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Vom
Anarchisten zum Christen
Fritz Binde [1867 – 1921
]
Vorwort
des Verfassers zur 8. Auflage
Als ich auf Bitten meines Verlegers die unfreiwillige Muße einer
Krankheit dazu benutzte, diesen kurzen Bericht über mein Leben
niederzuschreiben, ahnte ich nicht, welch weite Verbreitung diese Schrift
finden sollte. Gott hat sie unerwartet und wunderbar gebraucht! Durch
Übersetzungen in andere Sprachen hat sie über den deutschsprachigen Raum
hinaus unzähligen Menschen den Weg zu Jesus, dem heilbringenden, großen
Erneuerer und wahren Friedefürsten zeigen dürfen. Dankbar lege ich auch
diese neue Auflage in seine Hand und wünsche von ganzem Herzen, dass Gott
durch meinen Lebensbericht weiterhin zu suchenden Menschen sprechen wird,
um ihnen die Augen für die Wahrheit zu öffnen.
Fritz
Binde
Wie
Ich Anarchist wurde
Im ersten Brief an Timotheus beschreibt der Apostel Paulus seine wechselvolle
Lebensgeschichte in zwei kurzen Versen. Sie geben meinen eigenen Werdegang
treffend wieder, denn wie Paulus war auch ich früher ein Feind Jesu, der durch
Gottes Gnade zur Wahrheit finden durfte. Es heißt dort: »Früher habe ich ihn
gelästert und seine Jünger verfolgt und misshandelt. Doch mir ist Erbarmen
widerfahren; denn ich habe in Unwissenheit gehandelt, weil ich ungläubig war.
Und die Gnade des Herrn hat sich überschwenglich reich an mir bewiesen; sie hat
in mir jenen Glauben und jene Liebe erweckt, die sich in Christus Jesus finden«
(1. Tim. 1, 13.14).
Bis
zu meinem 33. Lebensjahr ging ich meine eigenen Wege und wollte von Jesus nichts
wissen. Schuld daran war weniger die Begierde nach den sogenannten Freuden des
Lebens, mich faszinierte vor allem die Weisheit der Welt. Mit achtzehn Jahren
hatte ich schon so viel gelesen, dass für den Glauben an Gott kein Raum mehr
blieb. Als Kind hatte ich Jesus wohl irgendwie liebgewonnen, doch blieb es bei
einem eher unbestimmten Gefühl, weil mir niemand die wahre Bedeutung Jesu für
mein Leben nahebrachte. Meine Mutter betete mit mir zwar regelmäßig
Kindergebete wie:
»Ich bin klein,
mein Herz mach rein,
soll niemand drin wohnen
als Jesus allein.«
Darüber
hinaus aber besaß der Glaube im praktischen Alltag meines Elternhauses
keinerlei Bedeutung. Im Gegenteil, als Knabe musste ich öfters zur Belustigung
meines kirchenfeindlichen Vaters auf einen Stuhl steigen und die Predigt des
Pfarrers nachahmen, wofür ich dann zur Belohnung ein Geldstück bekam. Dennoch
nahm ich meine Konfirmation kindlich ernst, weinte viel und nahm mir vor, meine
Sünden nie wieder zu tun. Gottes Gnade hat sich treu um mich bemüht. Obwohl
ich von sieben Kindern das schwächste war, bin ich allein am Leben geblieben.
Von Kindheit an hatte ich das zuversichtliche Gefühl, von Gott durch viele
Irrtümer hindurch endlich ganz gewiss ans rechte Ziel gebracht zu werden.
Dieses
bestimmte und bestimmende Gefühl hat mich nie verlassen, auch in den dunkelsten
Zeiten nicht.In meiner engeren Thüringer Heimat gab es damals leider kaum
bibelgläubige Christen. Daher lernte ich erst mit achtzehn Jahren den ersten
wahrhaft gläubigen Menschen kennen. Es war in Frankfurt am Main. Ich war meinem
Vater entlaufen und hauste in einer Herberge zusammen mit allerlei Reisenden in
einem geräumigen Schlafraum. In den langen Nächten wurde viel erzählt, und
ich hörte so manches, wovon ich vorher nichts gewusst hatte. Einmal kamen wir
auch auf Gott und die Bibel zu sprechen.
