beschirmt, bereichert und geliebt vom höchsten Gut. Es scheint als hätte Gott nichts anderes zu tun, als dich der Vollkommenheit, den höchsten Stufen der Liebe, zuzuführen. Wenn du dich nicht abwendest, sondern standhaft ausharrst, ohne von deinem Unternehmen abzulassen, so wisse, dass du Gott das ihm wohlgefälligste Opfer darbringst. Wenn Gott Schmerzen empfinden könnte, so würde er keine Ruhe finden, bis er diese liebende Vereinigung mit deiner Seele vollendet hätte.

        

Wenn er durch seine Allmacht aus dein Chaos des Nichts so viele Wunder hervorgebracht hat, was wird er dann in deiner Seele tun, welche nach seinem eigenen Bilde und Gleichnis geschaffen ist, wenn du nur standhaft, ruhig und ergeben ausharrst, in wahrer Erkenntnis deiner Nichtigkeit? Ob du schon von Leid verstört und jeden Trostes beraubt bist, so bist du doch eine glückliche Seele, solange du darin festbleibst, nicht durch Verlangen nach äußerlichem Trost aus dir selbst herauszutreten: Ängstige und beunruhige dich nicht zu sehr wegen der Fortdauer dieses heftigen Martyriums. Harre aus in Demut und tritt nicht aus dir hinaus, um nach Hilfe zu suchen. Denn dein ganzes Heil besteht darin, stille zu sein und Friede zu halten mit Ruhe und Entsagung. Hierin wirst du die göttliche Kraft zur Überwindung eines solch mühsamen Kampfes finden. Er ist in dir, der für dich streitet, und er ist die Stärke selbst.

        

Wenn du zu diesem qualvollen Zustand schrecklicher Verlassenheit gelangst, sind Weinen und Wehklagen deiner Seele nicht untersagt, wenn sie nur in ihrem oberen Teil gefasst bleibt. Wer könnte auch des Herrn schwer lastende Hand ohne Tränen und Jammer ertragen? Sogar jener große Kämpfer Hiob brach in Wehklagen aus. Auch unser Herr Christus klagte in seiner Verlassenheit; aber ihr Weinen geschah in Ergebenheit. Sei nicht betrübt, wenn Gott dich auch kreuzigt und deine Treue erprobt. Folge dem Weibe von Kanaan, das zurückgestoßen und geschmäht, den Herrn um so heftiger mit ihrer Bitte bestürmte, obgleich sie recht erniedrigend von ihm behandelt worden war.

         

Es ist nötig, den Becher zu leeren und nicht zurückzuweichen. Wenn die Schuppen von deinen Augen genommen wären, wie von denen des Paulus, würdest du die Notwendigkeit des Leidens erkennen und dich dessen rühmen. Paulus achtete es für höher, gekreuzigt zu werden, als ein Apostel zu sein. Dein Glück beruht nicht im Genießen, sondern im ruhigen und ergebenen Dulden. Die heilige Theresa erschien nach ihren Tode einer gewissen Seele und sagte ihr, dass sie nur für die erduldete Pein Belohnung empfangen habe, nicht aber für alle Entzückungen und Offenbarungen, deren sie sich in dieser Welt erfreut hätte.

        

Dieses schmerzensreiche Martyrium fürchterlicher Verlassenheit und passiver Läuterung ist so grauenvoll, dass es mit Recht den Namen "Hölle" unter den mystischen Heiligen erhalten hat. Denn es scheint unmöglich, dass jemand auch nur einen Augenblick in Qualen zu leben vermag, die so bitter sind, dass (wie mit großem Recht gesagt werden kann) derjenige, welcher sie leidet, sterbend lebt und im Sterben einen verlängerten Tod lebt. Nichtsdestoweniger sollst du wissen, dass es notwendig ist, sie zu ertragen, um zu dem süßen, erfreulichen und überfließenden Reichtum erhabener Beschauung und liebender Vereinigung gelangen zu können. Es hat keine heilige Seele gegeben, welche dieses geistige Martyrium und diese schmerzlichen Qualen nicht durchgemacht hätte. Der heilige Papst Gregorius erlitt solche in den letzten zwei Monaten seines Lebens. Franziskus von Assisi hatte sie zweieinhalb Jahre zu ertragen. Maria Magdalena von Pazzi sogar fünf Jahre und Rosa von Peru 15 Jahre. Und nach so vielen Wundertaten, welche die Welt in Staunen versetzte, erduldete sie der heilige Dominikus bis nahezu eine halbe Stunde vor seinem glücklichen Tod.

