Der geistliche Führer

Welcher die Seele frei macht und dem inneren Wege zur Erlangung sie auf vollkommener Anschauung führt und der  reiche Schatz Innerlichen Friedens. Niedergeschrieben von

 Dr. Michael de Molinos Priester

 Gedruckt im Jahre 1699

Übersetzt aus dem Englischen von Georg Priem

Nachdruck 199

 

INHALT:

Einleitung 2

V o r w o r t 5

Teil I Kapitel II - Wenn sich die Seele auch von der eigenen Verstandestätigkeit ledig fühlt, sollte sie doch im Gebet ausharren und nicht bekümmert sein, weil dies ein Größeres Glück für sie ist. 5

Teil I Kapitel III - Fortsetzung des Vorhergehenden. 6

Teil I Kapitel IV - Die Seele möge sich nicht bekümmern, noch ihre Andacht unterbrechen, weil sie eine innere Leere empfindet. 7

Teil I Kapitel V - Die Seele darf nicht unruhig werden, wenn sie sich von Finsternis umfangen sieht, weil dies ein Mittel zu ihrer Größeren Glückseligkeit Ist. 8

Teil I Kapitel VI - Damit die Seele den höchsten inneren Frieden erlangen kann, ist es nötig, dass Gott sie nach seiner Art läutert, weil die Übungen und Kasteiungen, welche sie aus eigener Kraft vornimmt, nicht genügend sind. 9

Teil I Kapitel VII - Fortsetzung des Vorhergehenden. 9

Teil I Kapitel VIII - Die Seele soll nicht unruhig werden oder sich von dem geistigen Wege abwenden, weil sie von Versuchungen bestürmt wird. 10

Teil I Kapitel IX - Fortsetzung des Vorhergehenden 10

Teil I Kapitel X - Erklärung des Wesens der innerlichen Sammlung und Belehrung der Seele über ihr Verhalten in derselben, sowie den geistigen Streit, wodurch der Teufel sie zu dieser Zeit abzulenken versucht. 11

Teil I Kapitel XI - Fortsetzung des Vorhergehenden. 12

Teil I Kapitel XII - Was die Seele in der innerlichen Sammlung tun soll? 13

Teil I Kapitel XIII - Erklärung, wie die Seele, welche sich mit vollkommener Ergebung durch reine Glaubenskraft in Gottes Gegenwart versetzt hat, immerdar in dem erlangten, wirksamen Schauen wandelt. 14

Teil I Kapitel XIV - Fortsetzung des Vorhergehenden. 15

Teil I Kapitel XV - Ein Weg, auf welchem man zur innerlichen Sammlung gelangen kann, ist die hochheilige Menschheit unseres Herrn Christus. 16

Teil I Kapitel XVI - Von dem Innerlichen, mystischen Stillesein. 17

Teil II Kapitel I - Der Unterschied zwischen dem äußeren und inneren Menschen. 18

Teil II Kapitel II - Fortsetzung des Vorhergehenden. 19

Teil II Kapitel IV - Von zwei geistigen Martyrien, wodurch Gott die Seele reinigt, welche er mit sich vereinigt. 20

Teil II Kapitel IV - Wie wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele ist, dieses erste und geistige Martyrium wie blind zu erdulden. 21

Teil II Kapitel VI 23

Teil II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind nötig zur Erlangung des innerlichen Friedens. 23

Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden. 24

Teil II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig, dass die Seele ihr Elend erkennt. 25

Teil II  Kapitel X - Es wird gezeigt, welches die falsche und welches die wahre Demut ist, nebst deren Wirkungen. 26

Teil II  Kapitel XI - Grundsätze, ein einfältiges, demütiges und aufrichtiges Herz zu erkennen. 27

Teil II  Kapitel XII - Die Innerliche Abgeschiedenheit ist es vor allem, welche den Menschen zur Erlangung des inneren Friedens führt. 27

Teil II  Kapitel XIII - Es wird gezeigt, was verliehene und passive Beschauung Ist, und ihre wunderbare Wirkung vor Augen geführt. 28

Teil II  Kapitel XIV - Von den zwei Wegen, auf denen die Seele zur eingeflössten Beschauung emporsteigt, nebst einer Erklärung, welches und Wie viele deren Stufen sind. 29

Teil II  Kapitel XV - Zeichen, um den inneren Menschen und das gereinigte Gemüt zu erkennen. 30

Teil II  Kapitel XVI - Von der göttlichen Weisheit. 31

Teil II  Kapitel XVII - Von der wahren und vollkommenen Vernichtigung. 33

Teil II  Kapitel XVIII - Es wird dargelegt, wie dieses Nichts der rechte Weg Ist, Reinheit der Seele, vollkommene Beschaulichkeit und den reichen Schatz des innerlichen Friedens zu erlangen. 34

Teil II  Kapitel XIX - Von dem hohen Glück Innerlichen Friedens und dessen wunderbaren Wirkungen. 35

Teil II  Kapitel XX - Ein Klageruf und schmerzlicher Seufzer zu Gott, wegen der geringen Anzahl von Seelen, welche zur Vollkommenheit, liebenden Vereinigung und göttlichen Umwandlung gelangen. 36

 