Das
Zeugnis eines älteren gläubigen Mannes beherrschte den nächtlichen Raum.
Verärgert widersprach ich ihm: »Ich glaube weder, dass die Bibel Gottes Wort,
noch dass Jesus Gottes Sohn ist!« »Dann werden Sie an Ihren Sünden zugrunde
gehen«, entgegnete jener Gläubige, »es sei denn, dass Gott sie durch viel
Elend doch noch zum Glauben bringt. Sie werden Ihre Worte noch bitter bereuen!«
Ich aber lachte nur und schlief ruhig ein.
Einen
weiteren Liebeserweis Gottes erkannte ich später darin, dass er mich mit
zwanzig Jahren in das Haus eines gläubigen Mannes, meines späteren
Schwiegervaters, führte. Ihn mochte ich sehr, bis er eines Tages unnachsichtig
forderte, ich solle alle meine schlechten Bücher vernichten. Das ärgerte mich
maßlos, und in meinem Trotz entschloss ich mich, Mitglied eines
Freidenkervereins zu werden. Meine Braut weinte. Doch es gelang ihr nicht, mich
umzustimmen. Im Gegenteil, ich verwandte fortan jede Mark, die ich entbehren
konnte, zum Ankauf atheistischer Bücher und opferte den größten Teil der
Nachtruhe dem Studium der materialistischen Ideologie.
Ich
war noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, da setzte ich eines Nachmittags den
lebendigen, persönlichen Gott ab und das ewige,
unabänderliche Naturgesetz an seine Stelle. Zur gleichen Zeit begann ich in
schwere Sünden zu fallen. Die Folgen waren innere Unruhe und Angst. Es tat mir
seltsam weh, keinen Gott und keinen Himmel mehr zu haben. Diese Leere im Herzen
trieb mich zur Sozialdemokratie, damals etwas Neuem und Revolutionärem, einer
Ideologie, die den Himmel auf Erden versprach. Mit fünfundzwanzig Jahren war
ich bereits sozialdemokratischer Redner und Schriftsteller. Mein Schwiegervater
aber war inzwischen gestorben. Der Kummer über meinen Lebenswandel und unsere
Ehe hatte ihn frühzeitig unter die Erde gebracht.
Dennoch
ließ mich Gott nicht fallen. Vier Jahre hielt ich es aus unter diesen
trinkenden, lärmenden Weltverbesserern, die glaubten, der Mensch werde besser,
wenn seine äußeren Verhältnisse vorteilhafter und bequemer würden. Dann
packte mich jedoch der Ekel über das herrsch- und rachsüchtige Treiben
innerhalb der Partei, und ich fing an, die sozialdemokratische Wissenschaft in
Frage zu stellen. Einer meiner Freunde, ein Redakteur, geriet über den gleichen
Problemen in solche Verzweiflung, dass er keinen Ausweg mehr sah und sich
erschoss. Man fand ihn in einem Raum, dessen Wände bedeckt waren mit Büchern
über unsere Volksbeglückungstheorien. Wie viele »Genossen« gehörte auch er
zu jenen Idealisten, die trotz ihrem zur Schau gestellten Optimismus im
Innersten zerrissen und unglücklich waren.
Doch
auch dieses Erlebnis brachte mich nicht zur Umkehr. Gott musste mich noch mehr
in die Tiefe führen. Die Enttäuschung über die Partei warf mich völlig auf
mich selbst zurück, denn eine Rückkehr zur bürgerlichen Gesellschaft kam für
mich nicht in Frage. Ihre Werte und Ordnungen waren mir ebenso verhasst wie die
der Partei, aus der ich nun austrat. Ein Leben in behäbiger Gleichgültigkeit
aber war meiner hungernden, ringenden Seele unmöglich. Wo konnte ich nun noch
Halt finden? Auch Kirche und Gläubigkeit bedeuteten mir nichts. So wurde der
Anarchismus zu meiner letzten Hoffnung.
