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DAS TIEFE TAL Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. [Psalm 23,4]
!!! Folgender Auszug aus der Schrift "Der geistliche Führer" mag besonders für jene Seele eine geistliche Stärkung sein, welche sich momentan im "finstern Tal" befindet. !!! !!! Am Ende des Textes, findet man die Möglichkeit diesen Text als Mp3-Datei anzuhören oder auf den Rechner zu laden !!! Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Teil
II Kapitel IV - Wie wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele
ist, dieses erste und geistige Martyrium wie blind zu erdulden.
Damit
die Seele aus dem Irdischen zum Himmlischen emporgehoben wird, und zu
dem höchsten Gut der Vereinigung mit Gott gelangen kann, Ist es nötig
für sie, in dem Feuer der Trübsal und Versuchung geläutert zu werden.
Es müssen zwar alle Diener des Herrn Mühseligkeit, Verfolgungen und
Ungemach erleiden. Aber die glücklichen Seelen, welche von Gott den
geheimen Pfad des inneren Lebens geführt werden, müssen schrecklichere
und heftigere Versuchungen und Qualen erdulden, welche noch bitterer
sind als diejenigen, womit die Märtyrer der ersten christlichen Kirche
gekrönt wurden.
Die
Märtyrer wurden, abgesehen von der kurzen Dauer ihrer Marter, mit
hellem Licht und besonderer Hilfe durch die Hoffnung auf die nahe und
sichere Belohnung getröstet. Die verlassene Seele aber, welche in sich
selbst sterben und gänzlich von sich ausgehen und ihr Herz reinigen
muss, sieht sich ferne von Gott, umringt von Versuchungen, Finsternis,
Bedrängnis, Kummer, in beschwerlicher, strenger und seelischer Dürre.
Sie empfindet die Schrecken des Todes in jedem Augenblick ihrer
qualvollen Versuchungen. Es ist eine schreckliche Trostlosigkeit, ohne
die geringste Linderung, eine so große Betrübnis, dass der Schmerz
davon gleich einem verlängerten Tod und einem fortwährenden Martyrium
erscheint. Man kann deshalb nicht ohne triftigen Grund sagen, dass wenn
es auch viele Märtyrer gibt, so gibt es doch nur wenige Seelen, weiche
unserem Herrn Christus mit Frieden und Ergebung in solchen Qualen
nachfolgen. Zudem wurden die Märtyrer von Menschen gefoltert, und Gott
tröstete ihre Seelen. Hier aber ist es Gott, welcher Bedrängnis bringt
und sich selbst verbirgt. Er lässt die Dämonen, gleich grausamen
Peinigern, tausend Wege finden, um Seele und Körper so zu peinigen,
dass der ganze Mensch innen wie außen gekreuzigt ist.
Dein
Kummer wird dir unüberwindlich und deine Leiden durch keinerlei Trost
heilbar erscheinen. Ja selbst der Himmel will keinen erquickenden Regen
mehr auf dich her absenden. Du wirst dich von Schmerzen umfangen und von
innerer Bangigkeit bedrückt fühlen, denn deine Kräfte sind verdunkelt
und dein Gebet zur Ohnmacht verurteilt. Heftige Versuchungen werden dich
bedrängen, ja auch quälende Zweifelsucht und lästiger Glaubensmangel.
Einsicht und Urteilskraft werden dich verlassen.
Obgleich
dich der Herr zu dieser Zeit nicht verlassen wird, da es unmöglich sein
würde, einen Augenblick zu leben ohne seinen Beistand, so wird die
Hilfe doch so verborgen sein, dass deine Seele sie nicht erkennen, und
auch nicht der Hoffnung und des Trostes fähig sein wird. Du wirst dich
vielmehr ohne jedes Heilmittel glauben, und wirst gleich den Verdammten
die Qualen der Hölle erleiden. "Stricke des Todes hatten mich
umfangen, und Ängste der Hölle hatten mich getroffen" (Ps.116,3).
Gerne möchtest du diese Qualen mit einem gewaltsamen Tode vertauschen,
denn das würde dir eine Erleichterung bringen. Und gleich wie die
Verdammten kein Ende Ihrer Leiden und Bitterkeiten sehen, also wird es
dir auch ergehen.
