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Tertullian* über die Aufforderung zur Keuschheit (De exhortatione castitatis)
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Gregor Emmenegger Text
ohne Gewähr Text aus: Tertullian, private und katechetische Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. K.
A. Heinrich Kellner. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 7) München
1912. 5. Kap. Nur die einmalige Ehe entspricht dem bei der
Schöpfung geoffenbarten Plane Gottes. 10. Kap. Die Enthaltsamkeit macht den Geist frei und
disponiert zum Gebete und zu geistigen Dingen. 13. Kap. Beispiele für das Gesagte aus der
nichtchristlichen Welt. Schluß. 1. Kap. Veranlassung. Die drei verschiedenen Arten der geschlechtlichen Enthaltsamkeit im allgemeinen. Nachdem
dir deine Frau vorangegangen und im Frieden entschlafen ist, wirst du, lieber
Mitbruder, ohne Zweifel bemüht sein, deine geistige Fassung wieder zu erlangen,
über das Schicksal deiner Vereinsamung nachsinnen und jedenfalls auch des Rates
bedürftig sein. Wenngleich bei solchen Ereignissen ein jeglicher für sich mit seinem
Glauben zu Rate gehen und dessen Stärke befragen muß, so wird doch gerade in
diesem Falle das Nachdenken durch das niedere Bedürfnis beeinflußt, dieses aber
widerstrebt in der Regel in einem und demselben Herzen dem Glauben, und daher
bedarf letzterer des Rates von außen, gleichsam wie eines Sachwalters,
gegenüber den niederen Bedürfnissen. Das vermeintliche Bedürfnis kann mit der
größten Leichtigkeit eingeschränkt werden, wenn man mehr den Willen Gottes im
Auge haben will als seine bloße Zulassung. Niemand erwirbt sich ein Verdienst,
wenn er von der bloßen Nachsicht Gottes Gebrauch macht, sondern nur durch
Befolgung seines Willens. "Das ist der Wille Gottes, unsere
Heiligung". Er will nämlich, daß wir, sein Ebenbild, ihm auch ähnlich werden,
so daß "wir heilig sind, wie er heilig ist". Dieses
Gut, die Heiligung, teile ich in mehrere Arten ein, damit wenigstens eine
derselben bei uns angetroffen werde. Die erste Art ist die Jungfrauschaft von
der Stunde der Geburt an; die zweite ist die Jungfrauschaft von der
Wiedergeburt, d. i. von der Taufe an, welche entweder in der Ehe Reinigkeit
herbeiführt infolge einer Übereinkunft oder im Witwenstande verharren macht aus
freiem Willen. Als dritte Art bleibt dann noch übrig die einmalige Ehe, wenn
man nämlich nach Zerreißung der einen Ehe von da an dem anderen Geschlechte
entsagt. Die
erste Art der Jungfrauschaft, dasjenige gar nicht kennen zu lernen, wovon man
später Befreiung wünscht, ist ein seliger Zustand; die zweite Art, das zu
verachten, dessen Macht man sehr gut kennt, ist Sache der Tugendstärke; die
letzte aber, nach Zerreißung der Ehe durch einen Todesfall nicht mehr zu
heiraten, ist Sache der Tugend und zugleich ein Verdienst der Resignation.
Resignation nämlich ist es, das, was einem weggenommen wurde, nicht mehr
zurückverlangen. Und zwar ist es weggenommen durch Gott den Herrn, ohne dessen
Willen weder ein Blatt vom Baume, noch ein Sperling, der nur einen Pfennig wert
ist, zur Erde fällt. 2. Kap. Der Wille Gottes muß bei jedem Wollen oder Nichtwollen des Menschen durchaus maßgebend sein. Der freie Wille des Menschen. Der Einfluß des Teufels auf denselben. Wie
resigniert lautet die Äußerung: "Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es
genommen; wie es dem Herrn gut schien, so ist es geschehen". Knüpfen wir
das gerissene Eheband von neuem wieder an, so gehen wir also ohne Zweifel gegen
den Willen Gottes an und wollen wiederum besitzen, wovon er will, daß wir es
nicht besitzen sollen. Denn wenn er wollte, daß wir es besäßen, so würde er es
uns ja nicht weggenommen haben. Es müßte denn sein, wir stellten uns den Willen
Gottes so vor, daß er abermals wollen könne, was er schon nicht mehr wollte. Es
verträgt sich nicht mit dem echten und soliden Glauben, in der Weise alles auf
den Willen Gottes zurückzubeziehen und so jedem zu Gefallen zu sein, daß man
sagt, nichts geschehe ohne Gottes Geheiß, und dabei übersieht, daß ja auch
etwas auf uns ankommt. Sonst würde jedes Verbrechen seine Entschuldigung finden,
wenn wir behaupten wollten, wir täten gar nichts ohne den Willen Gottes, und es
würde eine solche Behauptung zur Auflösung der gesamten Sittenzucht, ja zur
Vernichtung Gottes selbst führen; wenn er Dinge ausführte, die sein eigener
Wille nicht will, oder wenn es gar nichts gäbe, was Gott nicht will. Wie könnte
er dann gewisse Dinge verbieten und für sie sogar eine ewige Pein androhen? Was
er verbietet, das kann er natürlich nicht wollen, sondern wird dadurch sogar
beleidigt; wie er denn auf der anderen Seite das, was er will, vorschreibt,
wohlgefällig aufnimmt und es mit ewiger Belohnung vergilt. Wenn
wir so aus seinen Vorschriften beides erkannt haben, was er will und was er
nicht will, so bleibt uns doch unser heier Wille und die Selbstbestimmung, das
eine oder das andere zu wählen, wie geschrieben steht: "Siehe, ich habe
dir vorgelegt Gutes und Böses"; denn du hast ja gegessen vom Baume der
Erkenntnis, Darum dürfen wir, was unserm freien Willen anheimgegeben ist, nicht
auf Rechnung des Willens Gottes setzen, weil es hinsichtlich dessen, was gut
ist, bei ihm, der das Böse nicht will, ein Wollen oder Nichtwollen nicht gibt.