Enttäuschte
Hoffnung
Ich
bitte, mich jetzt nicht falsch zu verstehen: nicht alle Anarchisten tragen
Bomben in den Taschen. Meine Hinwendung zum Anarchismus als Lebensphilosophie
geschah wesentlich unter dem Einfluss des Kant´schen Denkens, mit dessen Hilfe
ich den naturwissenschaftlichen und historischen Materialismus überwand. Kants
Lehre von der sittlichen Selbstgesetzgebung des Einzelmenschen ließ in mir den
Glauben reifen, jedermann müsse sein eigener Priester, Richter und
Ordnungshüter werden. Ich kam zur Überzeugung, dass dadurch alle Staats-,
Rechts- und Polizei-, ja jegliche Gesellschaftsordnung überflüssig
würde.
Die
»freie Persönlichkeit in der freien Genossenschaft« wurde mein neues Ideal,
für das ich kämpfen wollte. Freilich, zwei Jahre später war auch diese Utopie
im Nichts zerronnen und lag als erkannter Irrtum hinter mir. Ich hatte zur
schmerzlichen Einsicht kommen müssen, dass die meisten Menschen nicht zu
»freien Persönlichkeiten« taugen, sondern zeitlebens Sklaven niederer
Instinkte bleiben. Und doch hatte ich gerade in Anarchistenkreisen manch ehrlich
ringende Seele gefunden, die aufrichtig nach Gerechtigkeit hungerte und
dürstete, wenn auch weit ab vom Wege des Lebens. Etliche von ihnen durften
später wie ich den Weg zum wahren Leben finden.
Vorerst
jedoch ließ mich Gottes Gnade noch den letzten notwendigen Irrweg antreten.
Dieser führte von Kant über Nietzsche zur Kunst. Glaubte ich nicht mehr an die
Freiheit für alle, so lernte ich nunmehr durch Nietzsche, auf die Freiheit der
einzelnen »freien, sehr freien Geister« zu setzen. Das sind die Menschen, die
alte hergebrachten Grenzen des Denkens und Handelns überstiegen haben und
»jenseits von Gut und Böse« zu leben versuchen. Aus ihnen sollte der
zukünftige, höhere Mensch, der sogenannte »Übermensch« hervorgehen. Ihr
Gott ist ihr wunderbares Ich und ihr Gottesdienst das Denken und Schaffen als
fröhliche Kunst.
Diesem
Gottesdienst weihte ich nun meine Feder und richtete mein sich immer freier und
stolzer gebärdendes Leben danach aus. Die letzten Rücksichten des alten
Gewissens fielen. Auf dieser Geisteshöhe hörte jede Sünde auf, Sünde zu
sein, wenn man sie nur mit dem nötigen erhabenen Selbstbewußtsein zu
rechtfertigen verstand. Hier galt nur eins: Raum allem starken, mutigen Leben,
denn in ihm offenbart sich das Göttliche! Die unausweichlichen Folgen dieses
»hohen« Lebens waren Verrohung des Gewissens, Sünde und Sündenfolge,
Zerrüttung der Nerven und schließlich totale Verwirrung.
Jesus
sucht mich
Obwohl
ich damals noch nichts davon wusste, war Gottes Liebe bereits in mir am Werk.
Ich wurde nervenkrank und arbeits-, ja sogar denkunfähig. Das überstudierte,
übernächtigte Leben mit seinen Auf- und Ausbrüchen, Enttäuschungen und
Schlechtigkeiten forderte seinen Tribut. Schlaflose Nächte, schreckliche
Angstzustände peinigten Leib und Seele und brachten mich an den Rand des
Zusammenbruchs. So ging ein Jahr hin und eine neues brach an. »Frau«, sagte
ich, »wir müssen einen neuen Abreißkalender haben, um die Tage des Elends
weiterzuzählen.«
»Ich
habe schon einen besorgt«, erwiderte sie und brachte mir einen frommen
Neukirchener »Christlichen Hausfreund«, den sie ohne mein Wissen von einem
christlichen Kolporteur gekauft hatte. Gegen meinen Willen hing nun dieser
sogenannte »Hausfreund« an der Wand und mir täglich vor Augen. Jeden Tag riss
ich ein Blatt ab und warf es ungelesen und zerknittert ins Kohlenfass. Was für
ein widerliches Zeug! Es reizte meine schwachen Nerven. Niemals wollte ich mich
daran gewöhnen, es auch nur anzusehen; das Datum brauchte ich und sonst
nichts!