Wenn
du aber wüsstest, o gesegnete Seele, wie sehr du von jenem göttlichen
Herrscher inmitten deiner langen Qualen geliebt und verteidigt wirst, so
würdest du sie so süß finden, dass Gott ein Wunder wirken müsste, um
dich am Leben zu erhalten. Sei standhaft, o glückliche Seele, standhaft
und guten Mutes. Denn wie unerträglich du dir selbst auch immer sein
magst, so wirst du doch beschirmt, bereichert und geliebt vom höchsten
Gut. Es scheint als hätte Gott nichts anderes zu tun, als dich der
Vollkommenheit, den höchsten Stufen der Liebe, zuzuführen. Wenn du
dich nicht abwendest, sondern standhaft ausharrst, ohne von deinem
Unternehmen abzulassen, so wisse, dass du Gott das ihm wohlgefälligste
Opfer darbringst. Wenn Gott Schmerzen empfinden könnte, so würde er
keine Ruhe finden, bis er diese liebende Vereinigung mit deiner Seele
vollendet hätte.
Wenn
er durch seine Allmacht aus dein Chaos des Nichts so viele Wunder
hervorgebracht hat, was wird er dann in deiner Seele tun, welche nach
seinem eigenen Bilde und Gleichnis geschaffen ist, wenn du nur
standhaft, ruhig und ergeben ausharrst, in wahrer Erkenntnis deiner
Nichtigkeit? Ob du schon von Leid verstört und jeden Trostes beraubt
bist, so bist du doch eine glückliche Seele, solange du darin
festbleibst, nicht durch Verlangen nach äußerlichem Trost aus dir
selbst herauszutreten: Ängstige und beunruhige dich nicht zu sehr wegen
der Fortdauer dieses heftigen Martyriums. Harre aus in Demut und tritt
nicht aus dir hinaus, um nach Hilfe zu suchen. Denn dein ganzes Heil
besteht darin, stille zu sein und Friede zu halten mit Ruhe und
Entsagung. Hierin wirst du die göttliche Kraft zur Überwindung eines
solch mühsamen Kampfes finden. Er ist in dir, der für dich streitet,
und er ist die Stärke selbst.
Wenn
du zu diesem qualvollen Zustand schrecklicher Verlassenheit gelangst,
sind Weinen und Wehklagen deiner Seele nicht untersagt, wenn sie nur in
ihrem oberen Teil gefasst bleibt. Wer könnte auch des Herrn schwer
lastende Hand ohne Tränen und Jammer ertragen? Sogar jener große Kämpfer
Hiob brach in Wehklagen aus. Auch unser Herr Christus klagte in seiner
Verlassenheit; aber ihr Weinen geschah in Ergebenheit.
Es
ist nötig, den Becher zu leeren und nicht zurückzuweichen. Wenn die
Schuppen von deinen Augen genommen wären, wie von denen des Paulus, würdest
du die Notwendigkeit des Leidens erkennen und dich dessen rühmen.
Paulus achtete es für höher, gekreuzigt zu werden, als ein Apostel zu
sein.
Dieses
schmerzensreiche Martyrium fürchterlicher Verlassenheit und passiver Läuterung
ist so grauenvoll, dass es mit Recht den Namen "Hölle" unter
den mystischen Heiligen erhalten hat. Denn es scheint unmöglich, dass
jemand auch nur einen Augenblick in Qualen zu leben vermag, die so
bitter sind, dass (wie mit großem Recht gesagt werden kann) derjenige,
welcher sie leidet, sterbend lebt und im Sterben einen verlängerten Tod
lebt. Nichtsdestoweniger sollst du wissen, dass es notwendig ist, sie zu
ertragen, um zu dem süßen, erfreulichen und überfließenden Reichtum
erhabener Beschauung und liebender Vereinigung gelangen zu können. Es
hat keine heilige Seele gegeben, welche dieses geistige Martyrium und
diese schmerzlichen Qualen nicht durchgemacht hätte. Der heilige Papst
Gregorius erlitt solche in den letzten zwei Monaten seines Lebens.