 

 

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Teil II Kapitel VI

 

Das andere nützlichere und verdienstlichere Martyrium der Seelen, die in Vollkommenheit und tiefer Beschauung schon fortgeschritten sind, ist ein Feuer göttlicher Liebe, welches die Seele verbrennt und sie durch dieses Liebesgefühl in einen Schmerzenszustand versetzt. - Bald stimmt die Abwesenheit ihres Geliebten die Seele traurig; bald wird ihr die süße, brennende und willkommene Bürde der liebenswerten, göttlichen Gegenwart zur Qual. Dieses süße Martyrium lässt sie immerdar seufzen; manchmal, wenn sie sich ihres Geliebten erfreut und ihn hat, weil das Gefühl dieses Besitzes so lieblich ist, dass sie es nicht zu fassen vermag. Das anderemal, wenn er sich nicht offenbart, seufzt sie wegen des heißen Dranges, womit sie sich bestrebt, ihn zu suchen, zu finden und zu genießen. All dies ist nichts anderes als seufzen, dulden und sterben aus Liebe.

 

O dass du nur dazu gelangen könntest, die so entgegengesetzten Zustande zu begreifen, welchen eine liebende Seele ausgesetzt ist. Es ist ein Kampf, der auf der einen Seite furchtbar und wild, und auf der andern Seite süß, schmelzend und lieblich ist: Es ist ein Martyrium, so durchbohrend und scharf, womit die Liebe sie quält, als auch ein peinvolles und süßes Kreuz zugleich, dass sich die Seele während ihres ganzen Lebens nicht davon freimachen möchte:  

 

In dem Grad, als Licht und Liebe sich vergrößern, wächst auch der Kummer über die Abwesenheit jenes Guts, welches sie so innig liebt. Sich ihm nahe zu fühlen, bereitet ihr Freude; aber das niemals Fertigwerden mit dem Erkennen, und der nie ganz vollkommene Besitz, verzehrt ihr Dasein. Sie verlangt nach Speise und Trank, und hat solche dicht vor ihrem Mund, und kann sich doch nicht davon sättigen. Sie sieht sich verschlungen und versenkt in einem Meer von Liebe, während die mächtige Hand, welche sie erretten könnte, ihr nahe ist und es doch nicht tut. Sie weiß auch nicht, wann er kommen wird, nach dem sie so sehnlich verlangt.

 

Zuweilen vernimmt sie die innere Stimme ihres Geliebten, welche sie lockt und ruft. Es ist ein sanftes, zartes Flüstern, das aus dein Geheimsten der Seele, wo seine Wohnung ist, hervordringt und sie mächtig ergreift. Sie wird wie zerschmolzen und aufgelöst, indem sie sieht, wie nahe sie ihn in sich selbst hat, und er ihr doch so fern ist, dass sie nicht dazu gelangen kann. Dies berauscht sie, erniedrigt sie, schreckt sie und erfüllt sie mit Unersättlichkeit. Und das ist der Grund, dass man die Liebe so mächtig nennt, wie den Tod selbst, weil die Liebe geradeso tötet wie der Tod.

 

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Teil II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind nötig zur Erlangung des innerlichen Friedens.

 

Der feinste Pfeil, welchen die Natur abschießt, ist der, uns zu dem Verbotenen zu verleiten, unter dem Vorwand, dass es notwendig und unnützlich sein möchte. O wie viele Seelen hat diese vergoldete Täuschung schon irregeführt und um den Geist betrogen: Niemals wirst du das köstliche Manna schmecken, welches niemand kennt, außer dem, der es empfängt (Offb.2,17); wenn du dich nicht gänzlich überwindest bis zur Abtötung deiner selbst. Derjenige, welcher sich nicht befleißigt, seinen Leidenschaften abzusterben, ist nicht wohl bereitet, die Gabe des geistigen Verständnisses zu empfangen. Und ohne dieses Verständnis ist es für ihn unmöglich, in sich selbst einzudringen und in seinem Geiste verwandelt zu werden. Denn diejenigen, welche draußen bleiben, haben nichts davon.