Aber
das Leiden wuchs mir über den Kopf. Befreundete Ärzte verordneten mir Ruhe. -
Ruhe!? Wo sollte es Ruhe geben in diesem wahnsinnigen Spiel ängstigender
Gedanken? »Ruhe« bei diesem schauerlichen Hinabstürzen in den geistigen wie
äußerlichen Ruin? Da standen die vielen hundert Bücher, aber nicht eines
vermochte mich wieder aufzurichten! Was halfen mir nun Kant, Nietzsche und all
das Gereime und Geschreibe meiner Lieblingspoeten? Was die philosophischen
Ratschläge meiner Freunde? Was mein eigenes erarbeitetes Wissen, das jetzt
auseinanderfiel wie ein gestrandetes Schiff?
Verzweifelt
hielt ich das abgerissene Blättchen in Händen und - begann zu lesen: »Das
Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von alter Sünde ...« (1.
Joh. 1, 7). Das »Blut«? Unfassbar! Das war ja heidnisch-jüdischer Opfergreuel!
Ein Gott, der Blut sehen will ...? Weg damit! Zerrissen flog das Blatt ins
Kohlenfass. Und dann »Sünde«! Was bedeutete für mich schon »Sünde«? Ein
leeres Wort in Anführungszeichen, etwas für altmodische Leute, ein rein
relativer Begriff, ein notwendiges Schattenspiel im Weltgemälde, eine
Dissonanz, die sich im Weltakkord auflöst. Jedenfalls ist es »Sünde«, so
schloss ich meine Betrachtungen, im Leid zu verzagen und feige zu Kreuze zu
kriechen!
An
einem anderen Tag las ich: »Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass
sie auffahren mit Flügeln wie Adler« (Jes. 40, 31). Ja, auf neue Kraft
harrte ich wohl, aber nicht auf einen »Herrn«. Ich glaubte zwar wieder an
einen Gott; aber den suchte ich nicht über mir, sondern in mir, in meinen
Gaben, in den Sehnsüchten und Leidenschaften meiner Seele, in meinem bis zu den
Grenzen des Alls ausgedehnten Ich, das sich mit allem Leben liebend eins wusste,
und was dergleichen große Redensarten mehr waren. Gott gehorchen, hieß deshalb
mir gehorchen. Was sollte da ein Herr »über« mir? - Aber lag nicht mein Ich
bankrott am Boden?
Wo
war da der Gott »in« mir? Nach langem Nachsinnen legte ich das Blättchen zu
weiterer Prüfung auf meinen Schreibtisch. Doch bald griff ich wieder danach,
strich entschieden das Wort »Herr« durch und legte das Blatt von neuem auf den
verstaubten Tisch.
Der
Kampf beginnt
Bald
rang ich jeden Tag mit den Worten dieser Kalenderblätter wie mit einem
gewappneten Feind, der sich mir unermüdlich entgegenstellte. Ich bestritt,
durchstrich, zerriss und glaubte, ihn damit besiegt zu haben. Aber am nächsten
Morgen stand mein Gegner so frisch wie ehedem vor mir, während ich zunehmend
matter und unsicherer wurde. Mit täglich neuer Kraft überwand er mich, und
schließlich ertappte ich mich dabei, dass ich ihm wie einem wohlmeinenden
Freund zuhörte. Prüfend begann ich, die Evangelien zu lesen. Aber welch
völlig veränderte Bedeutung bekamen nun die Bibelwortefür mich! Früher hatte
ich Jesus lediglich als den Sozialdemokraten, Anarchisten und übermenschlichen
Lebenskünstler zu sehen und zu studieren versucht.
Zum
ersten Mal in meinem Leben näherte ich mich ihm jetzt mühselig und beladen.