Franziskus von Assisi hatte sie zweieinhalb Jahre zu ertragen. Maria
Magdalena von Pazzi sogar fünf Jahre und Rosa von Peru 15 Jahre. Und
nach so vielen Wundertaten, welche die Welt in Staunen versetzte,
erduldete sie der heilige Dominikus bis nahezu eine halbe Stunde vor
seinem glücklichen Tod. Teil
II Kapitel VI
Das
andere nützlichere und verdienstlichere Martyrium der Seelen, die in
Vollkommenheit und tiefer Beschauung schon fortgeschritten sind, ist ein
Feuer göttlicher Liebe, welches die Seele verbrennt und sie durch
dieses Liebesgefühl in einen Schmerzenszustand versetzt. - Bald stimmt
die Abwesenheit ihres Geliebten die Seele traurig; bald wird ihr die süße,
brennende und willkommene Bürde der liebenswerten, göttlichen
Gegenwart zur Qual. Dieses süße Martyrium lässt sie immerdar seufzen;
manchmal, wenn sie sich ihres Geliebten erfreut und ihn hat, weil das
Gefühl dieses Besitzes so lieblich ist, dass sie es nicht zu fassen
vermag. Das anderemal, wenn er sich nicht offenbart, seufzt sie wegen
des heißen Dranges, womit sie sich bestrebt, ihn zu suchen, zu finden
und zu genießen. All dies ist nichts anderes als seufzen, dulden und
sterben aus Liebe. O
dass du nur dazu gelangen könntest, die so entgegengesetzten Zustande
zu begreifen, welchen eine liebende Seele ausgesetzt ist. Es ist ein
Kampf, der auf der einen Seite furchtbar und wild, und auf der andern
Seite süß, schmelzend und lieblich ist: Es ist ein Martyrium, so
durchbohrend und scharf, womit die Liebe sie quält, als auch ein
peinvolles und süßes Kreuz zugleich, dass sich die Seele während
ihres ganzen Lebens nicht davon freimachen möchte:
In
dem Grad, als Licht und Liebe sich vergrößern, wächst auch der Kummer
über die Abwesenheit jenes Guts, welches sie so innig liebt. Sich ihm
nahe zu fühlen, bereitet ihr Freude; aber das niemals Fertigwerden mit
dem Erkennen, und der nie ganz vollkommene Besitz, verzehrt ihr Dasein.
Sie verlangt nach Speise und Trank, und hat solche dicht vor ihrem Mund,
und kann sich doch nicht davon sättigen. Sie sieht sich verschlungen
und versenkt in einem Meer von Liebe, während die mächtige Hand,
welche sie erretten könnte, ihr nahe ist und es doch nicht tut. Sie weiß
auch nicht, wann er kommen wird, nach dem sie so sehnlich verlangt.
Zuweilen
vernimmt sie die innere Stimme ihres Geliebten, welche sie lockt und
ruft. Es ist ein sanftes, zartes Flüstern, das aus dein Geheimsten der
Seele, wo seine Wohnung ist, hervordringt und sie mächtig ergreift. Sie
wird wie zerschmolzen und aufgelöst, indem sie sieht, wie nahe sie ihn
in sich selbst hat, und er ihr doch so fern ist, dass sie nicht dazu
gelangen kann. Dies berauscht sie, erniedrigt sie, schreckt sie und erfüllt
sie mit Unersättlichkeit. Und das ist der Grund, dass man die Liebe so
mächtig nennt, wie den Tod selbst, weil die Liebe geradeso tötet wie
der Tod. Teil
II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind nötig
zur Erlangung des innerlichen Friedens.
Der
feinste Pfeil, welchen die Natur abschießt, ist der, uns zu dem
Verbotenen zu verleiten, unter dem Vorwand, dass es notwendig und unnützlich
sein möchte. O wie viele Seelen hat diese vergoldete Täuschung schon
irregeführt und um den Geist betrogen: Niemals wirst du das köstliche
Manna schmecken, welches niemand kennt, außer dem, der es empfängt
(Offb.2,17); wenn du dich nicht gänzlich überwindest bis zur Abtötung
deiner selbst. Derjenige, welcher sich nicht befleißigt, seinen
Leidenschaften abzusterben, ist nicht wohl bereitet, die Gabe des
geistigen Verständnisses zu empfangen. Und ohne dieses Verständnis ist
es für ihn unmöglich, in sich selbst einzudringen und in seinem Geiste
verwandelt zu werden. Denn diejenigen, welche draußen bleiben, haben
nichts davon.