Wenn wir daher etwas dem göttlichen Willen, der nur das Gute will,
Widersprechendes wollen, so ist das unser Wille, Fragt man nun weiter, woher
kommt dieser unser Wille, kraft dessen wir etwas dem göttlichen Willen
Widersprechendes wollen, so werde ich antworten: Aus uns selbst. Und zwar nicht
ohne Grund, Denn man muß dem Samen, woraus man entsprossen, notwendig
entsprechen, da der Stammvater sowohl des Geschlechtes als der Übertretung,
Adam, die Übertretung gewollt hat. Der Teufel hat ihm den Willen, eine
Übertretung zu begehen, nicht eingegeben, sondern er hat dem Willen nur den
Stoff und Anlaß dargeboten. Der Wille Gottes aber war gekommen, um befolgt zu
werden. Mithin
wirst auch du, wenn du Gott, der dich nach Vorlegung seines Gebotes mit
Freiheit erschaffen hat, nicht gehorchst, vermöge der Freiheit deines Willens
freiwillig zu dem abweichen, was Gott nicht will, und so mußt du dich für einen
vom Teufel Verführten halten, während er doch, obschon er wünscht, daß du etwas
wollest, was Gott nicht will, doch nicht bewirkt, daß du es wollest. Denn er
bezwang ja auch damals die Erstgeschaffenen nicht in der Weise, daß sie die
Übertretung wollten, ja sie waren weder ohne den Willen noch ohne die Kenntnis
dessen, was Gott nicht wollte. Denn Gott hatte es jedenfalls nicht gewollt, da
er für die begangene Tat den Tod bestimmte. So vermag der Teufel nur eins zu
tun: Dich zu versuchen, ob du willst, weil das Wollen bei dir steht. Sobald du
aber gewollt hast, so folgt, daß er dich sich unterwirft; indem er in dir zwar
nicht das Wollen bewirkt, aber doch eine Gelegenheit für den Willen gefunden
hat. Da also das Wollen bei uns allein steht und darin eben unsere Gesinnung
gegen Gott erprobt wird, ob wir das wollen, was mit seinem Willen
übereinstimmt, so muß man, behaupte ich, tief und eindringlich über den Willen
Gottes nachdenken, was derselbe etwa im Verborgenen noch begehren könne. 3. Kap. Unterscheidung des bloß erlaubenden und des eigentlichen Willens Gottes. Letzterer sei, sobald er sich zu erkennen gegeben hat, immer verpflichtend. Durch 1 Kor. 7, 10 ff. wird die zweite Ehe keineswegs für etwas Gutes erklärt. Seinen
geoffenbarten Willen kennen wir alle, und bei ihm ist nur zu untersuchen, in
welcher Weise er offenbar geworden ist. Denn obwohl es Dinge gibt, welche dem
Willen Gottes genehm erscheinen, indem sie von ihm nachgesehen werden, so geht
doch nicht sogleich alles, was erlaubt wird, aus dem reinen und vollen Willen
des Erlaubenden hervor. Wenn eine Erlaubnis gegeben wird, so bedingt dies ein
Nachgeben, Dieses geschieht zwar nicht ohne Beteiligung des Willens, aber weil
für denselben irgend ein Motiv in der Person dessen, der die Nachsicht erhält,
vorliegt, so kommt die Nachgiebigkeit von einem sozusagen unwilligen Willen, da
sie sich ein Motiv gefallen lassen muß, welches den Willen zwingt. Aber siehe
zu, was für ein Wollen das sein kann, wovon etwas anderes die Ursache ist! Die
zweite Art, der reine Wille, ist ebenfalls zu betrachten. Gott will, daß wir
gewisse, ihm wohlgefällige Dinge tun. Dabei ist nicht die Nachsicht unsere
Beschützerin, sondern die Sittenlehre unsere Gebieterin. Wenn er nun
desungeachtet anderen Dingen vor diesen den Vorzug gegeben hat, natürlich nur
solchen, welche er lieber will, kann es dann wohl zweifelhaft sein, daß wir das
befolgen müssen, was er lieber will? Denn das, was er weniger gern will, ist
eben deswegen, weil er das andere lieber will, so anzusehen, als wenn er es gar
nicht wollte. Wenn er zu erkennen gegeben hat, was er lieber will, so hat er
damit den untergeordneten Willen durch den höheren aufgehoben. In dem Grade,
wie er beides dir zur Kenntnis vorgelegt hat, ist es seine bestimmte Anordnung,
daß du das befolgen sollst, wovon er angezeigt hat, daß er es lieber will. Wenn
er sich also in der Absicht erklärt hat, damit du dich nach dem richtest, was
er lieber will, so ist, wenn du es nicht tust, deine Gesinnung ohne Zweifel seinem
Willen entgegen. Sie ist nämlich gegen seinen höheren Willen gerichtet, und du
beleidigst ihn mehr, als daß du ihn dir geneigt machst; denn du tust zwar, was
er will, verschmähst aber das, was er lieber sähe. Einerseits begehst du eine
Sünde; anderseits erwirbst du dir, wenn du keine Sünde begehst, doch seine
Gunst nicht. Und nun - seine Gunst nicht verdienen wollen, ist denn das keine
Sünde? - Wenn sich also die zweite Ehe auf jene Art des Willens Gottes gründet,
den man Nachsicht nennt, so würden wir den reinen Willen Gottes, dem erst eine
Ursache eingeräumt werden muß, negieren, wenn wir nicht aus dem Willen, vor dem
eine andere auf eine vorzüglichere Enthaltsamkeit gerichtete Willensoffenbarung
den Vorzug erhält, gelernt haben, daß der weniger gute durch den vorzüglicheren
aufgehoben wird. So
viel möchte ich vorausgeschickt haben, um nunmehr die Aussprüche des Apostels
durchzugehen. Zuvörderst glaube ich nicht, die Ehrerbietung zu verletzen, wenn
ich eine Bemerkung, die er selbst von sich macht, vorausschicke, nämlich die,
er habe jede Nachsicht hinsichtlich der Ehen nur auf Grund seiner eigenen, d.
i. einer menschlichen Meinung, nicht kraft göttlicher Vorschrift eingeführt.
