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Der geistliche Führer Welcher die Seele frei macht und dem
inneren Wege zur Erlangung sie auf vollkommener Anschauung führt und der reiche Schatz Innerlichen Friedens. Übersetzt aus dem Englischen von Georg
Priem Nachdruck 199 Teil I Kapitel III - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil I Kapitel VII - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil I Kapitel IX - Fortsetzung des Vorhergehenden Teil I Kapitel XI - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil I Kapitel XII - Was die Seele in der innerlichen Sammlung tun soll? Teil I Kapitel XIV - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil I Kapitel XVI - Von dem Innerlichen, mystischen Stillesein. Teil II Kapitel I - Der Unterschied zwischen dem äußeren und inneren Menschen. Teil II Kapitel II - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden. Teil II Kapitel XI - Grundsätze, ein einfältiges, demütiges und aufrichtiges Herz zu erkennen. Teil II Kapitel XV - Zeichen, um den inneren Menschen und das gereinigte Gemüt zu erkennen. Teil II Kapitel XVI - Von der göttlichen Weisheit. Teil II Kapitel XVII - Von der wahren und vollkommenen Vernichtigung. Teil II Kapitel XIX - Von dem hohen Glück Innerlichen Friedens und dessen wunderbaren Wirkungen.
Es sind jetzt über 200 Jahre her, als ein neapolitanischer Mönch namens Albertini nach Rom mit der Absicht kam, ein von ihm verfasstes Werk über Theologie zu veröffentlichen, und durch die Verwendung des Staatssekretärs, Kardinal Cibo, erhielt er zur Wohnung ein Zimmer im Vatikan. Aber sein Werk erhielt nicht die Zustimmung des geistlichen Kollegiums, und er verschaffte sich deshalb eine Druckerpresse, um es selbst heimlich zu drucken. Es war einer der heißesten Tage im August 1685, als Albertini mit dieser Arbeit beschäftigt war, und der Hitze wegen hatte er sich nur aufs Notdürftigste bekleidet. Da sah er, dass eine Abteilung päpstlicher Polizei von dem Eingange seiner Wohnung Besitz ergriff, und in seiner Angst flüchtete er sich ohne weiteres durch ein Fenster auf das Dach und von dort in die nächste Luke, welche er offen fand, in das dahinter befindliche Gemach. Dies war nun zufälligerweise die Wohnung der "Büßerinnen", eine Art von Gefängnis, in welchem die "donne male maritate", d.h. Frauen und Mädchen von zweideutigem Charakter eingesperrt waren, und unter diesen erregte das plötzliche Erscheinen eines so leicht bekleideten Mannes begreiflicherweise großes Aufsehen, um so mehr, als Albertini mit einer der Insassen nicht unbekannt war, und sie natürlich annahmen, dass er gekommen sei, um dieser einen Besuch abzustatten. Sei es aus Bestürzung oder Eifersucht, die Klosterglocke wurde gezogen, und bald füllte sich das Gemach mit neugierigen und lärmenden Weibern. Endlich gelang es ihm die Sache zu erklären, und man erlaubte ihm, unbehelligt auf demselben Wege in seine Wohnung zurückzukehren, die er aber schleunigst mit einem sicheren Aufenthalt außerhalb der päpstlichen Polizeisphäre vertauschte. Albertini hatte unnötigerweise Schrecken gehabt, denn die Aufmerksamkeit der Polizei galt nicht ihm, sondern einem andern Mönche namens Michael de Molinos, der auch im Vatikan wohnte und sogar ein intimer Freund und Ratgeber des damaligen Papstes Innozenz XI., aber wegen seiner Aufklärung und wahren Frömmigkeit den Jesuiten und der "heiligen Inquisition" ein Dorn im Fleische war. Er war der Verfasser eines Werks, genannt "Der geistliche Fahrer", welches, obgleich es von vielen missverstanden wurde, und durch dieses Missverständnis Veranlassung zur Bildung der Sekte der "Quietisten" gab, dennoch für alle, die seinen Inhalt richtig aufzufassen vermochten, stets einer der vorzüglichsten Führer auf dem Wege zur wahren Selbsterkenntnis bleiben wird. Michael de Molinos war aus einer vornehmen Familie in Aragon, am 21. Dezember 1627 geboren, studierte Theologie und veröffentlichte im Jahre 1657 sein Buch, welches innerhalb von sechs Jahren in zwanzig Auflagen erschien, in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, und dessen Inhalt es klar machte, dass der Mensch Gott vor allem in dem eigenen Innern und nicht in äußerlichen Dingen suchen soll. Vielleicht lässt sich das Ganze wie folgt zusammenfassen: "Wenn Gott, wie jeder Christ zugeben muss, alleinig, allgegenwärtig und in allen Dingen das höchste und wahre Wesen ist, so ist er auch unser wahres und höchstes Selbstbewusstsein, welches ewig, allumfassend und grenzenlos ist, und es bedarf keines äußerlichen Vermittlers zwischen uns und unserem wahren Selbstbewusstsein; sondern es handelt sich nur darum, dieses in uns schlummernde Gottesbewusstsein erwachen und sich entfalten zu lassen, was durch den Einfluss der göttlichen Gnade (dem heiligen Geiste der Selbsterkenntnis) geschieht. Hiezu ist es vor allem nötig, das Herz und die Gedanken rein von allem Eigendünkel, Leidenschaften und selbstsüchtigen Begierden zu halten. In einem liebevollen und geläuterten Herzen offenbart sich die Wahrheit von selbst. Priester und Lehrer können uns nur Führer zum Lichte sein, nicht aber die göttliche Gnade an uns verschenken oder verkaufen." Es versteht sich von selbst, dass diese Lehre, so sehr sie auch der Wahrheit entspricht, nicht geeignet war, die kirchlichen Interessen zu fördern und dem Handel mit Sakramenten und Ablässen Vorschub zu leisten. Deshalb musste Molinos, so wie viele andere, die ähnliches gelehrt hatten, unschädlich gemacht werden, und dass er nicht lebendig verbrannt, sondern nur lebenslänglich eingekerkert wurde, hat er wohl nur der Furcht seiner Feinde vor seiner großen Popularität zu verdanken. In der Tat suchten nicht nur die hervorragendsten Männer und Frauen in Rom, sondern Aufgeklärte unter allen Nationen die Bekanntschaft des Verfassers des "Geistlichen Führers" zu machen, obgleich er nichts anderes lehrte, als was vor ihm schon viele andere Mystiker und christliche "Heilige", St.Bonaventura, St.Theresa, Johann vom Kreuz, St.Franciscus von Sales und zahlreiche andere gesagt hatten. Der "Geistliche Führer" wurde anfangs sogar von fünf hervorragenden Doktoren der Theologie, wovon vier Inquisitoren waren, geprüft und "approbiert" (gutgeheißen) und allgemein in Kirchen, Klöstern und Schulen eingeführt. In Neapel allein soll Molinos, nach der Aussage von Bischof Gilbert Burnet, mehr als 20'000 Anhänger gehabt haben. "Dieser Molinos", sagt der Bischof, "hat ein Buch geschrieben, in welchem er lehrt, dass wir bei unsern Gebeten und Andachtsübungen unser Gemüt von allem Irdischen ganz abwenden, und dabei alles eigene Wollen und Tun unterlassen sollen, damit Gott in uns durch seinen Geist und seine Kraft wirken kann. Aber die Jesuiten sind sehr gegen ihn aufgebracht, weil sie finden, dass diese Lehren die Macht des Reiches, welches der Aberglaube errichtet hat, schwächen wird, indem sie die Religion aus einem sehr komplizierten System zu einem sehr einfachen Dinge machen, das sich jeder ohne Kosten verschaffen kann. Deshalb klagen sie ihn der Ketzerei an, und suchen den Papst, der von der Sache wenig versteht, aber sehr für die Heiligkeit von Molinos eingenommen ist, gegen ihn aufzubringen." Tatsächlich wurden die Anhänger von Molinos weniger oft in den Kirchen gesehen und waren weniger bereit, Geld für Messen zu bezahlen oder ihr Vermögen der Kirche zu opfern. Dieser Zustand konnte nicht langer geduldet werden. Wenn die Menschen direkt zu Gott gingen, anstatt die Vermittlung der Priester zu suchen, so würde das Einkommen der Kirche bedeutend darunter leiden. Deshalb wurde Alarm geschlagen und gesagt, dass die Religion (welche das Volk so leicht mit kirchlichen Interessen verwechselt) in Gefahr sei, und durch den Einfluss des Kardinals d'Estrües, welcher hiezu von König Louis XIV. von Frankreich beauftragt war, wurde Molinos gefangen gesetzt und verfiel der Inquisition. Zu den Anhängern von Molinos gehörte unter andern die Königin Christina von Schweden. Hätte sie dessen Lehre richtig verstanden, so hätte sie nicht aus Eigenwillen ihrer Krone entsagt und ihre Religion geändert, sondern die ihr von Gott auferlegten Pflichten erfüllt, und sich dadurch ein lächerliches Ende erspart. Wer dem Irdischen entsagen will, muss vor allem über seine eigenen persönlichen Wünsche und Begierden erhaben sein. Die Thronentsagung Christinas war kein von Gott gefordertes Opfer, sondern eine selbstgefällige Spielerei. (Es wäre hier besser, man würde dem Urteil Gottes nicht vorgreifen. Anm.d.Verlags.) Vor seiner Gefangennahme hatte Molinos unzählige Freunde, die ihn zum Himmel erhoben; aber als die "heilige Inquisition" ihn mit ihrem schleimigen Polypenarm erfasst hatte, gab es nur mehr wenige, die den Mut hatten, für ihn aufzutreten. Papst lnnocenz XI. war 70 Jahre alt, kränklich, misstrauisch und machtlos. Zahlreiche Anhänger von Molinos wurden eingekerkert und gingen in den Kerkern zugrunde. Viele wurden durch die Folter zu angeblichen Geständnissen gezwungen und an den Galgen oder die Galeeren gesandt. Die Gefängnisse waren überfüllt, und die Inquisitoren hatten sogar die Frechheit, den Papst selbst, dessen freundliche Gesinnung gegen Molinos bekannt war, der Ketzerei zu verdächtigen, und eine Kommission an Ihn zu senden, um gegen ihn, nicht in seiner Eigenschaft als Nachfolger von St. Peter, sondern als Benedikt Odescalchi, eine Untersuchung einzuleiten. Endlich, nachdem Molinos 22 Monate lang in einem engen Kerker geschmachtet hatte und mehrfach gefoltert worden war, mit der Absicht, Geständnisse zu erzwingen, und nachdem man alle möglichen Mittel angewandt hatte, um wenigstens den Anschein einer Schuld gegen ihn aufzubringen, wurde er vor das Gericht der Inquisition gebracht, um sein Urteil zu hören. Am Morgen des 3. Sept. 1687 war die Kirche Santa Maria Sopra Minerva in Rom schon frühzeitig mit Zuschauern überfüllt. Die Logen waren von den Vornehmen und Prälaten in Besitz genommen. Das Kardinalskollegium, der General der Inquisition und seine Beamten hatten auf einer erhöhten Bühne Platz genommen. Man kämpfte um Einlass; denn schon mehrere Tage vorher hatte man dem Volk verkündigt, dass jeder, der dieser Zeremonie des auto da fè beiwohnen würde, einen 15-Jährlgen Ablass aus dem Fegefeuer erhalten werde. Seidene Gewänder rauschten und Fächer bewegten sich; es war ein Jubelfest des Pfaffentums, wie es die Leute nicht mehr gesehen hatten seit dem Tage, als die Kirche Ihren Triumph über die Lehre Galileos, von der Drehung der Erde, gefeiert hatte. Begrüßungen wurden unter Bekannten ausgetauscht, Witze gerissen, neue Bekanntschaften angeknüpft, Höflichkeiten und Schmeicheleien gewechselt, und der eigentliche Grund der Zusammenkunft beinahe vergessen. Plötzlich verstummte alles, die Fächer hörten auf zu spielen und alle Blicke waren auf eine Seitentüre neben der Bühne gerichtet. Ein ältlicher Mönch, von einem Kerkermeister begleitet, trat ein und näherte sich mit ruhigem Schritt der Bühne. Seine Hände waren vor seiner Brust gefesselt und in einer derselben hielt er eine brennende Kerze. Ohne ein Zeichen der Erregung nahm er den ihm angewiesenen Platz vor den Kardinälen und den Groß-lnquisitoren ein. Molinos, auf den nun alle Blicke gerichtet waren, war ungefähr 60 Jahre alt, von stattlicher Gestalt und würdevollem, ja majestätischem Äußern. Ein Ausdruck von Resignation war auf seinem Gesichte zu lesen. Er trug das Kleid des Ordens, dem er angehörte, und der beschmutzte und zerrissene Zustand, in dem sich dasselbe befand, zeugte davon, dass es ihm während seiner fast zweijährigen Kerkerhaft nicht gestattet worden war, dasselbe zu wechseln. Seine Bloßstellung schien keinen andern Eindruck als den des Mitleids mit seinen Verfolgern auf ihn zu machen. Sein Gesichtsausdruck sagte mit mehr Beredsamkeit, als Worte es hätten ausdrücken können: "Die ist die Stunde, in der die Dummheit mächtig ist." Die ganze Szene wird von Estiennat, der als Zuschauer gegenwärtig war, genau beschrieben. Folgendes ist nur ein Auszug aus seiner Beschreibung: "In der Kirche war kein Platz mehr zu finden. Wir zählten über 50 Logen, die mit Herren und Damen aus dem Adel gefüllt waren. Die übrigen wurden von Prälaten, Geistlichen, Seminaristen u.dgl. in Besitz genommen. Molinos stand vor dem Obertribunal der Inquisition und den Kardinälen. In seinen gefesselten Händen hielt er eine brennende Kerze. Neben ihm stand ein Wachmann, der ihm von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirne wischte. Von der Kanzel in seiner Nähe las ein Dominikanermönch mit lauter Stimme die gegen Molinos vorgebrachten Anschuldigungen. Dies dauerte ungefähr drei Stunden; dennoch' zeigte der Gesichtsausdruck von Molinos keine Veränderung und er verlor auch seine Ruhe nicht, als mehreremale während des Vorlesens die Menge in den Ruf ausbrach: "Zum Feuer: zum Feuer:" (fuoco, fuoco). Er beugte nicht einmal das Haupt, als die Namen von Jesus und Maria erwähnt wurden. Die meisten der gegen Molinos vorgebrachten Beschuldigungen, nämlich 86 Punkte der Dogmatik und andere persönliche Verdächtigungen, sind geradezu lächerlich. So wurde er z.B. angeklagt, in 22 Jahren nicht gebeichtet zu haben, weil er angeblich sich keiner Sünde bewusst sei. Ferner soll er den Freitag nicht immer als Fasttag beachtet, seinen Jüngern Voraussagungen gemacht und einem derselben ein Kleidungsstück mit dem Bemerken geschenkt haben, er solle es aufbewahren, da es nach seinem Tode als eine Reliquie Wert haben werde. Weiter hiess es, dass er zwei Damen geküsst und dass er einmal gesagt hätte, die heilige Inquisition hätte nicht Verstand und Erfahrung genug, um seine Schriften zu verstehen." Es wäre eine Verschwendung von Zeit und Papier, heute die 86 Punkte der Dogmatik, gegen die Molinos verstoßen haben sollte, wieder zu besprechen. Sein angeblicher "Widerruf" bestand darin, dass er sagte, er erkenne, dass die heilige Inquisition mächtiger sei als seine Lehren, und dass er sich der Kirche in allen Dingen unterwerfe. Er wurde hierauf dazu verurteilt, für den Rest seines Lebens in einer kleinen Kammer (in piccola camera) eingesperrt zu werden, das Büßerkleid mit dem Zeichen des Kreuzes zeitlebens zu tragen, das apostolische Glaubensbekenntnis täglich und den dritten Teil des Rosenkranzes in jeder Woche laut abzubeten, viermal des Jahres zu beichten und mit Erlaubnis des Beichtvaters die "Kommunion" zu empfangen. So endete diese Tragikomödie. Alle seine Schriften wurden verboten und verdammt. Nachdem das Urteil gesprochen war, wurde Ihm das Ordenskleid abgenommen und das Büßergewand angezogen. Dann führte man ihn vor die Beamten der Inquisition, vor welchen Molinos angeblich seine Irrtümer widerrufen haben soll, und dann in den Kerker der Inquisition, den er nicht mehr verließ, bis nach 10 Jahren der Tod seinen Leiden ein Ende machte. Die Entscheidung des Inquisitionsgericht wurde vom Papst Alexander V111. sogleich bestätigt. Die ganze Lehre von Michael de Molinos handelt von nichts anderem, als von einer Ergebung in den göttlichen Willen, d.h. nicht eine Ergebung in ein unbekanntes Nichts, sondern ein Aufgehen des persönlichen Willens im selbstbewussten Willen der Gottheit, die ohne jede menschliche Beihilfe in einem liebevollen und geläuterten Herzen sich offenbart. Da aber nur wenig Menschen geneigt sind, den ersten Schritt zu dieser innerlichen Vereinigung zu machen, und die erste und unerlässliche Bedingung zu erfüllen, ohne welche der Wille Gottes in uns nicht zu unserem Bewusstsein kommen, und keine innerliche Erleuchtung stattfinden kann, so werden auch die Lehren von Molinos heute noch so wie damals von vielen, die für seine Anhänger gelten, verkehrt aufgefasst. So hat sich unter seinen angeblichen Nachfolgern eine Sekte von "Quietisten" gebildet, welche meinen, man brauche auch in äußerlichen Dingen nichts zu tun und die Hände nicht zu rühren, sondern könne alles getrost "Gott", den man nicht kennt, überlassen. Dieser Irrtum hat seinen Ursprung darin, dass die meisten Menschen Gott für ein äußerliches, unbekanntes, fernstehendes Wesen halten, welches sozusagen die Oberaufsicht über alles führt und die Geschäfte der Menschen besorgt, anstatt dass sie in ihm das Gesetz erkennen, welches in ihnen selbst offenbart werden soll, damit sie als bewusste Werkzeuge, und in Übereinstimmung mit der göttlichen Natur den Willen Gottes ausführen können. Niemand kann sich in einen göttlichen Willen ergeben, den er nicht kennt; auch teilt Gott den Menschen seinen Willen nicht durch äußerliche Befehle und Anordnungen mit. Wo aber der Eigensinn des Menschen schweigt und die Seele, von allen irdischen Begierden frei, sich zum Ewigen erhebt, da wird der göttliche Wille offenbar. Den Weg hiezu hat uns Molinos in seinem "Geistlichen Führer" gezeigt. Der Weg zum inneren Frieden ist, in allen Dingen nach dem Gefallen und der Weisung des göttlichen Willens zu leben. (In allem sollen wir unseren Willen dem göttlichen Willen unterwerfen, denn darin besteht der Friede unseres Willens, dass er in allen Stücken dem göttlichen Willen gehorsam ist / Hugo Cardinalis in Psalm 13).Diejenigen, welche wünschen, dass alle Dinge gut und nach ihrer eigenen Lust ausfallen, sind nicht zur Erkenntnis dieses Weges gekommen. (Sie haben den Weg zum Frieden nicht erkannt / Psalm 13). Und deshalb führen sie ein raues und bitteres Leben, immer ruhelos und verdrossen, ohne den Weg des Friedens zu betreten, welcher in vollkommener Ergebung in den Willen Gottes besteht. Diese Ergebung ist das süße Joch, welches uns in die Regionen innerer Ruhe und Heiterkeit einführt. Hieraus können wir entnehmen, dass die Widerspenstigkeit unseres Willens der Hauptgrund unserer Ruhelosigkeit ist; und dass, weil wir uns dem süßen Joche des göttlichen Willens nicht fügen wollen, wir so viele Bedrängnisse und Aufregungen erdulden müssen. O Seele: wenn wir unseren eigenen dem göttlichen Willen unterordneten und alles seiner Führung überließen, welch eine Ruhe würden wir empfinden: welch süßen Frieden; welch innere Heiterkeit: weiche wahrhafte Seligkeit und Überschwängliches Glücksgefühl.' Dieses soll daher der Hauptgedanke dieses Buches sein. Möge mir Gott sein göttliches Licht dazu geben, die Geheimnisse dieses inneren Weges und die süße Wonne des vollkommenen Friedens zu enthüllen.
V o r w o r t
VON DER DUNKELHEIT, DORRE UND DEN
VERSUCHUNGEN,
WODURCH GOTT DIE SEELE REINIGT, UND VON DER INNERLICHEN SAMMLUNG. Damit Gott in der Seele ruhen kann, muss das Gemüt in allem
Ungemach, Versuchungen und Leiden in Ruhe erhalten werden. Du sollst wissen,
dass deine Seele das Zentrum, die Wohnung und das Königreich Gottes ist. Damit
nun der Beherrscher dieses Reiches auf dem Throne deiner Seele ruhen kann,
solltest du dich bemühen, denselben rein, ruhig, leer und friedvoll zu
erhalten; rein von Schuld und Fehlern; ruhig vor Befürchtungen; teer von
Leidenschaften, Begierden, Vorstellungen und friedvoll in Versuchungen und
Trübsalen. Du sollst dein Herz daher stets in Frieden erhalten, damit
der Tempel Gottes rein bleibt und sollst mit einem rechten und reinen Vorsatz
arbeiten, beten, gehorchen und dulden, ohne im mindesten beunruhigt zu werden,
bei allein, was Gott gefällt, dir zu schicken. Denn sicherlich wird Gott dem
neidischen Erzfeind zulassen, die Stadt des Friedens und den Thron der Seele
durch Versuchungen, Einflüsterungen und Beschwerden zu beunruhigen,
vermittelst der Kreaturen, durch quälende Sorgen, kränkende Verfolgungen usw.
Sei standhaft und gefassten Sinnes, was für Pein solche Leiden dir auch
bereiten mögen. Unterziehe dich ihr willig, damit du sie zu überwinden
vermagst, denn die göttliche Kraft ist in ihr verborgen, welche dich
verteidigt, beschützt und für dich kämpft. Wenn jemand eine sichere Burg
besitzt, so ist er nicht beunruhigt, obgleich ihm seine Feinde nachstellen,
weil deren Absichten vereitelt werden, da er sich ja in die Burg zurückziehen
kann. Die starke Festung, welche dich über alle deine sichtbaren und
unsichtbaren
Feinde, wie über deren Ränke und Kränkungen triumphieren lassen wird, befindet
sich in deiner eigenen Seele, weil in ihr die göttliche Hilfe und des Herrn
stand wohnt. Ziehe dich in sie zurück und alles wird ruhig, sicher und
friedevoll sein. Es sollte dein vornehmstes und unausgesetztes
Bestreben
sein, jenen Thron deines Herzens zu beruhigen, damit der höchste Herrscher darauf
verweilen kann. Der Weg da zu wird sein, in dich selbst, durch innerliche
Sammlung, einzukehren; dein ganzer Schutz soll das Gebet und eine liebreiche
Sammlung in der göttlichen Gegenwart sein. Wenn du dich heftiger angegriffen
siehst, ziehe dich in jene Region des Friedens zurück, wo du die Festung finden
wirst. Wenn du dich schwächer fühlst, nimm deine Zuflucht zum Gebet, der
einzigen Waffe zur Überwindung des Feindes und zur Linderung der Trübsal. Du
solltest im Sturm nicht fern von ihm sein, damit du, ein zweiter Noah, Ruhe,
Sicherheit und Klarheit erfahren kannst, und damit dein Wille gelassen,
ergeben, friedfertig und mutig zu werden vermag. Sei endlich nicht bekümmert noch entmutigt, wenn du dich
kleinmütig siehst. Er kehrt wieder zu dir zurück, um dich zu besänftigen, damit
er dich aufs neue bewegen (anfeuern) kann, weil der göttliche Herr mit dir
allein sein will, um in deiner Seele zu ruhen und darin einen reichen Thron des
Friedens zu errichten, damit du in deinem eigenen Herzen, vermöge innerlicher
Sammlung und durch seine himmlische Gnade, nach Stille in Erregung, Einsamkeit
in Gesellschaft, Licht in Dunkelheit, Vergessenheit in Bedrückungen, Stärke in
Verzagtheit, Mut in Furcht, Kraft in Versuchung, Friede im Streit und Ruhe in
Trübsal ausblicken kannst. Teil I Kapitel II - Wenn sich die Seele auch von der eigenen
Verstandestätigkeit
ledig fühlt, sollte sie doch im Gebet ausharren und nicht bekümmert sein, weil
dies ein Größeres Glück für sie ist.