Niemals
beunruhige dich wegen irgendeines Vorfalls; denn die Unruhe ist die Tür,
durch welche sich der Feind in die Seele einschleicht, um sie ihres
Friedens zu berauben.
Du
wirst Ungeduld und Herzensbitterkeit aus der Tiefe empfindlicher,
hungernder und gequälter Liebe emporwachsen sehen. Wahre Liebe mit
ihren Wirkungen kennt man, wenn die Liebe tief gedemütigt ist, und
ernstlich wünscht, abgetötet und ausgelöscht zu sein. Es gibt viele,
die keinen Geschmack an Gott finden, obgleich sie sich dem Gebet
gewidmet haben. Denn am Ende Ihrer Gebete sind sie weder abgetötet,
noch dienen sie Gott länger. Um jenes friedliche und beständige Dienen
zu erlangen, ist es nötig, eine große Reinheit des Geistes und
Herzens, großen Seelenfrieden und eine umfassende Entsagung zu
gewinnen.
Der
Grund unserer Seele, sollst du wissen, ist der Ort unserer Glückseligkeit.
Dort zeigt uns der Herr Wunder, dort stürzen wir und verlieren wir uns
selbst in das uner messliche Meer seiner unendlichen Güte, in welcher
wir fest und unbewegt verbleiben. Dort wohnt das unvergleichliche Labsal
unserer Seele und ihre erhabene und süße Ruhe. Ein demütiges
und ergebenes Herz, welches zu diesem Grunde gelangt ist, sucht nach
nichts anderem mehr, als nur Gott zu gefallen. Der heilige und liebende
Geist lehrt sie alles durch seine süße, erquickende Salbung.
Unter
den Heiligen gibt es einige gigantische Gestalten, welche fortwährend körperliche
Leiden mit Geduld ertragen. Solchen nimmt sich Gott besonders an.
Wahrlich, groß und herrlich ist die Gabe derer, welche durch die Kraft
des Heiligen Geistes, sowohl innere wie äußere Qualen mit
Zufriedenheit und Ergebung ertragen. Dies ist jene Art von Heiligkeit,
welche, je seltener sie ist, um so kostbarer vor Gottes Augen erscheint.
Diejenigen, welche diesen Pfad wandeln, sind selten, weil es in der Welt
nur wenige gibt, die sich völlig selbst verleugnen, um dem gekreuzigten
Christus in Einfalt und Nacktheit des Geistes durch die einsamen und
dornigen Gebiete des Kreuzes nachzufolgen, ohne Grübeleien über sich
selbst anzustellen.
Ein
Leben der Selbstverleugnung übertrifft alle Wundertaten der Heiligen.
Ein solches Leben weiß nicht, ob es lebendig oder tot sei, ob verloren
oder gewonnen, ob es einwilligt oder widerstrebt. Dies ist das wahrhaft
entsagende Leben. Wenn es auch lange Zeit wahren wird, bevor du zu
diesem Zustand gelangen kannst, und du dich kaum um einen Schritt auf
ihm vorangekommen siehst, so darf dich dies doch nicht erschrecken; denn
Gott pflegt die Seele in einem Augenblick mit dem zu begnadigen, was er
ihr vorher viele Jahre hindurch versagt hat.
Derjenige,
welcher wünscht, blindlings Unrecht zu dulden, ohne den Trost Gottes
oder seiner Geschöpfe, ist so weit fortgeschritten, dass er ungerechten
Anschuldigungen keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann. Ja auch in
der schrecklichsten, inneren Verlassenheit ist er unfähig dazu.
Es
muss Trübsal geben, denn nur so wird das Leben eines Menschen für Gott
annehmbar. Ohne Trübsal ist das Leben gleich dem Körper ohne Seele,
der Seele ohne Gnade, der Erde ohne Sonne. Mit dem Winde der Trübsal
trennt Gott auf der Tenne der Seele die Spreu von dem Korn. Wenn Gott in
dem innersten Teil der Seele Schmerz schafft, vermag ihr kein Geschöpf
Trost zu bringen; ja Tröstungen sind sogar schwere und bittere Qualen für
sie.