Einleitung

Es sind jetzt über 200 Jahre her, als ein neapolitanischer Mönch namens Albertini nach Rom mit der Absicht kam, ein von ihm verfasstes Werk über Theologie zu veröffentlichen, und durch die Verwendung des Staatssekretärs, Kardinal Cibo, erhielt er zur Wohnung ein Zimmer im Vatikan. Aber sein Werk erhielt nicht die Zustimmung des geistlichen Kollegiums, und er verschaffte sich deshalb eine Druckerpresse, um es selbst heimlich zu drucken. Es war einer der heißesten Tage im August 1685, als Albertini mit dieser Arbeit beschäftigt war, und der Hitze wegen hatte er sich nur aufs Notdürftigste bekleidet. Da sah er, dass eine Abteilung päpstlicher Polizei von dem Eingange seiner Wohnung Besitz ergriff, und in seiner Angst flüchtete er sich ohne weiteres durch ein Fenster auf das Dach und von dort in die nächste Luke, welche er offen fand, in das dahinter befindliche Gemach. Dies war nun zufälligerweise die Wohnung der "Büßerinnen", eine Art von Gefängnis, in welchem die "donne male maritate", d.h. Frauen und Mädchen von zweideutigem Charakter eingesperrt waren, und unter diesen erregte das plötzliche Erscheinen eines so leicht bekleideten Mannes begreiflicherweise großes Aufsehen, um so mehr, als Albertini mit einer der Insassen nicht unbekannt war, und sie natürlich annahmen, dass er gekommen sei, um dieser einen Besuch abzustatten. Sei es aus Bestürzung oder Eifersucht, die Klosterglocke wurde gezogen, und bald füllte sich das Gemach mit neugierigen und lärmenden Weibern. Endlich gelang es ihm die Sache zu erklären, und man erlaubte ihm, unbehelligt auf demselben Wege in seine Wohnung zurückzukehren, die er aber schleunigst mit einem sicheren Aufenthalt außerhalb der päpstlichen Polizeisphäre vertauschte.

Albertini hatte unnötigerweise Schrecken gehabt, denn die Aufmerksamkeit der Polizei galt nicht ihm, sondern einem andern Mönche namens Michael de Molinos, der auch im Vatikan wohnte und sogar ein intimer Freund und Ratgeber des damaligen Papstes Innozenz XI., aber wegen seiner Aufklärung und wahren Frömmigkeit den Jesuiten und der "heiligen Inquisition" ein Dorn im Fleische war. Er war der Verfasser eines Werks, genannt "Der geistliche Fahrer", welches, obgleich es von vielen missverstanden wurde, und durch dieses Missverständnis Veranlassung zur Bildung der Sekte der "Quietisten" gab, dennoch für alle, die seinen Inhalt richtig aufzufassen vermochten, stets einer der vorzüglichsten Führer auf dem Wege zur wahren Selbsterkenntnis bleiben wird.

Michael de Molinos war aus einer vornehmen Familie in Aragon, am 21. Dezember 1627 geboren, studierte Theologie und veröffentlichte im Jahre 1657 sein Buch, welches innerhalb von sechs Jahren in zwanzig Auflagen erschien, in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, und dessen Inhalt es klar machte, dass der Mensch Gott vor allem in dem eigenen Innern und nicht in äußerlichen Dingen suchen soll. Vielleicht lässt sich das Ganze wie folgt zusammenfassen: "Wenn Gott, wie jeder Christ zugeben muss, alleinig, allgegenwärtig und in allen Dingen das höchste und wahre Wesen ist, so ist er auch unser wahres und höchstes Selbstbewusstsein, welches ewig, allumfassend und grenzenlos ist, und es bedarf keines äußerlichen Vermittlers zwischen uns und unserem wahren Selbstbewusstsein; sondern es handelt sich nur darum, dieses in uns schlummernde Gottesbewusstsein erwachen und sich entfalten zu lassen, was durch den Einfluss der göttlichen Gnade (dem heiligen Geiste der Selbsterkenntnis) geschieht. Hiezu ist es vor allem nötig, das Herz und die Gedanken rein von allem Eigendünkel, Leidenschaften und selbstsüchtigen Begierden zu halten. In einem liebevollen und geläuterten Herzen offenbart sich die Wahrheit von selbst. Priester und Lehrer können uns nur Führer zum Lichte sein, nicht aber die göttliche Gnade an uns verschenken oder verkaufen."

Es versteht sich von selbst, dass diese Lehre, so sehr sie auch der Wahrheit entspricht, nicht geeignet war, die kirchlichen Interessen zu fördern und dem Handel mit Sakramenten und Ablässen Vorschub zu leisten. Deshalb musste Molinos, so wie viele andere, die ähnliches gelehrt hatten, unschädlich gemacht werden, und dass er nicht lebendig verbrannt, sondern nur lebenslänglich eingekerkert wurde, hat er wohl nur der Furcht seiner Feinde vor seiner großen Popularität zu verdanken. In der Tat suchten nicht nur die hervorragendsten Männer und Frauen in Rom, sondern Aufgeklärte unter allen Nationen die Bekanntschaft des Verfassers des "Geistlichen Führers" zu machen, obgleich er nichts anderes lehrte, als was vor ihm schon viele andere Mystiker und christliche "Heilige", St.Bonaventura, St.Theresa, Johann vom Kreuz, St.Franciscus von Sales und zahlreiche andere gesagt hatten. Der "Geistliche Führer" wurde anfangs sogar von fünf hervorragenden Doktoren der Theologie, wovon vier Inquisitoren waren, geprüft und "approbiert" (gutgeheißen) und allgemein in Kirchen, Klöstern und Schulen eingeführt. In Neapel allein soll Molinos, nach der Aussage von Bischof Gilbert Burnet, mehr als 20'000 Anhänger gehabt haben.

"Dieser Molinos", sagt der Bischof, "hat ein Buch geschrieben, in welchem er lehrt, dass wir bei unsern Gebeten und Andachtsübungen unser Gemüt von allem Irdischen ganz abwenden, und dabei alles eigene Wollen und Tun unterlassen sollen, damit Gott in uns durch seinen Geist und seine Kraft wirken kann. Aber die Jesuiten sind sehr gegen ihn aufgebracht, weil sie finden, dass diese Lehren die Macht des Reiches, welches der Aberglaube errichtet hat, schwächen wird, indem sie die Religion aus einem sehr komplizierten System zu einem sehr einfachen Dinge machen, das sich jeder ohne Kosten verschaffen kann. Deshalb klagen sie ihn der Ketzerei an, und suchen den Papst, der von der Sache wenig versteht, aber sehr für die Heiligkeit von Molinos eingenommen ist, gegen ihn aufzubringen."