Du wirst dich, gleich allen anderen Seelen, welche vom Herrn
zu dem inneren Wege berufen sind, voll Verwirrung und Zweifel finden, weil du
im Gebet der Unzulänglichkeit deiner Verstandeskraft gewahr geworden bist. Es
wird dir scheinen, dass Gott dir nicht mehr wie früher beisteht; dass die
Ausübung des Gebets nicht in deiner Macht steht; dass du lange säumst, bevor du
mühsam und mit vieler Schwierigkeit ein einziges kurzes Gebet, wie du gewohnt,
sprechen kannst. Dieser Mangel, dich In verstandesmäßiger Überlegung zu
ergehen, wird in dir große Verwirrung und Unruhe hervorbringen: Und wenn du in
solch bedenklicher Lage nicht einen geistlichen Vater hast, der erfahren ist
auf dem mystischen Wege, wirst du gewiss glauben, dass deine Seele in Unordnung
sei und du zum Schutze deines Gewissens einer Beichte bedürfest. Damit
erreichst du aber nichts als Scham und Bestürzung. Ach, wie viele Seelen sind
zu dem Inneren Wege berufen, und werden durch die geistlichen Väter, aus Mangel
an Verständnis, auf ihrer Bahn gehemmt und ins Verderben geführt, anstatt von
ihnen geleitet und vorwärts gebracht zu werden! Um nicht abfällig zu werden,
wenn du im Gebete des eigenen Denkens und Erwägens ermangelst, solltest du
davon
überzeugt sein, dass dies dein größtes Glück ist, weil es klar bezeugt, dass
der Herr dich durch Glauben und Stillschweigen in seine göttliche Gegenwart
kommen lassen will, was der nützlichste und leichteste Pfad ist. Bedenke doch,
dass die Seele mit einfältigem Hinschauen oder innigem (liebevollem)
Aufhorchen auf Gott, gleich einem demütigen Bittsteller vor ihrem Herrn
erscheint, oder wie ein unschuldiges Kind, welches sich an den süßen und
sicheren Busen seiner treuen Mutter wirft. Gerson drückte dies so aus:
"Obgleich ich 90 Jahre mit Lesen und im Gebet verbracht habe, konnte ich
doch niemals etwas Wirksameres noch Kürzeres ausfindig machen, um zur
mystischen Theologie (Theosophie) zu gelangen, als dass unser Geist in Gottes
Gegenwart gleich einem kleinen Kinde oder einem Bettler werden sollte." Diese Art zu beten Ist nicht allein die leichteste, sondern
auch die sicherste, weil sie von der Tätigkeit der Vorstellung, welche immerdar
den Fallstricken des Bösen ausgesetzt ist, sowie von den Übertreibungen der
Schwermut und Grübelei, worin sich die Seele leicht verfängt und (in
Spekulation vertieft) über sich selbst nachbrütet, entbunden ist. Als es Gott
gefiel, seinen Feldherrn Moses (2.Mose Kap.24) zu unterweisen, und ihm die zwei
in Stein geschriebenen Gesetzestafeln zu übergeben, berief er ihn auf den
Berg, welcher zu der Zeit, da Gott mit Moses dort verweilte, verfinstert und
mit dicken Wolken umhüllt war. Nachdem Moses sieben Tage hindurch, ohne zu
wissen was er denken und sprechen sollte, untätig gewartet hatte, befahl ihm
Gott, auf den Gipfel des Berges hinaufzusteigen, wo er ihm seine Herrlichkeit
enthüllte und reichen Trost spendete. So lässt Gott, wenn er nach einer außergewöhnlichen
Leitung, die Seele in die Schule der göttlichen und liebevollen Belehrung über
das innere Leben einführen will, die se in Dunkelheit und Dürre wandeln, damit
er sie näher zu sich heraufzuziehen vermag. Denn die göttliche Herrlichkeit
weiß sehr wohl, dass eine Seele nicht durch eigene Entschließung zu ihm
empordringt, sondern durch ruhige und demütige Ergebung. Der Patriarch Noah gab
hierfür ein bedeutsames Beispiel. Er wurde von allen Menschen als Narr
angesehen, weil er inmitten des tosenden Meeres, welches die ganze Erde
überflutete, ohne Segel und Ruder schwamm. Von wilden Tieren umgeben, welche in
der Arche eingeschlossen waren, zog er durch seinen Glauben allein hinaus, ohne
zu wissen, was Gott mit ihm zu tun gefallen würde. Was dir vor allem frommt, o freigewordene Seele, das ist
Standhaftigkeit, nicht abzulassen vom begonnenen Gebet, obgleich du dabei dein
eigenes Denken beherrschen musst. Verharre In festem Glauben und heiligem
Frieden, deinem Ich mit all seinen natürlichen Bestrebungen absterbend, im
Vertrauen, dass Gott, weicher unveränderlich derselbe bleibt, niemals irren
kann und nur dein Bestes im Auge hat. Es Ist klar, dass derjenige, welcher sich
selbst abstirbt, dies notwendigerweise schmerzlich empfinden muss. Aber wie
wohl ist die Zeit angewendet worden, wenn die Seele tot, stumm und ergeben in
Gottes Gegenwart ist, um ohne Unruhe und Zerstreutheit die himmlischen
Eingebungen zu empfangen. Die Sinne sind für die göttlichen Gnadengaben nicht
empfänglich; willst du daher weise und glücklich sein, so sei still und
beständig, glaube und dulde, und schreite vertrauensvoll vorwärts. Es ist dir
weit besser, Frieden zu halten und dich von Gottes Hand führen zu lassen, als
dich aller Güter dieser Welt zu erfreuen. Und ob es dir gleich scheinen mag,
als ob du bei alledem nichts tust und müßig bist, so ist dies doch von unendlichem
Nutzen. Schaue das blinde Tier an, welches das Rad der Mühle dreht, wie es,
ohne zu sehen oder zu wissen was es tut, doch ein nützliches Werk mit dem
Mahlen des Kornes verrichtet. Wenn es auch nicht davon kostet, so empfängt
doch sein Herr die Frucht und genießt von ihr. Wer sollte, während der langen
Zeit, da der Same in der Erde schlummert, nicht glauben, dass derselbe
zugrunde gegangen sei? Und doch sieht man die Saat nachher aufgehen, wachsen
und sich vermehren. Das gleiche lässt Gott mit der Seele geschehen, wenn er ihr
das eigene, überlegende Denken nimmt. Während sie glaubt, müßig und gleichsam
vernichtet zu sein, kommt sie nach gewisser Zeit wieder zu sich selbst,
veredelt, frei und vollkommen, ohne jemals auf eine so große Gnadengunst gefasst
gewesen zu sein. Hüte dich darum, dich selbst zu
quälen oder abfällig zu werden, wenn du durch dein eigenes Denken dich im
Gebete nicht emporschwingen kannst. Dulde, bleibe ruhig und ergib dich in
Gottes Gegenwart. Harre standhaft aus und vertraue auf seine unendliche Güte,
welche dir stetigen Glauben, wahre Erleuchtung und himmlische Gnade zu verleihen
vermag. Wandle, gleich als ob deine Augen verbunden wären, ohne zu denken und
zu überlegen. Gib dich in seine gütigen, väterlichen Hände, mit dem festen
Vorsatz, nichts zu tun, was nicht nach seinem göttlichen Willen und Gefallen
ist.
Teil I Kapitel III - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Es ist die gemeinsame Überzeugung
aller heiligen Männer, welche über den Geist und alle anderen mystischen
Gegenstände geschrieben haben, dass die, Seele vermittelst der Betrachtung und
Verstandestätigkeit nicht zur Vollkommenheit und Vereinigung mit Gott gelangen
kann, weil diese nur am Anfange des geistigen Weges
förderlich sind, um einen gewissen Grad von Kenntnis über die Schönheit der
Tugend und die Hässlichkeit des Lasters gewinnen zu können. Dieses Wissen kann
nach der Meinung der heiligen Theresa innerhalb 6 Monaten, und gemäss des
heiligen Bonaventura in 2 Monaten erworben werden. Ach wie bedauernswert sind
in dieser Beziehung unendlich viele Seelen, welche von Beginn bis zum Ende
ihres Lebens mit bloßem Nachgrübeln beschäftigt sind, und sich ganz auf ihren
Verstand beschränken; und das obwohl der allmächtige Gott sie des eigenen
Denkens beraubt, um sie zu einem anderen Zustand zu erheben und zu einer
vollkommeneren
Art der Anbetung heimzuführen. Sie aber bleiben viele Jahre unvollkommen und
bleiben im Anfang stecken, oder kommen nur einen Schritt auf dem Wege des
Geistes voran. Sie quälen ihren Verstand mit dem Suchen nach Örtlichkeit und
Zeit, mit Einbildungen und angestrengten Erwägungen, indem sie Gott, welcher
doch in ihnen selbst wohnt, stets außerhalb suchen. Darüber beklagte sich der heilige
Augustinus, als ihn Gott auf den mystischen Weg brachte, indem er zu der
göttlichen Allmacht sprach: "Umherirrend wie ein verlaufenes Schaf,
suchte ich dich, o Herr, während du in mir selbst welltest. Ich mühte mich ab,
außen nach dir zu suchen, und doch hast du deine Wohnung in mir, wenn ich nach
dir verlange und an dich denke. Ich wanderte durch die Strassen und Plätze
dieser Welt, um dich zu suchen, und fand dich nicht, weil ich vergebens draußen
nach Ihm forschte, der doch in meinem Inneren war." Der Doktor
Angelicus, St.Thomas, mag
(ungeachtet seiner bedeutsamen Schreibweise) doch derjenigen zu spotten
scheinen, welche mit Vernunftsschlüsse immer außen nach Gott forschen, während
er doch in ihnen selbst gegenwärtig ist. Dieser Heilige sagt: "Es
herrscht eine große Blindheit und Maßlose Torheit in jenen, welche unablässig
Gott suchen, fortwährend nach Gott seufzen und Gott täglich im Gebet anrufen,
während sie (nach den Worten des Apostels) selbst der lebendige Tempel Gottes
und seine wahre Wohnung sind, da in ihrer Seele der Sitz und Thron des Höchsten
sich befindet, wo er immerwährend verweilt. Wer anders als ein Narr wird daher
nach einem Werkzeug draußen suchen,
welches er sich erinnert, Im Hause selbst eingeschlossen zu haben? Oder wer
kann sich an der begehrten Nahrung erquicken, ohne von ihr zu kosten: Gerade
so ist das Leben von einigen tugendhaften Männern, welche immer forschen und
sich des Besitzes niemals wirklich erfreuen. Deshalb Ist all ihr Tun
unvollkommen." Es ist gewiss, dass unser Herr Jesus Christus die
Vollkommenheit allen lehrte, und alle zur Vollkommenheit gelangen lassen will,
besonders die Unwissenden und Einfältigen. Diese Wahrheit bezeugte er dadurch
deutlich, dass er zu seinen Aposteln geringe und unwissende erwählte, indem er
zu seinem ewigen Vater sagte: "Ich danke dir, o Vater, Herr des Himmels
und der Erde, dass du diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und den
Kindern offenbart hast." Es ist gewiss, dass diese, wenn sie auch nicht durch scharfsinnige Überlegungen und spitzfindige Untersuchungen zur Vollkommenheit gelangen können, doch ebenso wohl wie die gelehrtesten Männer fähig sind, diese zu erwerben und zwar durch Eingabe ihres Willens, worin sie hauptsächlich besteht. Der heilige Bonaventura belehrt uns, keine Vorstellungen von irgendetwas zu bilden, auch nicht von Gott, weil es Unvollkommenheit ist, Darstellungen, Bilder und Ideen, wie fein und geistreich sie auch immer seien, entweder von dem Willen, der Güte oder von der Dreieinigkeit und Einheit zu machen; ja sogar von dem göttlichen Geiste selbst in Rücksicht darauf, dass alle diese Sinnbilder, obgleich sie Gott ähnlich erscheinen, doch nicht Gott sind, welcher über jedes Bild und Gleichnis erhaben ist. Weiter sagt der Heilige: "Wir dürfen hier nicht an
etwas Erschaffenes oder Himmlisches noch auch Göttliches denken, weil diese
Weisheit und Vollkommenheit nicht durch feines und
zielbewusstes Forschen, sondern nur durch die Sehnsucht und Hingabe des Willens
erlangt werden kann." Der heilige Mann kann nicht klarer sprechen; und
wurdest du dich beunruhigen und vom Gebet ablassen, weil du nicht weißt oder
nicht zu sagen vermagst, wie du dich darin emporschwingen kannst, obgleich du
einen guten Willen, starkes Verlangen und eine reine Absicht hast? Wenn die
jungen Raben, welche von den Alten verlassen worden sind (weil diese, da sie
keine schwarzen Federn an ihnen sahen, sie für unecht hielten), von
dem Tau des Himmels ernährt werden, damit sie nicht zugrunde gehen; was wird er
tun, um Seelen zu erlösen, obgleich sie nicht sprechen und denken können, wenn
sie nur glauben, vertrauen und ihr Antlitz zum Himmel emporwenden, um ihre
Wünsche zu verkünden? Ist es nicht gewisser, dass Gottes Güte für sie sorgen
und ihnen die notwendige Speise geben wird? Es ist offenbar ein großes Martyrium und keine
geringe
Prüfung des Herrn für die Seele, welche sich der früheren Sinnesfreuden beraubt
findet, mit innigem Glauben allein, die dunklen und verlassenen Pfade der
Vollkommenheit
zu wandeln, weiche sie nichtsdestoweniger niemals anders, als durch diese
schmerzvollen aber sicheren Mittel erreichen kann. Deshalb bemühe dich,
standhaft zu sein und nicht abfällig zu werden, obgleich du des eigenen Denkens
im Gebet ermangelst. So glaube zu dieser Zeit fest, sei sanft und gelassen, und
harre geduldig aus, wenn du wünschest glücklich zu sein und zu der göttlichen
Vereinigung, erhabenen Ruhe und zum höchsten innerlichen Frieden au gelangen.
Teil I Kapitel IV - Die Seele möge sich nicht bekümmern, noch ihre
Andacht unterbrechen, weil sie eine innere Leere empfindet.
Wisse, dass es zwei Arten von Gebet gibt; die eine zart,
angenehm, köstlich und voller Empfindung, die andere düster, trocken, öde, rau
und trübe. Die erste ist die der Anfänger, die zweite diejenige der
Fortgeschrittenen, weiche der Vollkommenheit entgegengehen. Gott gibt die erste,
um Seelen zu gewinnen, die zweite, um sie zu läutern. Mit der ersten behandelt
er sie gleich Kindern, mit der zweiten beginnt er mit ihnen wie mit starken
Männern umzugehen. Der erste Weg kann als das sinnliche Leben
betrachtet werden,
und gehört zu jenen, welche den Pfad der gefühlten Hingebung wandeln, die Gott
den Anfängern zu verleihen pflegt, damit sie, erfüllt mit einem kleinen
Vorgeschmack
(wie der natürliche Mensch mit dem fühlbaren Gegenstand), sich selbst dem
geistigen Leben widmen mögen. Die zweite wird das Leben des Menschen genannt
und bezieht sich auf jene Menschen, welche gleichgültig gegen sinnliche
Genüsse, ihre eigenen Leidenschaften bekämpfen, damit sie sich Vollkommenheit,
das wahre Ziel des Menschen, zu erringen vermögen. Sei überzeugt, dass die innere Trockenheit und Leere das
Mittel zu deiner Glückseligkeit ist, weit sie nichts anderes als ein Mangel an
Empfindlichkeit Ist. Denn der Mangel an Empfindlichkeit tut dem Aufschwung
fast aller geistig strebenden Menschen Einhalt, und verleitet sie sogar,
abfällig zu werden und vom Gebet abzulassen, wie an vielen Seelen, welche nur
ausharren, solange sie merkliche Tröstung fühlen, gesehen werden kann. Wisse,
dass der Herr sich des Schleiers der Gefühllosigkeit bedient, um nur sein
inneres Wirken nicht wahrnehmen zu lassen, damit wir demutsvoll bleiben; weil
sich, wenn wir fühlten und wüssten, was er in unseren Seelen schafft,
Genügsamkeit und Eigendünkel in uns einschleichen würden, indem wir uns einbildeten,
irgend ein gutes Werk zu vollbringen und uns Gott sehr nahe glauben würden, was
unser Verderben wäre. Präge dir als einen festen Grund in dein Herz ein, dass,
um den inneren Weg zu beschreiten, zuerst alle Empfindlichkeit ausgetilgt werden
muss. Das Mittel, welches Gott hiezu anwendet, ist die innere
Empfindungslosigkeit. Dadurch nimmt er auch die Fähigkeit der Seele hinweg,
ihre inneren Vorgänge zu beobachten. Denn das ist etwas, das ihre Fortschritte
versperrt und Gott daran hindert, sich ihr mitzuteilen und in ihr zu wirken.
Du solltest dich deshalb nicht betrüben noch glauben, dass du keine Früchte
einerntest, wenn du nach einer Kommunion oder Andacht nicht viele Empfindungen
in deiner Seele wahrnimmst. Denn es ist dies eine offenbare
Täuschung. Der Ackermann sät zu seiner Zeit und erntet In einer andern. So wird
dir Gott bei Gelegenheit und zu seiner eigenen, ihm passenden Zeit beistehen,
Versuchungen zu widerstehen und dir, wenn du es am wenigsten denkst, heilige
Vorsätze und wirksame Wünsche für seinen Dienst geben. Damit du dich nicht durch die heftige Einflüsterung des Feindes verführen lässest, welcher dich
neidvoll zu überreden sucht, nichts zu tun, und Zeit zu vergeuden, und das
Gebet zu vernachlässigen, will ich dir einige von den unendlichen Früchten vor
Augen führen, welche deine Seele aus jener großen inneren Leere erntet: Das erste ist, im Gebet auszuharren, Frucht viele andere
Vorteile entspringen. 2) Du wirst einen Ekel an weltlichen
Dingen empfinden, welcher sich allmählich auf die Ertötung der üblen Begierden
des früheren Lebens richtet, und andere neue Wünsche zum Dienste Gottes
erzeugt. 3) Du wirst über viele Fehler
nachdenken, an die du früher nicht gedacht hast. 4) Du wirst, im Begriff etwas Böses
zu tun, einen Widerwillen in deinem Herzen empfinden, welcher dich von der
Ausführung desselben und zu anderer Zeit von Sprechen, Klagen und Rachgier
zurückhält. Dies wird dich von einigen irdischen Genossen abziehen, oder von
dieser und jener Gelegenheit und Unterhaltung, der du dich früher arglos,
unbedenklich und ohne die geringsten Gewissensbisse hingegeben hast. 5) Wenn du durch Schwachheit in
einen leichten Fehler verfallen bist, wirst du einen Tadel darüber in deiner
Seele empfinden, welcher dich außerordentlich bekümmern wird. 6) Du wirst in dir den Wunsch
fühlen, zu dulden und Gottes Willen zu tun. 7) Du erhältst ein Gefallen an der
Tugend, Größere Leichtigkeit in der Selbstüberwindung, Beherrschung der
Leidenschaften und der auf deiner Bahn dich hindernden Feinde. 8) Du wirst dich besser von welcher
erkennen lernen und voller Scham über deine eigene Unvollkommenheit, eine hohe
Ehrfurcht vor Gott in dir fühlen. Auch eine Geringschätzung der Kreaturen, und
einen festen Entschluss, nicht vom Gebet abzulassen, obgleich du weißt, dass
es dir ein sehr qualvolles Martyrium bereitet. 9) Du wirst in deiner Seele einen
Größeren Frieden gewahren, Liebe zur Demut, Vertrauen auf Gott,
Selbstverleugnung
und Absonderung von alten geschaffenen Wesen. Schließlich wirst du erkennen,
dass die Sünden, welche du nun unterlassen kannst, ebenso viele Kennzeichen
sind, dass der Herr in deiner Seele (obgleich du es nicht weißt) vermittelst
des empfindungslosen Gebets wirkt; wenn du es auch nicht fühlst während dem Gebet.
Du wirst es aber dann erfahren, wenn er es für gut hält. Alle diese und viele andere Früchte
entspringen aus dem Gebet, welches du aufgeben möchtest, weil es dir nicht
fruchtbringend zu sein scheint, und du keinen Vorteil daraus erwachsen siehst.
Sei standhaft und harre geduldig aus, denn deine Seele hat dadurch lauter
Gewinne, wenn du es gleich nicht weißt. Es soll nicht gesagt werden, dass die Seele träge ist, wenn
der Heilige Geist in ihr wirksam ist, auch wenn sie nicht tätig eingreift.
Überdies ist sie nicht ganz untätig, indem sie wirkt, obgleich nur geistig,
voller Einfalt und Innigkeit. Denn auf Gott zu hören, sich ihm zu nähern,
seinen inneren Weisungen zu folgen, seine göttlichen Einflüsse in sich
aufzunehmen, ihn in seinem eigenen inneren Zentrum anzubeten, mit frommer
Hingabe des Willens ihn zu verehren, so vielerlei phantastische Einbildungen
beiseite zu werfen und mit Milde und Verachtung so viele Versuchungen zu
überwinden; all dies, sage ich, sind wahre Handlungen, obgleich einfach, ganz
geistig und gewissermaßen unwahrnehmbar, durch die große Ruhe, mit welcher sie
die Seele ausübt. Teil I Kapitel V - Die Seele darf nicht unruhig werden, wenn sie sich
von Finsternis umfangen sieht, weil dies ein Mittel zu ihrer Größeren
Glückseligkeit Ist.
Es gibt zwei Arten von Finsternisse
die einen sind Glück,
die andern zum Unglück. Die ersten sind solche, welche aus der Sünde entstehen
und Unheil bringen, weil sie die Seele zu einem ewigen Abgrunde führen. Die
zweiten sind diejenigen, welchen der Herr gestattet in die Seele einzudringen,
um in ihr die Tugend zu begründen und zu entwickeln; und diese sind
glückbringend, well sie die Seele erleuchten, stärken und ihr höhere
Erleuchtung bringen. Du solltest dich deshalb nicht bekümmern und ängstigen,
noch trostlos sein, dass du dich von Dunkelheit umgeben findest, in der
Meinung, dass Gott dich verlassen habe, weil du das Licht, welches du früher
empfunden, nicht mehr findest. Du solltest vielmehr gerade jetzt beständig im
Gebet verharren, da es ein deutliches Zeichen ist, dass Gottes unendliche
Barmherzigkeit dich auf den inneren Pfad und den segensreichen Weg zum
Paradiese zu führen sucht. O wie glücklich wirst du sein, wenn du die
Dunkelheit mit Frieden und Ergebenheit aufnimmst. Denn sie ist das Mittel, um
zu einem stetigen, vollkommenen, wahren Licht und zu allem geistigen Gut zu
gelangen. Wisse denn, dass der geradeste, beste und sicherste Weg für
Fortgeschrittene der Pfad der Finsternis ist, weil der Herr seinen Thron in ihr
aufrichtete, wie geschrieben steht: Und dicke, schwarze Wolken umhüllten den
Ort, wo er sich verborgen hatte (Ps.18,12). Denn durch Dunkelheit flammt das
übernatürliche Licht, welches Gott in der Seele entzündet, empor und vergrößert
sich. In der Dunkelheit werden Weisheit und Liebe geboren; in ihr wird die
Seele vernichtet und werden die Elemente verzehrt, welche die richtige
Anschauung der göttlichen Wahrheit hindern. Auf diese Weise führt Gott die
Seele durch den inneren Weg zum Gebete Innerer Ruhe und vollkommener
Beschaulichkeit, von welcher so wenige Erfahrung erlangt haben. Endlich
läutert Gott durch Finsternis die Sinne und das Gefühl, welche den mystischen
Fortschritt verhindern. Siehe jetzt, ob die Finsternis nicht schätzenswert und
aufnahmewürdig ist. In ihr solltest du glauben, vor dem Herrn in seiner
heiligen Gegenwart zu stehen. Aber du solltest es mit sanfter und stiller
Aufmerksamkeit tun, und nicht nach Feinheiten, Zärtlichkeiten oder sinnlichen
Andachtsübungen suchen, noch irgendetwas tun, was nicht nach Gottes Willen und
Gefallen ist. Andernfalls würdest du dich während deines ganzen Lebens nur im
Kreise herum bewegen und keinen Schritt zur Erreichung der Vollkommenheit tun.
Teil I Kapitel VI - Damit die Seele den höchsten inneren Frieden
erlangen kann, ist es nötig, dass Gott sie nach seiner Art läutert, weil die Übungen
und Kasteiungen, welche sie aus eigener Kraft vornimmt, nicht genügend sind.
Sobald du dir fest vornimmst, deine äußeren Sinne zu
ertöten, damit du dich zu dem erhabenen Reiche der Vollendung und Vereinigung
mit Gott emporschwingen kannst, wird die göttliche Allmacht zur Läuterung
deiner üblen Neigungen, unbeherrschten Begierden, eitler Genussucht,
Selbstliebe, Stolz und anderen verborgenen Lastern schreiten,
welche du nicht kennst, die aber doch im Innern deiner Seele wohnen und die göttliche
Vereinigung verhindern. Du wirst niemals zu diesem glücklichen Zustande
gelangen,
wenn du dich auch mit äußerlichen Taten der Abtötung und Entsagung abquälst,
bis dein Herr dich innerlich reinigt und dich auf seine eigene Weise erzieht, weil
er allein weiß, wie die verborgenen Untugenden auszurotten sind. Wenn du
standhaft ausharrst, wird er dich nicht allein von der Liebe und
Anhänglichkeit an natürliche und zeitliche Güter befreien, sondern dich zu seiner Zeit auch läutern von den übernatürlichen und erhabenen Gütern, als da
sind innerliche Mitteilungen, Verzückungen, Begeisterung und andere von Gott
verliehene Gnadengaben, damit die Seele zur Ruhe und Freude gelangen kann. Dieses alles wird der Herr durch das Kreuz und die innere
Leerheit in deiner Seele bewirken, wenn du durch freiwillige Übergabe deine
Zustimmung zu erkennen gibst, diesen dunkeln und öden Pfad zu beschreiten. Doch
darfst du dabei nichts aus deinem eigenen Willen tun. Die Unterwerfung deiner
Freiheit ist es, was du vollbringen solltest, dass du eine stille
Selbstverleugnung in allen Dingen Obst. Dadurch wird es der Herr für gut
halten, dich innerlich und äußerlich absterben zu lassen, weil dies das einzige
Mittel ist, durch welches die Seele für die göttlichen Einflüsse empfänglich
werden kann. Also hast du die inneren und äußeren Trübsale mit Demut, Geduld
und Ruhe zu erdulden, und brauchst dir keine Bußübungen, Geißelungen und
Qualen selber aufzulegen. Der Ackersmann legt Größeren Wert auf die
Pflanzen, weiche
er in den Boden sät, als auf die, welche von selbst aus ihm hervorsprossen,
weil diese niemals rechtzeitig zur Reife kommen. In gleicher Weise hat Gott
Größeres Gefallen an der Tugend, welche er in die Seele einsät (während sie in
stillem Frieden in ihrem eigenen Nichts ruht, zurückgezogen in ihr innerstes
Wesen und ohne jeden eigenen Willen), als an allen andern Vorzügen, weiche die
Seele durch ihre eigene Wahl und Bemühungen zu erwerben vorgibt. Es ist deshalb nur deine Aufgabe, dein Herz gleich einem
reinen Papier bereitzuhalten, damit die göttliche Weisheit Schriftzeichen nach
ihrem eigenen Belieben darauf schreiben kann.