Wenn er am Ende doch mein Retter werden könnte? Wenn es gar wahr wäre, das mit
dem Blut ...? Bei diesem Gedanken sprang ich unvermittelt auf und holte mir aus
der langen Bücherreihe Nietzsches »Antichrist« heraus. Ich wollte endlich
sehen, wer recht hatte! Ich las die wohlbekannten Sätze, das Christentum sei
nur für die »Schwachen, Missratenen, Überreizten, Erschöpften, die das
Unglück mit dem Begriff 'Sünde' beschmutzten ...« »Es steht niemandem frei,
Christ zu werden; man wird zum Christentum nicht 'bekehrt' - man muss
krank
genug dazu sein.« - Ich zitterte. Traf das nicht auf mich zu? Deutlich hörte
ich eine spitze Stimme fragen: »Wenn du gesund wärest, würdest du dann diese
Kalenderblätter lesen?«
Ich
wankte und taumelte gegen einen Spiegel, starrte mein Bild an und erwartete den
Ausbruch des Wahnsinns. Aber es gelang mir, mich irgendwie aufzufangen. Trotzig
schleppte ich mich an einem der folgenden Abende wieder in die alte
Gesellschaft. Als ich gegen Morgen heimwankte, stieß ich mit dem Fuß gegen
einen Stein. Ich stieß ihn fort, stieß in meinem bedauerlichen Zustand aber
ein zweites und ein drittes Mal an ihn. Dieses Stossen, der Ausdruck des Trotzes
im eigenen Gewissen, war - ach, wie so oft schon! - ein Stossen gegen den Stein
des Anstoßes und den Fels des Ärgernisses (1. Petr. 2, 8), gegen die im Herzen
hörbare, aber noch unerkannte Stimme Jesu, des guten Hirten. Seltsamerweise
musste ich den Stein aufheben und anschauen, als ob er mir etwas zu sagen habe.
Da hörte ich deutlich: »Ich bin's, der mit dir redet, Christus« (Joh. 4, 26).
»Die
Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken« (Luk. 5, 31). Das war
eine deutliche Antwort. Leider schlug sie aber nicht durch. Spiritistische und
theosophische Gewohnheiten hatten mich abgestumpft und misstrauisch gemacht
gegen jegliche Mitteilungen aus der Geisterwelt. Trotzdem nahm ich jenen Stein
mit nach Hause, wusch ihn - es war ein weißer Kiesel - und schrieb »Joh. 4,
26« darauf. Er liegt heute noch auf meinem Schreibtisch.
Nach
diesen Begebenheiten begann eine Zeit entsetzlicher Kämpfe. Es schien, als ob
ich mit dem Hervorholen jenes Nietzsche-Buches einem bösen Geist Macht zum
Mitreden gegeben hätte. Und dies war tatsächlich der Fall. Der Dämon war
wirklich gegenwärtig! Mein »Christlicher Hausfreund« und meine Bibel ließen
wohl täglich ihre friedlichen Worte hören, aber jene höhnische Stimme in mir
schrie jetzt immer dagegen. In diesem Kampf wurde nicht mehr durch mich, sondern
über mich entschieden! Ein schauerlicher Druck lag Tag und Nacht auf meinem
Geist. Wenn ich ein wenig hinausradelte, um frische Luft zu schöpfen, so
schrieen dunkle Stimmen in mir: »Fahr hinab in den Abgrund, hinunter mit dir in
den Strom!
Deine
Frau bekommt die Lebensversicherung ausbezahlt, gesund wirst du doch nicht
wieder; du tust ein gutes Werk, stürz dich hinunter!« Es war wie Nietzsches
Ruf: »Stirb zur rechten Zeit!«
Wie
mich Jesus überwand
Genau
zur rechten Zeit führte mich Gottes Gnade mitsamt den Meinen für eine Weile in
das Elternhaus meiner lieben Frau. Dort in der Nähe wohnte ein mir bekannter
Prediger, der bislang allerdings ohne Einfluss auf mich geblieben war. Diesem
offenbarte ich jetzt einiges von der inneren Umwandlung und den Kämpfen, die
ich durchlitt. Er schien mehr verwundert als erfreut, lieh mir aber ein kleines
Büchlein, das er mir sehr empfahl: »Der Weg dem Lamme nach« von Georg
Steinberger. Noch in der Straßenbahn begann ich den Inhalt dieses Heftchens
begierig zu verschlingen. Zu Hause angekommen las ich es zu Ende, um sogleich
noch einmal von vorne anzufangen.