Zu
bedauern sind jene Heiligen, welche nicht zu der Einsicht kommen können,
dass Trübsal und Leiden der größte Segen für sie sind. Die
Vollkommenen sollten immerdar nach dem Tode und nach Leiden trachten,
und jederzeit in einem Zustande des Todes und Leidens sein. Nichtig ist
der Mensch, welcher nicht duldet, denn er ist dazu geboren, dass er sich
mühen und leiden soll. Und das gilt ganz besonders für die Freunde und
Erwählten Gottes. Teil
II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Wisse,
dass sich der Herr nicht eher in deiner Seele offenbaren wird, als bis
diese in sich selbst vernichtet und tot ist in allen ihren Sinnen und Kräften.
Auch wird sie niemals zu diesem Zustande gelangen, bevor sie nicht (nach
vollkommener Selbstentäußerung) den festen Entschluss gefasst hat,
ganz allein mit Gott zu sein. Ja sie darf keinen Unterschied mehr machen
zwischen Achtung und Verachtung, zwischen Licht und Finsternis, Kampf
und Frieden. Kurz, damit die Seele zur völligen Ruhe und zu höchstem,
innerlichem Frieden gelangen kann, sollte sie zuerst in sich selbst
sterben und allein in Gott und für ihn leben. Je mehr sie in sich
selbst tot ist, um so mehr wird sie Gott erkennen. Wenn sie aber auf
diese fortgesetzte Selbstverleugnung und innerliche Abtötung nicht
achtet, wird sie nimmermehr zu diesem Zustande gelangen, noch auch Gott
in sich erhalten. Sie wird immerfort leidenschaftlichen Aufwallungen des
Gemüts unterworfen sein; wie Vorurteilen, Murren, Empfindsamkeit,
Entschuldigungen, Verteidigungen. Auch wird sie auf Ehre und einen guten
Namen achten, welche Dinge alle Feinde der Vollkommenheit, des Friedens
und des Geistes sind.
Unter
denjenigen, die auf geistigem Wege wandeln, ist das Absterben der Gemütszustände
nicht bei allen gleich. Groß ist der Unterschied, weicher zwischen Tun,
Leiden und Sterben besteht. Das Tun ist erfreulich und gehört den Anfängern.
Das Leiden mit Verlangen kommt den Fortgeschrittenen zu, und das immerwährende
Sterben in sich selbst ist denjenigen zu eigen, welche vollendet und
vollkommen sind, von denen man nur wenige auf der Welt findet. An den Glücklichen
aber, welche einen fortwährenden Tod erleiden, hat Gott seine Wonne,
seinen Ruhm und sein Wohlgefallen. Wie glücklich wirst du sein, wenn du
keinen andern Gedanken hast, als in dir selbst zu ersterben. Du wirst
dann nicht nur Sieger über deine Feinde, sondern auch über dich selbst
werden. Da wirst du dann finden reine Liebe, vollkommenen Frieden und göttliche
Weisheit.
Ein
Mensch kann unmöglich mystisch denken und leben in einfältigem Verständnis
der göttlichen und eingeflössten Weisheit, bevor er nicht zuerst in
sich selbst erstirbt durch voltständige Aufgabe des Sinnlichen und
allen intellektuellen Verlangens.
Du
wirst erkennen, dass das Missvergnügen geistlicher Menschen schnell
verschwindet; dessen ungeachtet aber bemühe dich, niemals missvergnügt
zu werden, noch darin zu verharren, denn es schädigt deine Gesundheit,
verstört die Vernunft und beunruhigt deinen Geist. Von anderen heiligen
Ratschlägen, die du beobachten musst, präge dir die folgenden gut ein:
Schaue nicht auf die Fehler anderer, sondern nur auf deine eigenen. Beobachte
Stillschweigen, mit einem beständigen, inneren Verkehr mit dir selbst.
Ertöte dich in allen Dingen und zu jeder Zeit, wodurch du dich von
vielen Unvollkommenheiten befreien und zum Herrscher über große
Tugenden machen wirst.
Töte
dich darin ab, dass du über niemand jemals übel urteilst, weil die
Verdächtigung deines Nächsten die Reinheit des Herzens trübt,
dasselbe beunruhigt, die Seele aus sich herausführt und ihre Ruhe
raubt.