Tatsächlich wurden die Anhänger von Molinos weniger oft in den Kirchen gesehen und waren weniger bereit, Geld für Messen zu bezahlen oder ihr Vermögen der Kirche zu opfern. Dieser Zustand konnte nicht langer geduldet werden. Wenn die Menschen direkt zu Gott gingen, anstatt die Vermittlung der Priester zu suchen, so würde das Einkommen der Kirche bedeutend darunter leiden. Deshalb wurde Alarm geschlagen und gesagt, dass die Religion (welche das Volk so leicht mit kirchlichen Interessen verwechselt) in Gefahr sei, und durch den Einfluss des Kardinals d'Estrües, welcher hiezu von König Louis XIV. von Frankreich beauftragt war, wurde Molinos gefangen gesetzt und verfiel der Inquisition. Zu den Anhängern von Molinos gehörte unter andern die Königin Christina von Schweden. Hätte sie dessen Lehre richtig verstanden, so hätte sie nicht aus Eigenwillen ihrer Krone entsagt und ihre Religion geändert, sondern die ihr von Gott auferlegten Pflichten erfüllt, und sich dadurch ein lächerliches Ende erspart. Wer dem Irdischen entsagen will, muss vor allem über seine eigenen persönlichen Wünsche und Begierden erhaben sein. Die Thronentsagung Christinas war kein von Gott gefordertes Opfer, sondern eine selbstgefällige Spielerei. (Es wäre hier besser, man würde dem Urteil Gottes nicht vorgreifen. Anm.d.Verlags.)

Vor seiner Gefangennahme hatte Molinos unzählige Freunde, die ihn zum Himmel erhoben; aber als die "heilige Inquisition" ihn mit ihrem schleimigen Polypenarm erfasst hatte, gab es nur mehr wenige, die den Mut hatten, für ihn aufzutreten. Papst lnnocenz XI. war 70 Jahre alt, kränklich, misstrauisch und machtlos. Zahlreiche Anhänger von Molinos wurden eingekerkert und gingen in den Kerkern zugrunde. Viele wurden durch die Folter zu angeblichen Geständnissen gezwungen und an den Galgen oder die Galeeren gesandt. Die Gefängnisse waren überfüllt, und die Inquisitoren hatten sogar die Frechheit, den Papst selbst, dessen freundliche Gesinnung gegen Molinos bekannt war, der Ketzerei zu verdächtigen, und eine Kommission an Ihn zu senden, um gegen ihn, nicht in seiner Eigenschaft als Nachfolger von St. Peter, sondern als Benedikt Odescalchi, eine Untersuchung einzuleiten.

Endlich, nachdem Molinos 22 Monate lang in einem engen Kerker geschmachtet hatte und mehrfach gefoltert worden war, mit der Absicht, Geständnisse zu erzwingen, und nachdem man alle möglichen Mittel angewandt hatte, um wenigstens den Anschein einer Schuld gegen ihn aufzubringen, wurde er vor das Gericht der Inquisition gebracht, um sein Urteil zu hören. Am Morgen des 3. Sept. 1687 war die Kirche Santa Maria Sopra Minerva in Rom schon frühzeitig mit Zuschauern überfüllt. Die Logen waren von den Vornehmen und Prälaten in Besitz genommen. Das Kardinalskollegium, der General der Inquisition und seine Beamten hatten auf einer erhöhten Bühne Platz genommen. Man kämpfte um Einlass; denn schon mehrere Tage vorher hatte man dem Volk verkündigt, dass jeder, der dieser Zeremonie des auto da fè beiwohnen würde, einen 15-Jährlgen Ablass aus dem Fegefeuer erhalten werde. Seidene Gewänder rauschten und Fächer bewegten sich; es war ein Jubelfest des Pfaffentums, wie es die Leute nicht mehr gesehen hatten seit dem Tage, als die Kirche Ihren Triumph über die Lehre Galileos, von der Drehung der Erde, gefeiert hatte. Begrüßungen wurden unter Bekannten ausgetauscht, Witze gerissen, neue Bekanntschaften angeknüpft, Höflichkeiten und Schmeicheleien gewechselt, und der eigentliche Grund der Zusammenkunft beinahe vergessen.

Plötzlich verstummte alles, die Fächer hörten auf zu spielen und alle Blicke waren auf eine Seitentüre neben der Bühne gerichtet. Ein ältlicher Mönch, von einem Kerkermeister begleitet, trat ein und näherte sich mit ruhigem Schritt der Bühne. Seine Hände waren vor seiner Brust gefesselt und in einer derselben hielt er eine brennende Kerze. Ohne ein Zeichen der Erregung nahm er den ihm angewiesenen Platz vor den Kardinälen und den Groß-lnquisitoren ein. Molinos, auf den nun alle Blicke gerichtet waren, war ungefähr 60 Jahre alt, von stattlicher Gestalt und würdevollem, ja majestätischem Äußern. Ein Ausdruck von Resignation war auf seinem Gesichte zu lesen. Er trug das Kleid des Ordens, dem er angehörte, und der beschmutzte und zerrissene Zustand, in dem sich dasselbe befand, zeugte davon, dass es ihm während seiner fast zweijährigen Kerkerhaft nicht gestattet worden war, dasselbe zu wechseln. Seine Bloßstellung schien keinen andern Eindruck als den des Mitleids mit seinen Verfolgern auf ihn zu machen. Sein Gesichtsausdruck sagte mit mehr Beredsamkeit, als Worte es hätten ausdrücken können: "Die ist die Stunde, in der die Dummheit mächtig ist."