Teil I Kapitel VII - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Nachdem du deine Zustimmung gegeben hast, so wirst du auf
andere Weise als bisher damit beginnen, das geheime und göttliche Wirken in
dich aufzunehmen, um vom Herrn geläutert und gesäubert zu werden. Das ist das
einzige Mittel, wodurch du von deiner Unwissenheit und Zerfahrenheit rein und
frei zu werden vermagst. Wisse jedoch, dass du in ein bitteres Meer von
Kümmernissen, von innerlicher und äußerlicher Pein, getaucht werden wirst. Es
sind Qualen, welche in die innersten
Teile deiner Seele und deines Körpers eindringen werden. Du wirst die Erfahrung machen, dass die Kreaturen dich
verlassen, ja sogar jene, von welchen du ein besonderes Wohlwollen und
Mitgefühl in deinen Nöten erhofftest. Die Bäche deiner Verstandesfähigkeiten
werden so ausgetrocknet sein, dass du nicht imstande sein wirst, irgendeinen
Denkprozess zu vollziehen. Es wird dir nicht einmal soviel übrigbleiben, um
einen guten Gedanken von Gott zu fassen. Der Himmel wird dir wie von Erz
erscheinen, und kein Licht wirst du von ihm empfangen. Doch wird dich der
Gedanke trösten, dass in früherer Zeit in deiner Seele viel Licht und frommer
Trost geleuchtet hat. Die unsichtbaren Feinde werden dich mit Skrupeln, lüsternen
Eingebungen und unlauteren Gedanken verfolgen, mit Verlockungen zur Ungeduld,
Stolz, Zorn, Fluchen und Lästerung des Namens Gottes, seiner Sakramente und der
heiligen Mysterien. Du wirst eine große Lauheit, Überdruss und Widerwillen
gegen göttliche Dinge empfinden; eine Dumpfheit und Dunkelheit in deinem
Verstande, einen Kleinmut, Verwirrung und Erregung des Herzens; ja eine Kälte
und Lässigkeit des Willens, Widerstand zu leisten, dass ein Strohhalm dir wie
ein Balken vorkommen wird. Deine Verlassenheit wird so groß sein, dass du
glauben wirst, es gäbe keinen Gott mehr für dich, und es sei dir unmöglich gemacht,
einen guten Wunsch zu hegen. Du wirst dahinschreiten wie von zwei Wänden
eingeschlossen, in fortwährender Angst und Not, ohne einen Hoffnungsschimmer,
jemals aus solch einer schrecklichen Bedrängnis herauszukommen. Sei jedoch ohne Furcht, da all dies notwendig ist, um deine
Seele zu reinigen. Sie muss nicht nur ihr eigenes Elend erkennen, sondern auch
die Vernichtung aller Leidenschaften und unbeherrschten Begierden empfinden,
deren sie sich ehedem erfreute. Willst du nicht endlich den Jonas der
Sinnlichkeit in das Meer werfen, damit dich der Herr nach seiner eigenen Weise
durch diese inneren Qualen zu veredeln und zu läutern vermag? mit allen deinen
äußerlichen Kasteiungen und Abtötungen wirst du niemals wahre Erleuchtung
erlangen, noch der Vollkommenheit um einen Schritt näher kommen. Du wirst im
Anfang stillstehen, und deine Seele kann nicht zu der lieblichen Ruhe und dem
höchsten innerlichen Frieden eingehen. Teil I Kapitel VIII - Die Seele soll nicht unruhig werden oder sich von
dem geistigen Wege abwenden, weil sie von Versuchungen bestürmt wird.
Unsere eigene Natur ist so verderbt, stolz und ehrsüchtig, so voll von ihren eigenen Lüsten und Meinungen, dass sie ohne
Rettung verloren sein würde, wenn Versuchungen sie nicht in Schranken hielten.
Der Herr, durch den Anblick unseres Elends und unserer verdorbenen Neigungen
von Mitgefühl bewegt, lässt uns daher von vielerlei Gedanken gegen den Glauben,
verabscheuungswürdigen Versuchungen, heftigen und qualvollen Verlockungen,
durch Ungeduld, Stolz, Völlerei, Prunksucht, Zorn, Lästerung, Fluchen,
Mutlosigkeit und eine unendliche Anzahl anderer Sünden befallen, um uns
Selbsterkenntnis und Demut zu lehren. Durch solche schreckliche Verführungen
demütigt die unendliche Güte unseren Hochmut, und gibt uns in ihnen die
heilsamste Arznei. Durch die Befleckung der Eitelkeit,
des Eigendünkels und der Selbstliebe ist all unsere Gerechtigkeit wie ein
unflätig
Kleid (Jes.69,s). Es ist nötig, dass sie durch das Feuer der Trübsal und
Versuchung gereinigt wird, um rein, lauter, vollkommen und den Augen Gottes
angenehm zu werden. Deshalb säubert der Herr die Seele, welche er beruft und
für sich haben will, mit der rauen Feile der Versuchung, wodurch er sie von
dem Roste des Stolzes, der Habsucht, Eitelkeit, des Ehrgeizes und Eigendünkels
reinigt. Mit ihr demütigt, besänftigt und lehrt er sie, ihre eigene Unvollkommenheit
zu erkennen. Durch sie läutert und entkleidet er das Herz, damit alle seine
Funktionen rein und von unschätzbarem Werte sein mögen. Viele Seelen, welche diese
schmerzhaften Qualen erdulden, geraten dadurch in Verwirrung, Betrübnis und
Unruhe,
da es ihnen scheint, als ob sie schon in diesem Leben von der ewigen Pein
betroffen würden. Und wenn sie unglücklicherweise zu einem unerfahrenen
Beichtvater kommen, wird sie dieser (statt zu trösten) in noch Größere Angst
und Unruhe versetzen. Um den inneren Frieden nicht zu verlieren, musst du
glauben, dass die Güte der himmlischen Barmherzigkeit dich in solcher Weise
demütigt, betrübt und versucht. Denn dadurch gelangt deine Seele zu einer
tieferen Erkenntnis ihrer selbst, und hält sich für die schlimmste, gottloseste
und verabscheuungswürdigste Kreatur, und verabscheut sich daher selbst in
Demut und Niedrigkeit. O wie glücklich würden die Seelen sein, wenn sie sich
mit dem Glauben beruhigen könnten, dass alle diese Versuchungen durch den
Teufel veranlasst, und aus Gottes Hand zu empfangen sind, zu ihrem Wohle und
geistigen Nutzen. Darauf wirst du erwidern, dass es
nicht des Teufels Werk sei, wenn er dich vermittelst der Kreaturen peinige;
sondern es sei dies auf die Boshaftigkeit deines Nächsten zurückzuführen, der
dir unrecht tue. Wisse, dass dies eine andere Arglist und verkappte Versuchung
ist. Denn obgleich Gott nicht die Sünde eines andern wünscht, so hat er doch
dabei seine eigene Wirksamkeit in dir. Durch die Unruhe, welche dir aus den
Untugenden eines andern erwächst, kannst du durch die segensvolle Eigenschaft
der Geduld vollkommener werden. Wird dir von jemand ein Unrecht
zugefügt, so ist dabei zweierlei zu unterscheiden: die Sünde dessen, der sie
tut; und die Strafe, welche du damit erleidest. Die Sünde ist gegen Gottes
Willen, und missfällt ihm, obgleich er sie zulässt. Die Strafe entspricht
seinem Willen und er wünscht sie zu deinem Besten. Daher sollst du sie wie aus
seiner Hand empfangen. Das Leiden und der Tod unseres Herrn Christus waren die
Folgen der Gottlosigkeit und Sünde des Pilatus; und dennoch ist es
unzweifelhaft so, dass Gott den Tod seines Sohnes um unserer Erlösung willen
wünschte. Beachte wie der Herr zum Besten
deiner Seele von den Fehlern eines andern Menschen Gebrauch macht. O Größe der
göttlichen Weisheit! Wer vermöchte die Tiefe der geheimnisvollen,
außerordentlichen Mittel und all die verhüllten Wege zu ermessen, womit Gott
die Seele leitet, welche er zu läutern, zu verwandeln und zu vergöttlichen
wünscht? Teil I Kapitel IX -
Fortsetzung
des Vorhergehenden
Damit die Seele die Wohnung des
himmlischen Königs sein kann, sollte sie rein und makellos sein. Darum läutert
sie der Herr gleich dem Golde im Schmelzofen schrecklicher und qualvoller
Versuchungen. Sicher ist es, dass die Seele niemals stärker in der Liebe, noch
auch fester im Glauben ist, als wenn sie von solchen Versuchungen bedrückt und
gepeinigt wird. Denn die Zweifel und Befürchtungen, welche die Seele befallen,
sind Kennzeichen der Liebe. Die in der Seele verbleibenden Nachwirkungen lassen
dies deutlich erkennen. Sie bestehen gewöhnlich in einem Ekel vor sich selbst,
nebst einer ungemein tiefen Anerkennung der Größe und Allmacht Gottes. Auch
erwächst daraus eine große Zuversicht auf den Herrn, dass er sie aus aller Not
und Gefahr befreien werde, sowie ein stärkeres Vertrauen in seine Stärke, weil
die Seele merkt, dass er es, ist, welcher ihr die Kraft verleiht, diese Qual
der Versuchung zu ertragen. Denn diese kommt zeitweilig mit einer solchen
Gewalt, dass es unmöglich sein würde, ihr mit eigener Kraft such nur für eine
Viertelstunde Widerstand zu leisten. Wisse daher, dass die Versuchung ein großes Glück für dich
ist. Statt daher bekümmert zu sein, solltest du dich vielmehr freuen, und Gott
für die Gnade danken, welche er dir zuteil werden lässt. Wenn du aber versucht
wirst, so verachte all die hassenswerten Gedanken mit kalter Gelassenheit.
Nichts kränkt den Teufel mehr, als sich vernachlässigt und verachtet zu sehen.
Deshalb sollst du mit ihm so verfahren, als ob du ihn nicht bemerken würdest.
Hatte fest an deinem Frieden, ohne Unwillen, ohne hin und her zu überlegen.
Denn nichts ist gefährlicher, als sich mit demjenigen in Verhandlungen
einzulassen, der darauf ausgeht, uns zu betrügen. Alle Heiligen, bevor sie zur Vollkommenheit
gelangten,
mussten durch dieses schmerzvolle Tal der Versuchung schreiten. Je Größere
Heilige sie wurden, mit um so Größeren Versuchungen hatten sie zu ringen. J a
auch nach Erlangung der Vollkommenheit, lässt sie der Herr noch von heftigen
Versuchungen befallen. Dadurch soll ihre Krone um so glänzender, und der Geist
des Hochmuts von ihnen ferngehalten werden. Gott erhält sie auf diese Weise in
der Demut und in der allezeit nötigen Wachsamkeit. Schließlich sollst du
wissen, dass die größte Versuchung die ist, o h n e Versuchung zu sein. Darum
sollst du froh sein, wenn sie dich überfällt, denn so hast du Gelegenheit, ihr
mit Ergebung, Ruhe und Standhaftigkeit entgegenzutreten. Wenn du Gott dienen
und zu der erhabenen Region des inneren Friedens gelangen willst, musst du den
rauen Pfad der Versuchung wandeln. Du sollst den glückbringenden Harnisch
anlegen, den heftigen, grausamen Krieg durchkämpfen, und in dem brennenden Ofen
dich veredeln, reinigen, läutern und erneuern lassen. Teil I Kapitel X - Erklärung des Wesens der innerlichen Sammlung und
Belehrung
der Seele über ihr Verhalten in derselben, sowie den geistigen Streit, wodurch
der Teufel sie zu dieser Zeit abzulenken versucht.
Innerliche Sammlung ist Glaube und Schweigen in Gottes
Gegenwart. Du solltest dich daher gewöhnen, in seiner Gegenwart mit
hingebungsvoller Aufmerksamkeit gesammelt zu sein, gleich einem, der Gott
ergeben und mit ihm verbunden ist. Das soll geschehen in Verehrung, Demut und
Unterwerfung, indem du ihn in dem innersten Schrein deiner Seele erschaust,
ohne Form, Gleichnis oder einer besonderen Art und Gestalt. Erschaue ihn unter
dem Bilde und der allgemeinen Natur eines lebendigen, aufdämmernden und
emporleuchtenden Glaubensgefühls, ohne irgendwelche Unterscheidung besonderer
Eigenschaften und Merkmale. Da sollst du dann mit
Achtsamkeit und innigem Aufhorchen, mit unbewegtem Ernst und voller Liebe zum
Herrn dich aufgeben und dich ihm übergeben, damit er nach Wollen und Gefallen
mit dir schalten und walten kann, ohne dass du dabei über dich selbst, noch
über das Ziel der Vollkommenheit nachdenkst. Du sollst hierbei die Sinne
verschließen, Gott mit aller Sorge um deine Wohlfahrt betrauen, und der
Angelegenheit dieses Lebens nicht mehr gedenken. Schließlich soll dein Glaube
rein sein, ohne Vorstellung, ohne Einbildung, schlicht, ohne Grübelei,
umfassend, ohne besondere Unterscheidung. Das Gebet der innerlichen Sammlung
wird gut durch jenes Ringen versinnbildlicht, welches der Patriarch Jakob die
ganze Nacht mit Gott hatte, bis der Tag anbrach und Gott ihn segnete (1.Mose
32,22-32). Darum soll die Seele ausharren, und mit den Schwierigkeiten, welche
sie in der innerlichen Sammlung findet, ringen ohne davon abzulassen, bis die
Sonne der innerlichen Erleuchtung emporsteigt und der Herr ihr seinen Segen gibt. Kaum wirst du dich dem Herrn auf diesem innerlichen Wege
hingegeben haben, als sich auch die ganze Hölle gegen dich verschwören wird.
Die Hölle führt gegen eine einzelne Seele, welche in sich selbst gesammelt ist,
einen weit hartnäckigeren Krieg, als gegen tausend andere, welche im Äußeren
wandeln; weil der Teufel bei einer solchen Seele unendlich im Vorteil ist.
Während der Zeit der Sammlung, des Friedens und der Ergebung deiner Seele, wird
Gott mehr Gewicht legen auf die mannigfaltigen, ungebührlichen, hässlichen und
beunruhigenden Gedanken, welche du in dir hast, als auf die guten Vorsätze und
hochstrebenden Empfindungen. Wisse, dass die Anstrengung, welche du aus eigener Kraft
machst, um den übten Gedanken zu widerstehen, ein Hindernis ist, und deine
Seele in noch Größere Ängste bringen wird. Das Beste, was du tun kannst, ist,
sie ruhig zu verachten, deine eigene Erbärmlichkeit zu erkennen, und all dies
Ungemach Gott voller Friede zum Opfer zubringen. Wenn du auch von der Qual der
Gedanken nicht loskommen kannst, weit sie die Schlingen des Feindes sind; wenn
du kein Licht, keine Tröstung, auch keine geistige Empfindung hast, so sei doch
nicht bekümmert, noch lasse ab von der Sammlung. Opfere dich mit alter Kraft zu
dieser Zeit auf, ertrage mit Geduld und verharre in seiner Gegenwart. Denn
wenn du auf diese Welse ausharrst, wird deine Seele innerlich fortschreiten in
der Vollkommenheit. Wenn du meinst, dass es dir an richtiger Vorbereitung
mangle, wenn du in der gleichen Weise, wie du begonnen, mit leerem Herzen vom
Gebet aufstehst, und es dir keinen Nutzen gebracht hat, so ist dies eine
Täuschung. Denn die Frucht des wahren Betens besteht nicht im Genusse des
Lichts, noch im Besitze der Kenntnis geistiger Dinge, da diese auch in einem forschenden
Verstande, ohne wirkliche Tugend und Vollkommenheit, gefunden werden können.
Sondern sie besteht allein in geduldigem Ertragen und gläubiger, stiller
Beharrlichkeit, indem du dich in Gottes Gegenwart fühlst, und dein Herz sich
mit Ruhe und Gemütsreinheit ihm zuwendet. Während du in dieser Weise ausharrst, wirst du die einzige Vorbereitung und Gesinnung haben, welche dir zu
dieser Zeit nötig [st, und wirst unfassbar reiche Früchte ernten. Bei dieser innerlichen Sammlung ist der Kampf sehr häufig
vorhanden. Dieser wird dich einerseits der Empfindung berauben, um dich zu
versuchen, zu demütigen und zu läutern; anderseits werden dich unsichtbare
Feinde mit fortgesetzten Einflüsterungen Überfallen, um dich zu stören und zu
beunruhigen. Die Natur selbst wird dich zu quälen scheinen, da sie immerdar ein
Feind des Geistes ist. Denn sie erleidet eine Höllenpein bei allen geistigen
Übungen, besonders während des Gebets, da sie dann der lustbringenden Vergnügen beraubt, schwach, melancholisch und voller
Verdrießlichkeit bleibt. Daher wird sie äußerst ungeduldig ein Ende des Gebets
verlangen, durch Unruhe der Gedanken, Mattigkeit des Körpers, aufdringlicher
Schlaf usw. Bist du da nicht imstande, die Sinne zu zügeln, so wird jeder
einzelne selbständig seinem eigenen Vergnügen folgen. Glücklich bist du, wenn
du inmitten dieses Martyriums auszuharren vermagst. Jene
große Lehrerin und Mystikerin, die heilige Theresa, bestätigt dies alles durch
ihre himmlische Lehre in dem Briefe, welchen sie dem Bischof von Osmia schrieb,
um ihn zu unterweisen, wie er sich im Gebet und bei anstürmenden, störenden
Gedanken zu verhalten habe. Sie schreibt: "Es ist notwendig, die Störung
einer Schar von Gedanken, zudringlicher Einbildungen und den Aufruhr
natürlicher
Neigungen zu ertragen, nicht nur seitens der Seele, sondern auch des Körpers,
hervorgerufen durch den Mangel an Gehorsam gegen den Geist, den er besitzen
sollte." (8.Brief). Man nennt diese geistlich "Trockenheiten",
welche indessen sehr nützlich sind, wenn sie mit Geduld entgegengenommen und
ertragen werden. Wer immer sich gewöhnt, sie ohne Murren zu erdulden, wird aus
dieser Beschwerde einen unermesslichen Vorteil ziehen. Zwar ist es gewiss, dass
der Böse die Seele während der Sammlung oftmals sehr stürmisch mit einem Heer
von Gedanken belästigt, um ihre Ruhe zu zerstören und sie von jenem überaus
lieblichen und sicheren inneren Verkehr abzuziehen, indem er schreckliche
Vorstellungen erregt und sie sehr häufig in einen Gemütszustand versetzt, als
ob sie einer furchtbaren Marter unterworfen werden sollte. Die heilige Theresa schreibt im gleichen Briefe
weiter:
"Da die Vögel, welches die Teufel sind, dies wissen, so stacheln und
quälen sie die Seele mit Einbildungen, beunruhigenden Gedanken und jenen
Störungen, welche der Teufel bei dieser Gelegenheit hervorruft, indem er die
Gedanken
ablenkt, sie von einer Sache zur andern schweifen lässt, und (nachdem er damit
fertig ist) das Herz angreift. Es ist keine geringe Frucht des Gebets, diese
Beunruhigung und Zudringlichkeiten geduldig zu ertragen. Es ist eine
Aufopferung seiner selbst in einem wirklichen Brandopfer, d.h. man wird
gänzlich in dem Feuer der Versuchung verzehrt und kein Teil verschont." Siehe, wie diese himmlische Frau uns ermutigt,
Gedanken
und Versuchungen zu erdulden und zu ertragen, weil sie, vorausgesetzt dass
ihnen nicht nachgegeben wird, den Gewinn verdoppeln. Die heilige Theresa schließt den Brief mit diesen Worten:
"Aus diesem Grunde ist es keine verlorene Zeit, ohne fühlbaren Gewinn
dabei zu bleiben, sondern ein großes Glück, solange jemand ohne Selbstinteresse
arbeitet, allein zur Ehre Gottes. Und wenn es auch scheinen mag, als wären es
vergebliche Bemühungen, so ist dem doch nicht so; sondern es ist wie bei
Kindern, welche unter der Obhut Ihrer Väter sich mühen und arbeiten obgleich
sie den Löhn für ihr Tagewerk nicht am Abend empfangen; jedoch an dem
Jahresende erfreuen sie sich alle."
Teil I Kapitel XI - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Gott liebt nicht den, welcher am meisten tut, am
besten
aufhorcht, noch auch den, der die größte Liebe zeigt, sondern denjenigen,
welcher am meisten duldet, Indem er in Gottes Gegenwart mit Glauben und
Ehrfurcht betet. Es ist in der Tat ein hartes Martyrium für die Seele, wenn das
natürliche, sinnliche Gebet von ihr genommen wird. Doch der Herr hat Gefallen
daran, wenn sie so ruhig und ergeben ist. Unterlasse zu dieser Zeit das
mündliche Gebet, weil (wie gut und heilig es auch immer an sich sei) sein
gegenwärtiger Gebrauch eine offenbare Versuchung für dich sein würde, indem der
Teufel dir vorspiegelt, dass Gott nicht zu deinem Herzen spricht, unter dem
Vorwande, dass du keine Empfindungen hast und Zeit vergeudest. Gott achtet nicht auf den Reichtum der Worte,
sondern auf
die Reinheit der Gesinnung. Er hat zu dieser Zeit sein größtes Gefallen daran,
die Seele schweigend, sehn suchtsvoll, demütig, ruhig und entsagend zu sehen.
Schreite vorwärts, harre aus, bete und bewahre deinen Frieden; denn wo du kein
Gefühl findest, wirst du doch eine Pforte finden, durch welche du in dein
eigenes Nichts eintreten kannst, erkennend, dass du nichts bist, nichts tun
kannst, ja sogar, dass du nicht einmal einen guten Gedanken in dir hast. Wie
viele haben diese glückbringende Übung des inneren Gebets und der innerlichen
Sammlung schon begonnen und wieder davon abgelassen, unter dem Vorwand, dass
sie ' keine Erquickung empfänden, Zeit verlören, dass ihre Gedanken sie
beunruhigten und jenes Gebet nichts für sie sei. Denn sie könnten keinerlei
Empfindung von Gott, noch irgendeine Fähigkeit zu denken und zu urteilen
erlangen, nachdem sie doch Glauben, Ruhe und Geduld gezeigt hätten. All dies
ist aber nichts anderes als ein undankbares Jagen nach fühlbaren Genüssen,
wobei sie sich durch Eigenliebe fortreißen lassen und sich selbst suchen, und
nicht Gott, weil sie nicht ein wenig Schmerz und Trockenheit ertragen können,
ohne über den unendlichen Verlust, welchen sie erleiden, nachzugrübeln. Sie
hätten aber durch die geringste Tat der Ehrerbietung gegen Gott inmitten
innerer Empfindungslosigkeit empfangen. Der
Herr lehrte der verehrungswürdigen Mutter Franziska Lopez von Valenzia und
einem Mönch des dritten Ordens von Sankt Franziskus drei Dinge von großer
Bedeutung und Tragweite in Bezug auf die innerliche Sammlung: An erster
Stelle, dass eine Viertelstunde Gebet, mit Sammlung der Sinne und Fähigkeiten
und mit Ergebung und Demut, der Seele mehr Nutzen bringt, als 5 Tage
Bußübungen, härene Gewänder, Kasteiungen, Fasten, Schlafen auf unbedecktem
Boden, weil dies nur Abtötungen des Körpers sind, aber durch Sammlung die Seele
geläutert wird. Zweitens, dass es der
göttlichen Allmacht wohlgefälliger ist, die Seele in stillem, ergebenem Gebet
während einer Stunde zu haben, als auf dem Wege zu großen Pilgerfahrten; weil
es Gott große Freude bereitet und sehr rühmenswert ist, wenn sie im Gebet sich
selbst und anderen, für welche sie betet, Nutzen schafft; wogegen die Seele
auf einer Wallfahrt gewöhnlich zerstreut und die Sinne, bei einer Schwächung
der Tugend, verwirrt werden, abgesehen von vielen anderen Gefahren. Drittens, dass beständiges Beten die Seele immer
gerade auf Gott
gerichtet hält, und dass eine Seele, um innerlich zu sein, sich mehr mit
Hingabe des Willens, als mit Verstandesarbeit betätigen sollte. All dies kann
in ihrer Lebensgeschichte nachgelesen werden. Je mehr die Seele sich an
Gefühlsliebe erfreut, je weniger Gefallen hat Gott an ihr, und umgekehrt; je
weniger die Seele an dieser Gefühlsliebe hängt, um so mehr Freude hat Gott an
ihr. Wisse, dass es der Gipfelpunkt des Gebets ist, den Willen, unter
Beherrschung der Gedanken und Versuchungen, mit der größtmöglichsten Ruhe auf
Gott zu richten. Ich will dies Kapitel schließen, indem ich dich von den gewöhnlichen Irrtümern derjenigen befreie, welche sagen, dass bei dieser innerlichen Sammlung oder dem Gebet der Stille die Verstandeskraft nicht wirksam, und dass die Seele träge und gänzlich untätig sei. Es ist dies eine offenbare Täuschung derjenigen, welche wenig Erfahrung besitzen, weil die Seele nicht vermittelst des Gedächtnisses oder durch die sekundäre Funktion des Verstandes (welches die Urteilskraft ist), noch durch die dritte (das Schlussvermögen) tätig ist. Sie wirkt aber durch die Hauptkraft des Verstandes, nämlich durch das einfache Erkennen, welches durch den wahren Glauben erleuchtet und durch die göttlichen Gaben des Heiligen Geistes unterstützt wird. Der Wille ist mehr geneigt, eine Verrichtung fortzusetzen, als viele neue vorzunehmen, so dass die Wirksamkeit des Verstandes (ebenso wohl wie die des Willens) einfach, unwahrnehmlich und geistig ist; so dass die Seele sich ihrer kaum bewusst wird, geschweige denn über sie nachdenkt. Teil I Kapitel XII - Was die Seele in der innerlichen Sammlung tun soll?