Betrachte,
wie Gott eine Seele höher schätzt, welche innerlich ergeben lebt, als
eine andere, welche Wunder verrichtet und sogar Tote auferweckt: Viele
Seelen gibt es, welche trotz allem Beten doch immer unvollkommen und
voller Eigenliebe bleiben, weil sie nicht ertötet sind. Als wahren
Grundsatz mögest du in dein Herz fassen, dass niemand eine Seele kränken
oder schmähen kann, weiche sich selbst verachtet und in ihren eigenen
Augen nichts ist. Teil
II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig, dass
die Seele ihr Elend erkennt.
Würde
die Seele nicht in einige Fehler verfallen, so könnte sie niemals ihr
eigenes Elend verstehen lernen, such nicht durch menschliche Rede oder
geistliche Bücher.. Darum
muss sie zuerst ihre eigene bejammernswerte Schwäche erkennen, wenn sie
jemals den köstlichen Frieden erlangen will. Denn wie kann eine Heilung
geschehen, wo keine klare Erkenntnis des Mangels ist. Gott wird bald
diesen, bald jenen Fehler über dich verhängen, damit du durch diese
Erkenntnis deiner selbst, wenn du dich so oftmals straucheln siehst, zu
der Überzeugung kommen mögest, dass du ein bloßes Nichts bist. Denn
erst im Nichts sind Wissen und Glauben, wahrer Friede und vollkommene
Demut gegründet. Und damit du dieses Geheimnis (von dem was du bist)
tiefer erforschen und erkennen mögest, will ich versuchen, dich über
einige deiner mannigfaltigen Untugenden aufzuklären.
Du
bist so unruhig und empfindlich, dass wenn du auch nur beim Gehen
strauchelst oder auf deinem Wege gehindert wirst, die Hölle selbst
empfindest. Wenn dir deine Forderung verweigert oder ein Vergnügen
durchkreuzt wird, so brausest du sogleich zornig auf. Wenn du an deinem
Nachbar einen Fehler erspähst, tadelst du ihn Unbesonnenerweise,
anstatt ihn zu bedauern und daran zu denken, dass du selbst solchen
Untugenden unterworfen bist. Wenn du einen für dich geeigneten
Gegenstand erblickst, und kannst ihn nicht erlangen, so wirst du betrübt
und von Kummer erfüllt. Wenn du eine geringfügige Unbill von deinem Nächsten
erleidest, schiltst du auf ihn und beklagst dich darüber; und gerätst
wegen einer Kleinigkeit innerlich und äußerlich in Unruhe, und
verlierst dich selber.
Du möchtest zwar geduldig sein, aber mit der Geduld eines andern. Und wenn die Ungeduld anhält, schiebst du die Schuld voller Verdruss auf deinen Gefährten, ohne zu bedenken, dass du dir selbst unerträglich bist. Ist dein Groll dann verraucht, so hüllst du dich listig wieder in das Gewand der Tugend, indem du sittliche Grundsätze aufstellst, und geistige Redensarten mit Verstandesschärfe vorbringst, ohne deine früheren Mängel zu bessern. Obgleich du dich willig anklagst und deine Fehler vor andern tadelst, geschieht dies nicht aus vollkommener Demut, sondern um dich vor demjenigen, welcher deine Gebrechen sieht, zu rechtfertigen, damit du aufs neue zu deiner früheren Selbstschätzung zurückkehren kannst.
Bisweilen behauptest du voller List, dass du nicht durch lasterhafte Gewohnheit, sondern von eifrigem Gerechtigkeitsgefühl dazu verleitet wirst, dich über deinen Nächsten zu beklagen. Du hältst dich zumeist für tugendhaft, standhaft und mutig, so dass du selbst dein Leben in die Hände des Tyrannen hingeben würdest, um der göttlichen Liebe willen. Indessen vermagst du kaum das geringste verletzende Wort zu ertragen, sondern betrübst dich und gerätst gleich darüber in Unruhe. Dies alles sind stets arbeitende Maschinen der Selbstliebe und des verborgenen Stolzes deiner Seele. Wisse daher, dass die Eigenliebe in dir herrscht, welche das größte Hindernis bildet zur Erlangung jenes köstlichen Friedens.
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Aktualisiert
am: 02.05.2011 Home