Denn auch da, wo er über die Witwen und Unverehelichten die Bestimmung gibt,
daß sie heiraten sollen, wenn sie nicht enthaltsam sein können, weil heiraten
besser sei, als Brunst empfinden, wendet er sich zu der ändern Klasse und sagt:
"Den Verheirateten aber verkündigte nicht ich, sondern der Herr". So
gibt er durch den Übergang von seiner Person zu der des Herrn zu erkennen, daß
er das Vorausgegangene: "Es ist besser zu heiraten als Brunst zu
leiden", nicht in der Person des Herrn, sondern in seiner eigenen
gesprochen habe. Obwohl sich dieser Ausspruch nur auf die bezieht, welche die
Gnade des Glaubens im Stande der Ehelosigkeit oder Witwenschaft trifft, so
möchte ich mich, weil sich alle an besagte Erlaubnis, zu heiraten, anklammern,
doch darüber auslassen, wie hoch in der Meinung des Apostels ein Gut stehen
dürfte, welches besser ist als eine Strafe und nur dann als gut aufzutreten
vermag, wenn es mit dem Schlimmsten verglichen wird, so zwar, daß das Heiraten
nur deshalb ein Gut ist, weil Brunst leiden noch schlimmer ist. Ein Ding ist
nur dann gut, wenn es beständig diesen Namen behauptet, abgesehen von jeder
Vergleichung, ich sage nicht mit etwas Schlechtem, sondern sogar mit einem
anderen Guten, so daß es, auch wenn es mit einem anderen Guten verglichen und
danach skizziert wird, nichtsdestoweniger die Benennung "Gut" behält.
Wofern es aber erst durch Vergleich mit etwas Schlechtem sich die Benennung
"Gut" erzwingt, so ist es nicht sowohl ein Gut, als vielmehr ein
Übelgeringerer Art, das, von einem größeren Übel überholt, zur Benennung
"Gut" gelangt. Fort überhaupt mit dem Vergleiche, zu sagen:
"Heiraten ist besser als Brunst leiden!" Dann frage ich, ob man sich
erkühnen möchte, zu sagen: "Heiraten ist besser", ohne hinzuzusetzen,
in Vergleich womit es besser ist. Was also dann nicht mehr etwas Besseres ist,
das ist sicherlich nicht einmal mehr gut, weil du den Vergleich beseitigt und
hinweggenommen hast, welcher jenes Ding dadurch gut macht, daß er nötigt, es
für etwas Besseres zu halten. Der Satz: "Heiraten sei besser als Brunst
leiden", ist so zu verstehen, wie der: Es ist besser, ein Auge zu
entbehren, als beide. Wenn man aber von dem Vergleiche absieht, so wird es
nicht besser sein, nur ein Auge zu haben, weil es nicht gut ist. Niemand möge
also aus der angeführten Stelle eine Verteidigung für sich herleiten. Sie
bezieht sich eigentlich auf die Unverheirateten und Witwen, bei denen sich
überhaupt noch gar keine Verbindung angeben läßt. Doch ich möchte auch
hinsichtlich dieser dartun, daß bei ihnen der Fall einer bloßen Erlaubnis als
vorhanden anzunehmen sei. 4. Kap. Die Stelle 1 Kor. 7, 25 ff. enthält eine persönliche Meinung des hl. Paulus, keine göttliche Offenbarung. Dagegen sei 1 Kor. 7, 39 als ein aus apostolischer Autorität erflossenes Verbot zu betrachten. Übrigens
aber wissen wir in betreff der zweiten Ehe, daß der Apostel mit unumwundenen
Worten gesagt hat: "Bist du von der Gattin gelöst, so suche keine Gattin
wieder: allein wenn du eine nimmst, so sündigst du nicht". Auch die in
diesem Ausspruch enthaltene Anordnung hat er ebenfalls nur kraft seines eigenen
Dafürhaltens, nicht kraft einer göttlichen Vorschrift eingeführt. Zwischen
einer göttlichen Vorschrift und dem Dafürhalten eines Menschen ist aber ein
großer Unterschied, "Eine Vorschrift des Herrn", sagt er, "habe
ich nicht, einen Rat aber gebe ich, wie einer, der vom Herrn Barmherzigkeit
erlangt hat, im Glauben treu zu sein." Sonst wird man weder im Evangelium
noch in den Briefen Pauli selbst eine Stelle finden, wo kraft einer göttlichen
Vorschrift die Wiederholung der Ehe erlaubt würde. Mithin bestätigt es sich,
daß man nur eine einzige schließen darf. Denn das, wozu sich nicht seitens des
Herrn eine Erlaubnis gegeben findet, kennzeichnet sich als verboten. Dazu kommt
noch, daß auch dieser bloß menschliche Rat, der da miteingeflossen ist, sich
sofort, als wäre er über sein eigenes Vorgehen bedenklich geworden, wieder
selbst beschränkt und widerruft, wenn Paulus sofort bemerkt: "Aber solche
werden die Bedrängnis des Fleisches empfinden"; wenn er sagt, "daß er
ihrer schone"; wenn er hinzufügt, "die Zeit sei verkürzt, weshalb
diejenigen, welche in der Ehe leben, so sein müßten, als lebten sie nicht
darin", und wenn er die Sorgen der Verheirateten mit denen der
Unverheirateten in Vergleich stellt. Indem er so die Gründe darlegt, warum das
Heiraten nicht nützlich sei, rät er wieder von dem ab, was er oben gestattet
hatte. Das gilt schon hinsichtlich der erstmaligen Verheiratung, wieviel mehr
noch hinsichtlich der zweiten! Wenn er uns aber ermahnt, seinem Beispiele zu
folgen, indem er zu erkennen gibt, wie er uns zu sehen wünscht, d. h.
enthaltsam, so erklärt er damit, wie er uns nicht zu sehen wünscht, nämlich
unenthaltsam. Also auch er gibt, indem er etwas anderes wünscht, die Erlaubnis
zu dem, was er nicht wünscht, weder aus freiem Antrieb noch in Wirklichkeit,
Denn wenn er das andere wollte, so hätte er es nicht bloß erlaubt, sondern
befohlen. Allein
siehe da, er erlaubt doch wiederum, daß ein Weib, nachdem ihr Mann gestorben,
heiraten könne, wenn sie wolle, aber nur im Herrn. "Seliger aber",
sagt er, "wird sie sein, wenn sie so bleibt nach meinem Rate. Ich glaube
aber, ich habe auch den Geist Gottes". Wir sehen da der Ratschläge zwei:
den, wonach er oben das Heiraten gestattet, und den, wodurch er hinterher die
Enthaltung vom Heiraten lehrt. Welchem sollen wir also, fragst du nun,
zustimmen? Schau her und lies! Wo er bloß gestattet, da beruft er sich auf
einen bloß menschlichen, weisen Rat, wo er aber die Enthaltsamkeit proklamiert,
da behauptet er, daß es der Rat des Hl, Geistes sei, Folge du dem Rate, auf
dessen Seite die Gottheit steht! Den Geist Gottes, den haben zwar auch die
Gläubigen; aber nicht alle Gläubige sind Apostel, Da also er, welcher sich
vorher einen Gläubigen genannt hatte, nacher hinzusetzt, er habe den Geist
Gottes, was auch von einem bloßen Gläubigen niemand bezweifelt haben würde, so
hat er es deshalb gesagt, um sich seine Würde als Apostel wieder beizulegen.