Damit du dich völlig in Gottes Hand
ergeben kannst, sollst du mit vollkommener Selbstentsagung zum Gebet schreiten,
indem du durch Betätigung der Kraft des Glaubens dich ganz in der göttlichen
Gegenwart fühlst. Versenke dich hierauf in eine heilige Ruhe, mit
Stillschweigen und Gelassenheit; und suche jenen ersten Zustand der Betrachtung,
durch Glaube und Liebe, zu bewahren einen ganzen Tag, ein ganzes Jahr, ja dein
ganzes Leben hindurch. Es ist
nicht deine Aufgabe, diese Handlungen zu vervielfältigen, noch fühlbare
Bezeugungen deiner Verehrung zu wiederholen, weil sie die Reinheit des
vollkommen geistigen Willenaktes trüben. Da diese süßen Empfindungen Außerdem
unvollkommen sind (in Anbetracht der Überlegung, die ihnen vorhergeht, der
Selbstzufriedenheit und äußerlichen Tröstung, auf welche sie sich richten und
wodurch die Seele nach außen auf die äußeren Sinne abgelenkt wird), so ist es
nicht notwendig, sie zu erneuern, wie der Mystiker Falcon ausgezeichnet durch
folgendes Gleichnis veranschaulicht hat: "Wenn ein einem Freunde
geschenktes Kleinod einmal in seine Hände gelegt worden ist, so ist es unnötig,
diese schon vollzogene Schenkung dadurch zu wiederholen, dass man täglich zu
ihm sagt: "Mein Freund, ich schenke dir dieses Kleinod"; sondern man
lässt es einfach in seinem Besitz, und nimmt es ihm nicht wieder, weil man
(vorausgesetzt dass man es ihm nicht entzieht oder zu entziehen beabsichtigt)
es ihm ganz sicher geschenkt hat." Wenn du
dich in gleicher Weise dem göttlichen Willen einmal gewidmet und voller Liebe
hingegeben hast, bleibt dir weiter nichts zu tun, als dies fortzusetzen, ohne
neue und fühlbare Handlungen vorzunehmen, vorausgesetzt, dass du das einmal
gegebene Kleinod nicht wieder zurücknimmst, indem du einen groben Fehler gegen
Gottes Willen begehst. Wenn du auch äußerlich noch die Pflichten deines Berufs
und Standes auszuüben hast, so schadet das dir nicht, denn damit erfüllst du
den Willen Gottes und verbleibst in einem fortwährenden tugendhaften
Lebenswandel. "Derjenige betet immerdar, der gute Werke tut; er
vernachlässigt das Beten nur dann, wenn er aufhört tugendhaft zu sein." Du
solltest daher alle diese Empfindsamkeiten verachten, damit deine Seele
geordnet wird und eine Gewöhnung an die innerliche Sammlung erlangen kann,
weiche so wirkungsvoll ist, dass der Entschluss zu beten allein schon eine
lebendige Gegenwart Gottes erweckt. Oder, besser ausgedrückt, die innerliche
Sammlung soll nichts anderes sein als die wirksame Fortsetzung des unablässigen
Gebets, in welches die betreffende Person sich versenken soll. Wie gut erfüllte die verehrungswürdige Mutter von Chantal,
die geistige Tochter des Sankt Franziskus von Sales, diese Aufgabe. In ihrer
Lebensgeschichte findet sich folgende, an ihren Meister geschriebene Worte:
"Ich kann, mein teurer Vater, keine geistige Übung verrichten, ohne dass
mir folgendes als die festeste und sicherste Verfassung erscheint: Mein Geist,
in seinem oberen Teil, ist in einer höchst einfachen Einheit; er hat sich
nicht vereinigt, weil, wenn er die Einheit (wie er sich häufig zu tun
anschickt) durch eigenes Tun zu erstreben trachtet, er Schwierigkeiten findet
und klar erkennt, dass er sich selbst nicht vereinigen kann, sondern vereinigt
wird. Die Seele möchte aus dieser Einheit Nutzen ziehen für die Frühmette, die
heilige Messe, Vorbereitung zur Kommunion und das Danksagungsfest; kurzum sie
möchte bei allem In jener höchst einfachen Gemeinschaft des Geistes
verbleiben,
ohne über irgendetwas anderes nachzusinnen." Auf all dieses antwortete der
heilige Vater zustimmend, empfahl ihr darin auszuharren und wies sie darauf
hin, dass lm Frieden die göttliche Ruhe liegt. Ein
andermal schrieb sie dem Heiligen folgendes: "Bei dem Bestreben, einige
besondere Ausübungen meiner einfältigen Betrachtung, vollkommenen
Selbstentsagung und Aufopferung in Gott vorzunehmen, tadelte mich die göttliche
Weisheit und ließ mich verstehen, dass dies nur von der Liebe zu mir selbst
ausgehe, und ich damit meine Seele schädige. "Durch dies wirst du über
deinen Irrtum aufgeklärt worden sein und erkannt haben, welches der
vollkommenste und geistige Weg des Gebets ist, sowie was bei der innerlichen
Sammlung getan werden soll. Du wirst einsehen, dass es förderlich ist, um die
Liebe rein und vollkommen zu gestalten, die vielen empfindungsvollen und
inbrünstigen Andachtsübungen zu beschränken. Erhalte die Seele friedvoll und
verharre in jener inneren Schweigsamkeit. Denn zärtliche Hingabe, innige Wonne
und andere süße Empfindungen, welche die Seele bei ihrem Verlangen erfährt,
sind keine reinen Geister, sondern mit der Empfindlichkeit der Natur vermischte
Zustände. Auch ist es nicht vollkommene Liebe, sondern sinnliches Vergnügen,
welches die Seele ablenkt und schädigt, wie der Herr der verehrungswürdigen
Mutter von Chantal bedeutete. Wie glücklich und wohl gerichtet wird dagegen die Seele
sein, wenn sie, in sich selbst zurückgezogen, dort in ihr eigenes Nichts
versinkt, in ihrer Mitte, wie in ihrem oberen Teil, ohne auf ihr Tun zu achten;
ob sie sich erinnert oder nicht; ob sie gut oder übel wandelt; ob sie wirkt
oder nicht; ohne sich um irgendein sinnliches Ding zu kümmern oder seiner zu
gedenken. Dann
glaubt der Verstand mehr mit reinem Vertrauen, liebt der Wille mit vollkommener
Liebe, ohne irgend ein Hemmnis, und empfindet jenen reinen und vollkommenen
Zustand der Betrachtung und Liebe, dessen die Seligen, nach der Schilderung der
Heiligen, im Himmel genießen, mit keinem andern Unterschied, als dass sie dort
einander von Angesicht zu Angesicht schauen, wohingegen die Seele hier durch
die Hülle eines dunklen Glaubensgefühls blickt. O wie wenige Seelen erlangen diesen vollkommenen Pfad des Gebets, weil sie nicht tief genug in diese innerliche Sammlung und mystische Stille eindringen, und weil sie sich nicht von unvollkommener Grübelei und sinnlicher Lust freimachen. Dass doch deine Seele, ohne nachdenkliche Aufmerksamkeit, sich im Gebet jener heiligen und geistigen Ruhe übergeben und mit Augustinus sagen möchte: "Lass sie stille sein und nichts tun, sich selbst vergessen und in jenes dunkle Glaubensgefühl versenken." Wie sicher und geborgen würde sie sein, obgleich es ihr vorkommen mag, als wäre sie bei solcher Untätigkeit und Müßigkeit verloren! Ich will diese Belehrung mit einem Brief beschließen, welche die erlauchte Mutter von Chantal an eine Schwester und eifrige Dienerin Gottes schrieb: "Die göttliche Güte führte mich auf diesen Weg des Gebets, wo ich mich durch einfache Betrachtung des Herrn ihm gänzlich hingegeben fühlte, in ihm aufgegangen und ruhend. Er ließ mir diese
Gnadengunst auch dann noch zuteil werden, als ich ihr durch meine Untreue
Widerstand leistete, indem ich der Furcht Raum gab und mich in diesem Zustand
als unnütz ansah, wodurch ich, in der Absicht meinerseits etwas zu tun, alles
vollkommen verdarb. Noch heute finde ich mich oftmals von der gleichen Furcht
ergriffen, wenn auch nicht im Gebet, so doch bei andern Übungen, womit ich
mich etwas zu beschäftigen immer geneigt bin, obgleich ich sehr wohl weiß, dass
ich durch solches Tun aus meiner inneren Sammlung komme und insbesonders
erkenne, dass das einfache Schauen Gottes noch immer mein einziges Heilmittel
und mein Trost in allen Aufregungen, Versuchungen und den Ereignissen des
Lebens ist." "Und sicherlich würde ich, wenn ich meiner inneren
Stimme gefolgt wäre, von keinem andern Mittel (welcher Art es auch gewesen sein
möchte) Gebrauch gemacht haben, weil ich mich, wenn ich meine Seele mit
besonderen Betrachtungen, Überlegungen und Selbstpeinigungen zu stärken rühme,
neuen Verführungen und Bedrängnissen aussetze. - Überdies vermag ich solches
nicht ohne große Anstrengung zu tun, welche mich erschöpft und innerlich
verzehrt, so dass ich genötigt werde, eilends zu dieser einfachen
Selbst-Hingabe zurückzukehren, wodurch mir Gott auf seine Weise seinen Willen
erkennen lässt, dass ich die Tätigkeit meiner Seele vollkommen zur Ruhe bringen
soll, da er alles durch seine eigene göttliche Wirksamkeit zu vollbringen
wünscht. Zu meinem Glück erwartet er nicht mehr von mir, als dieses alleinige
Schauen bei allen geistlichen Übungen und in all den Mühen, Versuchungen und Trübsalen,
welche mich in diesem Leben befallen mögen. In der Tat gelingen mir alle Dinge
um so besser, je ruhiger ich meinen Geist durch dieses Mittel erhalte, und
meine Leiden und Nöte verschwinden mit einem Schlag. - Oftmals hat mich mein
gesegneter Franziskus von Sales dessen versichert." "Unsere verstorbene Superiorin ermutigte mich, fest auf diesem Wege
auszuharren, und bei dieser einfachen Anschauung Gottes keine Furcht vor
irgendetwas zu hegen. Sie sagte mir, dass dies genug sei, und je größer die
geistige
Armut und Ruhe in Gott wären, um so süßeren Trost und Stärkung empfinge die
Seele, welche sich befleißigen sollte, so rein und einfach zu werden, dass sie
keinen andern Richtpunkt fände, als in Gott allein." "Ich erinnere mich, vor einigen Tagen eine
Erleuchtung
gehabt zu haben, welche mir Gott zu diesem Zweck zuteil werden ließ, und die
einen solchen Eindruck auf mich machte, als ob ich ihn deutlich gesehen hätte.
Dadurch wurde mir geoffenbart, dass ich niemals auf mich selbst sehen, sondern
mit geschlossenen Augen, mich an meinen geliebten Herrn lehnend, dahinschreiten
soll, ohne danach zu verlangen, den Weg zu sehen oder kennenzulernen, worauf
er mich führt. Ich solle meine Gedanken weder auf irgendetwas richten, noch
selbst Vergünstigungen von ihm erbitten, sondern wie tot in mir selbst,
gänzlich und wahrhaft in ihm ruhen." Soweit die Ausführungen dieser
erleuchteten und mystischen Frau, deren Worte unsere Belehrung bestätigen und
beglaubigen. Teil I Kapitel XIII - Erklärung, wie die Seele, welche sich mit
vollkommener Ergebung durch reine Glaubenskraft in Gottes Gegenwart versetzt
hat, immerdar in dem erlangten, wirksamen Schauen wandelt.
Du wirst mir sagen (wie schon viele Seelen zu mir gesagt
haben), dass du dir, wenn du dich auch reinen Glaubens in Gottes Gegenwart
versetzt hast, doch kein Verdienst erwirbst oder vollkommener wirst, weil
deine Gedanken so zerstreut sind, dass du sie nicht auf Gott zu richten
vermagst. Lass dich nicht entmutigen, denn du verlierst weder Zeit
noch Verdienst; auch lasse nicht ab vom Beten. Denn es ist nicht notwendig,
dass du während der ganzen Zeit der innerlichen Sammlung wirklich immer an Gott
denkst. Es genügt, dass du im Anfang aufmerksam gewesen bist, vorausgesetzt,
dass du dein Bestreben nicht unterbrichst, noch auch die von dir erzeigte
wirkliche Hingabe wieder zurücknimmst. Gerade so erfüllt derjenige, welcher die Messe hört und die
gottesdienstlichen Handlungen verrichtet, seine Pflicht sehr gut, auch wenn er
nur anfänglich aufmerksam gewesen ist, und im Verlaufe seine Gedanken nicht
Immer fest auf Gott gerichtet hält. Dies bestätigt der Doktor Angelikus Sankt
Thomas mit den folgenden Worten: "Die erste Anstrengung allein und das
Denken an Gott hat Kraft und Wert genug, alles spätere Beten wahr, wirksam und
verdienstvoll bleiben zu lassen, obgleich in der Folge keine wirkliche
Anschauung Gottes vorhanden sein mag." Siehe jetzt, wie die Heiligen das
bestätigen, was wir vorbringen. So dauert (nach der Ansicht jenes Heiligen) das Gebet noch
fort, obgleich die Phantasie auf unzählige Gedankengebiete hinüberschweift,
vorausgesetzt, man gibt ihnen nicht nach, wechselt nicht den Ort, unterbricht
das Gebet nicht, und ändert auch nicht den ersten anfänglichen reinen Vorsatz,
mit Gott zusammen zu sein. - Und sicherlich wird man ihn auch nicht ändern,
solange man seinen Platz nicht verlässt. Daraus folgt mit logischer
Notwendigkeit, dass man im Gebete verharrt, wenn auch die Einbildungskraft mit
mannigfachen unfreiwilligen Gedanken beschäftigt ist. Weiter sagt der Heilige:
"Derjenige betet im Geist und in der Wahrheit, welcher stets mit dem Geiste und dem
Bestreben zu beten einhergeht, obgleich durch Schwäche und
Gebrechlichkeit seine Gedanken späterhin abschweifen mögen." Aber du wirst sagen, ob du nicht wenigstens, wenn du in
Gottes Gegenwart stehst, daran denken und oft zu ihm sprechen sollst:
"Herr bleibe bei mir und ich werde mich dir gänzlich hingeben." -
Hierauf antworte ich, dass dazu kein Grund vorliegt. Du hast die Absicht zu
beten und zu diesem Zweck jenen Platz aufgesucht. Glaube und Absicht sind
genügend, und diese wirken stets weiter. Ja sogar, je einfacher dieses Erinnern
ist, ohne Worte und Gedanken, um so reiner, geistiger, innerlicher und
gotteswürdiger Ist es. Würde es nicht ungehörig und respektlos sein, wenn du in
Gegenwart eines Königs oft zu ihm sagen würdest: "Ich glaube, dass Eure
Majestät zugegen ist:" Dies ist ganz das gleiche. Mit dem Auge des reinen
Glaubens sieht die Seele Gott, glaubt an ihn und ist in seiner Gegenwart. Hat
die Seele demgemäss Glauben, so hat sie nicht nötig zu sagen: "Mein Gott,
du bist hier", sondern nur so zu glauben, wie sie glaubt, indem der
Glaube und Wille sie zur Zeit des Gebets, durch eben diesen reinen Glauben und
völlige Ergebung zum Schauen Gottes führen. - Solange du nicht den Glauben und
die reine Absicht, ergeben zu sein, aufgibst; wandelst du stets im Glauben und
der Ergebung, und folgerichtig auch im Gebet. Du bleibst in dem erlangten
wirksamen Schauen, obgleich du es nicht wahrnimmst, nicht dessen gedenkst,
noch auch neue Handlungen und Überlegungen dabei vornimmst. Wir haben die Beispiele eines Christen, einer Frau und
eines Mönchs gehört. So sagt der Mönch, ohne sich von neuem zu besinnen, in
Bezug auf sein Ordensgelübde: "Ich bin ein Mönch". Die Frau sagt in
Hinsicht auf ihren Ehestand: "ich bin eine Frau"; und der Christ mit
Rücksicht auf die empfangene Taufe: "Ich bin ein Christ". Keiner von
ihnen hört bei alledem auf, getauft und verheiratet zu sein, oder das
Ordensgelübde abgelegt zu haben. Der Christ ist nur gebunden, gute Werke zur
Bestätigung seines Glaubens zu tun und mehr mit dem Herzen als mit dem Munde
zu glauben. Die Frau soll Beweise ihrer Treue geben, die sie ihrem Gatten
versprochen hat; und der Mönch von dem Gehorsam, den er seinen Oberen gelobt
hat. In derselben Weise soll die Seele, welche einmal zur
Gewissheit des Glaubens, dass Gott in ihr weilt, gekommen Ist, in allen Werken
und Andachtsübungen in diesem Glauben und Vorsatze in Zufriedenheit verharren,
ohne neue Beweise solchen Glaubens oder dieser Ergebung zu erbringen. Sie muss
nur entschlossen sein, nichts zu verlangen oder zu tun außer durch Gott. Teil I Kapitel XIV - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Die wahre Lehre gilt nicht nur für die Zeit des
Gebets,
sondern auch für später, Tag und Nacht, zu allen Stunden und für alle täglichen
Obliegenheiten deines Berufs, deiner Pflicht und Stellung. Wenn du mir sagst, dass du manchmal während eines ganzen
Tages vergißest, deine Ergebung zu erneuern, so antworte ich, dass du im Irrtum
bist. Denn du glaubst, dass du durch Erfüllung deiner täglichen Berufspflichten
(wie Studium, Lesen, Predigen, Geschäfte oder Essen und Trinken u.dgl.)
abgelenkt wirst. Das eine stört aber das andere nicht. Durch solches Tun
vernachlässigst du nicht Gottes Willen zu erfüllen, noch auch im wirksamen
Gebete Fortschritte zu machen. St. Thomas sagt: Diese Verrichtungen sind nicht
gegen seinen Willen, noch auch deiner Ergebung hinderlich, da Gott sicherlich
wünscht, dass du dich ernährst, studierst, arbeitest, Geschäfte machst usw.
Aus diesem Grunde entziehst du dich durch Betätigung dieser Pflichten, welche
nach seinem Willen und Gefallen sind, nicht seiner Gegenwart noch auch deiner
eigenen Ergebung. Wenn du jedoch während oder außerhalb des Gebets
geflissentlich abgelenkt oder zerstreut wirst, indem du dich bei wachem Geiste
von der Leidenschaft hinreißen lässest, dann wird es für dich gut sein, dich
wieder zu Gott zurückzuwenden und in seine heilige Gegenwart durch die
Erneuerung
der reinen Glaubenskräfte und Ergebenheit zurückzukehren. - Es ist aber nicht
notwendig, die Glaubenskräfte zu betätigen, wenn du dich empfindungslos
findest, weil die Empfindungslosigkeit gut und heilsam ist, und (wie hart sie
auch immer sei) die Seele doch nicht der göttlichen Gegenwart berauben kann,
welche im Glauben begründet ist. Niemals sollst du Empfindungslosigkeit
Ablenkung nennen, da es doch bei den Anfängern der Mangel an Empfindung und
bei den Fortgeschrittenen die geistige Abgezogenheit ist, durch welche deine
Seele mehr und mehr innerlich werden und der Herr in ihr wundersame Dinge
wirken wird. Nur unterziehe dich der Empfindungslosigkeit mit Standhaftigkeit,
und verharre in deiner inneren, eigenen Leerheit. Wenn du
vom Gebete kommst, so strebe danach, nicht zerstreut und abgelenkt zu werden.
Verpflichte dich mit vollkommener Ergebung dem göttlichen Willen, damit Gott
mit dir und all dem deinen nach seinem himmlischen Gefallen schalten und
walten kann. Vertraue ihm wie einem gütigen und liebreichen Vater. Lass niemals
ab von diesem Vorsatz, damit du auch während den Berufsgeschäften im Gebet in
Gottes Gegenwart und in fortwährender Bezeugung deiner Ergebung verbleiben
kannst. Aus diesem Grund sagt Chrysostomus: "Ein tugendhafter Mensch lässt
nicht ab vom Gebet, solange er nicht aufhört gerecht zu sein. Wer immer gut
handelt, der betet auch immer; der gute Wunsch ist schon Gebet. Und wenn das
Verlangen nach dem Guten fortgesetzt wird, so dauert auch das Gebet an." Du wirst, was gesagt worden ist, durch folgendes
klare
Beispiel verstehen lernen: Wenn jemand eine Reise nach Rom antritt, so
geschieht jeder unterwegs gemachte Schritt mit Absicht. Nichtsdestoweniger ist
es aber unnötig, bei jedem Schritt sein ursprüngliches Verlangen kundzugeben
oder einen neuen Willensakt auszuüben, indem er spricht: "Ich will nach
Rom gehen, ich gehe nach Rom." Denn nach seiner ersten Absicht, nach Rom
zu reisen, bleibt der Wille in ihm. Also schreitet er weiter, ohne davon
zusprechen, behält aber doch dabei stets sein Ziel im Auge. Du wirst hierbei
deutlich erkennen, dass dieser Reisende sich mit einem einzigen, bestimmten Akt
des Willens und Verlangens auf die Reise begeben hat. Obwohl er auf der Reise
spricht, hört, sieht, nachdenkt, isst, trinkt und mancherlei andere Dinge treibt,
so wird doch seine erste Absicht und die wirkliche Reise nach Rom nicht
unterbrochen. Gerade so ist es bei der betrachtenden Seele. Wenn jemand
einmal den Entschluss gefasst hat, Gottes Willen zu tun und in seiner Gegenwart
zu sein, beharrt er in diesem Willen, solange er ihn nicht zurücknimmt,
obgleich er durch Hören, Sprechen, Essen oder andere notwendige und nützliche Handlungen seines Berufs in
Anspruch genommen wird. Du wirst sagen, dass alle Christen in dieser
Andachtsübung
wandeln, weil alle Glauben besitzen und diese Lehre befolgen. Auch wenn sie
sich nicht verinnerlicht haben, so gehen sie doch den äußerlichen Weg der
Meditation und der logischen Schlussfolgerung. In der Tat haben alle wahren
Christen Glauben, besonders die, welche denken und Betrachtungen anstellen.
Jedoch der Glaube derer, welche auf dem innerlichen Wege vorwärts schreiten,
ist wesentlich anders, da er ein lebendiger, umfassender Glaube ist, ohne
Unterscheidung. Er ist demzufolge wirksamer, tätiger und erleuchteter. Denn der
Heilige Geist ist es, der die Seele, welche am besten gerüstet ist, zumeist
erleuchtet. Es ist aber jene Seele dafür am empfänglichsten, welche das Gemüt
gesammelt hat; denn im Verhältnis zur Sammlung gibt der Heilige Geist
Erleuchtung. Trotzdem ist es richtig, dass Gott dem Denkenden einiges Licht
zuteil werden lässt. Es ist dies aber so spärlich und verschieden von
demjenigen, welches er dem in einem reinen, umfassenden Glauben gesammelten
Geiste spendet, dass sich das eine gegen das verhält wie zwei bis drei Tropfen
zu einem Meer. Beim Meditieren werden nämlich zwei oder drei besondere
Wahrheiten
der Seele offenbart; in der innerlichen Sammlung jedoch und der Ausübung eines
reinen, umfassenden Glaubens, ist die Weisheit Gottes ein weitausgebreitetes
Meer. Sie ergießt sich in einem emporleuchtenden, einfältigen, allgemeinen und
umfassenden Wissen. In gleicher Weise ist die Entsagung in diesen Seelen
vollkommener, weil sie der Innerlichen und von Gott verliehenen Kraft entquillt.
Je länger nun die Ausübung des reinen Glaubens mit Schweigen und Ergebung
fortdauert, um so mehr vergrößert sich diese Kraft, so dass die Gaben des
göttlichen Geistes in den betrachtenden Seelen stetig zunehmen. Diese
göttlichen Gaben werden zwar in allen gefunden, welche sich in einem Zustand
der Gnade befinden. Doch sind sie in den einen gleichsam tot, ohne Stärke und
von unendlich verschiedener Art gegenüber denjenigen, welche in den innerlichen
Seelen walten, infolge ihrer Erleuchtung, Lebendigkeit und Wirksamkeit. Aus allen diesen Ausführungen solltest du die
Überzeugung
gewinnen, dass die nach innen gerichtete Seele, weiche gewöhnt ist, täglich zu
bestimmten Stunden mit dem dir beschriebenen Glauben und in Ergebung zu beten,
unablässig in Gottes Gegenwart wandelt. Alle Heiligen, alle erfahrenen und
mystischen Meister, bezeugen diese wahre und wichtige Lehre, weil sie allesamt
einen und denselben Meister hatten, welches der Heilige Geist Ist. Teil I Kapitel XV - Ein Weg, auf welchem man zur innerlichen Sammlung
gelangen
kann, ist die hochheilige Menschheit unseres Herrn Christus.
Es gibt zwei Arten geistiger Menschen, welche
einander
gerade entgegengesetzt sind. Die einen sagen, dass man stetig Ober die
Mysterien des Leidensweges Christi nach denken und meditieren soll. Die andern
verfallen in das entgegengesetzte Extrem, und lehren, dass die Betrachtung der
Mysterien des Lebens, Leidens und Sterbens unseres Heilandes kein Gebet sei.