 

Niemals beunruhige dich wegen irgendeines Vorfalls; denn die Unruhe ist die Tür, durch welche sich der Feind in die Seele einschleicht, um sie ihres Friedens zu berauben. Entsage und verleugne dich selbst vollkommen. Denn obwohl wahre Selbstaufopferung anfänglich herb ist, wird sie dennoch In der Mitte leicht und am Ende sehr süß. Du wirst erkennen, dass du von der Vollkommenheit noch fern bist, wenn du Gott nicht In allen Dingen findest. Wisse, dass reine, vollkommene und wirkliche Liebe in dem Kreuze, in freier Selbstverleugnung und Entsagung, in völliger Demut, geistiger Armut und Geringschätzung seiner selbst besteht. In der Zeit heftiger Versuchung, Verlassenheit und Vereinsamung ist es notwendig für dich, in das Innerste deines Wesens einzudringen, damit du nur auf Gott schauen und ihn betrachten mögest, der seinen Thron und seine Wohnung im Grunde deiner Seele hat.

        

Du wirst Ungeduld und Herzensbitterkeit aus der Tiefe empfindlicher, hungernder und gequälter Liebe emporwachsen sehen. Wahre Liebe mit ihren Wirkungen kennt man, wenn die Liebe tief gedemütigt ist, und ernstlich wünscht, abgetötet und ausgelöscht zu sein. Es gibt viele, die keinen Geschmack an Gott finden, obgleich sie sich dem Gebet gewidmet haben. Denn am Ende Ihrer Gebete sind sie weder abgetötet, noch dienen sie Gott länger. Um jenes friedliche und beständige Dienen zu erlangen, ist es nötig, eine große Reinheit des Geistes und Herzens, großen Seelenfrieden und eine umfassende Entsagung zu gewinnen. Den Einfältigen und Abgetöteten ist die Wiedererweckung der Sinne eine Art von Tod, und es geschieht ihnen auch niemals, wenn sie nicht durch Notwendigkeit oder zur Erbauung ihrer Nächsten dazu berufen werden.

        

Der Grund unserer Seele, sollst du wissen, ist der Ort unserer Glückseligkeit. Dort zeigt uns der Herr Wunder, dort stürzen wir und verlieren wir uns selbst in das uner messliche Meer seiner unendlichen Güte, in welcher wir fest und unbewegt verbleiben. Dort wohnt das unvergleichliche Labsal unserer Seele und ihre erhabene und süße Ruhe.  Ein demütiges und ergebenes Herz, welches zu diesem Grunde gelangt ist, sucht nach nichts anderem mehr, als nur Gott zu gefallen. Der heilige und liebende Geist lehrt sie alles durch seine süße, erquickende Salbung.

        

Unter den Heiligen gibt es einige gigantische Gestalten, welche fortwährend körperliche Leiden mit Geduld ertragen. Solchen nimmt sich Gott besonders an. Wahrlich, groß und herrlich ist die Gabe derer, welche durch die Kraft des Heiligen Geistes, sowohl innere wie äußere Qualen mit Zufriedenheit und Ergebung ertragen. Dies ist jene Art von Heiligkeit, welche, je seltener sie ist, um so kostbarer vor Gottes Augen erscheint. Diejenigen, welche diesen Pfad wandeln, sind selten, weil es in der Welt nur wenige gibt, die sich völlig selbst verleugnen, um dem gekreuzigten Christus in Einfalt und Nacktheit des Geistes durch die einsamen und dornigen Gebiete des Kreuzes nachzufolgen, ohne Grübeleien über sich selbst anzustellen.

        

Ein Leben der Selbstverleugnung übertrifft alle Wundertaten der Heiligen. Ein solches Leben weiß nicht, ob es lebendig oder tot sei, ob verloren oder gewonnen, ob es einwilligt oder widerstrebt. Dies ist das wahrhaft entsagende Leben. Wenn es auch lange Zeit wahren wird, bevor du zu diesem Zustand gelangen kannst, und du dich kaum um einen Schritt auf ihm vorangekommen siehst, so darf dich dies doch nicht erschrecken; denn Gott pflegt die Seele in einem Augenblick mit dem zu begnadigen, was er ihr vorher viele Jahre hindurch versagt hat.