Die ganze Szene wird von Estiennat, der als Zuschauer gegenwärtig war, genau beschrieben. Folgendes ist nur ein Auszug aus seiner Beschreibung: "In der Kirche war kein Platz mehr zu finden. Wir zählten über 50 Logen, die mit Herren und Damen aus dem Adel gefüllt waren. Die übrigen wurden von Prälaten, Geistlichen, Seminaristen u.dgl. in Besitz genommen. Molinos stand vor dem Obertribunal der Inquisition und den Kardinälen. In seinen gefesselten Händen hielt er eine brennende Kerze. Neben ihm stand ein Wachmann, der ihm von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirne wischte. Von der Kanzel in seiner Nähe las ein Dominikanermönch mit lauter Stimme die gegen Molinos vorgebrachten Anschuldigungen. Dies dauerte ungefähr drei Stunden; dennoch' zeigte der Gesichtsausdruck von Molinos keine Veränderung und er verlor auch seine Ruhe nicht, als mehreremale während des Vorlesens die Menge in den Ruf ausbrach: "Zum Feuer: zum Feuer:" (fuoco, fuoco). Er beugte nicht einmal das Haupt, als die Namen von Jesus und Maria erwähnt wurden.

Die meisten der gegen Molinos vorgebrachten Beschuldigungen, nämlich 86 Punkte der Dogmatik und andere persönliche Verdächtigungen, sind geradezu lächerlich. So wurde er z.B. angeklagt, in 22 Jahren nicht gebeichtet zu haben, weil er angeblich sich keiner Sünde bewusst sei. Ferner soll er den Freitag nicht immer als Fasttag beachtet, seinen Jüngern Voraussagungen gemacht und einem derselben ein Kleidungsstück mit dem Bemerken geschenkt haben, er solle es aufbewahren, da es nach seinem Tode als eine Reliquie Wert haben werde. Weiter hiess es, dass er zwei Damen geküsst und dass er einmal gesagt hätte, die heilige Inquisition hätte nicht Verstand und Erfahrung genug, um seine Schriften zu verstehen."

Es wäre eine Verschwendung von Zeit und Papier, heute die 86 Punkte der Dogmatik, gegen die Molinos verstoßen haben sollte, wieder zu besprechen. Sein angeblicher "Widerruf" bestand darin, dass er sagte, er erkenne, dass die heilige Inquisition mächtiger sei als seine Lehren, und dass er sich der Kirche in allen Dingen unterwerfe. Er wurde hierauf dazu verurteilt, für den Rest seines Lebens in einer kleinen Kammer (in piccola camera) eingesperrt zu werden, das Büßerkleid mit dem Zeichen des Kreuzes zeitlebens zu tragen, das apostolische Glaubensbekenntnis täglich und den dritten Teil des Rosenkranzes in jeder Woche laut abzubeten, viermal des Jahres zu beichten und mit Erlaubnis des Beichtvaters die "Kommunion" zu empfangen. So endete diese Tragikomödie. Alle seine Schriften wurden verboten und verdammt.

Nachdem das Urteil gesprochen war, wurde Ihm das Ordenskleid abgenommen und das Büßergewand angezogen. Dann führte man ihn vor die Beamten der Inquisition, vor welchen Molinos angeblich seine Irrtümer widerrufen haben soll, und dann in den Kerker der Inquisition, den er nicht mehr verließ, bis nach 10 Jahren der Tod seinen Leiden ein Ende machte. Die Entscheidung des Inquisitionsgericht wurde vom Papst Alexander V111. sogleich bestätigt.

Die ganze Lehre von Michael de Molinos handelt von nichts anderem, als von einer Ergebung in den göttlichen Willen, d.h. nicht eine Ergebung in ein unbekanntes Nichts, sondern ein Aufgehen des persönlichen Willens im selbstbewussten Willen der Gottheit, die ohne jede menschliche Beihilfe in einem liebevollen und geläuterten Herzen sich offenbart. Da aber nur wenig Menschen geneigt sind, den ersten Schritt zu dieser innerlichen Vereinigung zu machen, und die erste und unerlässliche Bedingung zu erfüllen, ohne welche der Wille Gottes in uns nicht zu unserem Bewusstsein kommen, und keine innerliche Erleuchtung stattfinden kann, so werden auch die Lehren von Molinos heute noch so wie damals von vielen, die für seine Anhänger gelten, verkehrt aufgefasst. So hat sich unter seinen angeblichen Nachfolgern eine Sekte von "Quietisten" gebildet, welche meinen, man brauche auch in äußerlichen Dingen nichts zu tun und die Hände nicht zu rühren, sondern könne alles getrost "Gott", den man nicht kennt, überlassen.

Dieser Irrtum hat seinen Ursprung darin, dass die meisten Menschen Gott für ein äußerliches, unbekanntes, fernstehendes Wesen halten, welches sozusagen die Oberaufsicht über alles führt und die Geschäfte der Menschen besorgt, anstatt dass sie in ihm das Gesetz erkennen, welches in ihnen selbst offenbart werden soll, damit sie als bewusste Werkzeuge, und in Übereinstimmung mit der göttlichen Natur den Willen Gottes ausführen können. Niemand kann sich in einen göttlichen Willen ergeben, den er nicht kennt; auch teilt Gott den Menschen seinen Willen nicht durch äußerliche Befehle und Anordnungen mit. Wo aber der Eigensinn des Menschen schweigt und die Seele, von allen irdischen Begierden frei, sich zum Ewigen erhebt, da wird der göttliche Wille offenbar. Den Weg hiezu hat uns Molinos in seinem "Geistlichen Führer" gezeigt.