Denn nur das erhabene Aufschwingen zu Gott, dessen heilige Größe die Seele
schweigend und ruhig betrachte, dürfe Gebet genannt werden. Sicherlich ist unser Herr Christus der Führer, die Tür und der
Weg, wie er selbst mit den Worten bezeugte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben." Ehe die Seele imstande ist, in die Gegenwart Gottes zu
kommen und mit ihm vereinigt zu werden, muss sie mit dem kostbaren Blut des
Erlösers gewaschen und mit den reichen Gewändern seines Leidens und Duldens
geschmückt werden. Unser Herr Christus, mit seiner Lehre und seinem Vorbilde,
ist der Spiegel, der Führer der Seele, der Weg und die einzige Pforte, durch
welche wir in die Gefilde des ewigen Lebens und zu dem unermesslichen Ozean der
Gottheit gelangen können. Daraus folgt, dass die Erinnerung an das Leiden und
Sterben unseres Heilandes nicht völlig verwischt werden soll. Ja es ist sogar
gewiss, dass die Seele, zu welcher geistigen Höhe sie such immer emporgehoben
werden mag, sich nicht von der heiligen Menschheit abscheiden soll. Man darf
aber deshalb auch nicht daraus schließen, dass die an innerliche Sammlung
gewöhnte Seele immer über die erhabenen Mysterien
unseres Erlösers nachsinnen und grübeln soll. Die Meditation ist heilig und
weise; wollte Gott, dass alle Menschen in dieser Welt sie ausübten. Auch soll
eine Seele, die in der Meditation Nahrung und Nutzen findet, in ihrem Zustand
gelassen und nicht in einen höheren gedrängt werden. Es bleibt Gott allein überlassen (nicht dem geistigen Führer), die Seele von der Meditation zur reinen Beschauung emporzuheben. Denn wenn sie Gott nicht durch seine besondere Gnade zu diesem Zustande des Gebets beruft, so vermag der geistige Führer mit all seiner Weisheit und Belehrung nichts zu tun. Um einen sicheren Mittelweg zu finden und jene zwei so entgegengesetzten Extreme zu vermeiden, müssen wir annehmen, dass es zwei Arten gibt, der heiligen Menschenordnung gerecht zu werden, und zur Tür des göttlichen Reichs zu gelangen, welche Christus, unser Heil, ist. Der erste ist der Pfad der Betrachtung des Lebens, Leidens und Todes unseres Heilandes; der andere ist an ihn zu gedenken durch den Verstandesgebrauch, den reinen Glauben oder das Gedächtnis. Wenn sich die Seele durch innerliche Sammlung vervollkommnet und verinnerlicht, dann behält sie nach vorgenommener Beschauung der gedachten Mysterien Glauben und Liebe zu dem fleischgewordenen Worte. Sie ist bereit, um seinetwillen alles zu tun, was es ihr vorschreibt, und sich nach seinen Geboten zu richten, obgleich sie ihr nicht immer vor Augen sind. Wenn man einem Sohn gebietet, seinen Vater niemals zu vergessen, so erwartet man nicht, dass er denselben beständig vor seinen leiblichen Augen haben soll. Sondern er soll nur seiner stets so gedenken, dass er stets bereit ist, seine Pflicht gegen ihn zu erfüllen. Die mit Zustimmung eines erfahrenen Führers zur
innerlichen Sammlung gelangte Seele hat daher nicht nötig, sich einem beständigen Nachdenken Ober die heiligen Mysterien hinzugeben, da dies nicht ohne große geistige
Anstrengung geschehen kann. Sie bedarf dieser Verstandesarbeit gar nicht, da diese nur dazu dient, den Glauben an dasjenige zu erlangen, was sie ja bereits schon besitzt. Dies ist der Weg, welcher den in sich gekehrten Seelen Gewinn bringt. Diese heilige, fromme, schnelle und augenblickliche Erinnerung an die Menschwerdung kann für sie kein Hindernis auf dem Wege der innerlichen Sammlung bilden, solange sich die Seele, wenn sie sich dem Gebet widmen will, nicht davon zurückgetrieben findet. Denn dann wird es besser für sie sein, an der innerlichen Sammlung festzuhalten. Wenn sie sich aber nicht davon abgestoßen fühlt, so bildet das einfache und schnelle Gedenken der Menschwerdung des göttlichen Worts kein Hindernis weder für die größte und erhabenste noch für die höchst geläuterte und verwandelte Seele. Dies ist der Weg, welchen die heilige Theresa den Betrachtenden empfiehlt, indem sie die verwirrten Ansichten der Schulgelehrten verwirft. Dies ist auch der gerade, sichere Weg, welchen der Herr vielen Seelen zur Erlangung der heiligen Ruhe der Beschauung gelehrt hat. Die Seele soll daher, wenn sie in die Sammlung eingeht, sich an die Pforte der göttlichen Barmherzigkeit stellen, nämlich an die liebenswerte und süße Erinnerung an das Kreuz und Leiden des menschgewordenen und aus Liebe gestorbenen Worts. Dort soll sie In Demut stehen, dem göttlichen Willen hingegeben, was auch immer der göttlichen Allmacht gefallen wird, mit ihr zu tun. Und wenn ihr das Andenken an die Mysterien des Leidensweges Christi wieder entschwindet, so ist es nicht nötig, es aufs neue zu erwecken, sondern sie soll still und ruhig in der Gegenwart des Herrn verharren. In wunderbarer Weise wird diese unsere Belehrung von Paulus bekräftigt, in dem an die Kolosser geschriebenen Brief, worin er sie und uns ermahnt, dass wir, ob wir nun essen, trinken oder sonst etwas tun, alles im Namen Jesu Christi und um seinetwillen treiben sollen (Ko1.3,17). Gebe Gott, dass wir alles mit Jesus Christus beginnen, und dass wir in ihm und durch ihn allein zur Vollkommenheit gelangen mögen. Teil I Kapitel XVI - Von dem Innerlichen, mystischen Stillesein.
Es
gibt drei Arten des Schweigens. Die erste ist das der Worte, die zweite
das des Begehrens, und die dritte das der Gedanken. Die erste ist
vollkommen, die zweite vollkommener und die dritte am vollkommensten.
Durch das Schweigen der Worte erwirbt man Kraft; durch das Schweigen des
Begehrens erlangt man Ruhe; durch das Schweigen der Gedanken kommt man zur
innerlichen Sammlung. Durch Nichtsprechen, Nichtwollen und Nichtdenken
gelangt man zur wahren und vollkommenen mystischen Stille, worin Gott mit
der Seele spricht, sich ihr mitteilt, und Ihr im Abgrunde seiner eigenen
Tiefe die vollkommenste und erhabenste Weisheit lehrt. Gott
beruft und führt die Seele zu dieser inneren Abgeschiedenheit und
mystischen Stille, wenn er sagt, dass er zu ihr allein sprechen will in
dem geheimsten und verborgensten Gemache des Herzens. Du
bist nun darüber zur Klarheit gekommen, dass vollkommene Liebe nicht nur
in liebevollem Tun oder zärtlichen Ergüssen besteht, noch weniger im
innerlichen Tun, womit du Gott beteuerst, dass du eine unendliche Liebe zu
ihm empfändest und ihn mehr liebtest wie dich selbst. Es kann sein, dass
du dich und deine Eigenliebe dabei mehr suchst, als die wahre Gottesliebe,
weil Liebe (n den Werken, nicht in schönen Redensarten besteht. Was
nützt es, ihm mit großem Eifer und Inbrunst zu versichern, dass du Ihn
über alles, zärtlich und vollkommen, liebst; du kannst dich aber bei
einer dir zugefügten kleinen Beleidigung nicht verleugnen, noch aus Liebe
zu ihm deine Persönlichkeit vergessen. Das ist ein offenbarer Beweis,
dass deine Liebe eine solche mit der Zunge, nicht mit der Tat ist. Maria
Magdalena verlor nicht ein Wort, und dennoch wurde der Herr, freudig berührt
von ihrer vollkommenen Liebe, ihr Lobsprecher, indem er sagte, dass sie
viel geliebt habe. - Es ist daher wahr, dass im stummen Schweigen die höchsten
Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und Liebe ausgeübt werden, ohne dass
es nötig ist, Gott zu beteuern, dass du ihn liebst, an ihn glaubst und
auf ihn hoffst. Denn der Herr kennt besser als du die wirklichen
Empfindungen des Herzens. Wie gut wurde jene reine Art von Liebe von dem
tiefen und großen Mystiker, dem verehrungswürdigen Gregorius Lopes,
erkannt und ausgeübt, dessen ganzes Leben ein fortwährendes Gebet und
eine anhaltende Beschaulichkeit von so reiner und geistiger Liebe zu Gott
war, dass er niemals Gefühlserregungen und sinnlichen Empfindungen Raum
gab. Nachdem
er drei Jahre hindurch beständig innerlich gebetet hatte: "Dein
Wille geschehe in Zeit und Ewigkeit", mit jedem Atemzug diese Worte
wiederholend, offenbarte ihm die göttliche Allmacht den unerschöpflichen
Schatz reiner und stetiger Glaubens- und Liebeskraft, in Schweigen und
Ergebung, so dass er von sich sagen konnte, dass er während der 36 Jahre,
welche er noch lebte, jene reine Kraft der Liebe ununterbrochen in seinem
innern besessen habe, ohne jemals das geringste selbstsüchtige Verlangen
oder irgendetwas Sinnliches, oder der Natur Entsprungenes, an sich gezeigt
zu haben. - O verkörperter Seraph und vergöttlichter Mensch' Wie wohl
verstandest du es, dich in die innere, mystische Stille zu versenken, und
den äußeren von dem inneren Menschen zu unterscheiden! ZWEITER TEIL. VON DEM GEISTIGEN MARTYRIUM, WODURCH
GOTT DIE SEELEN LÄUTERT; VON DER DURCH GOTT VERLIEHENEN UND PASSIVEN
BESCHAULICHKEIT; VON DER VOLLKOMMENEN ERGEBUNG, INNEREN DEMUT, GÖTTLICHEN
WEISHEIT, WAHRHAFTEN VERNICHTIGUNG UND DEM INNERLICHEN FRIEDEN. Teil II Kapitel I - Der Unterschied zwischen dem äußeren und inneren
Menschen.
Es gibt zwei Arten geistiger Personen, innerliche und
äußerliche. Die äußerlichen suchen Gott draußen, durch Vernunftsschlüsse,
Vorstellungen und Nachgrübeln. Sie bemühen sich namentlich durch vielerlei
Fasten, Kasteiung des Körpers und Abtötung der Sinne, Tugend zu erlangen. Sie
unterwerfen sich selbst strengen Bußübungen, kleiden sich in grobes Tuch,
geißeln das Fleisch durch strenge Selbstzucht und beobachten Stillschweigen.
Sie fühlen sich In der göttlichen Gegenwart, indem sie sich Gott als
gegenwärtig
vorstellen nach der Idee, welche sie von Gott haben. Sie haben ihr wohlgefallen
daran, fortwährend Gott zu forschen, und geben ihre Liebe oftmals in heißen
Liebesbezeugungen zu erkennen. All dieses ist aber Kunst und Meditation. Auf
diese Weise trachten sie nach Größe und suchen (vermöge ihrer freiwilligen und
äußerlichen Selbstpeinigung) nach sinnlichen Gemütsbewegungen und warmen
Empfindungen, in dem Glauben, dass Gott nur dann in ihnen Wohnung nehme, wenn
sie solche haben. Es gibt andere wahrhaft Geistige, welche den ersten Teil
des inneren Weges, der zur Vollkommenheit und Vereinigung mit Gott führt,
durchschritten haben. Denn Gott hatte sie durch seine unendliche Liebe von dem
äußeren Wege abberufen, auf welchem sie sich vorher bewegten. Diese Menschen
zogen sich in das innere ihrer Seelen zurück, mit wahrer Ergebung in die Hände
Gottes, unter einem völligen Vonsichwerfen und sogar Vergessen ihrer eigenen
Persönlichkeit. Sie wandeln erhobenen Geistes beständig in des Herrn
Gegenwart, durch reinen Glauben, ohne Bild, Form und Gleichnis, aber mit
großer, in Seelenruhe und Gelassenheit gegründeter Zuversicht. In der ihnen
verliehenen innerlichen Sammlung wirkt der Geist mit solch einer Kraft, dass er
die Seele, das Herz, den Körper und alle seine Kräfte inwendig zusammenzieht. Insofern diese Seelen die innerliche Abtötung schon
vollzogen haben, und von Gott in dem Feuer der Trübsal geläutert worden sind,
durch lange und qualvolle Prüfungen, die alle an seiner Hand und nach seinem
Willen geschickt werden, sind sie Herren über sich selbst, weil sie sich
gänzlich besiegt und aufgeopfert haben. Also leben sie in großer Ruhe und
innerem Frieden. Wenn sie auch bei manchen Gelegenheiten auf Widerstand und
Versuchungen stoßen, erringen sie doch bald den Sieg, weil sie bereits geprüft
und mit göttlicher Kraft begabt sind. Der Sturm der Leidenschaft kann in ihnen
nicht lange toben; wenn auch heftige Versuchungen und lästige Einflüsterungen
des Bösen geraume Zeit in ihnen wirken können. Doch werden sie alle mit
unschätzbarem Gewinn überwunden, denn Gott selbst kämpft in ihnen. Diese Seelen haben sich bereits eine Größere
Erleuchtung
und wahres Wissen von Christus, unserem Herrn, errungen, sowohl in Bezug auf
seine Gottheit, als auch auf seine Menschheit. Das ihnen verliehene Wissen
gebrauchen sie mit ruhigem Schweigen in der innerlichen Unterredung und in dem
erhabenen Teil der Seele. Diese innerliche Unterredung geschieht mit einem
Geist, der frei ist von Vorstellungen und von außen kommenden Erinnerungen;
mit einer Liebe, die rein und ledig ist von allen Kreaturen. Auch haben sie
sich von nur äußerlichen Handlungen zu der Liebe zu Gott und der Menschheit
aufgeschwungen. Sie vergessen, woran sie sich erfreuten, und in allem finden
sie, dass sie ihren Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Diese glückseligen und erhabenen Seelen finden kein
Gefallen an weltlichen Dingen; sondern an Verachtung, am Alleinsein und daran,
von jedermann vergessen und verlassen zu werden. Sie leben so uneigennützig
und abgezogen dahin, dass sie sich (obgleich ihnen fortgesetzt übernatürliche
Gnadengabe zuteil werden) doch immer gleich bleiben. Sie hängen ihr Herz an
nichts, sondern hegen im Innersten eine große Demut und Selbstverachtung.
Beständig sind sie in die Tiefe ihrer eigenen Unwürdigkeit und Niedrigkeit
hinabgebeugt. Auf diese Weise sind sie immer ruhig, heiter und gleichmütigen
Geistes, sowohl den außerordentlichen Beweisen göttlicher Gnadengaben
gegenüber, wie auch in den strengsten und schärfsten Qualen. Es gibt keine
Nachricht,
welche sie zu erschüttern vermöchte, kein glückliches Ereignis, welches sie
erfreuen könnte. Durch Trübsale werden sie nicht verstört, noch auch durch die
innere, fortwährende und göttliche Gemeinschaft eitel und eingebildet gemacht.
Sie bleiben stets voll heiliger und kindlicher Furcht, in bewundernswürdigem
Frieden, Beständigkeit und Heiterkeit der Seele. Teil II Kapitel II - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Die den äußerlichen Weg Wandelnden bemühen sich,
fortwährend alle Tugenden nacheinander auszuüben, um sich dieselben für immer
anzueignen. Sie streben danach, sich von ihren Unvollkommenheiten mit
angemessener Kraftanspannung zu befreien. Sie lassen es sich angelegen sein,
ihre selbstsüchtigen Neigungen, eine nach der andern, auszurotten, durch
verschiedene und einander entgegengesetzte Verfahren. Mit all ihren Bemühungen
aber erreichen sie nichts, weil wir nichts tun können, das nicht mit
Unvollkommenheit
und Ungemach behaftet wäre. Auf dem innerlichen Wege dagegen und bei dem
liebenden
Verkehr in Gottes Gegenwart, wirkt der Herr selber. Die Tugend wird
aufgerichtet, der Eigennutz ausgetilgt, Unvollkommenheiten zerstört und
Leidenschaften entfernt. Das macht die Seele unerwartet frei, und zieht sie von
allem ab (auch wenn sich Gelegenheit bietet), ohne dass sie auch nur des Guten
gedächte, welches ihr Gott mit unendlicher Barmherzigkeit zugeteilt hat. Es muss jedoch bemerkt werden, dass diese Seelen, obschon
sie zu hoher Vollkommenheit gelangt sind und wahre göttliche Erleuchtung
besitzen, doch ihre eigene Gebrechlichkeit, ihre Schwächen und Untugenden tief
erkennen. Sie sehen, was sie noch bedürfen, um zur Vollkommenheit zu
gelangen. Sie sind bekümmert und verachten sich selbst. Sie üben sich selbst in
liebender Gottesfurcht und Verachtung ihrer selbst. Das geschieht aber mit
wahrer Zuversicht auf Gott und Misstrauen gegen sich selbst. Je demütiger sie
in wirklicher Selbstverachtung und Selbsterkenntnis werden, um so Größeres
Gefallen hat Gott an ihnen, und sie gelangen dadurch zu einer besonderen Achtung
und Verehrung in seiner Gegenwart. All dem Guten, das sie tun, und allem was
sie fortwährend von innen und außen erleiden, messen sie vor der göttlichen
Gegenwart keinerlei Bedeutung bei. Ihr stetiges Bestreben richtet sich darauf, mit Ruhe und
Stillschweigen in sich einzudringen, in Gott, weil dort sein Zentrum, seine
Wohnung und Freude ist. Sie legen Größeren Wert auf diese innere
Abgeschiedenheit, als auf das Sprechen über Gott. Sie ziehen sich in das
innere, geheime Zentrum der Seele zurück, um Gott zu erkennen und seinen
göttlichen Einfluss mit Furcht und liebender Verehrung in sich aufzunehmen.
Wenn sie aus sich herausgehen, tun sie es nur zu dem Zwecke, sich selbst zu
erkennen und zu verachten. Wisse aber, dass die Zahl der Seelen, die diesen
göttlichen
Zustand erlangen, gering ist. Denn es gibt nur wenige, welche gern Verachtung
erleiden und sich läutern und reinigen lassen wollen. Aus diesem Grunde wird
selten eine Seele gefunden, die weiter fortschreitet und nicht auf der Schwelle
beharren bleibt, obgleich viele diesen inneren Weg betreten. Der Herr sagte zu
einer Seele: "Dieser innere Weg wird von wenigen beschritten. Er stellt
eine so hohe Gnadengabe dar, dass sie niemand verdient. Sie wird nur wenigen
zuteil, weil dieser Pfad nichts anderes ist als ein Sterben der Sinne. Die Zahl
derer ist aber klein, welche so sterben und vernichtet werden wollen. Es
braucht aber eine solche Gesinnung, um dieses so hohe und herrliche Geschenk
zu erhalten." Durch das was bisher gesagt
worden ist, wirst du von deinem Irrtum befreit worden sein, und voll und ganz
den großen Unterschied erkennen, der zwischen dem äußeren und inneren Wege
besteht. Du siehst jetzt den Unterschied der Gegenwart Gottes, welche durch die
Meditation hervorgerufen wird, und welche von Gott verliehen und
übernatürlichen
Ursprungs ist, die herbeigeführt wird durch die innere Vereinigung und durch
passive Beschauung. Und endlich wirst du den großen Unterschied erkennen
zwischen dem äußerlichen und innerlichen Menschen. Das Mittel zur Erlangung des innerlichen Friedens ist nicht sinnliches Lustgefühl, noch geistiger Trost, sondern die Vernichtung der Eigenliebe. Es ist ein Ausspruch des heiligen Bernhard, dass Gott dienen nichts anderes heißt, als Gutes tun und Böses erdulden. Wer auf dem Wege der Annehmlichkeit und des Trostes zur Vollkommenheit gelangen will, ist im Irrtum. Kein anderer Trost darf von Gott begehrt werden, als dass wir aus Liebe zu ihm unser Leben zum Opfer bringen. Der Weg unseres Herrn Christus war nicht der Weg der Annehmlichkeit und des Behagens, auch berief er uns durch seine Worte und sein Beispiel nicht zu einem solchen Weg. Hingegen sagte er: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach." (Mark.8,34). Die Seele, welche danach verlangt, mit Christus vereinigt zu werden, muss ihm auf dem Wege des Leidens nachfolgen. Nur
so kann sie ihm ähnlich werden. Kaum wirst du begonnen haben, die Süßigkeit der
göttlichen Liebe im Gebet zu empfinden, so wird der Feind mit seinen
trügerischen Künsten in deinem Herzen den Wunsch nach Abgeschiedenheit und
Einsamkeit erwecken. Du möchtest ohne jedes Hindernis die Zeit in beständigem
und freudevollem Gebet verbringen. Oeffne aber deine Augen und bedenke, dass
dieser Rat und Wunsch nicht der wirklichen Lehre unseres Herrn Christus
entspricht. Er hat uns nicht dazu eingeladen, der Annehmlichkeit und dem Behagen
unseres eigenen Willens zu folgen, sondern vielmehr dazu, uns selbst zu
verleugnen. indem er sagte: "der verleugne sich selbst", wollte er
soviel sagen: Wer mir nachfolgen und zur Vollkommenheit gelangen will, möge
seinen Eigenwillen gänzlich dahingeben. Er möge alles verlassen, sich
vollkommen dem Joche des Gehorsams und der Unterwerfung ergeben, vermittelst
der Selbstverleugnung, weiche das echteste Kreuz Ist. Es gibt viele gottergebene Seelen, weiche aus seiner Hand
große Gedanken, Gesichte und geistige Erleuchtungen empfangen. Und doch lässt ihnen
der Herr bei alldem nicht die Gnade zuteil werden, Wunder zu verrichten,
verborgene Geheimnisse zu erkennen und zukünftige Ereignisse vorauszusagen. Er
begabt aber andere Seelen mit diesen Kräften, welche fortwährend unter
Trübsalen, Versuchungen und dem wahren Kreuze gewandelt sind im Geiste
vollkommener Demut, Gehorsams und Unterwerfung. O welch ein großes Glück ist es für eine Seele,
unterdrückt
und untergeben zu sein: was ist es für ein Reichtum, wenn man arm ist; was für
eine hohe Ehre, verachtet zu sein; weich eine Erhöhung, erniedrigt zu werden;
welcher Trost, betrübt zu sein; welches Zeugnis wahren Wissens, für unwissend
gehalten zu werden. Und was ist es doch endlich für eine unaussprechliche
Seligkeit, mit Christus gekreuzigt zu werden. Das ist jenes Lob, welches der Apostel pries: "Es sei
ferne von mir mich zu rühmen, denn allein des Kreuzes unseres Herrn Jesu
Christi" (Ga1.6,14). Lasst andere sich rühmen ihres Reichtums, ihres Ranges,
ihrer Genüsse und Ehren; für uns aber gibt es keine Größere Ehre, als
verachtet
und mit Christus gekreuzigt zu werden. Wie betrübend aber ist es, dass kaum eine Seele
gefunden
wird, welche geistige Genüsse verachtet und bereit ist, um Christi willen sich
zu verleugnen und sein Kreuz voller Liebe zu umfangen. "Viele sind
berufen, aber wenige sind auserwählt", sagt der Heilige Geist. Viele
werden zur Vollkommenheit berufen, aber nur wenige gelangen dahin, weil Wenige
das Kreuz mit Geduld, Standhaftigkeit, Frieden und Ergebung auf sich nehmen. Sich selbst in allen Dingen zu verleugnen, dem Urteil
anderer sich zu unterwerfen, alle in sich wohnenden Leidenschaften ständig zu
ertöten, seine Ichheit in jeder Beziehung zu vernichten, immer dem zu folgen,
was dem eigenen Wollen, Verlangen und Wähnen entgegengesetzt ist, das sind
Dinge, welche nur wenige zu vollbringen vermögen. Viele gibt es, welche sie
predigen, aber nur wenige, die sie ausüben. Manche Seelen haben diesen Pfad in Angriff
genommen und
begeben sich täglich auf ihn. Sie harren aus, solange sie den süßen Geschmack
ihrer anfänglichen Begeisterung haben. Kaum aber ist diese köstliche
Empfindung und Sinnesfreude entschwunden, so werden sie wankelmütig und weichen
zurück. Sie scheuen sich vor dem hereinbrechenden Sturm von Trübsal,
Versuchung und Trockenheit, welche doch nötig sind, um die Höhe der
Vollkommenheit
zu erklimmen. Das ist, aber ein klares Zeichen, dass sie sich selbst suchten,
nicht aber Gott oder die Vollkommenheit. Möge es Gott gefallen, dass die Seelen, welche das Licht
empfangen haben, und zu dem innerlichen Frieden berufen sind, die aber in
Dürre, Trübsal und Versuchung keine Standhaftigkeit zeigen und abfällig
geworden sind, nicht in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden; damit
es Ihnen nicht ergeht wie jenem, der kein hochzeitliches Kleid anhatte. Denn
ob er schon ein Diener war, so war er doch nicht bereit, sondern von der Liebe
zu sich selbst besessen. Dieses Ungeheuer muss bekämpft, die sieben Köpfe dieser
Hydra der Eigenliebe müssen abgeschlagen werden, damit wir auf den Gipfel des
hohen Berges des Friedens gelangen können. Dieses Ungetüm taucht an allen Orten
auf. Oftmals geht es Beziehungen ein, welche dann ein besonderes Hindernis
bilden, weil sich die Natur leicht von ihnen beeinflussen lässt. Bald verbirgt
es sich, mit einem löblichen Anstrich von Dankbarkeit, unter leidenschaftlicher
und rückhaltsloser Liebe zu dem Beichtvater (geistigen Vater); dann wieder
unter der Zuneigung zu höchst feiner, geistiger und weltlicher Hoffart und dem
Fütterstaat der Ehre, welche Dinge dem Menschen sehr stark anhaften. Einmal
trachtet es nach geistigen Genüssen, indem es sich sogar auf die Gnaden Gottes
stützt, welche Gott in seiner Gnade dem Menschen großmütig gewährt. Ein
andermal verlangt er es Maßlos nach Erhaltung der Gesundheit, und sucht, unter
dem Vorwand ein Werkzeug Gottes zu sein, nur den eigenen Nutzen und die eigene
Bequemlichkeit. Bisweilen umgibt es sich auch, unter merkwürdig feinen
Verhüllungen, mit dem Schein des Guten; und endlich hängt es sich mit einer
bemerkenswerten Zähigkeit in allen Stücken an das eigene Urteil und die eigene
vorgefasste Meinung. Wozu die Wurzeln tief in seinem Willen begründet liegen.
All dies sind Äusserungen der Eigenliebe, und es ist unmöglich, bevor sie nicht
überwunden werden, die Höhe vollkommener Beschauung, die höchste Glückseligkeit
liebevoller Vereinigung, und den erhabenen Thron der innerlichen Friedens zu
erreichen. Teil II Kapitel IV - Von zwei
geistigen Martyrien, wodurch Gott die Seele reinigt, welche er mit sich
vereinigt.