Das
Büchlein vollbrachte in mir ein Wunder. Es verwandelte mir Jesus von Nazareth,
den vornehm-überlegenen, heroischen Weisen, in Jesus Christus, das demütig
dienende, hingeschlachtete Lamm Gottes, das der Welt Sünde und auch meine
Sünde ans Kreuz trug. Es bewies mir den Sieg des Schwachen und Nichtigen über
das Starke und Grosse in der Welt. Es stellte mir den Lammesweg über den
Löwenweg. Es weckte in mir den Leidenssinn und die Bereitschaft, »Ja« zu
sagen zu meinem Elend. Mit einem Mal war mir klar, dass es Gott selbst war, der
mich in diese Tiefe geführt hatte.
Er
macht mich dadurch fähig, ihn als Herrn über mich anzuerkennen und mich
demütig zu seinen Füssen zu werfen. Dieses scheinbar nichtige Büchlein hatte
mehr vollbringen können, als all die vielen Bücher, die ich gelesen hatte,
zusammengenommen! Und all das geschah unter demselben Dach, unter dem mein
Schwiegervater damals meine schlechten Bücher nicht dulden wollte, unter
demselben Dach, unter dem ich Gott abgesetzt und in Sünden gelebt hatte, und in
demselben Zimmer, in dem mein Schwiegervater aus Gram über mein verfehltes
Leben und unsere Ehe gestorben war. - »Wie unerforschlich sind Gottes Gerichte,
wie unbegreiflich seine Wege!« (Röm. 11, 33).
Nun
war ich im wahrsten Sinne des Wortes »bekehrt«, obgleich ich die volle
Bedeutung dieser Stunden erst viel später verstand. Damals wäre mir der
Begriff »Bekehrung« noch sehr widerlich und albern erschienen; ich hätte ihn
niemals auf mein Erlebnis anwenden mögen. Ich wusste nur, dass ich eines mit
blitzschneller Deutlichkeit erfahren hatte: Gott ist dein Vater, er hat dir
durch Jesus Christus vergeben, und du bist nun in, den besten Händen. Aus
dieser Erkenntnis strahlte mir ein wunderbarer Strom der Ruhe und des Friedens
entgegen. Es war wie ein sonniger, warmer Frühlingshauch.
Ich
lief hinunter in den Garten, staunte den Himmel, die Bäume, die Blumen an,
alles frohlockte: Gott ist dein Vater durch Jesus, du bist nun in den besten
Händen! Ich jauchzte laut. Es war der erste Lebensschrei der wiedergeborenen
neuen Kreatur.
Wachsendes
Erkennen
Langsam
lernte ich, anderen von der Liebe und der Gnade meines neuen Herrn
weiterzusagen, und in kleinen, zögernden Schritten fing ich auch an zu beten.
Wie freute ich mich nun über scheinbar längst vergessene Liederverse und
Bibelsprüche aus meinen Kindertagen! In dem Maße wie ich beten lernte, ging es
auch mit meinen Nerven wieder aufwärts. Allmählich kehrte etwas Arbeitskraft
zurück. Natürlich wollte ich in den alten Verhältnissen weiterwirken, nur
sollte jetzt überall der Name Jesus mit hinein.
Wie
aber hätte Jesus, der Gekreuzigte, in modernen Kunstblättern und
Literaturheftchen Raum finden können? Wie in Theatern, Ausstellungen und
Nachtlokalen? Am ehesten konnte man wohl noch in freien Vorträgen von ihm
zeugen. Von Tag zu Tag wurde mir klarer, dass das neue innere Leben und der
äußere Lebenskreis nicht zusammenpassten. Als ich meinem vertrautesten Freund,
mit dem zusammen ich ein ganzes Jahrzehntlang gestrebt und gerungen hatte, eines
Tages erklärte, ich wolle nunmehr nur noch nach der Bibel leben, kündigte er
mir die Freundschaft sofort auf.
Ähnliches
widerfuhr mir von allen Seiten. Dazu kamen die Versuche, mich »wieder zur
Vernunft zu bringen«. Was aber konnten meine ehemaligen Freunde schon
einwenden? Nicht mehr als ich selbst wusste und früher gegen den Glauben an die
Bibel vorgebracht hatte. Wo aber waren Entwicklungslehre, Philosophie und
Bibelkritik geblieben? Vom Geisteswehen des lebendigen, allmächtigen Gottes
erfasst, waren all diese gottfeindlichen Bollwerke meiner Gedankenwelt auf einen
Schlag vernichtet worden. Sie hatten jegliche Faszination verloren. Zu diesem
starken Gott schrie ich in meiner Ratlosigkeit und bat ihn um einen gangbaren
Weg für mein weiteres Leben.