Der Weg zum inneren Frieden ist, in allen Dingen nach dem Gefallen und der Weisung des göttlichen Willens zu leben. (In allem sollen wir unseren Willen dem göttlichen Willen unterwerfen, denn darin besteht der Friede unseres Willens, dass er in allen Stücken dem göttlichen Willen gehorsam ist / Hugo Cardinalis in Psalm 13).Diejenigen, welche wünschen, dass alle Dinge gut und nach ihrer eigenen Lust ausfallen, sind nicht zur Erkenntnis dieses Weges gekommen. (Sie haben den Weg zum Frieden nicht erkannt / Psalm 13). Und deshalb führen sie ein raues und bitteres Leben, immer ruhelos und verdrossen, ohne den Weg des Friedens zu betreten, welcher in vollkommener Ergebung in den Willen Gottes besteht.

Diese Ergebung ist das süße Joch, welches uns in die Regionen innerer Ruhe und Heiterkeit einführt. Hieraus können wir entnehmen, dass die Widerspenstigkeit unseres Willens der Hauptgrund unserer Ruhelosigkeit ist; und dass, weil wir uns dem süßen Joche des göttlichen Willens nicht fügen wollen, wir so viele Bedrängnisse und Aufregungen erdulden müssen. O Seele: wenn wir unseren eigenen dem göttlichen Willen unterordneten und alles seiner Führung überließen, welch eine Ruhe würden wir empfinden: welch süßen Frieden; welch innere Heiterkeit: weiche wahrhafte Seligkeit und Überschwängliches Glücksgefühl.' Dieses soll daher der Hauptgedanke dieses Buches sein. Möge mir Gott sein göttliches Licht dazu geben, die Geheimnisse dieses inneren Weges und die süße Wonne des vollkommenen Friedens zu enthüllen.

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V o r w o r t

 ERSTER TEIL.

 

VON DER DUNKELHEIT, DORRE UND DEN VERSUCHUNGEN, WODURCH GOTT DIE SEELE REINIGT, UND VON DER INNERLICHEN SAMMLUNG.

Damit Gott in der Seele ruhen kann, muss das Gemüt in allem Ungemach, Versuchungen und Leiden in Ruhe erhalten werden. Du sollst wissen, dass deine Seele das Zentrum, die Wohnung und das Königreich Gottes ist. Damit nun der Beherrscher dieses Reiches auf dem Throne deiner Seele ruhen kann, solltest du dich bemühen, denselben rein, ruhig, leer und friedvoll zu erhalten; rein von Schuld und Fehlern; ruhig vor Befürchtungen; teer von Leidenschaften, Begierden, Vorstellungen und friedvoll in Versuchungen und Trübsalen.

Du sollst dein Herz daher stets in Frieden erhalten, damit der Tempel Gottes rein bleibt und sollst mit einem rechten und reinen Vorsatz arbeiten, beten, gehorchen und dulden, ohne im mindesten beunruhigt zu werden, bei allein, was Gott gefällt, dir zu schicken. Denn sicherlich wird Gott dem neidischen Erzfeind zulassen, die Stadt des Friedens und den Thron der Seele durch Versuchungen, Einflüsterungen und Beschwerden zu beunruhigen, vermittelst der Kreaturen, durch quälende Sorgen, kränkende Verfolgungen usw. Sei standhaft und gefassten Sinnes, was für Pein solche Leiden dir auch bereiten mögen. Unterziehe dich ihr willig, damit du sie zu überwinden vermagst, denn die göttliche Kraft ist in ihr verborgen, welche dich verteidigt, beschützt und für dich kämpft. Wenn jemand eine sichere Burg besitzt, so ist er nicht beunruhigt, obgleich ihm seine Feinde nachstellen, weil deren Absichten vereitelt werden, da er sich ja in die Burg zurückziehen kann. Die starke Festung, welche dich über alle deine sichtbaren und unsichtbaren Feinde, wie über deren Ränke und Kränkungen triumphieren lassen wird, befindet sich in deiner eigenen Seele, weil in ihr die göttliche Hilfe und des Herrn stand wohnt. Ziehe dich in sie zurück und alles wird ruhig, sicher und friedevoll sein.

Es sollte dein vornehmstes und unausgesetztes Bestreben sein, jenen Thron deines Herzens zu beruhigen, damit der höchste Herrscher darauf verweilen kann. Der Weg da zu wird sein, in dich selbst, durch innerliche Sammlung, einzukehren; dein ganzer Schutz soll das Gebet und eine liebreiche Sammlung in der göttlichen Gegenwart sein. Wenn du dich heftiger angegriffen siehst, ziehe dich in jene Region des Friedens zurück, wo du die Festung finden wirst. Wenn du dich schwächer fühlst, nimm deine Zuflucht zum Gebet, der einzigen Waffe zur Überwindung des Feindes und zur Linderung der Trübsal. Du solltest im Sturm nicht fern von ihm sein, damit du, ein zweiter Noah, Ruhe, Sicherheit und Klarheit erfahren kannst, und damit dein Wille gelassen, ergeben, friedfertig und mutig zu werden vermag.

Sei endlich nicht bekümmert noch entmutigt, wenn du dich kleinmütig siehst. Er kehrt wieder zu dir zurück, um dich zu besänftigen, damit er dich aufs neue bewegen (anfeuern) kann, weil der göttliche Herr mit dir allein sein will, um in deiner Seele zu ruhen und darin einen reichen Thron des Friedens zu errichten, damit du in deinem eigenen Herzen, vermöge innerlicher Sammlung und durch seine himmlische Gnade, nach Stille in Erregung, Einsamkeit in Gesellschaft, Licht in Dunkelheit, Vergessenheit in Bedrückungen, Stärke in Verzagtheit, Mut in Furcht, Kraft in Versuchung, Friede im Streit und Ruhe in Trübsal ausblicken kannst.

Teil I Kapitel II - Wenn sich die Seele auch von der eigenen Verstandestätigkeit ledig fühlt, sollte sie doch im Gebet ausharren und nicht bekümmert sein, weil dies ein Größeres Glück für sie ist.