0 dass du den hohen Wert der Trübsal erkennen lerntest. Sie ist es, welche die Sünden tilgt, die Seele reinigt und Geduld erzeugt. Sie entflammt die Seele im Gebet, erweitert und bewegt sie zur Ausübung der erhabensten Liebesarbeit. Sie macht die Seele fröhlich, bringt sie nahe zu Gott, beruft sie und verschafft ihr Eintritt in den Himmel. Sie ist es auch, welche die, wahrhaften Diener Gottes versucht, sie friedfertig, wachsam und standhaft macht. Sie bewirkt, dass uns Gott schnell erhört. "Da mir angst war,. rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott; da erhörte er meine Stimme aus seinem Tempel" (Ps.18,7). Sie vernichtet, läutert und veredelt; kurz, sie ist das, was die Seele aus dem Weltlichen zum Himmlischen erhebt, aus dem Menschlichen zum Göttlichen, indem sie dieselbe verwandelt und sie auf wunderbare Weise mit dem menschlichen und göttlichen Wesen des Herrn vereinigt. Der heilige Augustinus sagte richtig, dass das Leben der Seele auf Erden Versuchung wäre. Gesegnet ist die Seele, welche immerfort angegriffen wird, wenn sie der Versuchung standhaften Widerstand leistet. Es ist dies das Mittel, welches der Herr gebraucht, um sie zu demütigen, zunichte zu machen, zu verzehren, zu ertöten, zu vervollkommnen und mit seinen göttlichen Gaben zu erfüllen. Durch die Trübsal und die Versuchung krönt und verwandelt er sie. Ueberzeuge dich nun selbst, dass Versuchungen und Kämpfe für den Fortschritt der Seele notwendig sind. O gesegnete Seele, wenn du nur standhaft und ruhig zu
bleiben vermöchtest in dem Feuer der Trübsal, und dich waschen lassen würdest
mit dem bitteren Wasser des Leidens, wie schnell würdest du dich reich sehen an
himmlischen Gaben, und wie schnell würde die himmlische Güte einen glänzenden
Thron und eine liebliche Wohnung in deiner Seele aufrichten, um sich in ihr zu
ergötzen und zu trösten. Wisse, dass der Herr nur in ruhigen Gemütern seine
Ruhe findet. Das Feuer der Versuchung muss zuerst den Unrat der Leidenschaft
aufgezehrt und das bittere Wasser der Betrübnis muss die schmutzigen Flecken
unlauterer Begierden hinweggewaschen haben. Der Herr lässt sich nur dort
nieder, wo der Friede herrscht und die Eigenliebe verbannt ist. Auch wenn du durch Gottes Gnade Herr aber deine äußeren
Sinne geworden bist, so wirst du doch noch nicht das kostbare Unterpfand des
innerlichen Friedens in deiner Seele finden. Die Seele muss zuerst gereinigt
werden von den unordentlichen Leidenschaften fleischlicher Begierde, der
Wertschätzung des eigenen Begehrens und Denkens (wie geistig sie auch immer
sein mögen), und vielen andern üblen Neigungen und geheimen Lastern, welche in
deinem inneren hausen. Denn dadurch wird der ungestörte Eintritt jenes großen
Herrn, der sich mit dir zu vereinigen wünscht, auf beklagenswerte Weise
verhindert. Selbst die errungenen aber nicht geläuterten Tugenden bilden ein
Hindernis für dieses große Geschenk des innerlichen Friedens. Außerdem wird die
Seele gehemmt durch das unlautere Verlangen nach erhabenen Gnadengaben, durch
den Wunsch geistigen Trost zu empfinden, durch das Trachten nach göttlichen
Gunstbezeugungen, sofern sie sich damit unterhält und ihrer mehr zu empfangen
wünscht, um sich an ihnen zu erfreuen; endlich auch durch die Begierde, groß zu
sein. O wie vielerlei muss in einer Seele gereinigt werden, die
auf den heiligen Berg der Vollkommenheit und Umwandlung durch Gott gelangen
soll. O wie wohl geordnet, entblößt, selbstvergessen, vernichtet muss die Seele
sein, welche den Eintritt dieses göttlichen Herrn in sich nicht hindern, noch
den fortwährenden Umgang mit ihm nicht stören soll. Deshalb ist es der Herr, der dich lenkt und dich
vorbereitet
ohne dein Zutun. Von deiner Seite braucht es keine Mithilfe, als nur die
Bereitschaft zu dem inneren und äußeren Kreuz. Dann reinigt dich der Herr durch
das Feuer der Trübsal und der inneren Qual. Nun wirst du dich verlassen
sehen, preisgegeben den Leidenschaften der Ungeduld, des Zorns, der Wut,
Lästerung
und unlauterer Begierden. Du wirst dir selbst als das elendeste Geschöpf
erscheinen, als größter Sünder in der Welt, der von Gott Verworfenste, aller
Tugend beraubt und ledig. Du wirst dich in einer fast höllischen Pein so
bekümmert
und verlassen fühlen, dass du glauben möchtest, Gott gänzlich verloren zu
haben. Dies wird dir die grausamste, schneidendste und bitterste Qual
verursachen. Aber wenn du dich auch auf
diese Weise bedrängt siehst, und dir selbst stolz, ungeduldig und zornig
vorkommst,
so werden diese Versuchungen doch ihre Kraft und Gewalt über dich verlieren.
Sie haben keinen Platz In deiner Seele, da in deinem innersten Teil eine
geheime Tugend, eine erhabene Gabe innerlicher Stärke herrscht, welche die
schrecklichste Marter und Pein, und die stärkste Versuchung überwindet. Bleibe standhaft, o gesegnete Seele, bleibe standhaft, denn
es wird dir nicht so geschehen, wie du dir einbildest. Auch bist du Gott
niemals näher als in solchem Zustande der Verlassenheit. Denn wenn die Sonne
auch hinter dem Gewölk verborgen ist, so verändert sie doch nicht ihren Lauf,
noch mindert sich im geringsten ihr strahlender Glanz. Der Herr duldet diese
qualvolle Verlassenheit in deiner Seele, um dich zu reinigen, zu läutern und
dich deiner selbst zu berauben. Du darfst deshalb ganz ihm gehören und dich ihm
ganz zu eigen geben; wie auch seine unendliche Güte sich dir ganz hingibt, damit
er sein Wohlgefallen an dir finden kann. Denn wenn du auch seufzest, klagst
und weinst, so ist Er doch heiter und freudevoll in dem geheimsten und
verborgensten Gemache deiner Seele.
Teil II Kapitel IV - Wie
wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele ist, dieses erste und
geistige Martyrium wie blind zu erdulden.
Damit die Seele aus dem Irdischen zum Himmlischen
emporgehoben wird, und zu dem höchsten Gut der Vereinigung mit Gott gelangen
kann, Ist es nötig für sie, in dem Feuer der Trübsal und Versuchung geläutert
zu werden. Es müssen zwar alle Diener des Herrn Mühseligkeit, Verfolgungen und
Ungemach erleiden. Aber die glücklichen Seelen, welche von Gott den geheimen
Pfad des inneren Lebens geführt werden, müssen schrecklichere und heftigere
Versuchungen
und Qualen erdulden, welche noch bitterer sind als diejenigen, womit die
Märtyrer der ersten christlichen Kirche gekrönt wurden. Die Märtyrer wurden, abgesehen von der kurzen
Dauer ihrer
Marter, mit hellem Licht und besonderer Hilfe durch die Hoffnung auf die nahe
und sichere Belohnung getröstet. Die verlassene Seele aber, welche in sich
selbst sterben und gänzlich von sich ausgehen und ihr Herz reinigen muss,
sieht sich ferne von Gott, umringt von Versuchungen, Finsternis, Bedrängnis,
Kummer, in beschwerlicher, strenger und seelischer Dürre. Sie empfindet die
Schrecken des Todes in jedem Augenblick ihrer qualvollen Versuchungen. Es ist
eine schreckliche Trostlosigkeit, ohne die geringste Linderung, eine so große
Betrübnis, dass der Schmerz davon gleich einem verlängerten Tod und einem
fortwährenden Martyrium erscheint. Man kann deshalb nicht ohne triftigen Grund
sagen, dass wenn es auch viele Märtyrer gibt, so gibt es doch nur wenige
Seelen, weiche unserem Herrn Christus mit Frieden und Ergebung in solchen
Qualen nachfolgen. Zudem wurden die Märtyrer von Menschen gefoltert, und Gott
tröstete ihre Seelen. Hier aber ist es Gott, welcher Bedrängnis bringt und
sich selbst verbirgt. Er lässt die Dämonen, gleich grausamen Peinigern, tausend
Wege finden, um Seele und Körper so zu peinigen, dass der ganze Mensch innen
wie außen gekreuzigt ist. Dein Kummer wird dir unüberwindlich und deine
Leiden
durch keinerlei Trost heilbar erscheinen. Ja selbst der Himmel will keinen erquickenden
Regen mehr auf dich her absenden. Du wirst dich von Schmerzen umfangen und von
innerer Bangigkeit bedrückt fühlen, denn deine Kräfte sind verdunkelt und dein
Gebet zur Ohnmacht verurteilt. Heftige Versuchungen werden dich bedrängen, ja
auch quälende Zweifelsucht und lästiger Glaubensmangel. Einsicht und
Urteilskraft werden dich verlassen. Obgleich dich der Herr zu dieser Zeit nicht verlassen wird,
da es unmöglich sein würde, einen Augenblick zu leben ohne seinen Beistand, so
wird die Hilfe doch so verborgen sein, dass deine Seele sie nicht erkennen,
und auch nicht der Hoffnung und des Trostes fähig sein wird. Du wirst dich
vielmehr ohne jedes Heilmittel glauben, und wirst gleich den Verdammten die
Qualen der Hölle erleiden. "Stricke des Todes hatten mich umfangen, und
Ängste der Hölle hatten mich getroffen" (Ps.116,3). Gerne möchtest du
diese Qualen mit einem gewaltsamen Tode vertauschen, denn das würde dir eine
Erleichterung bringen. Und gleich wie die Verdammten kein Ende Ihrer Leiden und
Bitterkeiten sehen, also wird es dir auch ergehen. Wenn du aber wüsstest, o gesegnete Seele, wie sehr du von
jenem göttlichen Herrscher inmitten deiner langen Qualen geliebt und verteidigt
wirst, so würdest du sie so süß finden, dass Gott ein Wunder wirken müsste, um
dich am Leben zu erhalten. Sei standhaft, o glückliche Seele, standhaft und
guten Mutes. Denn wie unerträglich du dir selbst auch immer sein magst, so
wirst du doch beschirmt, bereichert und geliebt vom höchsten Gut. Es scheint
als hätte Gott nichts anderes zu tun, als dich der Vollkommenheit, den
höchsten Stufen der Liebe, zuzuführen. Wenn du dich nicht abwendest, sondern
standhaft ausharrst, ohne von deinem Unternehmen abzulassen, so wisse, dass du
Gott das ihm wohlgefälligste Opfer darbringst. Wenn Gott Schmerzen empfinden
könnte, so würde er keine Ruhe finden, bis er diese liebende Vereinigung mit
deiner Seele vollendet hätte. Wenn er durch seine Allmacht aus dein Chaos des Nichts so
viele Wunder hervorgebracht hat, was wird er dann in deiner Seele tun, welche
nach seinem eigenen Bilde und Gleichnis geschaffen ist, wenn du nur standhaft,
ruhig und ergeben ausharrst, in wahrer Erkenntnis deiner Nichtigkeit? Ob du
schon von Leid verstört und jeden Trostes beraubt bist, so bist du doch eine
glückliche Seele, solange du darin festbleibst, nicht durch Verlangen nach
äußerlichem Trost aus dir selbst herauszutreten: Ängstige und beunruhige dich
nicht zu sehr wegen der Fortdauer dieses heftigen Martyriums. Harre aus in
Demut und tritt nicht aus dir hinaus, um nach Hilfe zu suchen. Denn dein ganzes
Heil besteht darin, stille zu sein und Friede zu halten mit Ruhe und Entsagung.
Hierin wirst du die göttliche Kraft zur Überwindung eines solch mühsamen
Kampfes finden. Er ist in dir, der für dich streitet, und er ist die Stärke
selbst. Wenn du zu diesem qualvollen Zustand schrecklicher
Verlassenheit gelangst, sind Weinen und Wehklagen deiner Seele nicht untersagt,
wenn sie nur in ihrem oberen Teil gefasst bleibt. Wer könnte auch des Herrn
schwer lastende Hand ohne Tränen und Jammer ertragen? Sogar jener große Kämpfer
Hiob brach in Wehklagen aus. Auch unser Herr Christus klagte in seiner
Verlassenheit; aber ihr Weinen geschah in Ergebenheit. Es ist nötig, den Becher zu leeren und nicht
zurückzuweichen.
Wenn die Schuppen von deinen Augen genommen wären, wie von denen des Paulus,
würdest du die Notwendigkeit des Leidens erkennen und dich dessen rühmen.
Paulus
achtete es für höher, gekreuzigt zu werden, als ein Apostel zu sein. Dieses schmerzensreiche Martyrium fürchterlicher
Verlassenheit und passiver Läuterung ist so grauenvoll, dass es mit Recht den
Namen "Hölle" unter den mystischen Heiligen erhalten hat. Denn es
scheint unmöglich, dass jemand auch nur einen Augenblick in Qualen zu leben
vermag, die so bitter sind, dass (wie mit großem Recht gesagt werden kann)
derjenige, welcher sie leidet, sterbend lebt und im Sterben einen verlängerten
Tod lebt. Nichtsdestoweniger sollst du wissen, dass es notwendig ist, sie zu
ertragen, um zu dem süßen, erfreulichen und überfließenden Reichtum erhabener
Beschauung und liebender Vereinigung gelangen zu können. Es hat keine heilige
Seele gegeben, welche dieses geistige Martyrium und diese schmerzlichen Qualen
nicht durchgemacht hätte. Der heilige Papst Gregorius erlitt solche in den
letzten zwei Monaten seines Lebens. Franziskus von Assisi hatte sie
zweieinhalb
Jahre zu ertragen. Maria Magdalena von Pazzi sogar fünf Jahre und Rosa von
Peru 15 Jahre. Und nach so vielen Wundertaten, welche die Welt in Staunen
versetzte, erduldete sie der heilige Dominikus bis nahezu eine halbe Stunde vor
seinem glücklichen Tod. Teil II Kapitel
VI
Das andere nützlichere und
verdienstlichere Martyrium der Seelen, die in Vollkommenheit und tiefer
Beschauung schon fortgeschritten sind, ist ein Feuer göttlicher Liebe, welches
die Seele verbrennt und sie durch dieses Liebesgefühl in einen
Schmerzenszustand versetzt. - Bald stimmt die Abwesenheit ihres Geliebten die
Seele traurig; bald wird ihr die süße, brennende und willkommene Bürde der
liebenswerten, göttlichen Gegenwart zur Qual. Dieses süße Martyrium lässt sie
immerdar seufzen; manchmal, wenn sie sich ihres Geliebten erfreut und ihn hat,
weil das Gefühl dieses Besitzes so lieblich ist, dass sie es nicht zu fassen
vermag. Das anderemal, wenn er sich nicht offenbart, seufzt sie wegen des
heißen Dranges, womit sie sich bestrebt, ihn zu suchen, zu finden und zu
genießen. All dies ist nichts anderes als seufzen, dulden und sterben aus
Liebe. O dass du nur
dazu gelangen könntest, die so entgegengesetzten Zustande zu begreifen,
welchen eine liebende Seele ausgesetzt ist. Es ist ein Kampf, der auf der einen
Seite furchtbar und wild, und auf der andern Seite süß, schmelzend und lieblich
ist: Es ist ein Martyrium, so durchbohrend und scharf, womit die Liebe sie
quält, als auch ein peinvolles und süßes Kreuz zugleich, dass sich die Seele
während ihres ganzen Lebens nicht davon freimachen möchte: In dem Grad,
als Licht und Liebe sich vergrößern, wächst auch der Kummer über die
Abwesenheit jenes Guts, welches sie so innig liebt. Sich ihm nahe zu fühlen,
bereitet ihr Freude; aber das niemals Fertigwerden mit dem Erkennen, und der
nie ganz vollkommene Besitz, verzehrt ihr Dasein. Sie verlangt nach Speise und
Trank, und hat solche dicht vor ihrem Mund, und kann sich doch nicht davon
sättigen.
Sie sieht sich verschlungen und versenkt in einem Meer von Liebe, während die
mächtige Hand, welche sie erretten könnte, ihr nahe ist und es doch nicht tut.
Sie weiß auch nicht, wann er kommen wird, nach dem sie so sehnlich verlangt. Zuweilen
vernimmt sie die innere Stimme ihres Geliebten, welche sie lockt und ruft. Es
ist ein sanftes, zartes Flüstern, das aus dein Geheimsten der Seele, wo seine
Wohnung ist, hervordringt und sie mächtig ergreift. Sie wird wie zerschmolzen
und aufgelöst, indem sie sieht, wie nahe sie ihn in sich selbst hat, und er ihr
doch so fern ist, dass sie nicht dazu gelangen kann. Dies berauscht sie,
erniedrigt sie, schreckt sie und erfüllt sie mit Unersättlichkeit. Und das ist
der Grund, dass man die Liebe so mächtig nennt, wie den Tod selbst, weil die
Liebe geradeso tötet wie der Tod.
Teil II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind
nötig zur Erlangung des innerlichen Friedens.
Der feinste Pfeil, welchen die Natur
abschießt, ist der, uns zu dem Verbotenen zu verleiten, unter dem Vorwand, dass
es notwendig und unnützlich sein möchte. O wie viele Seelen hat diese
vergoldete Täuschung schon irregeführt und um den Geist betrogen: Niemals wirst
du das köstliche Manna schmecken, welches niemand kennt, außer dem, der es
empfängt (Offb.2,17); wenn du dich nicht gänzlich überwindest bis zur Abtötung
deiner selbst. Derjenige, welcher sich nicht befleißigt, seinen Leidenschaften
abzusterben, ist nicht wohl bereitet, die Gabe des geistigen Verständnisses zu
empfangen. Und ohne dieses Verständnis ist es für ihn unmöglich, in sich selbst
einzudringen und in seinem Geiste verwandelt zu werden. Denn diejenigen,
welche draußen bleiben, haben nichts davon. Niemals
beunruhige dich wegen irgendeines Vorfalls; denn die Unruhe ist die Tür, durch
welche sich der Feind in die Seele einschleicht, um sie ihres Friedens zu
berauben. Du wirst Ungeduld und
Herzensbitterkeit aus der Tiefe empfindlicher, hungernder und gequälter Liebe
emporwachsen sehen. Wahre Liebe mit ihren Wirkungen kennt man, wenn die Liebe
tief gedemütigt ist, und ernstlich wünscht, abgetötet und ausgelöscht zu sein.
Es gibt viele, die keinen Geschmack an Gott finden, obgleich sie sich dem Gebet
gewidmet haben. Denn am Ende Ihrer Gebete sind sie weder abgetötet, noch
dienen sie Gott länger. Um jenes friedliche und beständige Dienen zu erlangen,
ist es nötig, eine große Reinheit des Geistes und Herzens, großen Seelenfrieden
und eine umfassende Entsagung zu gewinnen. Der Grund unserer Seele, sollst du
wissen, ist der Ort unserer Glückseligkeit. Dort zeigt uns der Herr Wunder,
dort stürzen wir und verlieren wir uns selbst in das uner messliche Meer seiner
unendlichen Güte, in welcher wir fest und unbewegt verbleiben. Dort wohnt das
unvergleichliche Labsal unserer Seele und ihre erhabene und süße Ruhe.
Ein
demütiges und ergebenes Herz, welches zu diesem Grunde gelangt ist, sucht nach
nichts anderem mehr, als nur Gott zu gefallen. Der heilige und liebende Geist
lehrt sie alles durch seine süße, erquickende Salbung. Unter den Heiligen gibt es einige
gigantische Gestalten, welche fortwährend körperliche Leiden mit Geduld
ertragen. Solchen nimmt sich Gott besonders an. Wahrlich, groß und herrlich ist
die Gabe derer, welche durch die Kraft des Heiligen Geistes, sowohl innere wie
äußere Qualen mit Zufriedenheit und Ergebung ertragen. Dies ist jene Art von
Heiligkeit, welche, je seltener sie ist, um so kostbarer vor Gottes Augen
erscheint. Diejenigen, welche diesen Pfad wandeln, sind selten, weil es in der
Welt nur wenige gibt, die sich völlig selbst verleugnen, um dem gekreuzigten
Christus in Einfalt und Nacktheit des Geistes durch die einsamen und dornigen
Gebiete des Kreuzes nachzufolgen, ohne Grübeleien über sich selbst anzustellen. Ein Leben der Selbstverleugnung
übertrifft alle Wundertaten der Heiligen. Ein solches Leben weiß nicht, ob es
lebendig oder tot sei, ob verloren oder gewonnen, ob es einwilligt oder
widerstrebt. Dies ist das wahrhaft entsagende Leben. Wenn es auch lange Zeit
wahren wird, bevor du zu diesem Zustand gelangen kannst, und du dich kaum um
einen Schritt auf ihm vorangekommen siehst, so darf dich dies doch nicht
erschrecken; denn Gott pflegt die Seele in einem Augenblick mit dem zu
begnadigen, was er ihr vorher viele Jahre hindurch versagt hat. Derjenige, welcher wünscht, blindlings
Unrecht zu dulden, ohne den Trost Gottes oder seiner Geschöpfe, ist so weit
fortgeschritten, dass er ungerechten Anschuldigungen keinen Widerstand mehr
entgegensetzen kann. Ja auch in der schrecklichsten, inneren Verlassenheit ist
er unfähig dazu. Es muss Trübsal geben, denn nur so wird das Leben eines
Menschen für Gott annehmbar. Ohne Trübsal ist das Leben gleich dem Körper ohne
Seele, der Seele ohne Gnade, der Erde ohne Sonne. Mit dem Winde der Trübsal
trennt Gott auf der Tenne der Seele die Spreu von dem Korn. Wenn Gott in dem
innersten Teil der Seele Schmerz schafft, vermag ihr kein Geschöpf Trost zu
bringen; ja Tröstungen sind sogar schwere und bittere Qualen für sie. Zu bedauern sind jene Heiligen, welche nicht zu der
Einsicht kommen können, dass Trübsal und Leiden der größte Segen für sie sind.
Die Vollkommenen sollten immerdar nach dem Tode und nach Leiden trachten, und
jederzeit in einem Zustande des Todes und Leidens sein. Nichtig ist der Mensch,
welcher nicht duldet, denn er ist dazu geboren, dass er sich mühen und leiden
soll. Und das gilt ganz besonders für die Freunde und Erwählten Gottes. Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.
Wisse, dass sich der Herr nicht eher
in deiner Seele offenbaren wird, als bis diese in sich selbst vernichtet und
tot ist in allen ihren Sinnen und Kräften. Auch wird sie niemals zu diesem
Zustande gelangen, bevor sie nicht (nach vollkommener Selbstentäußerung) den
festen Entschluss gefasst hat, ganz allein mit Gott zu sein. Ja sie darf
keinen Unterschied mehr machen zwischen Achtung und Verachtung, zwischen Licht
und Finsternis, Kampf und Frieden. Kurz, damit die Seele zur völligen Ruhe und
zu höchstem, innerlichem Frieden gelangen kann, sollte sie zuerst in sich
selbst sterben und allein in Gott und für ihn leben. Je mehr sie in sich selbst
tot ist, um so mehr wird sie Gott erkennen. Wenn sie aber auf diese fortgesetzte
Selbstverleugnung und innerliche Abtötung nicht achtet, wird sie nimmermehr zu
diesem Zustande gelangen, noch auch Gott in sich erhalten. Sie wird immerfort
leidenschaftlichen Aufwallungen des Gemüts unterworfen sein; wie Vorurteilen,
Murren, Empfindsamkeit, Entschuldigungen, Verteidigungen. Auch wird sie auf
Ehre und einen guten Namen achten, welche Dinge alle Feinde der
Vollkommenheit, des Friedens und des Geistes sind. Unter denjenigen, die auf geistigem
Wege wandeln, ist das Absterben der Gemütszustände nicht bei allen gleich. Groß
ist der Unterschied, weicher zwischen Tun, Leiden und Sterben besteht. Das Tun
ist erfreulich und gehört den Anfängern. Das Leiden mit Verlangen kommt den
Fortgeschrittenen zu, und das immerwährende Sterben in sich selbst ist
denjenigen zu eigen, welche vollendet und vollkommen sind, von denen man nur
wenige auf der Welt findet. An den Glücklichen aber, welche einen
fortwährenden
Tod erleiden, hat Gott seine Wonne, seinen Ruhm und sein Wohlgefallen. Wie
glücklich wirst du sein, wenn du keinen andern Gedanken hast, als in dir selbst
zu ersterben. Du wirst dann nicht nur Sieger über deine Feinde, sondern auch
über dich selbst werden. Da wirst du dann finden reine Liebe, vollkommenen
Frieden und göttliche Weisheit. Ein Mensch kann unmöglich mystisch
denken und leben in einfältigem Verständnis der göttlichen und eingeflössten
Weisheit, bevor er nicht zuerst in sich selbst erstirbt durch voltständige
Aufgabe des Sinnlichen und allen intellektuellen Verlangens. Du wirst erkennen, dass das
Missvergnügen geistlicher Menschen schnell verschwindet; dessen ungeachtet aber
bemühe dich, niemals missvergnügt zu werden, noch darin zu verharren, denn es
schädigt deine Gesundheit, verstört die Vernunft und beunruhigt deinen Geist.
Von anderen heiligen Ratschlägen, die du beobachten musst, präge dir die
folgenden gut ein: Schaue nicht auf die Fehler anderer, sondern nur auf deine
eigenen. Beobachte Stillschweigen, mit einem beständigen, inneren
Verkehr
mit dir selbst. Ertöte dich in allen Dingen und zu jeder Zeit, wodurch du dich
von vielen Unvollkommenheiten befreien und zum Herrscher über große Tugenden
machen wirst. Töte dich darin ab, dass du über niemand jemals übel
urteilst, weil die Verdächtigung deines Nächsten die Reinheit des Herzens
trübt, dasselbe beunruhigt, die Seele aus sich herausführt und ihre Ruhe raubt. Betrachte, wie Gott
eine Seele höher schätzt, welche innerlich ergeben lebt, als eine andere,
welche Wunder verrichtet und sogar Tote auferweckt: Viele Seelen gibt es,
welche trotz allem Beten doch immer unvollkommen und voller Eigenliebe bleiben,
weil sie nicht ertötet sind. Als wahren Grundsatz mögest du in dein Herz
fassen, dass niemand eine Seele kränken oder schmähen kann, weiche sich selbst
verachtet und in ihren eigenen Augen nichts ist. Teil II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig,
dass die Seele ihr Elend erkennt.
Würde die Seele nicht in einige Fehler verfallen, so
könnte sie niemals ihr eigenes Elend verstehen lernen, such nicht durch
menschliche Rede oder geistliche Bücher..