Denn im eigentlichen Sinne haben nur die Apostel den Hl. Geist, sie, die ihn in
seiner Fülle besitzen in Werken der Prophetie, in Betätigung von Wunderkräften
und in Bewährung der Sprachengabe, nicht bloß teilweise wie die anderen Leute.
Und so hat er denn die Autorität des Hl. Geistes bei dem Falle hinzutreten
lassen, welchem wir, wie es sein Wunsch ist, lieber gehorchen sollen, und es ist
damit schon nicht mehr ein bloßer Rat des Hl. Geistes, sondern, entsprechend
der Majestät desselben, eine Vorschrift daraus geworden. 5. Kap. Nur die einmalige Ehe entspricht dem bei der Schöpfung geoffenbarten Plane Gottes. Um
das Gesetz, nur einmal zu heiraten, zu errichten, dazu hilft die Entstehung des
Menschengeschlechtes selbst, welche Zeugnis davon gibt, was Gott von Uranfang
als für die Nachkommenschaft zu beherzigende Ordnung festgestellt habe. Als er
nämlich den Menschen geformt hatte und ihm die ihm notwendige Genossin geben
wollte, nahm er eine von dessen Rippen und bildete daraus für ihn nur ein Weib,
obwohl gewiß weder der Bildner noch die Materie erschöpft war. Denn Adam hatte
noch mehr Rippen, und die Hände Gottes waren nicht so schnell zu ermüden, aber
vor Gott gab es keine Gattinnen weiter. Daher haben Adam, der gottgeschaffene
Mann, und Eva, das gottgeschaffene Weib, in einmaliger Ehe miteinander lebend,
der Menschheit die Ordnung vorgezeichnet und bestimmt, kraft der Autorität
ihrer Entstehungsweise und kraft des uranfänglichen Willens Gottes. Darum heißt
es auch: "Sie werden zwei sein in einem Fleische", nicht drei oder
vier. Andernfalls wären sie schon nicht mehr ein Fleisch und auch nicht zwei zu
einem Fleische. Sie werden es aber sein, wenn die Verbindung und Vermischung in
der Einheit nur einmal geschieht. Geschieht sie wiederholt und mehrfach, so
wird die Einheitlichkeit aufhören, und sie werden bereits nicht zwei sein zu
einem Fleische, sondern eine Rippe in mehreren Teilen. Wenn
der Apostel die Stelle:"Sie werden zwei sein zu einem Fleische" auf
die Kirche und auf Christus deutet gemäß der geistigen Ehe zwischen Christus
und der Kirche - denn Christus ist nur einer und seine Kirche nur eine, - so
müssen wir einsehen, daß das Gesetz von der Einmaligkeit der Ehe daraus
doppelte Stärke gewinnt, einmal infolge der Entstehung unseres Geschlechtes,
zweitens infolge der christlichen Glaubenslehre. Aus einer einmaligen Ehe
stammen wir beide Male, sowohl in leiblicher Hinsicht bei Adam als in geistiger
bei Christus. Für die beiden Geburten ist das Gesetz dasselbe, die Monogamie;
in beiden entartet, wer über die Monogamie hinausgeht. Das Zählen in Sachen der
Ehe nahm seinen Anfang erst von einem Manne, den der Fluch traf: Lamech war der
erste, der zwei Weiber nahm und aus dreien ein Fleisch machte. 6. Kap. Die im Alten Testament vorkommenden Abweichungen von der Monogamie haben ihre besonderen Ursachen, und diese kommen fetzt nicht mehr vor. Aber
die gebenedeiten Patriarchen, wendest du ein, hatten nicht nur mit mehreren
Gattinnen geschlechtliche Verbindungen, sondern sogar mit Konkubinen; folglich
wird es auch uns freistehen, mehrere Male zu heiraten. - Jawohl, es wird uns
freistehen, wofern jetzt noch Typen, geheimnisvolle Andeutungen auf irgend
welche zukünftige Dinge übrig sind, für welche deine Heiraten als Vorbilder
dienen sollen, oder dann, wenn jetzt der Ausspruch: "Wachset und mehret
euch" noch am Platze ist, d. h. wenn der andere Ausspruch noch nicht
dazwischen getreten ist: "Die Zeit ist bereits verkürzt, und es bleibt nur
noch übrig, daß die, welche Eheweiber haben," so leben, als hätten sie
keine". Dieser Ausspruch legt dann noch in jedem Falle die Enthaltsamkeit
nahe, schränkt die Beiwohnung, welche die Aussaat zu neuen Geburten ist, ein
und hat das: "Wachset und mehret euch" abrogiert. Mich dünkt, beide
Aussprüche und beide Anordnungen rühren von einem und demselben Gott her, der
damals zu Anbeginn die Saat des Menschengeschlechtes ausstreute und den
ehelichen Verbindungen allerdings die Zügel schießen ließ bis zu der Zeit, wo
der Erdkreis angefüllt und ein hinreichendes Material für die neue Zucht und
Lehre herangediehen wäre. Jetzt, in diesen letzten Zeiten, hat er, was er
freigegeben, wieder eingeschränkt, und was er nachgelassen, wieder an sich
gezogen, nicht ohne Rücksichtnahme auf die nötige Ausbreitung zu Anfang und die
Beschränkung am Ende. Es ist Regel, daß anfangs freier Spielraum gegeben wird.
Wer einen Wald angelegt hat, läßt ihn auch wachsen, um ihn zu seiner Zeit
abzuholzen. Ein solcher Wald war die frühere Anordnung, und er wird in dem
neuen Evangelium, wo "die Axt an die Wurzel gelegt ist", abgehauen.