Du wirst dich, gleich allen anderen Seelen, welche vom Herrn zu dem inneren Wege berufen sind, voll Verwirrung und Zweifel finden, weil du im Gebet der Unzulänglichkeit deiner Verstandeskraft gewahr geworden bist. Es wird dir scheinen, dass Gott dir nicht mehr wie früher beisteht; dass die Ausübung des Gebets nicht in deiner Macht steht; dass du lange säumst, bevor du mühsam und mit vieler Schwierigkeit ein einziges kurzes Gebet, wie du gewohnt, sprechen kannst.

Dieser Mangel, dich In verstandesmäßiger Überlegung zu ergehen, wird in dir große Verwirrung und Unruhe hervorbringen: Und wenn du in solch bedenklicher Lage nicht einen geistlichen Vater hast, der erfahren ist auf dem mystischen Wege, wirst du gewiss glauben, dass deine Seele in Unordnung sei und du zum Schutze deines Gewissens einer Beichte bedürfest. Damit erreichst du aber nichts als Scham und Bestürzung. Ach, wie viele Seelen sind zu dem Inneren Wege berufen, und werden durch die geistlichen Väter, aus Mangel an Verständnis, auf ihrer Bahn gehemmt und ins Verderben geführt, anstatt von ihnen geleitet und vorwärts gebracht zu werden! Um nicht abfällig zu werden, wenn du im Gebete des eigenen Denkens und Erwägens ermangelst, solltest du davon überzeugt sein, dass dies dein größtes Glück ist, weil es klar bezeugt, dass der Herr dich durch Glauben und Stillschweigen in seine göttliche Gegenwart kommen lassen will, was der nützlichste und leichteste Pfad ist. Bedenke doch, dass die Seele mit einfältigem Hinschauen oder innigem (liebevollem) Aufhorchen auf Gott, gleich einem demütigen Bittsteller vor ihrem Herrn erscheint, oder wie ein unschuldiges Kind, welches sich an den süßen und sicheren Busen seiner treuen Mutter wirft. Gerson drückte dies so aus: "Obgleich ich 90 Jahre mit Lesen und im Gebet verbracht habe, konnte ich doch niemals etwas Wirksameres noch Kürzeres ausfindig machen, um zur mystischen Theologie (Theosophie) zu gelangen, als dass unser Geist in Gottes Gegenwart gleich einem kleinen Kinde oder einem Bettler werden sollte."

Diese Art zu beten Ist nicht allein die leichteste, sondern auch die sicherste, weil sie von der Tätigkeit der Vorstellung, welche immerdar den Fallstricken des Bösen ausgesetzt ist, sowie von den Übertreibungen der Schwermut und Grübelei, worin sich die Seele leicht verfängt und (in Spekulation vertieft) über sich selbst nachbrütet, entbunden ist. Als es Gott gefiel, seinen Feldherrn Moses (2.Mose Kap.24) zu unterweisen, und ihm die zwei in Stein geschriebenen Gesetzestafeln zu übergeben, berief er ihn auf den Berg, welcher zu der Zeit, da Gott mit Moses dort verweilte, verfinstert und mit dicken Wolken umhüllt war. Nachdem Moses sieben Tage hindurch, ohne zu wissen was er denken und sprechen sollte, untätig gewartet hatte, befahl ihm Gott, auf den Gipfel des Berges hinaufzusteigen, wo er ihm seine Herrlichkeit enthüllte und reichen Trost spendete.

So lässt Gott, wenn er nach einer außergewöhnlichen Leitung, die Seele in die Schule der göttlichen und liebevollen Belehrung über das innere Leben einführen will, die se in Dunkelheit und Dürre wandeln, damit er sie näher zu sich heraufzuziehen vermag. Denn die göttliche Herrlichkeit weiß sehr wohl, dass eine Seele nicht durch eigene Entschließung zu ihm empordringt, sondern durch ruhige und demütige Ergebung. Der Patriarch Noah gab hierfür ein bedeutsames Beispiel. Er wurde von allen Menschen als Narr angesehen, weil er inmitten des tosenden Meeres, welches die ganze Erde überflutete, ohne Segel und Ruder schwamm. Von wilden Tieren umgeben, welche in der Arche eingeschlossen waren, zog er durch seinen Glauben allein hinaus, ohne zu wissen, was Gott mit ihm zu tun gefallen würde.

Was dir vor allem frommt, o freigewordene Seele, das ist Standhaftigkeit, nicht abzulassen vom begonnenen Gebet, obgleich du dabei dein eigenes Denken beherrschen musst. Verharre In festem Glauben und heiligem Frieden, deinem Ich mit all seinen natürlichen Bestrebungen absterbend, im Vertrauen, dass Gott, weicher unveränderlich derselbe bleibt, niemals irren kann und nur dein Bestes im Auge hat. Es Ist klar, dass derjenige, welcher sich selbst abstirbt, dies notwendigerweise schmerzlich empfinden muss. Aber wie wohl ist die Zeit angewendet worden, wenn die Seele tot, stumm und ergeben in Gottes Gegenwart ist, um ohne Unruhe und Zerstreutheit die himmlischen Eingebungen zu empfangen. Die Sinne sind für die göttlichen Gnadengaben nicht empfänglich; willst du daher weise und glücklich sein, so sei still und beständig, glaube und dulde, und schreite vertrauensvoll vorwärts. Es ist dir weit besser, Frieden zu halten und dich von Gottes Hand führen zu lassen, als dich aller Güter dieser Welt zu erfreuen. Und ob es dir gleich scheinen mag, als ob du bei alledem nichts tust und müßig bist, so ist dies doch von unendlichem Nutzen. Schaue das blinde Tier an, welches das Rad der Mühle dreht, wie es, ohne zu sehen oder zu wissen was es tut, doch ein nützliches Werk mit dem Mahlen des Kornes verrichtet. Wenn es auch nicht davon kostet, so empfängt doch sein Herr die Frucht und genießt von ihr. Wer sollte, während der langen Zeit, da der Same in der Erde schlummert, nicht glauben, dass derselbe zugrunde gegangen sei? Und doch sieht man die Saat nachher aufgehen, wachsen und sich vermehren. Das gleiche lässt Gott mit der Seele geschehen, wenn er ihr das eigene, überlegende Denken nimmt. Während sie glaubt, müßig und gleichsam vernichtet zu sein, kommt sie nach gewisser Zeit wieder zu sich selbst, veredelt, frei und vollkommen, ohne jemals auf eine so große Gnadengunst gefasst gewesen zu sein.