Darum muss sie zuerst ihre eigene bejammernswerte Schwäche erkennen,
wenn sie jemals den köstlichen Frieden erlangen will. Denn wie kann eine
Heilung geschehen, wo keine klare Erkenntnis des Mangels ist. Gott wird bald
diesen, bald jenen Fehler über dich verhängen, damit du durch diese Erkenntnis
deiner selbst, wenn du dich so oftmals straucheln siehst, zu der Überzeugung
kommen mögest, dass du ein bloßes Nichts bist. Denn erst im Nichts sind Wissen
und Glauben, wahrer Friede und vollkommene Demut gegründet. Und damit du dieses
Geheimnis (von dem was du bist) tiefer erforschen und erkennen mögest, will
ich versuchen, dich über einige deiner mannigfaltigen Untugenden aufzuklären. Du bist so unruhig und empfindlich, dass wenn du auch nur
beim Gehen strauchelst oder auf deinem Wege gehindert wirst, die Hölle selbst
empfindest. Wenn dir deine Forderung verweigert oder ein Vergnügen durchkreuzt
wird, so brausest du sogleich zornig auf. Wenn du an deinem Nachbar einen
Fehler erspähst, tadelst du ihn Unbesonnenerweise, anstatt ihn zu bedauern und
daran zu denken, dass du selbst solchen Untugenden unterworfen bist. Wenn du
einen für dich geeigneten Gegenstand erblickst, und kannst ihn nicht erlangen,
so wirst du betrübt und von Kummer erfüllt. Wenn du eine geringfügige Unbill
von deinem Nächsten erleidest, schiltst du auf ihn und beklagst dich darüber;
und gerätst wegen einer Kleinigkeit innerlich und äußerlich in Unruhe, und
verlierst dich selber. Du möchtest zwar geduldig sein, aber mit der Geduld eines
andern. Und wenn die Ungeduld anhält, schiebst du die Schuld voller Verdruss
auf deinen Gefährten, ohne zu bedenken, dass du dir selbst unerträglich bist.
Ist dein Groll dann verraucht, so hüllst du dich listig wieder in das Gewand
der Tugend, indem du sittliche Grundsätze aufstellst,
und geistige Redensarten mit Verstandesschärfe vorbringst, ohne deine früheren
Mängel zu bessern. Obgleich du dich willig anklagst und deine Fehler vor andern
tadelst, geschieht dies nicht aus vollkommener Demut, sondern um dich vor
demjenigen, welcher deine Gebrechen sieht, zu rechtfertigen, damit du aufs neue
zu deiner früheren Selbstschätzung zurückkehren kannst. Bisweilen behauptest du voller List,
dass du nicht durch lasterhafte Gewohnheit, sondern von eifrigem
Gerechtigkeitsgefühl
dazu verleitet wirst, dich über deinen Nächsten zu beklagen. Du hältst dich
zumeist für tugendhaft, standhaft und mutig, so dass du selbst dein Leben in
die Hände des Tyrannen hingeben würdest, um der göttlichen Liebe willen.
Indessen vermagst du kaum das geringste verletzende Wort zu ertragen, sondern
betrübst dich und gerätst gleich darüber in Unruhe. Dies alles sind stets
arbeitende Maschinen der Selbstliebe und des verborgenen Stolzes deiner Seele.
Wisse daher, dass die Eigenliebe in dir herrscht, welche das größte Hindernis
bildet zur Erlangung jenes köstlichen Friedens. Teil II Kapitel X - Es wird
gezeigt, welches die falsche und welches die wahre Demut ist, nebst deren
Wirkungen.
Du musst wissen, dass es zwei Arten Demut gibt; die eine ist
falsch und erlogen, die andere wahr. Die erheuchelte Demut ist gleich dem
Wasser, das emporsteigen soll, und deshalb künstlich abwärts getrieben wird,
damit es nachher in die Flöhe steigt. Solche Seelen vermeiden jegliche
Ehrbezeugung, damit sie für demütig gehalten werden. Sie sagen von sich selbst,
dass sie sehr böse seien, damit sie für gut gehalten werden möchten; und
wiewohl sie ihre eigene Fehlerhaftigkeit erkennen, so wünschen sie doch nicht,
dass diese auch von andern erkannt werden sollen. Das ist falsche, erheuchelte
Demut, und nichts als ein geheimer Dünkel. Die wahre Demut wird daran erkannt, dass sie zur
vollkommenen Gewohnheit geworden ist. Solche Seelen denken niemals an die
Demut, sondern urteilen demütig von sich selbst. Sie wirken mutig und geduldig,
sie leben und sterben in Gott, sie machen sich weder aus sich selbst noch aus
den Kreaturen etwas. Sie sind in allen Dingen standhaft und ruhig, erdulden
frohgemut Beschwerden und wünschen deren stets noch mehr, damit sie ihrem
geliebten und verachteten Jesus nachfolgen können. Sie verlangen danach, der
Welt ein Gespött und Spielball zu sein. Sie sind zufrieden mit dem, was sie von
Gott empfangen, und sind mit einem wohltuenden Schamgefühl von ihren Fehlern
überzeugt. Sie demütigen sich nicht durch einen Entschluss der Vernunft,
sondern durch einen inneren Willensdrang. Sie bleiben stets unbewegt in ihrem
Nichts und in sich selbst mit vollkommenem Frieden, so dass es keine Ehre gibt,
wonach sie verlangen, keine Beleidigung, weiche sie aufregen könnte, kein
Unrecht, welches sie verstörte, keine Mühseligkeit, die sie bedrückte, kein
Glücksfall, der sie stolz machen könnte. Damit du bekannt werden mögest mit der
innerlichen und wahren Demut, so wisse, dass sie nicht in äußerlichen
Handlungen besteht. Sie besteht nicht im Einnehmen des geringsten Platzes, in
dürftiger Kleidung, in unterwürfiger Redeweise, im Schließen der Augen, in
zärtlichen Seufzern, im Verurteilen deiner Lebensführung, indem du dich einen
Elenden nennst, um andern verstehen zu geben, dass du demütig seiest. Sie
besteht einzig und allein in der Verachtung deiner selbst und in dem Begehren,
verabscheut zu werden, mit einem tiefen und gründlichen Wissen, ohne zu
bekümmern, ob du für demütig gehalten wirst oder nicht, und wenn es gleich
durch einen Engel geschähe. Die Qual des Lichts, womit der Herr in seiner
Barmherzigkeit
die Seele erleuchtet, bewirkt zweierlei: Sie offenbart die Größe Gottes und
bewirkt zu gleicher Zeit, dass die Seele ihre eigene Hilflosigkeit erkennen
kann. Keine Zunge vermöchte es auszudrücken, wie tief sie zu Boden gedrückt
ist, voll heißen Verlangens, jedermann ihre Niedrigkeit erkennen zu lassen. Und
dies ist so weit von Großsprecherei und Selbstgefälligkeit entfernt, als sie in
jener Gnade Gottes nichts als seine Güte und lautere Barmherzigkeit erblickt,
welcher es gefällt, sich ihrer zu erbarmen. Niemals wird dir von Menschen oder Teufeln Schaden gebracht
werden, sondern allein durch dich selbst, durch deinen eigenen Stolz und dem
Ungestüm deiner Leidenschaften. Sei vor dir selbst auf der Hut, denn du bist
dir selbst der größte aller Teufel. Das Kreuz und der Tod sind ihm Entzücken, obgleich er es
nicht äußerlich zur Schau trügt. Aber ach: von wem sprechen wir eigentlich?
Denn es gibt solche demütige Menschen nur sehr wenige auf der ganzen Welt. Wenn dich irgendein Missgeschick überfällt, so klage
niemanden deswegen an, sondern halte dafür, dass es aus Gottes Hand kommt, dem
Geber alles Guten. Wenn du die Fehler deines Nächsten zu ertragen wünschest,
so richte deine Augen auf deine eigenen. Und wenn du dir einbildest, einen
Fortschritt in der Vollkommenheit durch eigene Kraft gemacht zu haben, so
wisse, dass du keinesfalls demütig, noch einen Schritt vorangekommen bist auf
dem Wege des Geistes. Teil II Kapitel XI - Grundsätze,
ein einfältiges, demütiges und aufrichtiges Herz zu erkennen.
Ermanne dich, demütig zu sein und Trübsal
willkommen zu
heißen, weil es zu deinem Besten dient. Freue dich der Geringschätzung und
richte dein Verlangen darauf, dass Gott deine heilige Zuflucht, dein Trost und
Beschützer sein möge. Der wahrhaft Demütige findet Gott in allen Dingen. Er nimmt
alles aus Gottes Hand, auch die Verachtung, Beschimpfung und Unbill durch
Kreaturen. Darum kann er alles mit großem Frieden und innerlicher Ruhe
entgegennehmen, und das Werkzeug, womit Gott ihn prüft, mit besonderer Liebe
umfassen. Derjenige besitzt keine innerliche Demut, welcher sich
nicht selbst verabscheut mit einem tödlichen, aber dabei friedlichen und
ruhigen Hasse. Keiner jedoch wird in den Besitz dieses Schatzes gelangen,
welcher nicht eine tiefe und gründliche Erkenntnis hat von seiner eigenen
Schlechtigkeit,
Verderbtheit und Schwäche. Das demütige Herz kommt nicht in Unruhe bei
Unvollkommenheiten.
Es wird aber doch bis ins Innerste betrübt, weil sie Gott nicht gefallen
können. Einem Demütigen ist es auch gleichgültig, wenn er keine großen Dinge
ausüben kann, denn er verharrt immerdar in seiner eigenen Unwürdigkeit und
seinem Nichts. Ja er verwundert sich sogar, dass er überhaupt etwas
Tugendhaftes zu tun vermag, und dankt dem Herrn sogleich dafür, wohl wissend,
dass es Gott ist, der alles tut. Hingegen ist er unzufrieden mit seinem eigenen
Wirken. Obgleich
der wirklich Demütige alles sieht, bückt er doch auf nichts, um es zu
verurteilen, weil er nur über sich selbst übel urteilt. Der wahrhaft Demütige
findet stets eine Entschuldigung für den, welcher ihn kränkt, zum mindesten
darin, dass er es in einer guten Absicht getan habe. Und wer könnte wohl einem
Menschen zürnen, welcher das Gute beabsichtigt? Wer die vollkommene, innere Demut erlangt hat, empfindet es
als große Pein, sich selbst ertragen zu müssen. Trotzdem kommt er bei keiner
Gelegenheit aus der Fassung, weil er sich selbst verabscheut und seine
Unvollkommenheit,
seine Undankbarkeit und Gebrechlichkeit in allen Dingen erkennt. Dies ist das
Merkmal, woran die wahre Herzensdemut erkannt wird. Die glückliche Seele aber,
welche zu diesem heiligen Hass ihrer selbst gelangt ist, lebt überwältigt,
ertränkt und verschlungen In der Tiefe ihrer eigenen Nichtigkeit. Der Herr
erhebt sie aber daraus empor, indem er ihr göttliche Weisheit verleiht, und
sie mit Licht, Frieden, Ruhe und Liebe erfüllt. Teil II Kapitel XII - Die
Innerliche Abgeschiedenheit ist es vor allem, welche den Menschen zur Erlangung
des inneren Friedens führt.
Obgleich die äußere Einsamkeit viel dazu verhilft, den
inneren Frieden zu erlangen, so meinte der Herr doch diese nicht, wenn er durch
den Mund des Propheten sagt: "Ich will sie in die Einsamkeit führen und im
Verborgenen mit ihr reden" (Hos.2,16). Denn hier ist die innerliche
Einsamkeit
gemeint, welche (verbunden mit der äußeren) zur Erlangung des kostbaren
Kleinods des inneren Friedens führt. Die innerliche Einsamkeit besteht im
Vergessen der Kreaturen, in der Loslösung seiner selbst von ihnen, in einer
vollkommenen Entäußerung von allen Zuneigungen, Gedanken, Wünschen und dem
Eigenwillen. Dies ist die wahre Einsamkeit, wo die Seele mit süßer, innerer
Heiterkeit in den Armen ihres höchsten Guts ruht. O welch unendlicher Raum ist in einer Seele, welche zu
dieser göttlichen Abgeschiedenheit gelangt ist. Da breitet sich eine innere,
umfassende, verborgene und unermessliche Weite aus in einer solchen
glücklichen Seele, die dazu gelangt ist, wahrhaft einsam zu sein. Dort
unterredet sich der llerr und verkehrt innerlich mit der Seele; dort erfüllt er
sie mit sich selbst, weit sie leer ist. Er umhüllt sie mit Licht und mit seiner
Liebe, weil sie nackt ist. Er liebt sie empor, weil sie erniedrigt ist, und
verwandelt sie und vereinigt sie mit sich, weil sie allein ist.
Warum streben die Seelen von der Erde nicht nach dieser Herrlichkeit!
Warum verscherzen sie sich ein so hohes Gut allein durch die Liebe zu
erschaffenen
Dingen und durch das Verlangen nach ihnen' O wie glücklich würdest du sein,
gesegnete Seele, wenn du alles verließest um Gottes willen: Suche einzig und
allein ihn, verlange nach nichts als nur nach ihm; lass (leine Seufzer nur für
ihn sein. Wolle, nichts, so wird dir nichts Beschwerde bereiten. Und so du
etwas Gutes begehrst, wie geistig es auch immer sei, tue es in solcher Weise,
dass es dich nicht verstört, wenn du es nicht erlangen kannst. Wenn du mit solcher Unabhängigkeit Gott deine
weltentfremdete,
freie und abgeschiedene Seele übergibst, so wirst du das glücklichste Geschöpf
auf Erden sein. Denn in dieser heiligen Einsamkeit hat der Höchste seine
geheime
Wohnung. In dieser Einöde und diesem Paradies erfreuen wir uns des Verkehrs mit
Gott. Nur in dieser innerlichen Zurückgezogenheit kann jene wunderbare,
machtvolle und göttliche Stimme vernommen werden. Je mehr die Seele sich selbst entäußert, desto weiter geht
sie ein in diese innere Einsamkeit, wo sie mit Gott bekleidet wird. Je weiter
sie in eine gr8ssere Abgeschiedenheit und Leerheit ihrer selbst gelangt, um so
mehr erfüllt sie der göttliche Geist. Schreite vorwärts, o gesegnete Seele, vorwärts zu dieser
Glückseligkeit der inneren Einsamkeit. Siehe wie Gott dich ruft einzutreten in
dein innerliches Zentrum, wo er dich erneuern, dich verwandeln, dich erfüllen,
dich bekleiden und dir ein neues, himmlisches Königreich zeigen will, das voll
ist von Freude, Friede und Heiterkeit der Seele. Teil II Kapitel XIII - Es wird
gezeigt, was verliehene und passive Beschauung Ist, und ihre wunderbare Wirkung
vor Augen geführt.
Wenn die Seele einmal an die innerliche Sammlung und
erworbene Betrachtung (von welcher wir gesprochen haben) gewöhnt ist; wenn sie
einmal ertötet ist und ihren Lüsten zu entsagen wünscht; wenn sie einmal kraftvoll
innere wie äußere Erniedrigung willkommen heißt und willig ist, aufrichtigen
Sinnes ihren Leidenschaften und eigenem Tun abzusterben; so pflegt Gott sie
allein zu sich zu nehmen, und sie (mehr als ihr bewusst ist) zu einer
vollkommenen
Ruhe zu erheben. Da lässt er sein Licht, seine Liebe und seine Kraft lieblich
und innerlich in sie einströmen, und erschafft und entzündet in ihr eine wahre
Fähigkeit zu jeder Art von Tugend. Wenn die Seele aus diesen lieblichen und göttlichen
Umarmungen wieder zu sich selbst gekommen ist, wird sie reich an Licht und
Liebe, an einer tiefen Ehrfurcht vor der göttlichen Grüße, sowie an Erkenntnis
ihrer eigenen Ohnmacht. Sie sieht sich ganz göttlich verwandelt und befähigt,
liebend zu umfassen, zu dulden und vollkommene Tugend auszuüben. Niemals
wirst du dich an diesem göttlichen Wein erlaben, solange du nicht
fortgeschritten bist in der Tugend und der innerlichen Abtötung, solange du
dich nicht mit aufrichtigem Herzen bemühst, in deiner Seele einen großen
Frieden, Stillschweigen, Vergessenheit und innerliche Abgeschiedenheit zu
befestigen. Wie kann die liebliche, innere und machtvolle Stimme Gottes
vernommen werden inmitten des Getöses und der Unruhe der Kreaturen? Und wie ist
es möglich, auf den reinen Geist zu lauschen mitten in der Welt und inmitten
künstlich gefügter Gedanken und Verstandesarbeit? Wenn die Seele nicht
fortgesetzt in sich selbst ersterben will, indem sie sich von all diesen
materiellen
Dingen und Ergötzlichkeiten losreißt; so wird die Beschauung für sie nichts
anderes sein als bloße Eitelkeit, selbstgefälliges Vergnügen und Vermessenheit. Nicht immer teilt sich Gott mit gleicher Fülle in dieser
süßesten und eingeflössten Beschauung mit. Manchmal gewährt er diese Gnade
reicher als zu andern Zeiten; zuweilen erwartet er nicht, dass die Seele so tot
und vernichtet sei. Denn da dieses Geschenk bloße Gnade ist, verleiht er es
wann es ihm gefällt, und wie es ihm gefällt, so dass keine allgemeine Regel
daraus gemacht, noch irgendein bestimmtes Maß für seine göttliche Größe
aufgestellt
werden kann. Ja er bewirkt sogar durch diese Beschauung, dass sie sich
verleugnet, vernichtet und erstirbt. Die Seele, welche sich in diesem glücklichen Zustande
befindet, muss zweierlei meiden: Erstens die Tätigkeit des menschlichen Geistes
und zweitens die eigenen Interessen. Unser menschlicher Geist ist nicht
gewillt, in sich selbst zu ersterben, sondern liebt es, sich nach seiner Weise
zu betätigen, da er in seine eigenen Handlungen verliebt ist. Es ist eine große
Pflichttreue und Selbstverleugnung erforderlich, damit der Mensch zur
vollkommenen und passiven Empfänglichkeit für die göttlichen Einflüsse
gelangen kann. Seine fortwährende Gewohnheit, nach eigenem Gutdünken zu
handeln, bildet ein Hindernis zu seiner Vernichtigung. Das zweite ist, dass du an der
13eschauung selbst interessiert bist. Du musst daher in deiner Seele eine
vollkommene
Entäußerung von allem, was nicht Gott ist, zustande bringen, ohne irgendein
anderes Ziel oder Interesse im Innern oder im Äußern zu suchen, als nur den
göttlichen Willen. Du musst wissen, dass es wenige Seelen
gibt, welche zu diesem verliehenen und passiven Gebet gelangen, weil nur wenige
tauglich sind für diese göttlichen Einflüsse. Denn es braucht eine vollkommene
Nacktheit und einen Tod der eigenen Tätigkeit und Kraft. Nur diejenigen, welche
es fühlen, können wissen, dass diese vollkommene Nacktheit erworben wird (mit
göttlicher Gnadenhilfe) durch beständige und innerliche Abtötung, indem der Mensch
allen eigenen Neigungen und Begierden abstirbt. Teil II Kapitel XIV - Von den
zwei Wegen, auf denen die Seele zur eingeflössten Beschauung emporsteigt, nebst
einer Erklärung, welches und Wie viele deren Stufen sind.
Es gibt zwei Wege, auf denen die Seele zu dem Glück der
Beschauung und hingegebenen Liebe emporsteigt: die Lust und das Verlangen
danach. Gott pflegt zuerst die See le mit sinnlichen Annehmlichkeiten zu
erfüllen, weil sie so schwach und elend ist, dass sie ohne diesen vorherigen
Trost sich nicht aufschwingen könnte zum Genusse himmlischer Dinge. Auf dieser
ersten Stufe wird sie durch Zerknirschung vorbereitet und in Reue geübt, indem
sie über die Leiden des Erlösers nachdenkt und mit Größem Eifer alle weltlichen
Begierden und lasterhaften Lebensgewohnheiten ausrottet. Denn das Himmelreich
duldet Gewalt, und das schwache, zaghafte Herz erringt es niemals, sondern nur
diejenigen, welche Gewalt und Zwang mit sich selbst ausüben. Der zweite Weg ist das Verlangen. Je mehr man sich an den
himmlischen Dingen erfreut, um so mehr werden sie begehrt. Auf die geistlichen
Freuden folgt das Verlangen nach himmlischen und göttlichen Segnungen, und
eine Verachtung der weltlichen Freuden. Aus diesem Verlangen wird das Streben
geboren, Christus unserem Herrn nachzufolgen, welcher sagte: "Ich bin der
Weg". Die zweite ist Trunkenheit. Diese Stufe ist eine
Gemütsausschreitung
und eine Erhebung der Seele, welche aus der Fülle der göttlichen Liebe
entspringt. Die dritte ist Sicherheit. Diese Stufe vertreibt alle Furcht. Die
Seele ist so von göttlicher Liebe durchdrungen, und dem
göttlichen Willen so hingegeben, dass sie willig zur Hölle gehen würde, wenn es
ihm gefällig wäre. Auf dieser Stufe empfindet sie eine solche sichere
Bürgschaft der göttlichen Vereinigung, dass es ihr unmöglich erscheint, jemals
von ihrem Geliebten getrennt zu werden. Es gibt sechs andere Stufen der
Beschauung, nämlich die folgenden: Feuer, Vereinigung, Erhebung, Erleuchtung,
Seligkeit und Ruhe. Durch die erste wird die Seele entzündet; ist sie
entzündet, wird sie gesalbt; ist sie gesalbt, wird sie erhoben; erhoben gelangt
sie zur Beschaulichkeit, und beschauend empfindet sie Wonne; in dein
Wonnegefühl findet sie
Ruhe. Durch diese Stufen hebt sich
die Seele höher empor, abgesondert, und erfahren auf dem geistigen und
innerlichen Wege. Die dritte ist die Erhebung des
innerlichen Menschen über sich selbst, um ihn tauglich zu machen für den klaren
Quell reiner Liebe. Die sechste ist eine liebliche und
wunderbare Ruhe, herrührend von dem siegreichen Ausgang des innerlichen Kampfes
und dem häufigen Gebet. Aber davon haben sehr wenige eine eigene Erfahrung.
Hierbei ist die Fülle von Glück und Frieden so groß, dass die Seele in einem
lieblichen Schlummer befangen scheint, worin sie sich erquickt und ausruht an
der göttlichen Brust der Liebe. Teil II Kapitel XV - Zeichen, um
den inneren Menschen und das gereinigte Gemüt zu erkennen.
Es gibt vier Zeichen, womit man den innerlichen Menschen erkennen
kann. Als erstes, wenn der Verstand keine anderen Gedanken fasst, als solche,
welche zu dem Licht des Glaubens emporstreben, und der Wille so erzogen ist,
dass er keine anderen Handlungen der Liebe hervorbringt, als für Gott und um
seinetwillen. Zweitens, wenn das Denken und der Wille, nach Beendigung einer
Arbeit, mit welcher er beschäftigt war, sich leicht und schnell zu Gott
hinwenden. Drittens, wenn er zum Gebet schreitend, alle äußeren Dinge vergisst,
als ob er sie niemals gesehen oder sich mit ihnen beschäftigt hätte. Viertens,
wenn er gegen' äußere Dinge eine natürliche Abscheu hat, und in Furcht steht,
sich in weltliche Angelegenheiten zu verfangen; es sei denn, dass die
Nächstenliebe solches von ihm fordert. Eine solche Seele ist frei vom
äußeren Menschen, und gelangt leichter zur Innerlichen Abgeschiedenheit, worin
sie nichts sieht als Gott. Sie sieht sich in Gott, und liebt ihn mit Ruhe und
Frieden und wahrer Liebe. Dort, in jenem verborgenen Zentrum, redet Gott
freundlich zu ihr und unterrichtet sie von einem neuen Königreich und von
wahrem Frieden und Freude. Aus dieser völligen Sättigung entspringen zwei
Wirkungen:
Die erste ist ein großer Mut, um Gottes willen zu leiden. Die zweite ist eine
bestimmte Hoffnung oder Gewissheit, ihn niemals verlieren noch von ihm getrennt
werden zu können. An drei Merkmalen wird ein geläutertes Gemüt
erkannt, wie
der heilige Thomas in einer seiner Abhandlungen sagt. Das erste Zeichen ist
Eifer, welcher eine Kraft der Seele ist, die alle Lässigkeit und Trägheit
tilgt, um sie mit Ernst und Vertrauen zum Streben nach Tugend anzuleiten. Das
zweite ist Strenge, welche ebenfalls eine Kraft der Seele ist, die sich gegen
die sinnlichen Begierden richtet, begleitet von einer heißen Liebe zu
Mühseligkeit, Niedrigkeit und einer heiligen Armut. Das dritte ist Gütigkeit
und Sanftmut des Gemüts, welche allen bitteren Groll, Neid, Widerwillen und
Hass gegen den Nächsten vertreiben. Bevor nicht das Gemüt gereinigt, die Liebe
geläutert, das Gedächtnis leer, der Verstand erhellt, der Wille verleugnet und
entflammt ist, vermag die Seele niemals zu einer innigen und zärtlichen
Vereinigung mit Gott zu gelangen. Die Seele muss deshalb, weil der Geist Gottes
Reinheit, Licht und Stille ist, große Reinheit, Frieden, Aufmerksamkeit und
Ruhe besitzen; denn Gott wünscht in ihr seine Ruhestätte zu nehmen. Der
kostbaren Gabe eines gereinigten Gemüts werden aber nur diejenigen teilhaftig,
welche sie mit fortwährendem Eifer suchen, lieben und bewahren. Solche
wünschen gerne, als die niedrigsten in der Welt angesehen zu werden. Teil II Kapitel XVI - Von der göttlichen
Weisheit.