So ist auch das: "Auge um Auge", "Zahn um Zahn" veraltet,
seitdem das andere Wort ins Leben getreten ist: "Niemand vergelte Böses
mit Bösem". Auch bei menschlichen Konstitutionen und Dekreten, dünkt mich,
haben die späteren vor der früheren Geltung. 7. Kap. Der Christ soll schon aus dem Grunde nicht zum zweiten Male heiraten, weil es die Priester nicht dürfen, und die zweite Ehe irregulär macht. Warum
wollen wir von den Vorfällen aus der alten Zeit nicht lieber die gelten lassen,
welche mit den späteren in betreff der Sittenzucht übereinstimmen und den Übergang
von der Ordnung des Altertums zu der der Neuzeit bilden? Siehe, ich finde, daß
im alten Gesetze die Freiheit, mehrmals zu heiraten, doch auch Einschränkungen
erlitten habe. Im Levitikus ist vorgesehen: "Meine Priester werden nicht
mehrfach heiraten". Ich kann sagen, auch das ist mehrfach, was nicht ein
einziges Mal ist. Was nicht eins ist, ist zählbar. Denn wenn die Einzahl
überschritten ist, fängt das Zählen an. Einheitlich ist aber alles, was nur
einmal existiert. Wie in den übrigen Dingen, so war auch in Bezug hierauf
Christo die Vervollständigung des Gesetzes vorbehalten. Daher wird bei uns
umfassender und bestimmter die Vorschrift gegeben, diejenigen, welche zum
priesterlichen Range aufgenommen werden, dürfen nur Männer einer Verheiratung
sein, Mir sind noch immer Fälle im Gedächtnis, daß einige als Digami ihrer
Stelle entsetzt wurden. Du
wirst einwenden: Also steht es dann doch den übrigen, die Paulus ausnimmt,
frei, - Wir würden Toren sein, wenn wir glauben wollten, den Laien stehe frei, was
den Priestern nicht freisteht. Sind wir Laien denn nicht auch Priester! Es
steht geschrieben: "Auch uns hat er zu einem Reiche und zu Priestern für
Gott und seinen Vater gemacht". Der Unterschied zwischen den Ordinierten
und dem Volk ist durch die Autorität der Kirche festgestellt und ihr Rang durch
das Zusammensitzen der Ordinierten geheiligt worden. Denn wo es kein
Zusammensitzen der Ordinierten der Kirche gibt, da opferst du und taufst du und
bist Priester für dich allein. Aber wo drei sind, da ist eine Gemeinde, wenn es
auch nur Laien sind. Jeder einzelne nämlich hat das Leben durch seinen Glauben,
und Gott macht keine Ausnahme in betreff der Personen, da nicht die bloßen
Hörer des Gesetzes von Gott gerechtfertigt werden, sondern die Vollzieher, gemäß
dem Ausspruche des Apostels. Wenn du also, wo ein Notfall vorhanden ist, das
Recht des Priesters besitzest, so mußt du für die Notfälle, die vorkommen, das
Recht des Priesters auszuüben, auch die Sittenzucht des Priesters beobachten.
Willst du nun als Digamus taufen? Als Digamus opfern? Um wieviel mehr ist es
für einen Laien, der ein Digamus ist, ein Kapitalvergehen, priesterliche
Handlungen vorzunehmen, da einem Priester, wenn er Digamus geworden, das Recht,
als Priester zu handeln, sogar wieder genommen wird?! Aber,
sagst du, man gibt ja nur der Notwendigkeit nach, - Was nicht zu sein braucht,
wird nicht als Notwendigkeit entschuldigt. Laß dich also nicht als Digamus
finden, und du wirst keinen Fehler begehen, gegen die Notwendigkeit zu
verrichten, was einem Digamus nicht gestattet ist. Gott will, daß wir alle so
beschaffen sind, daß wir überall seine Geheimnisse zu begehen geeignet seien.
Es gibt nur einen Gott und einen Glauben, und die Sittenzucht ist auch nur
eine. Wenn also nicht auch die Laien immerfort das befolgen, um dessentwillen
man zum Priester ausgewählt wird, wie sollte es denn Priester geben, da sie
doch aus den Laien gewählt werden? Also müssen wir dafür eintreten, daß dem
Laien zuerst befohlen sei, sich der zweiten Ehe zu enthalten, da niemand anders
Priester werden kann, als ein Laie, der nur einmal verheiratet gewesen ist. 8. Kap. Das bloß sittlich Erlaubte ist nicht einmal im eigentlichen Sinne gut zu nennen und nur der sittlichen Prüfung halber erlaubt worden. Zum
zweiten Male zu heiraten, mag dann erlaubt sein, wofern alles, was erlaubt ist,
sittlich gut ist. Nun tut derselbe Apostel aber den Ausruf: "Alles steht
frei, aber nicht alles ist nützlich". Aber um Gottes willen! kann denn,
was nicht nützt, gut genannt werden? Wenn Dinge, die nicht zum Heile dienen,
erlaubt sind, dann werden Dinge erlaubt, welche nicht gut sind. Wem wirst du
den Vorzug einräumen, dem, was deshalb gut ist, weil es erlaubt ist, oder dem,
was gut ist, weil es nützt? Ich meine, es ist ein großer Unterschied zwischen
dem Erlaubten und dem Heilsamen. Beim wahrhaft Guten heißt es nicht: "Man
darf", weil das Gute nicht erst auf eine Erlaubnis zu warten hat, sondern
auf Annahme. Das Erlauben aber hat bei dem statt, wovon es zweifelhaft ist, ob
es gut sei, bei dem, was allenfalls auch nicht erlaubt werden könnte, wenn es
an einem primären Beweggrunde fehlt. Die zweitmalige Verheiratung wird wegen
der Gefahr der Unenthaltsamkeit gestattet. Wenn gar keine Gestattung von
Dingen, die nicht gut sind, vorkäme, so würde es auch an Gelegenheiten fehlen,
woran man erkennen kann, wer dem göttlichen Willen und wer seinem eigenen
Antriebe folgt, wer von uns auf das Nützliche bedacht ist und wer sich die
Gelegenheit der Nachsicht zunutze macht. Nachsicht ist in den meisten Fällen
eine Versuchung für die Sittlichkeit, weil die Sittlichkeit sich durch
Versuchung bewährt, die Versuchung aber sich der Nachsicht als Mittel bedient.