Und
Gott ließ mich nicht im Unklaren, er erhörte mich. Ich hatte in der Stadt
einen Vortrag über »Zola - Ibsen - Tolstoi« gehalten und mich eben, über das
Widersprüchliche meiner Tätigkeit nachsinnend, zur Ruhe gelegt. Auf einmal
blieb mein Blick an einer Schrift haften, die aus der Tasche meines an der Wand
hängenden Mantels ragte. Neugierig sah ich nach und las: »Lebst du in der
Gegenwart Gottes?« Ein gläubiger Student, den ich damals kennengelernt hatte,
musste mir diese Broschüre von einem gewissen Georg Steinberger in die Tasche
gesteckt haben. Sofort schlug ich sie auf.
Noch
während ich las, überkam mich eine solche Flut von lichten Gottesschauern,
dass ich nachher in dem dunklen Zimmer wie in einem überirdisch erleuchteten
Räume lag, und plötzlich wusste ich: »Du musst nach R. in die Schweiz zu
Georg Steinberger!« Es war wie ein königlicher Marschbefehl. Schon am
nächsten Abend trug mich der Schnellzug in die Schweiz.
Körperliches
Unbehagen, besonders Magenkrämpfe, sowie eine satanische Lust, die Frommen zu
verhöhnen, wollten mich unterwegs wiederholt von meinem Reiseziel abbringen.
Als ich dennoch die Schwelle jenes christlichen Heimes in R. überschritt, kam
ich mir vor wie einer, der sich lebendig hinter ewige Kerkermauern begibt. Aber
ich wurde angenehm überrascht. Nichts von den Verschrobenheiten, die mir für
die »Frommen« typisch schienen, war zu bemerken. Hier herrschten königliche
Freiheit, praktische Natürlichkeit und eine Stille, die mir unendlich wohltat.
Zum
ersten Mal in meinem Leben begegnete ich echten Christen, Menschen, die auf mich
den Eindruck machten, dass sie wirklich lebten, was Jesus zu leben befohlen und
vorgelebt hatte.
Durch
Jesus und für Jesus
Der
Aufenthalt in R. war für mich von entscheidender Bedeutung. Hätte mein
forschendes Auge hier irgendwelche Spuren der verhassten Allerweltsselbstsucht
oder gar der frommen Heuchelei gefunden, so wäre es höchstwahrscheinlich um
meinen jungen Glauben geschehen gewesen. Aber ich fand nichts als
überströmende Liebe, kindliche Gläubigkeit und wohlgefällige, biblische
Lebensordnung. Das allein überwand mich, denn es zeigte mir die Kraft des
Glaubens an den Gekreuzigten. Es überzeugte mich davon, dass es in dieser Welt
wirklich möglich ist, ein Christ zu sein.
Daran
hatte ich früher stets gezweifelt. Nie hatte ich wahrhaft christliches Leben
gesehen; darum hatte ich auch nie an die christliche Lehre geglaubt. Statt
dessen hatte mich die Sehnsucht nach wirklichem Leben zum Glauben an die
sozialdemokratische und anarchistische Gerechtigkeit getrieben und mich
schließlich an der Unerreichbarkeit des »Übermenschlichen« verzweifeln
lassen.
Nun,
da ich die Erfüllung meiner Sehnsucht hatte finden dürfen, richtete sich mein
ganzes Denken und Trachten immer mehr auf das eine Ziel aus: Ich wollte durch
Jesus und für Jesus leben. Mir erschloss sich eine wunderbare Quelle an
Klarheit und Kraft. Es war mir, als könne ich daraus unendlich mehr schöpfen,
als ich je zu fassen in der Lage war. Herr Steinberger, der treue Bruder im
Herrn, schien meinen inneren und äußeren Zustand mit einem Blick zu
übersehen. »Sie müssen Ihr ganzes bisheriges Leben und auch Ihren Beruf
aufgeben«, sagte er zu mir.