        

Derjenige, welcher wünscht, blindlings Unrecht zu dulden, ohne den Trost Gottes oder seiner Geschöpfe, ist so weit fortgeschritten, dass er ungerechten Anschuldigungen keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann. Ja auch in der schrecklichsten, inneren Verlassenheit ist er unfähig dazu. Der geistige Mensch, welcher durch Gott und in ihm lebt, bleibt innerlich gleichmütig inmitten alter Widerwärtigkeiten, weil Kreuz und Ungemach ihm Leben und Freude sind. Die Trübsal ist ein großer Schatz, womit Gott die Seinen in diesem Leben auszeichnet. Deshalb sind böse Menschen für die guten notwendig, und auch die Dämonen, welche uns zu verderben suchen, indem sie Drangsal über uns bringen. Sie können uns aber nicht schaden, sondern nur den denkbar höchsten Nutzen schaffen.

         

Es muss Trübsal geben, denn nur so wird das Leben eines Menschen für Gott annehmbar. Ohne Trübsal ist das Leben gleich dem Körper ohne Seele, der Seele ohne Gnade, der Erde ohne Sonne. Mit dem Winde der Trübsal trennt Gott auf der Tenne der Seele die Spreu von dem Korn. Wenn Gott in dem innersten Teil der Seele Schmerz schafft, vermag ihr kein Geschöpf Trost zu bringen; ja Tröstungen sind sogar schwere und bittere Qualen für sie. Wenn sie wohl unterrichtet ist über Gesetz und Ordnung der Wege reiner Liebe, in der Zeit großer Verlassenheit und innerer Pein, so sollte sie nicht außerhalb unter den Geschöpfen nach Trost suchen, noch sich mit ihnen beklagen. Auch wird sie nicht fähig sein, geistige Bücher zu studieren, weil dies ein geheimer Weg ist, sich dem Leiden zu entziehen.

         

Zu bedauern sind jene Heiligen, welche nicht zu der Einsicht kommen können, dass Trübsal und Leiden der größte Segen für sie sind. Die Vollkommenen sollten immerdar nach dem Tode und nach Leiden trachten, und jederzeit in einem Zustande des Todes und Leidens sein. Nichtig ist der Mensch, welcher nicht duldet, denn er ist dazu geboren, dass er sich mühen und leiden soll. Und das gilt ganz besonders für die Freunde und Erwählten Gottes. Lege deinen Irrtum ab und glaube, dass es für die Seele notwendig ist, dass sie sich verneine und verliere in ihrem Leben, Fühlen, Wissen und Können, um zur vollkommenen Umgestaltung in Gott gelangen zu können. Sie muss sterben lebend und nicht lebend, sterbend und nicht sterbend, duldend und nicht duldend, sich verleugnend und nicht verleugnend, ohne Ober etwas nachzugrübeln. Die Vollkommenheit derer, die ihr nacheifern, erlangt ihren Glanz nur durch das Feuer, durch Martyrien, Schmerzen, Qualen, Bedrängnisse und Demütigungen, welche mit Tapferkeit und Mut ertragen werden. Derjenige aber, welcher einen Rastpunkt zu haben wünscht, um auszuruhen, und die Vernunftschlüsse des Denkens und der Sinneswahrnehmungen nicht überschreitet, wird niemals in das geheime Gemach des Wissens eingehen, wenn er auch durch Lesen vielleicht einen Vorgeschmack davon bekommen kann.

 

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Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.

 

Wisse, dass sich der Herr nicht eher in deiner Seele offenbaren wird, als bis diese in sich selbst vernichtet und tot ist in allen ihren Sinnen und Kräften. Auch wird sie niemals zu diesem Zustande gelangen, bevor sie nicht (nach vollkommener Selbstentäußerung) den festen Entschluss gefasst hat, ganz allein mit Gott zu sein. Ja sie darf keinen Unterschied mehr machen zwischen Achtung und Verachtung, zwischen Licht und Finsternis, Kampf und Frieden. Kurz, damit die Seele zur völligen Ruhe und zu höchstem, innerlichem Frieden gelangen kann, sollte sie zuerst in sich selbst sterben und allein in Gott und für ihn leben. Je mehr sie in sich selbst tot ist, um so mehr wird sie Gott erkennen. Wenn sie aber auf diese fortgesetzte Selbstverleugnung und innerliche Abtötung nicht achtet, wird sie nimmermehr zu diesem Zustande gelangen, noch auch Gott in sich erhalten. Sie wird immerfort leidenschaftlichen Aufwallungen des Gemüts unterworfen sein; wie Vorurteilen, Murren, Empfindsamkeit, Entschuldigungen, Verteidigungen. Auch wird sie auf Ehre und einen guten Namen achten, welche Dinge alle Feinde der Vollkommenheit, des Friedens und des Geistes sind.