Die göttliche Weisheit ist eine übersinnliche und
eingeflösste
Erkenntnis der göttlichen Vollkommenheiten und ewigen Dinge, welche vielmehr
Beschaulichkeit als Vernunftsforschung genannt werden sollte. Die Wissenschaft
wird erworben und führt zur Erkenntnis der Natur. Die Weisheit wird verliehen
und erzeugt ein Erkennen der göttlichen Güte. Die Wissenschaft begehrt das zu
wissen, was man nur mit Mühe und Schweiß erlangen kann; die göttliche Weisheit
verlangt danach, selbst das nicht zu wissen was sie weiß, obgleich sie alles
versteht. Kurz gesagt: Die Leute der Wissenschaft beschäftigen sich mit der
Erkenntnis weltlicher Dinge, und der göttlich Weise lebt versunken in Gott
selbst. Die erleuchtete Vernunft in dem Weisen ist eine erhabene
und einfache Erhebung des Geistes, wodurch er mit klarem und scharfem Auge
alles sieht, was unter ihm ist und was sein Leben und Sein betrifft. Dies macht
die Seele einfältig, erleuchtet, gleichförmig, geistig und gänzlich in sich
gekehrt und abgezogen von jedem erschaffenen Ding. Die Weisheit bewegt und
entführt mit sanfter Gewalt die Herzen der Demütigen und Gelehrigen, und
erfüllt sie mit überschwänglicher Klarheit, Frieden und Freudigkeit. Endlich
sagt der Weise von ihr, dass sie ihm alles Gute auf einmal gebracht habe:
"Gekommen sind mir alle Güter mit ihr zugleich" (Weish.7,11). Wisset, dass der größte Teil der Menschheit in Meinungen
lebt und nach dem trügerischen Schein der Einbildung. Der natürliche Mensch
urteilt nach der äußeren Wahrnehmung, der geistlich- weise Mensch beurteilt
jede Sache gemäss der wahren, ihr zugrunde liegenden Wirklichkeit. Seine
Aufgabe Ist es zu verstehen, zu begreifen, einzudringen und hinauszukommen
über jedes geschaffene Ding, sogar Ober sich selbst. Die Weisheit offenbart sich in den
Werken und Taten des Weisen. Er ist ein unumschränkter Herrscher über all seine
Leidenschaften, Erregungen und Neigungen. In seinem ganzen Tun ist er wie ein
unbewegtes und stilles Wasser, worin die Sonne der Weisheit sich in voller
Klarheit spiegelt. Das Verständnis der mystischen Wahrheiten ist geheim und
verschlossen für die rein schulmäßig Gelehrten, sofern sie nicht demütig sind.
Denn es ist die Wissenschaft der Heiligen, und niemand kennt sie, außer denen,
weiche herzlich lieben und die eigene Verachtung suchen. Deshalb dringen die
Seelen, welche durch Ergreifung dieser Mittel dahin gelangen, rein mystisch und
wahrhaft demütig zu werden, zu der tiefsten Erfassung der Gottheit hindurch. Je
sinnlicher aber die Menschen leben, nach dein Willen des Fleisches und Bluts,
um so entfernter sind sie von dieser mystischen Wissenschaft. Die äußeren Handlungen der Mystiker und Weisen, welche sie
mehr passiv denn aktiv vollbringen, werden doch klug von ihnen geregelt, nach
Zahl, Maß und Gewicht, wenn sie ihnen auch sehr lästig sind. Die Predigten der
gelehrten Leute, welche des Geistes ermangeln, sind keineswegs das Wort
Gottes, sondern nur Menschenrede, übertüncht mit falschem Golde, obwohl sie
aus mannigfachen Geschichtchen, eleganten Schilderungen, scharfsinnigen
Schlüssen und erwählten Beweisen zusammengesetzt sein mögen. Diese Prediger
verderben die Christen, indem sie dieselben mit Wind und Nichtigkeiten füttern,
so dass sowohl sie als die Hörer Gottes leer sind. Diese Lehrer füttern ihre
Zuhörer mit dem Winde verderblicher Spitzfindigkeiten, indem sie ihnen Steine
statt Brot geben, Blätter statt Frucht, und geschmacklose Erde, vermischt mit
vergiftetem Honig, anstatt wirklicher Nahrung. Sie sind es, welche nach Ehre
jagen, ein Götzenbild des Ruhmes und Beifalls aufrichten, und keinesfalls
Gottes Preis und die Erbauung der Menschen suchen. Diejenigen, welche mit Eifer und Aufrichtigkeit predigen,
predigen um Gottes willen; die andern predigen um ihretwillen. Diejenigen,
welche Gottes Wort mit Geist verkündigen, lassen es Eindruck machen auf das
Herz. Was die andern ohne Geist predigen, geht nicht weiter als bis zu den
Ohren. Es entspricht einer ständigen Erfahrung, dass
göttliche
Weisheit Demut erzeugt. Die Weisheit aber, welche von Gelehrten erworben wird,
bringt Stolz hervor. Helligkeit besteht nicht darin, tiefe und scharfsinnige
Begriffe zu bilden von der Erkenntnis und den Eigenschaften Gottes, sondern in
der Selbstverleugnung und der Liebe zu Gott. Deswegen ist auch die Heiligkeit mehr
unter den Einfältigen und Demütigen zu finden, als unter den Gelehrten. Wenn auch die rein forschenden Gelehrten einige
kleine
Funken von Geist besitzen, so steigen doch diese nicht aus dem schlichten Grunde
erhabener und göttlicher Weisheit. Denn wer recht weise ist hat einen tödlichen
Hass gegen Formen und äußeres Ansehen. Die Untermischung mit ein wenig
Wissenschaft bildet immerdar ein Hemmnis für die ewige, tiefe, reine,
einfältige und echte Weisheit. Diese Gelehrten, welche bloße Schulweisheit haben, wissen
nicht, was der Geist ist, noch was es heißt, in Gott verloren zu
sein. Auch haben sie noch nicht den Geschmack des süßen Himmelsbrots
empfunden, welches in der innersten Tiefe und im Grunde der Seele ruht, und von
dort aus einen unfassbaren, innigen und köstlichen Überfluss mitteilt. Ja es
gibt sogar einige unter ihnen, welche dieses mystische Wissen verdammen, weil
sie es weder verstehen noch empfinden. Es ist ein allgemeines Gesetz und auch ein Grundsatz in
der mystischen Theologie, dass die Ausübung vor der Theorie erworben werden
sollte. Es sollte eine tatsächliche Ausübung der übernatürlichen Beschauung
vorhanden sein, und zwar vor dem Suchen nach Erkenntnis und dem' Forschen nach
einem umfassenden Verständnis. Das Studium, welches nicht zur Gottes Ehre allein betrieben
wird, ist nur ein kurzer Weg zur Hölle, weil es den Wind des Hochmuts
hervorruft. Bejammernswert ist der größte Teil der Menschen In dieser Zeit,
deren einziges Studium es ist, die unersättliche Wissbegierde der Natur zu
befriedigen. Wer nicht die vollkommene Verleugnung seiner selbst
erstrebt, wird nicht wahrhaft abgeschieden werden. Daher kann er niemals
tauglich für die Wahrheit und das Licht des Geistes sein: Um zur mystischen
Erkenntnis zu gelangen, darf sich der Mensch nie mit äußeren Dingen befassen,
außer mit kluger Vorsicht und nur dort, wo seine Pflicht es erheischt. Wenige
Menschen gibt es, welche einen Größeren Wert darauf legen, zu hören als zu
sprechen. Der wahrhafte Mystiker spricht jedoch nur, wenn er es nicht umgehen
kann. Er lässt sich in nichts ein, es sei denn ein Gebot der Pflicht. Solche
Dinge führt er aber mit großer Klugheit aus. Der Geist der göttlichen Weisheit erfüllt die Menschen mit Milde, regiert sie mit Mut, und erleuchtet diejenigen mit Vortrefflichkeit, welche sich seiner Leitung unterworfen haben. Dort, wo der göttliche Geist wohnt, ist immer Einfalt und heilige Freiheit zu finden. Aber List und Falschheit, Lüge und Verschlagenheit, Verstellung und weltliche Schlauheit, sind für den weisen und aufrichtigen Menschen die Hölle selbst. Wer das mystische Wissen erlangen will, muss
losgelöst
und abgeschieden sein von fünf Dingen: Erstens, von den Kreaturen; zweitens,
von zeitlichen Dingen; drittens, von den Gaben des Heiligen Geistes; viertens,
von sich selbst; fünftens, muss er in Gott verloren sein. Dieses letztere ist
das vollkommenste von allen, weil nur die Seele dahin gelangt, welche versteht,
so entrückt zu sein; und welche allein weiß, wo Sicherheit zu finden ist. Gott
hat mehr Gefallen an der Hingabe des Herzens als an weltlichem Wissen. Das
Herz von allein zu reinigen, was es gefangen hält und befleckt, ist weit ein
anderes als gut und heilig zu leben, ohne auf die Reinheit des Herzens zu
achten.
Denn ein reines Herz ist das wichtigste zur Erlangung der göttlichen Weisheit. Niemals wirst du diese höchste und göttliche Weisheit
erlangen, so du keine Stärke hast, dich nicht nur von deiner Anhänglichkeit an
vergängliche und natürliche Güter zu reinigen, sondern auch von solchen
übernatürlicher und erhabener Art, als da sind Innerliche Mitteilungen,
Verzückungen,
Entrückungen und andere freiwillig gewährte Gnadengaben, in welchen die Seele
ruht und sich damit unterhält. Obwohl manche Seelen viele Stunden im Gebet
verbringen,
und täglich das Abendmahl empfangen, misslingt es ihnen doch, zur ruhigen
Beschauung, zur göttlichen Weisheit und zur wahren Erkenntnis zu gelangen. Das
aber kommt daher, weil sie sich nicht voll und ganz ihm unter werfen. Sie
verleugnen und überwinden sich nicht, und geben sich nicht ganz Gott zum Opfer
hin mit vollkommener Selbstentäußerung und Uneigennützigkeit. Kurzum, ehe die
Seele nicht geläutert ist in dem Feuer der inneren Pein, wird sie nimmermehr zu
einem Zustand der Erneuerung, der Umwandlung, der vollkommenen Anschauung, der
göttlichen Weisheit und zärtlichen Vereinigung gelangen. Teil II Kapitel XVII - Von der
wahren und vollkommenen Vernichtigung.
Wisse, dass dieser ganze Prozess der Vernichtigung seinen
Grund nur in zwei Prinzipien hat. Das erste ist, sich selbst und alles Weltliche
für gering und niedrig zu achten. Daraus muss die praktische Ausübung dieses
Selbstverzichts und der Selbstentsagung und das Verlassen aller erschaffenen
Dinge ihren Ursprung nehmen, und zwar mit Eifer und in Wirklichkeit. Doch die Seele, welche vernichtet ist, muss von
alldem
entblößt sein, wenn es Ihr nicht ein Hemmschuh werden soll auf dem Wege zur
Vergöttlichung. Eine solche Seele erwählt stets den niedrigsten, den
schlechtesten und verachtetsten Rang, sowohl hinsichtlich des Platzes, wie auch
der Kleidung und aller anderen Dinge. Und das tut sie nicht auf eine besondere
Weise, weil sie der Meinung ist, dass auch die tiefste Niedrigkeit noch Immer
zu hoch für sie ist, und sie sich derselben für unwert achtet. Eine solche
Ausführung bringt die Seele zur wahren Vernichtigung ihrer selbst. Wisse, dass diese Vernichtigung, um sie in der Seele
vollkommen zu machen, sich in des Menschen eigenem Urteil vollziehen muss, in
seinem Wollen und Wirken, seinen Neigungen, Wünschen, Gedanken und in ihm
selbst. Die Seele muss ihrem Wollen, Begehren, Bestreben, Verstehen und Denken
erstorben sein. Sie muss wollen, wie wenn sie nicht wollte; begehren, wie wenn
sie nicht begehrte; verstehen, wie wenn sie nicht verstände; denken, als ob
sie nicht dächte; ohne sich zu irgendetwas hingezogen zu fühlen. In gleicher
Weise muss sie willkommen heißen Verachtung und Ehre, Auszeichnungen und
Zurechtweisungen. Teil II Kapitel XVIII - Es wird
dargelegt, wie dieses Nichts der rechte Weg Ist, Reinheit der Seele,
vollkommene Beschaulichkeit und den reichen Schatz des innerlichen Friedens zu
erlangen.
Der Weg, diesen erhabenen Zustand eines
umgeschaffenen
Gemüts zu erreichen, wodurch ein Mensch unmittelbar zu dem größten Gut, zu
unserem ersten Urquell und zum höchsten Frieden gelangt, ist das Nichts. Bemühe
dich, 0 Seele, immerdar in dieser Armut begraben zu ruhen. Dieses Nichts und
dieses erkannte Elend ist das Mittel, durch welches der Herr in deiner Seele
Wunder wirkt. Hülle dich in dieses Nichts und in diese Armut, und sorge, dass
dieses Nichts und dieses Elend deine fortwährende Nahrung und Wohnstätte ist,
bis du gänzlich vernichtet bist; und dann darfst du fest versichert sein, dass
wenn du auf diese Weise das Nichts geworden bist, der Herr in deiner Seele das
Alles sein wird. Warum, denkst du, hindern unzählige Seelen den
überquellenden
Strom göttlicher Gaben? Nur deshalb, weil sie wünschen, etwas zu tun, und das
Verlangen haben groß zu sein. All dies führt sie aber heraus aus der
innerlichen Demut und aus ihrem eigenen Nichts, und dadurch verhindern sie die
Wunder, welche die göttliche Güte in ihnen wirken mochte. Sie klammern sich an
die geistigen Gaben, und bleiben daran haften, um aus dem Zentrum des Nichts
herauszukommen. Dadurch verderben sie aber (las ganze Werk. Sie suchen Gott
nicht in Wahrheit, und finden ihn deshalb nicht. Denn du musst wissen, dass er
nur durch Unterschützung unseres eigenen Selbst und im Nichts gefunden werden
kann. Wir suchen uns selbst, sooft wir aus unserem Nichts
herausgehen, und deshalb gelangen wir niemals zur stillen und vollkommenen
Beschaulichkeit. Krieche hinein, so weit du immer kannst, in die Wahrheit
deines Nichts, und dann wird dich nichts beunruhigen. Ja du wirst demütig und
beschämt sein, da du öffentlich Ansehen und Achtung verlierst. = O was für
eine starke Schutzwehr wirst du In diesem Nichts finden: Wer kann dir je
Beschwerde verursachen, wenn du dich einmal in diese Festung zurückziehst?
Denn die Seele, weiche von sich selbst verachtet und von sich selbst als Nichts
erkannt wird, kann von niemand Unrecht oder Kümmernis empfangen. Die Seele,
welche in ihrem Nichts bleibt, und innerlich still ist, lebt ergebungsvoll in
jeder Widerwärtigkeit, da sie solche für geringer hält als sie verdient. Sie
meidet den Argwohn gegen ihren Nächsten, schaut niemals auf anderer Menschen
Fehler, bloß auf ihre eigenen. Sie ist frei von zahllosen Unvollkommenheiten,
und wird zum Herrscher über hohe Tugenden. Wahrend die Seele still und ruhig verharrt in ihrem Nichts,
macht sie dasselbe vollkommen und bereichert sie. Der Herr prägt ihr sein
eigenes Bild und Gleichnis ein, ohne dabei ein Hemmnis zu finden. Wenn du
dich nur im Nichts einschließest (wo die Wechselfälle des Geschicks keinen
Zutritt haben), so wird dich nichts beängstigen oder deinen Frieden stören.
Dies ist der Weg, die Herrschaft über dich selbst zu gewinnen, weil die völlige
und wahrhaftige Herrschergewalt allein im Nichts regiert. Mit dem Helm des
Nichts bist du gewappnet gegen heftige Versuchungen und die schrecklichen
Einflüsterungen
des boshaften Feindes. Wer vermöchte die Seele aus diesem süßen und
angenehmen
Schlaf zu erwecken, wenn sie einmal im Nichts zur Ruhe gekommen ist? Dies ist
der Weg, auf welchem David zur völligen Vernichtigung gelangte, ohne es zu
wissen (Psalm 17). Im Nichts verharrend, wirst du die Tür gegen alles
verschließen, was nicht Gott ist. Du wirst dich auch von deinem eigenen Selbst
zurückziehen, und jener innerlichen Einsammlung entgegengehen, wo der göttliche
Bräutigam in dem Herzen seiner Braut spricht, sie hohe und göttliche Weisheit
lehrend. Ertränke dich selbst in diesem Nichts, und du wirst darin eine
heilige Zufluchtsstätte gegen jegliches Unwetter finden. Auf diesem Wege sollst du zurückkehren zu dem glücklichen
Stande der Unschuld, dessen unsere ersten Eltern verlustig gingen. Durch diese
Pforte sollst du in das gesegnete Land der Lebendigen eingehen, wo du das
höchste
Gut, den Reichtum der Liebe, die Schönheit der Rechtschaffenheit, die gerade
Bahn der Billigkeit und Gerechtigkeit, und alles in allem, nämlich die
Vollkommenheit, finden wirst. Endlich, schaue nach nichts aus, verlange
nichts, wolle nichts, bemühe dich um nichts; und dann wird deine Seele (in
allem zur Ruhe gekommen) still und voller Freude leben. Teil II Kapitel XIX - Von dem
hohen Glück Innerlichen Friedens und dessen wunderbaren Wirkungen.
Wenn die Seele einmal vernichtet und in völliger Nacktheit
(Selbstentäußerung) erneuert worden ist, so erfährt sie in ihrem oberen 'feil
einen tiefen Frieden und ei ne süße Ruhe, weiche sie zu einer so vollkommenen
Liebesvereinigung führt, dass sie gänzlich von Freude durchdrungen wird.
Solch eine Seele ist schon zu so hohem Glücke gelangt, dass sie sonst nichts
mehr will noch begehrt, als was ihr Geliebter will. Sie stimmt in allen Füllen,
im Hochgefühl des Glücks wie im Leide der Bedrängnisse, mit diesem Willen
überein, und findet auch ihre Freude daran, in allem nach seinem göttlichen
Wohlgefallen zu handeln. Da gibt es nun nichts mehr, was sie nicht erquickte; noch
verlangt sie etwas, was sie nicht wohl verlangen dürfte. Sterben ist ihre
Lust, und Leben ihre Freude. Sie ist ebenso zufrieden hier auf Erden, wie sie
es im Paradiese sein könnte. Sie ist nicht weniger frohgemut bei Entbehrung
als im Besitze; in Krankheit als in Gesundheit; weil sie weiß, dass dies der
Wille des Herrn ist. Dieser ist ihr Leben, ihr Ruhm, ihr Paradies, Ihr Friede,
ihr Ort des Ausruhens, ihre Ruhe, ihr Trost und ihre höchste Glückseligkeit. Eine solche Seele, welche durch die Stufe der
Vernichtigung
die Region des Friedens erreicht hat, würde (wenn sie wählen könnte) die
Verlassenheit der Tröstung und die Verachtung der Ehre vorziehen, weil sie
weiß, dass solches ihrem liebreichen Jesus mehr gefällt. Sie hat nun keinen Hunger mehr nach den himmlischen Dingen,
keinen Durst nach Gott, keine Furcht ihn zu verlieren, keine Trauer des Herzens
und Kampf mit dem Bösen. Denn nun haben sich alle Dinge verändert, und der
Hunger ist verwandelt in Sattheit, der Durst in Befriedigung, die Furcht in
Sicherheit, die Traurigkeit in Freude, das Weinen in Lachen und der wilde Kampf
in den höchsten Frieden. O glückliche Seele, die du auf Erden schon ein so hohes
Glück genießest: Wisse, dass diese Art Seelen (obgleich es nur wenige sind)
die stärksten Säulen sind, welche die Kirche tragen und den göttlichen Zorn
niederhalten. Diese Seele, welche in den Himmel des Friedens eingegangen Ist,
sieht sich erfüllt von Gott und seinen übernatürlichen Gnadengaben. Weil sie
auf die reine Liebe gegründet ist, hat sie gleiches Gefallen an Licht und
Dunkelheit,
an Nacht und Tag, an Betrübnis und Erquickung. Durch diesen heiligen und
himmlischen Gleichmut verliert sie niemals ihren Frieden, auch nicht im
Missgeschick. Sie verliert ihre Ruhe auch nicht in Quälereien, sondern sieht
sich voll von unaussprechlichen Gefühlen der Wonne. Und wenn auch der Fürst der Finsternis alle Stürme der
Hölle mit schrecklichen Anfechtungen gegen sie entfesselt, so bietet sie ihnen
doch Trotz und steht fest gleich einer starken Säule. Es geschieht ihr dadurch
nicht mehr, als was einem hohen Berg und tiefen Tal während einem Sturm und
Unwetter widerfahren kann. Das Tal ist verdunkelt durch dicke Wolken,
wildtobende
Hagelschauer, Donnerschlag und Blitz, dass es ein Anblick ist gleich dem Bild
der Hölle. Zur gleicher Zeit aber ist der Gipfel des Berges überflutet von
hellem Sonnenglanz, und bietet einen Anblick von feierlicher und erhabener
Ruhe. Das gleiche geschieht dieser gesegneten Seele. Das Tal des
unteren "feil erleidet Trübsal, Kämpfe, Finsternis, Verlassenheit, Qualen,
Martyrien und Einflüsterungen. Zu derselben Zeit ergießt die wahre Sonne ihre
Strahlen über den erhabenen Berg des oberen Teils der Seele, entzündet und
erleuchtet ihn, und so wird er hell, friedvoll, glänzend, ruhig, heiter und ein
lauterer Ozean der Freude. Die Ruhe dieser reinen Seele, welche auf den Berg der
Gelassenheit gelangt ist, ist so groß, dass ein Abglanz und Widerschein des
Göttlichen sogar in ihrem Äußern zum Ausdruck kommt. 5o geht es auch mit dem
Frieden ihres Geistes und der Fröhlichkeit ihres Innern. Denn auf dem Throne der Ruhe werden
die Vollkommenheiten geistiger Schönheit offenbar; als da sind das wahre Licht
der geheimen und göttlichen Mysterien unseres heiligen Glaubens, die
vollkommene Demut, die umfassendste Entsagung, die Keuschheit, die Armut des
Geistes, die Aufrichtigkeit und Unschuld der 'raube, die äußere
Bescheidenheit,
Schweigsamkeit und innerliche Einsamkeit; Freiheit und Herzensreinheit. Dazu
gehört auch das Vergessen aller erschaffenen Dinge, frohe Einfalt, himmlische
Gleichgültigkeit, beständiges Gebet, eine gänzliche Selbstentäußerung,
vollkommene Uneigennützigkeit, eine sehr weise Beschaulichkeit, himmlischer
Verkehr, und endlich der erhabenste und heiterste innere Friede, von welchem
diese glückliche Seele sagen kann, was der Welse von der Weisheit sprach:
"Es kamen aber zugleich mit ihr alle anderen Güter in meinen Besitz, und
ungezählten Reichtum brachte sie mit" (Weish.7,ll). Dieses ist der reiche und verborgene Schatz; dies der
verlorene Groschen des Evangeliums, dies das gesegnete Leben, das glückliche
Leben, das wahrhaftige Leben und die Seligkeit auf Erden. O du liebliche Größe,
die du übertriffst das Wissen der Söhne der Menschen: O vortreffliches,
übernatürliches Leben, wie wundervoll und unbeschreiblich bist du. Du bist das
Abbild der Seligkeit selbst: Wie erhebst du die Seele vom irdischen, welche
durch dich alle Nichtigkeiten der Erde aus dem Auge verliert: Du bist arm
anzuschauen, aber innerlich voller Reichtum. Du erscheinst niedrig, stehst
aber außerordentlich hoch. Kurzum, du bist dasjenige, was die Menschen schon
hienieden dazu bringt, ein göttliches Leben zu führen. Gib mir, o Herr, du
größte Güte, einen vollgemessenen Teil dieses himmlischen Glücks und wahren
Friedens, welches die Welt, sinnlich wie sie ist, weder verstehen noch empfangen
kann. Teil II Kapitel XX - Ein
Klageruf und schmerzlicher Seufzer zu Gott, wegen der geringen Anzahl von
Seelen, welche zur Vollkommenheit, liebenden Vereinigung und göttlichen
Umwandlung gelangen.
O göttliche Majestät, in deren Gegenwart die Säulen des
Himmels zittern und beben: O du gütige, mehr als unendliche Macht, in deren
Liebe die Seraphe brennen: Gib mir, o Herr, die Erlaubnis, unsere Blindheit und Undankbarkeit zu beklagen. O wie klein ist die Schar der Uneigennützigen
und vollkommen Entblößten! Wie wenige sind jener Seelen, die sich selber tot,
doch für Gott lebend, und seinem göttlichen Wohlgefallen gänzlich dahingegeben
sind! Wie wenige sind, welche mit einfältigem Gehorsam, tiefer Selbsterkenntnis
und wahrer Demut geschmückt sind! Wie groß ist der Mangel an Seelen, welche mit
gänzlicher Gleichgültigkeit sich in Gottes Hände geben, auf dass er mit ihnen
tue was ihm gefällt. Wie wenig reine Seelen mit einfältigem und selbstlosem
Herzen gibt es, welche alles eigene Verstehen, Wissen, Begehren und Wollen von
sich werfen, und nur nach Selbstverleugnung und dem geistigen Tode trachten!
Wie gering ist die Zahl der Seelen, welche zulassen wollen, dass der göttliche
Schöpfer in ihnen ein Gemüt schaffe, um zu leiden und zu sterben: Wie wenige
Seelen wollen sich selbst vergessen, wollen ihr Herz frei machen von eigenen
Liebhabereien, von Wünschen, Genugtuungen und eigener Liebe. Wenige sind
gewillt, sich auf der Heerstrasse der Selbstverleugnung und des innerlichen
Weges führen zu lassen, sich vernichten zu lassen, sich selbst und ihren Sinnen
abzusterben. Wenige sind bereit, innerlich leer, geläutert und entkleidet zu
werden, damit Gott sie erfüllen, kleiden und vollkommen machen möge! Mit einem
Wort; wie klein, o Herr, ist das Häuflein derer, die blind, taub, stumm und
vollkommen beschauend sind! Schande über uns, den Kindern Adams, die wir um einer schlechten Sache willen wahres Glück verachten; die wir unser größtes Gut, den reichen Schatz und die unendliche Güte verscherzen! Große Ursache hat der Himmel zu klagen, dass so wenige Seelen sind, welche seinem köstlichem Pfade folgen wollen. "Die Strassen Zions sind verödet, weil niemand zum Feste kommt." (Klagel.1,4). Hinweis: Du kannst Dir dieses Buch auch anhören oder die Audiodateien auf deinen Rechner laden. Gehe dazu auf: GimK's Podcast
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Aktualisiert am: 09.11.2009 - Home