So kommt es, daß "alles freisteht, aber nicht alles nützt", denn wer
die Erlaubnis bekommt, wird versucht, und wer sich durch die Erlaubnis
versuchen läßt, der wird verurteilt. Auch den Aposteln hätte es freigestanden,
zu heiraten und Eheweiber mit sich herumzuführen. Es hätte ihnen auch
freigestanden, vom Evangelium ihren Unterhalt zu haben. Allein der, welcher
dieses seines Rechtes bei der gegebenen Gelegenheit sich nicht bediente, der
verweist uns damit auf sein Beispiel, indem er uns belehrt, daß eine Prüfung in
dem liege, wobei die erteilte Erlaubnis uns eine Probe der Enthaltsamkeit
vorbereitet hat. 9. Kap. Die zweite Ehe ist eine Art Hurerei, weil Folge der sinnlichen Begierlichkeit. Um von letzterer frei zu werden, ist allen Menschen beständige Jungfräulichkeit anzuraten. Wollen
wir seine Meinung vollständig wiedergeben, so wäre die zweite Ehe als eine Art
von Hurerei zu bezeichnen, nicht anders. Da er nämlich sagt, die Verheirateten
seien nur darauf bedacht, wie sie einander gefallen - natürlich nicht in
sittlicher Hinsicht; denn eine solche löbliche Bedachtnahme würde er nicht
getadelt haben, - so will er damit sagen, sie nehmen auf Putz, Schmuck und
jegliche Pflege der äußeren Erscheinung Bedacht, zum Zwecke, sinnlichen Reiz
hervorzurufen. Durch die äußere Erscheinung aber und den Putz zu gefallen, das
ist ein Kunstgriff der fleischlichen Begierlichkeit, welche auch zur Hurerei
führt. Scheint dir denn die zweite Ehe nicht etwas der Hurerei Verwandtes, da
man bei ihr Erscheinungen findet, welche eigentlich der Hurerei eigentümlich
sind? Der Herr selbst sagt: "Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren,
der hat in seinem Herzen bereits Hurerei mit ihr getrieben". Wer sie aber
ansieht, in der Absicht, sie zum Weibe zu nehmen, tut der etwas Größeres oder
etwas Geringeres? Wie, wenn er sie nun gar noch nimmt? Er würde das
unterlassen, wenn er ihrer nicht schon zur Ehe begehrt und sie, um ihrer zu
begehren, angesehen hätte. Ohne das ist es ja nicht möglich, eine Frau zu
nehmen, ohne sie angesehen und ihrer begehrt zu haben. Freilich ist es ein
großer Unterschied, ob man als Ehemann oder als Eheloser das Weib eines anderen
anschaut. Für den Ehelosen aber ist jedes Weib ein anderes, so lange es ein ihm
fremdes ist. und sie wird durch den nämlichen Akt zum Eheweibe, wodurch sie zu
einer Ehebrecherin wird. Wie es scheint, begründen nur die Gesetze die Verschiedenheit
zwischen Ehe und Hurerei, vermöge des Unterschiedes im Unerlaubten, nicht wegen
der Beschaffenheit der Sache an sich. Was dient denn übrigens bei Mann und Weib
zum Vollzug der Ehe wie der Hurerei? Nur die fleischliche Vereinigung, wonach
zu verlangen der Herr der Hurerei gleich erachtet. Man
wendet mir ein, die Folge davon wäre die Beseitigung auch schon der ersten Ehe,
- Nicht ganz mit Unrecht, Denn auch sie basiert auf demselben Akte wie die
Hurerei, Darum ist es das beste für den Menschen, kein Weib zu berühren, und
darum ist die Heiligkeit der Jungfrau die vorzüglichste, weil sie jeder
Verwandtschaft mit der Hurerei fernsteht. Da diese Momente sogar schon bei der
ersten und einzigen Ehe zur Verteidigung der Enthaltsamkeit geltend gemacht werden
können, um wieviel mehr werden sie ein Präjudiz bilden zur Verwerfung der
zweiten! Zeige dich dankbar, wenn Gott dir das Heiraten einmal nachgesehen hat!
Du wirst aber dankbar sein, wenn du an eine abermalige Nachsicht seinerseits
für dich nicht denkst, du mißbrauchst dagegen die Nachsicht, wenn du dich ihrer
ohne die nötige Mäßigung bedienst. Mäßigung ist abzuleiten von Maß, Es genügt
dir noch nicht, von jener obersten Stufe, der unbefleckten Jungfrauschaft,
durch dein Heiraten auf die zweite zurückgetreten zu sein, sondern du sinkst,
nachdem du auf der zweiten Station nicht enthaltsam gewesen bist, auch noch auf
die dritte und vierte und vielleicht noch weiter hinab, weil er, der zur
zweiten Ehe aufzufordern Anstand nahm, eine noch öftere Wiederholung der Ehe
auch nicht direkt hat verbieten wollen. Heiraten wir mithin doch alle Täge, und
wir können leicht heiratend vom letzten Tage überrascht werden wie Sodoma und
Gomorrha; von jenem Tage, an welchem "das Wehe über die Schwangeren und
Säugenden'', d. h. das Wehe über die Verheirateten und Unenthaltsamen in
Erfüllung gehen wird. Denn Folgendes Heiratens sind Mutterleib, Brüste und
Kinder, Und wann wird denn das Heiraten einmal ein Ende haben? Ich glaube wohl,
mit dem Ende des Lebens. 10. Kap. Die Enthaltsamkeit macht den Geist frei und disponiert zum Gebete und zu geistigen Dingen. Entsagen
wir den fleischlichen Dingen, um endlich einmal geistige Früchte zu bringen!
Ergreife die, wenn auch nicht gerade sehr erwünschte, doch schickliche
Gelegenheit, niemanden zu haben, dem du die Pflicht schuldest und der sie dir
leistet! Du hast aufgehört, ein Schuldner zu sein. - O du Glücklicher! Du hast
deinen Schuldner seiner Haft entlassen - trage den Schaden! Wie? Wenn sich nun
das, was wir Schaden nennen, als ein Gewinn für dich herausstellte? Durch die
Enthaltsamkeit wirst du dir nämlich einen großen Gewinn an Heiligkeit erwerben,
durch die dem Fleische auferlegte Einschränkung ein Geistesmann werden.
Betrachten wir nur unser eigenes Innere, wie ganz anders sich der Mensch fühlt,
wenn er zufällig von seiner Frau getrennt ist! Er denkt geistlich. Wenn er zum
Herrn betet, so ist er dem Himmel nahe. Wenn er sich mit der Hl, Schrift
beschäftigt, so ist er ganz darin versenkt. Wenn er einen Psalm singt, so
findet er Geschmack daran. Wenn er einen Dämon beschwört, so hat er Vertrauen
auf sich. Darum
hat der Apostel auch einer zeitweiligen Reinheit erwähnt, zum Zwecke, dem
Gebete mehr Empfehlung zu geben; damit wir erkennen, daß, was eine Zeitlang
geübt nützt, beständig von uns zu üben sei, damit es beständig nütze.