        

Unter denjenigen, die auf geistigem Wege wandeln, ist das Absterben der Gemütszustände nicht bei allen gleich. Groß ist der Unterschied, weicher zwischen Tun, Leiden und Sterben besteht. Das Tun ist erfreulich und gehört den Anfängern. Das Leiden mit Verlangen kommt den Fortgeschrittenen zu, und das immerwährende Sterben in sich selbst ist denjenigen zu eigen, welche vollendet und vollkommen sind, von denen man nur wenige auf der Welt findet. An den Glücklichen aber, welche einen fortwährenden Tod erleiden, hat Gott seine Wonne, seinen Ruhm und sein Wohlgefallen. Wie glücklich wirst du sein, wenn du keinen andern Gedanken hast, als in dir selbst zu ersterben. Du wirst dann nicht nur Sieger über deine Feinde, sondern auch über dich selbst werden. Da wirst du dann finden reine Liebe, vollkommenen Frieden und göttliche Weisheit.

        

Ein Mensch kann unmöglich mystisch denken und leben in einfältigem Verständnis der göttlichen und eingeflössten Weisheit, bevor er nicht zuerst in sich selbst erstirbt durch voltständige Aufgabe des Sinnlichen und allen intellektuellen Verlangens. Für einen geistigen Menschen gilt die oberste Regel, alle Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen, und dich in nichts zu mischen, wozu du durch deine Pflicht nicht angehalten bist. Denn eine Seele, welche alles verlässt um Gott zu finden, fängt an alles, was sie sucht, im Ewigen zu besitzen. Es gibt Seelen, welche nach Ruhe suchen; andere, welche sie nicht suchen, genießen sie; andere haben Freude am Schmerz, und andere suchen ihn. Die ersten tun so gut wie nichts; die zweiten machen Schritte; die dritten laufen; und die letzten fliehen. Vergnügen gering zu schätzen und sie als Pein zu erachten, ist die Eigentümlichkeit eines wahrhaft abgetöteten Menschen. Frohgefühl und innerlicher Friede sind die Früchte des göttlichen Geistes, und niemand erlangt ihren Besitz, wenn er nicht im Innersten der Seele ein Entsagender Ist.

        

Du wirst erkennen, dass das Missvergnügen geistlicher Menschen schnell verschwindet; dessen ungeachtet aber bemühe dich, niemals missvergnügt zu werden, noch darin zu verharren, denn es schädigt deine Gesundheit, verstört die Vernunft und beunruhigt deinen Geist. Von anderen heiligen Ratschlägen, die du beobachten musst, präge dir die folgenden gut ein: Schaue nicht auf die Fehler anderer, sondern nur auf deine eigenen. Beobachte Stillschweigen, mit einem beständigen, inneren Verkehr mit dir selbst. Ertöte dich in allen Dingen und zu jeder Zeit, wodurch du dich von vielen Unvollkommenheiten befreien und zum Herrscher über große Tugenden machen wirst.

       

Töte dich darin ab, dass du über niemand jemals übel urteilst, weil die Verdächtigung deines Nächsten die Reinheit des Herzens trübt, dasselbe beunruhigt, die Seele aus sich herausführt und ihre Ruhe raubt. Niemals wirst du die vollkommene Entsagung besitzen, wenn du Wert legst auf menschliche Wertschatzung, und Rücksicht nimmst auf das, was die Leute sagen mögen. Die Seele, welche auf dem innerlichen Wege dahinschreitet, wird sich bald verlieren, wenn sie einmal anfängt, unter den Geschöpfen und im Verkehr mit ihnen nach Vernunft zu suchen. Es gibt nichts Vernünftigeres, als nicht nach Vernunft auszuschauen, sondern zu glauben, dass Gott uns von Beschwerden überfallen lässt, um uns zu demütigen, zu vernichten und zu einem völlig selbstlosen Leben zu führen.