»Das
will ich ja, aber wovon soll ich dann leben?« gab ich ihm etwas ratlos zur
Antwort. »Mein lieber Bruder, wer mit Christus lebt, muss sich darum nicht
sorgen. Lesen Sie doch einmal den 23. Psalm!« »Aber ich habe Frau und Kinder,
und meine Frau ist nicht gläubig. Wie soll sie mich da verstehen?«, zweifelte
ich noch immer. »Das macht nichts. Beten Sie für sie! Und dann geben Sie Ihren
Haushalt auf und kommen so lange zu uns, bis Ihnen der Herr zeigt, wo Sie für
ihn arbeiten sollen. Er wird Ihnen ganz gewiss eine Tür öffnen. Vertrauen Sie
ihm, er wird Sie nicht enttäuschen!«
»Aber
bedenken Sie doch: Ich habe eine Frau, zwei Kinder und .. .« - »Ich glaube,
hier gibt es nichts mehr zu bedenken«, fiel er ein. »Vertrauen Sie
rückhaltlos Ihrem Herrn! Wenn er, wie in Ihrem Fall, den Weg so klar weist, was
sollen dann noch Zweifel? Kommen Sie nur erst einmal zu uns.« Damit war über
den nächsten Schritt entschieden. Sechs Wochen später ließen wir alles hinter
uns, was bisher unser Leben ausgemacht hatte, Heimat, Freunde, Verwandte, Haus
und Besitz, Arbeit und Auskommen und zogen in das Land, das Gott uns gezeigt
hatte. Es dauerte nicht lange, und das leuchtende Beispiel der lieben
Geschwister in R. bewirkte, dass auch meine Frau Vertrauen zum lebendigen Gott
fassen konnte.
Ohne
dass Menschen sie dazu besonders aufgefordert hätten, übergab sie Jesus ihr
Leben. Schon wenige Monate später, nachdem mein ganzes früheres Leben vor Gott
und den Menschen ans Licht gekommen war und ich darüber Busse getan hatte,
durfte ich mit hinausziehen und überall im Land das Evangelium verkünden. Dass
Gott mein aus Irrtum und Finsternis gerettetes Leben brauchen wollte, um auch
andere vor dem Weg ins Verderben zu bewahren, trieb mich zu Dank und Anbetung.
Wie viele Hunderte, die mir heute schon oder später einmal fluchen mögen,
hatte ich in die Wüstenei des Atheismus und Sozialismus gelockt!
So
weit ich zurückdenken konnte, war mein Leben ein Fluch gewesen; deshalb
erfüllte mich nur noch der eine brennende Wunsch: »Herr, von jetzt an lass
mein Leben ein Segen für viele werden!« Was der unbekannte Reisende mir damals
in jener Nacht in Frankfurt vorausgesagt hatte, war eingetroffen, obgleich ich
siebzehn Jahre lang nicht mehr an jenes nächtliche Gespräch gedacht hatte.
Eingetroffen war auch, was mir schon von früher Kindheit an auf unerklärliche
Weise sicher schien, nämlich dass mich Gottes Gnade und Barmherzigkeit durch
alle Irrungen und Tiefen hindurch ans Ziel bringen werde. In Jesus Christus war
er mir
nachgegangen, lange bevor ich etwas von ihm wissen wollte.
Der
Gekreuzigte hatte für meine schwere Schuld bezahlt und mich zu Gott
zurückgeführt. Ja, Gott ist wahrhaftig und treu. Nie mussten wir Mangel
leiden, weder geistlich noch leiblich, seit wir uns seiner Führung
anvertrauten. Er gab mir einen Platz, an dem ich für ihn arbeiten konnte und
rüstete mich aus mit seiner Kraft, ohne die all unser Wirken für ihn fruchtlos
bliebe und scheitern müsste. So ist er nicht nur der Anfänger des Glaubens,
sondern auch der Vollender seines Werkes bis zu dem Tage, an dem er wiederkommen
wird.
Georg
Steinberger, den uns der Herr als eine so liebe Erscheinung an das Eingangstor
zum Himmelreich gestellt hatte, ist inzwischen heimgegangen. Aber ein Wort, das
er mir mit auf den Weg gab, und nach dem dieser treue Diener Gottes selbst zu
leben trachtete, ist mir unvergessen geblieben. Er sagte zu mir: »Bruder, wir
wollen unser Leben wagen für das Lamm!«
Diesen Text kann man sich auch als Mp3-Datei anhören oder auf den Rechner laden.
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