Tagtäglich, jeden Augenblick ist das Gebet den Menschen notwendig, natürlich
auch die Enthaltsamkeit, nachdem das Gebet einmal notwendig ist. Das Gebet geht
aus dem Herzen hervor. Wenn das Herz aus Scham errötet, so errötet auch das
Gebet, Der Geist geleitet das Gebet zum Herrn, Wenn der Geist sich vor sich
selbst schuldig fühlt, wie wird er sich erkühnen, das Gebet eines beschämten
Herzens zum Altare zu geleiten; denn bei dessen Beschämung errötet er auch selbst,
der heilige Diener. Es
ist ein prophetischer Ausspruch des Alten Testamentes: "Seid heilig, weil
Gott heilig ist" und wiederum: "Mit dem Heiligen wirst du heilig
sein, mit dem unschuldigen Manne wirst du unschuldig sein und mit dem
Auserwählten auserwählt". Wir müssen in die Zucht des Herrn eintreten, wie
es würdig ist, nicht mit den schmutzigen Begierden des Fleisches. So sagt denn
auch der Apostel: "Nach dem Fleische gesinnt sein, das sei der Tod, nach
dem Geiste aber gesinnt sein, das ewige Leben in Christo Jesu, unserem
Herrn". Ebenso ergeht durch die heilige Prophetin Priska die evangelische
Verkündigung, "daß ein heiliger Diener mit Heiligkeit zu dienen verstehen
solle". "Denn Läuterung", spricht sie, "steht wohl an; sie
sehen Gesichte, und wenn sie ihr Antlitz senken, so vernehmen sie auch
deutliche Stimmen, die ebenso heilbringend sind als tief verborgen." Wenn
nun die Abstumpfung, die selbst dann erfolgt, wenn der fleischliche Verkehr in
einer einmaligen Ehe ausgeübt wird, den Hl. Geist fernhält, um wieviel mehr
wird dies bei einer zweiten Ehe der Fall sein. 11. Kap. Inkonvenienzen der zweiten Ehe bei der Feier der Jahrgedächtnisse für den verstorbenen Gatten. Denn
die Beschämung ist dann eine doppelte, weil bei der zweiten Ehe zwei Gattinnen
den einen Mann umstehen, die eine der Seele nach, die andere mit Fleisch und
Bein. Denn unmöglich wirst du die erste Frau hassen können. Die Zuneigung, die
du ihr bewahrst, ist sogar eine ehrwürdigere, da deren Gegenstand bereits zum
Herrn aufgenommen ist; für ihre Seele bittest du, für sie bringst du die
alljährlichen Opfer dar. Du wirst also dann mit so viel Gattinnen vor dem
Angesicht des Herrn stehen, als du in deinem Gebete erwähnst; du wirst für zwei
opfern und diese zwei anempfehlen lassen durch einen Priester, der nach einer
einmaligen Ehe ordiniert oder auch in der Jungfräulichkeit geheiligt und von
eingattigen Witwen umgeben ist. Wird da, wenn dein Opfer aufsteigt, deine Stirn
eine freie sein und wirst du dann neben den übrigen Gütern des Geistes für dich
und deine Frau auch um Keuschheit bitten? 12. Kap. Der Wunsch, Nachkommenschaft und häusliche Vorteile zu erlangen, kann die zweite Ehe bei Christen nicht rechtfertigen. Ich
weiß wohl, mit was für Entschuldigungen man die unersättliche Begierde des
Fleisches bemäntelt. Man schützt vor, die Notwendigkeit einer Hilfe in
Besorgung des Hauswesens und Überwachung der Dienerschaft, die Bewahrung der
Kasse und der Schlüssel, die Aufsicht in der Spinnstube, die Leitung der Küche
und die Abnahme der Sorgen. Natürlich, nur eines Ehemannes Haus ist
wohlbestellt. Es gehen unter die Haushaltungen der Ehelosen, Hab und Gut der
Kastraten, der Besitz der Soldaten und Reisenden geht, weil sie ohne Gattinnen
sind, immer zugrunde! Aber sind wir denn nicht auch Soldaten, und zwar unter
einer noch viel strengeren Kriegszucht, weil Soldaten eines so erhabenen
Herrschers? Sind wir nicht auch Pilgrime in dieser Welt? Warum, mein Christ,
steht es so mit dir, daß du ohne eine Ehefrau nicht fertig werden kannst? Hast
du noch immer eine Teilnehmerin an den Lasten des Hauswesens notwendig, gut,
dann habe irgend eine geistige Ehefrau! Nimm dir irgend eine von den Witwen,
deren Schönheit im Glauben, deren Mitgift in der Armut, deren Auszeichnung im
Alter besteht. Das wird eine löbliche Heirat sein. Derartige Gattinnen kann man
sogar mehrere haben, und es ist Gott angenehm. Es
kommt auch vor, daß Christen, für die es doch kein Morgen gibt, auf Nachkommenschaft
bedacht sind. Leibeserben sollte der Knecht Gottes sich wünschen, er, der sich
selbst zum Enterbten vor der Welt gemacht hat!? Es sollte ein Grund sein, sich
zu wiederholten Malen zu verehelichen, wenn man aus der vorigen Ehe keine
Kinder hat!? Demzufolge wird man es für das höchste Gut halten, lange zu leben,
während der Apostel zum Herrn eilte. Man wird ganz gewiß bei den Verfolgungen
der Bereitwilligste, beim Martyrium der Standhafteste, der Willfährigste beim
Hergeben, der Zurückhaltendste im Erwerb sein, und zuletzt mit besonderer Ruhe
sterben, da man ja Kinder hinterläßt, welche uns vielleicht ein Begräbnis
besorgen. Werden solche Leute vielleicht durch die Sorge um den Staat dazu
bewogen? Damit die Städte nicht ausstürben, wenn nicht für Nachwuchs gesorgt
wird, die gesetzlichen Rechte und der Handel nicht zugrunde gehen, die Tempel
nicht leer stehen und damit es nicht an Leuten fehlt, die das Geschrei erheben:
Die Christen vor die Löwen! Solche Rufe sind es, welche die zu hören wünschen, die
nach Kindern verlangen. Zur
Anempfehlung des Witwenstandes dürften schon die, zumal bei uns eintretenden
Ungelegenheiten, welche durch Kinder versucht werden, genügen; zur Aufziehung
derselben müssen die Menschen ja sogar erst durch Gesetze angehalten werden,
weil kein weiser Mann von freien Stücken jemals nach Kindern verlangt. Was
wirst du also tun, wenn du die neue Gattin mit dem, was du verstehst, in andere
Umstände versetzt hast? Willst du dann etwa das Empfangene durch Arzneimittel
beseitigen? Mich dünkt, es ist uns ebenso wenig erlaubt, einen in der Geburt
begriffenen Menschen als einen schon geborenen zu töten. Aber vielleicht wirst
du dich erkühnen, in jener Zeit, wo deine Frau schwanger ist, ein Heilmittel
für diesen großen Kummer von Gott zu erbitten, weil du das in deiner Gewalt
befindliche Heilmittel verschmäht hast. Vermutlich wird man sich eine
unfruchtbare Frau besorgen oder eine, die schon im kälteren Alter steht?! Sehr
weise und vor allem auch der Religion entsprechend! Denn daran, daß eine
Unfruchtbare oder eine Greisin durch den Willen Gottes geboren habe, glauben
wir ja nicht. Das kann um so leichter geschehen, wenn jemand dadurch, daß er in
dieser Weise auf seine Vorsicht vertraut, die Feindschaft Gottes herausfordert.