       

Betrachte, wie Gott eine Seele höher schätzt, welche innerlich ergeben lebt, als eine andere, welche Wunder verrichtet und sogar Tote auferweckt: Viele Seelen gibt es, welche trotz allem Beten doch immer unvollkommen und voller Eigenliebe bleiben, weil sie nicht ertötet sind. Als wahren Grundsatz mögest du in dein Herz fassen, dass niemand eine Seele kränken oder schmähen kann, weiche sich selbst verachtet und in ihren eigenen Augen nichts ist.   Endlich hoffe, dulde, schweige und habe Geduld. Lass dich von nichts ängstigen, durch nichts erschrecken; denn alles nimmt ein Ende; nur Gott bleibt sich gleich. Geduld erringt alles. Wer Gott besitzt, hat alles; wer ihn nicht hat, hat nichts.

 

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Teil II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig, dass die Seele ihr Elend erkennt.

         

Würde die Seele nicht in einige Fehler verfallen, so könnte sie niemals ihr eigenes Elend verstehen lernen, such nicht durch menschliche Rede oder geistliche Bücher..  Darum muss sie zuerst ihre eigene bejammernswerte Schwäche erkennen, wenn sie jemals den köstlichen Frieden erlangen will. Denn wie kann eine Heilung geschehen, wo keine klare Erkenntnis des Mangels ist. Gott wird bald diesen, bald jenen Fehler über dich verhängen, damit du durch diese Erkenntnis deiner selbst, wenn du dich so oftmals straucheln siehst, zu der Überzeugung kommen mögest, dass du ein bloßes Nichts bist. Denn erst im Nichts sind Wissen und Glauben, wahrer Friede und vollkommene Demut gegründet. Und damit du dieses Geheimnis (von dem was du bist) tiefer erforschen und erkennen mögest, will ich versuchen, dich über einige deiner mannigfaltigen Untugenden aufzuklären.

        

Du bist so unruhig und empfindlich, dass wenn du auch nur beim Gehen strauchelst oder auf deinem Wege gehindert wirst, die Hölle selbst empfindest. Wenn dir deine Forderung verweigert oder ein Vergnügen durchkreuzt wird, so brausest du sogleich zornig auf. Wenn du an deinem Nachbar einen Fehler erspähst, tadelst du ihn Unbesonnenerweise, anstatt ihn zu bedauern und daran zu denken, dass du selbst solchen Untugenden unterworfen bist. Wenn du einen für dich geeigneten Gegenstand erblickst, und kannst ihn nicht erlangen, so wirst du betrübt und von Kummer erfüllt. Wenn du eine geringfügige Unbill von deinem Nächsten erleidest, schiltst du auf ihn und beklagst dich darüber; und gerätst wegen einer Kleinigkeit innerlich und äußerlich in Unruhe, und verlierst dich selber.

        

Du möchtest zwar geduldig sein, aber mit der Geduld eines andern. Und wenn die Ungeduld anhält, schiebst du die Schuld voller Verdruss auf deinen Gefährten, ohne zu bedenken, dass du dir selbst unerträglich bist. Ist dein Groll dann verraucht, so hüllst du dich listig wieder in das Gewand der Tugend, indem du sittliche Grundsätze aufstellst, und geistige Redensarten mit Verstandesschärfe vorbringst, ohne deine früheren Mängel zu bessern. Obgleich du dich willig anklagst und deine Fehler vor andern tadelst, geschieht dies nicht aus vollkommener Demut, sondern um dich vor demjenigen, welcher deine Gebrechen sieht, zu rechtfertigen, damit du aufs neue zu deiner früheren Selbstschätzung zurückkehren kannst.

 

Bisweilen behauptest du voller List, dass du nicht durch lasterhafte Gewohnheit, sondern von eifrigem Gerechtigkeitsgefühl dazu verleitet wirst, dich über deinen Nächsten zu beklagen. Du hältst dich zumeist für tugendhaft, standhaft und mutig, so dass du selbst dein Leben in die Hände des Tyrannen hingeben würdest, um der göttlichen Liebe willen. Indessen vermagst du kaum das geringste verletzende Wort zu ertragen, sondern betrübst dich und gerätst gleich darüber in Unruhe. Dies alles sind stets arbeitende Maschinen der Selbstliebe und des verborgenen Stolzes deiner Seele. Wisse daher, dass die Eigenliebe in dir herrscht, welche das größte Hindernis bildet zur Erlangung jenes köstlichen Friedens.

 

 

Diese und weitere Schriften sind erhältlich bei:

 

Rolf Wolters

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 Aktualisiert am: 02.05.2011 Home