Hüte dich darum, dich selbst zu quälen oder abfällig zu werden, wenn du durch dein eigenes Denken dich im Gebete nicht emporschwingen kannst. Dulde, bleibe ruhig und ergib dich in Gottes Gegenwart. Harre standhaft aus und vertraue auf seine unendliche Güte, welche dir stetigen Glauben, wahre Erleuchtung und himmlische Gnade zu verleihen vermag. Wandle, gleich als ob deine Augen verbunden wären, ohne zu denken und zu überlegen. Gib dich in seine gütigen, väterlichen Hände, mit dem festen Vorsatz, nichts zu tun, was nicht nach seinem göttlichen Willen und Gefallen ist.

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Teil I Kapitel III - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Es ist die gemeinsame Überzeugung aller heiligen Männer, welche über den Geist und alle anderen mystischen Gegenstände geschrieben haben, dass die, Seele vermittelst der Betrachtung und Verstandestätigkeit nicht zur Vollkommenheit und Vereinigung mit Gott gelangen kann, weil diese nur am Anfange des geistigen Weges förderlich sind, um einen gewissen Grad von Kenntnis über die Schönheit der Tugend und die Hässlichkeit des Lasters gewinnen zu können. Dieses Wissen kann nach der Meinung der heiligen Theresa innerhalb 6 Monaten, und gemäss des heiligen Bonaventura in 2 Monaten erworben werden. Ach wie bedauernswert sind in dieser Beziehung unendlich viele Seelen, welche von Beginn bis zum Ende ihres Lebens mit bloßem Nachgrübeln beschäftigt sind, und sich ganz auf ihren Verstand beschränken; und das obwohl der allmächtige Gott sie des eigenen Denkens beraubt, um sie zu einem anderen Zustand zu erheben und zu einer vollkommeneren Art der Anbetung heimzuführen. Sie aber bleiben viele Jahre unvollkommen und bleiben im Anfang stecken, oder kommen nur einen Schritt auf dem Wege des Geistes voran. Sie quälen ihren Verstand mit dem Suchen nach Örtlichkeit und Zeit, mit Einbildungen und angestrengten Erwägungen, indem sie Gott, welcher doch in ihnen selbst wohnt, stets außerhalb suchen.

Darüber beklagte sich der heilige Augustinus, als ihn Gott auf den mystischen Weg brachte, indem er zu der göttlichen Allmacht sprach: "Umherirrend wie ein verlaufenes Schaf, suchte ich dich, o Herr, während du in mir selbst welltest. Ich mühte mich ab, außen nach dir zu suchen, und doch hast du deine Wohnung in mir, wenn ich nach dir verlange und an dich denke. Ich wanderte durch die Strassen und Plätze dieser Welt, um dich zu suchen, und fand dich nicht, weil ich vergebens draußen nach Ihm forschte, der doch in meinem Inneren war."

Der Doktor Angelicus, St.Thomas, mag (ungeachtet seiner bedeutsamen Schreibweise) doch derjenigen zu spotten scheinen, welche mit Vernunftsschlüsse immer außen nach Gott forschen, während er doch in ihnen selbst gegenwärtig ist. Dieser Heilige sagt: "Es herrscht eine große Blindheit und Maßlose Torheit in jenen, welche unablässig Gott suchen, fortwährend nach Gott seufzen und Gott täglich im Gebet anrufen, während sie (nach den Worten des Apostels) selbst der lebendige Tempel Gottes und seine wahre Wohnung sind, da in ihrer Seele der Sitz und Thron des Höchsten sich befindet, wo er immerwährend verweilt. Wer anders als ein Narr wird daher nach einem Werkzeug  draußen suchen, welches er sich erinnert, Im Hause selbst eingeschlossen zu haben? Oder wer kann sich an der begehrten Nahrung erquicken, ohne von ihr zu kosten: Gerade so ist das Leben von einigen tugendhaften Männern, welche immer forschen und sich des Besitzes niemals wirklich erfreuen. Deshalb Ist all ihr Tun unvollkommen."

Es ist gewiss, dass unser Herr Jesus Christus die Vollkommenheit allen lehrte, und alle zur Vollkommenheit gelangen lassen will, besonders die Unwissenden und Einfältigen. Diese Wahrheit bezeugte er dadurch deutlich, dass er zu seinen Aposteln geringe und unwissende erwählte, indem er zu seinem ewigen Vater sagte: "Ich danke dir, o Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und den Kindern offenbart hast."

Es ist gewiss, dass diese, wenn sie auch nicht durch scharfsinnige Überlegungen und spitzfindige Untersuchungen zur Vollkommenheit gelangen können, doch ebenso wohl wie die gelehrtesten Männer fähig sind, diese zu erwerben und zwar durch Eingabe ihres Willens, worin sie hauptsächlich besteht. Der heilige Bonaventura belehrt uns, keine Vorstellungen von irgendetwas zu bilden, auch nicht von Gott, weil es Unvollkommenheit ist, Darstellungen, Bilder und Ideen, wie fein und geistreich sie auch immer seien, entweder von dem Willen, der Güte oder von der Dreieinigkeit und Einheit zu machen; ja sogar von dem göttlichen Geiste selbst in Rücksicht darauf, dass alle diese Sinnbilder, obgleich sie Gott ähnlich erscheinen, doch nicht Gott sind, welcher über jedes Bild und Gleichnis erhaben ist. 