Wir kennen z. B. einen Fall, wo einer von den Mitbrüdern, da er um seiner
Tochter willen in zweiter Ehe eine Unfruchtbare genommen hatte, nochmals Vater
wurde, wie er nochmals Gatte geworden war. 13. Kap. Beispiele für das Gesagte aus der nichtchristlichen Welt. Schluß. Zu
dieser meiner Anmahnung, geliebtester Bruder, kommen noch Beispiele aus der
Heidenwelt. Wir haben uns derselben schon oft als Belege da bedient, wo etwas
als gut und Gott wohlgefällig auch von den draußen Stehenden anerkannt und
durch ihr Zeugnis verherrlicht wird. Die einmalige Ehe steht bei den Heiden im
höchsten Ansehen, so daß sogar, wenn Jungfrauen eine gesetzliche Ehe eingehen,
eine eingattige Witwe als Brautführerin hinzugezogen wird; und wenn es auch nur
der Vorbedeutung wegen geschieht, so jedenfalls um der guten Vorbedeutung
willen. Die eingattige Witwe erhält die erste Stelle, z. B. bei gewissen
Feierlichkeiten und Götterdiensten. Wenigstens ist die Flaminica immer nur eine
eingattige, und dasselbe Gesetz gilt für den Flamen. Auch der Umstand, daß der
Pontifex Maximus selbst die Ehe nicht wiederholen darf, ist jedenfalls eine
Verherrlichung der einmaligen Ehe. Wenn der Satan aber die Geheimnisse Gottes
nachäfft, so ist es für uns eine starke Herausforderung, oder vielmehr eine
Beschämung, wenn wir lässig sind, Gott die Enthaltsamkeit darzubringen, welche
einige dem Teufel leisten, bald durch Jungfräulichkeit, bald durch beständige
Witwenschaft. Bekannt sind ja die Jungfrauen der Vesta, die Jungfrauen der Juno
in einer Stadt Achaias, die des Apollo in Delphi, die der Minerva und Diana an
gewissen Orten. Wir sehen auch enthaltsame Männer, nämlich die Priester jenes
bekannten ägyptischen Stieres, von enthaltsamen Weibern aber kennen wir die
Priesterinnen der afrikanischen Ceres, welche sogar in freiwilliger Aufgebung
der Ehe alt werden und von der Zeit an jede Berührung mit ihren Männern, sogar
die Küsse ihrer eigenen Söhne vermeiden. So hat der Teufel eine Art von
Verderben bringender Enthaltsamkeit nach vorherigem Genuß der Wollust erfunden,
damit die Schuld der Christen der die heilbringende Enthaltsamkeit zurückweist,
um so größer werde. Als
Beweis dafür dürften uns auch gewisse heidnische Frauen dienen, welche wegen
ihres beharrlichen Aushaltens bei einem Manne Ruhm erlangt haben. Eine gewisse
Dido, welche in ein fremdes Land geflüchtet war, wo sie die Ehe mit dem Könige
ihrerseits hätte wünschen sollen, wollte, um nicht eine zweite Ehe eingehen zu
müssen, lieber Begierde leiden als heiraten. Lukretia, welche nur einmal und
wider ihren Willen mit einem fremden Manne zu tun gehabt hatte, wusch ihren
befleckten Leib sogar in ihrem eigenen Blute rein, um nicht zu leben als eine,
die in ihren eigenen Augen schon nicht mehr eingattig war. Zahlreichere
und zuverlässige Beispiele würde man bei den Unserigen finden, und zwar sind
sie in anderer Weise erhaben, weil es schwieriger ist, in der Enthaltsamkeit zu
leben als für sie zu sterben. Es ist leichter, sein Leben hingeben, weil man
ein Gut verloren hat, als durch das Leben das zu bewahren, wofür man gern
sterben würde. Wie viele Männer und wie viele Frauen zählen um ihrer
Enthaltsamkeit willen zu den kirchlichen Ständen! Sie wollten lieber Bräute
Gottes sein, sie brachten selber ihren Leib wieder zu Ehren und erwarben schon
hienieden die Weihe der Kinder der anderen Welt, indem sie die Begierlichkeit
des Fleisches und alles das in sich ertöteten, was keinen Zutritt ins Paradies
erhalten kann. Daraus muß man die Überzeugung schöpfen, daß diejenigen, welche
Aufnahme ins Paradies erhalten wollen, endlich einmal von dem ablassen müssen,
wovon das Paradies unberührt ist. Gnade also sei mit dem, der es einsieht!
Gedenke in deinen Gebeten des Tertullian, der hierzu ermahnt. Quelle: http://www.unifr.ch * Tertullian, eigentlich Quintus Septimius Florens Tertullianus, lateinischer
Kirchenschriftsteller, *ÿKarthago um 160, ÿebenda nach 220; zunächst Rhetor in Rom; um 195
Übertritt zum Christentum; verteidigte kompromisslos die kirchliche Lehre, trat
der Gnosis entgegen und prägte zahlreiche Formulierungen, die grundlegend für
die theologische Terminologie der lateinischen Kirche wurden. Ethisch
rigoristische Positionen vertretend, schloss sich Tertullian um 205 dem
Montanismus an. © 2002 Bibliographisches Institut & F. A.
Brockhaus AG
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Aktualisiert
am: 02.12.2008 Home