Weiter sagt der Heilige: "Wir dürfen hier nicht an etwas Erschaffenes oder Himmlisches noch auch Göttliches denken, weil diese Weisheit und Vollkommenheit nicht durch feines und zielbewusstes Forschen, sondern nur durch die Sehnsucht und Hingabe des Willens erlangt werden kann." Der heilige Mann kann nicht klarer sprechen; und wurdest du dich beunruhigen und vom Gebet ablassen, weil du nicht weißt oder nicht zu sagen vermagst, wie du dich darin emporschwingen kannst, obgleich du einen guten Willen, starkes Verlangen und eine reine Absicht hast? Wenn die jungen Raben, welche von den Alten verlassen worden sind (weil diese, da sie keine schwarzen Federn an ihnen sahen, sie für unecht hielten), von dem Tau des Himmels ernährt werden, damit sie nicht zugrunde gehen; was wird er tun, um Seelen zu erlösen, obgleich sie nicht sprechen und denken können, wenn sie nur glauben, vertrauen und ihr Antlitz zum Himmel emporwenden, um ihre Wünsche zu verkünden? Ist es nicht gewisser, dass Gottes Güte für sie sorgen und ihnen die notwendige Speise geben wird?

Es ist offenbar ein großes Martyrium und keine geringe Prüfung des Herrn für die Seele, welche sich der früheren Sinnesfreuden beraubt findet, mit innigem Glauben allein, die dunklen und verlassenen Pfade der Vollkommenheit zu wandeln, weiche sie nichtsdestoweniger niemals anders, als durch diese schmerzvollen aber sicheren Mittel erreichen kann. Deshalb bemühe dich, standhaft zu sein und nicht abfällig zu werden, obgleich du des eigenen Denkens im Gebet ermangelst. So glaube zu dieser Zeit fest, sei sanft und gelassen, und harre geduldig aus, wenn du wünschest glücklich zu sein und zu der göttlichen Vereinigung, erhabenen Ruhe und zum höchsten innerlichen Frieden au gelangen.

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Teil I Kapitel IV - Die Seele möge sich nicht bekümmern, noch ihre Andacht unterbrechen, weil sie eine innere Leere empfindet.

Wisse, dass es zwei Arten von Gebet gibt; die eine zart, angenehm, köstlich und voller Empfindung, die andere düster, trocken, öde, rau und trübe. Die erste ist die der Anfänger, die zweite diejenige der Fortgeschrittenen, weiche der Vollkommenheit entgegengehen. Gott gibt die erste, um Seelen zu gewinnen, die zweite, um sie zu läutern. Mit der ersten behandelt er sie gleich Kindern, mit der zweiten beginnt er mit ihnen wie mit starken Männern umzugehen.

Der erste Weg kann als das sinnliche Leben betrachtet werden, und gehört zu jenen, welche den Pfad der gefühlten Hingebung wandeln, die Gott den Anfängern zu verleihen pflegt, damit sie, erfüllt mit einem kleinen Vorgeschmack (wie der natürliche Mensch mit dem fühlbaren Gegenstand), sich selbst dem geistigen Leben widmen mögen. Die zweite wird das Leben des Menschen genannt und bezieht sich auf jene Menschen, welche gleichgültig gegen sinnliche Genüsse, ihre eigenen Leidenschaften bekämpfen, damit sie sich Vollkommenheit, das wahre Ziel des Menschen, zu erringen vermögen.

Sei überzeugt, dass die innere Trockenheit und Leere das Mittel zu deiner Glückseligkeit ist, weit sie nichts anderes als ein Mangel an Empfindlichkeit Ist. Denn der Mangel an Empfindlichkeit tut dem Aufschwung fast aller geistig strebenden Menschen Einhalt, und verleitet sie sogar, abfällig zu werden und vom Gebet abzulassen, wie an vielen Seelen, welche nur ausharren, solange sie merkliche Tröstung fühlen, gesehen werden kann. Wisse, dass der Herr sich des Schleiers der Gefühllosigkeit bedient, um nur sein inneres Wirken nicht wahrnehmen zu lassen, damit wir demutsvoll bleiben; weil sich, wenn wir fühlten und wüssten, was er in unseren Seelen schafft, Genügsamkeit und Eigendünkel in uns einschleichen würden, indem wir uns einbildeten, irgend ein gutes Werk zu vollbringen und uns Gott sehr nahe glauben würden, was unser Verderben wäre.

Präge dir als einen festen Grund in dein Herz ein, dass, um den inneren Weg zu beschreiten, zuerst alle Empfindlichkeit ausgetilgt werden muss. Das Mittel, welches Gott hiezu anwendet, ist die innere Empfindungslosigkeit. Dadurch nimmt er auch die Fähigkeit der Seele hinweg, ihre inneren Vorgänge zu beobachten. Denn das ist etwas, das ihre Fortschritte versperrt und Gott daran hindert, sich ihr mitzuteilen und in ihr zu wirken. Du solltest dich deshalb nicht betrüben noch glauben, dass du keine Früchte einerntest, wenn du nach einer Kommunion oder Andacht nicht viele Empfindungen in deiner Seele wahrnimmst. Denn es ist dies eine offenbare Täuschung. Der Ackermann sät zu seiner Zeit und erntet In einer andern. So wird dir Gott bei Gelegenheit und zu seiner eigenen, ihm passenden Zeit beistehen, Versuchungen zu widerstehen und dir, wenn du es am wenigsten denkst, heilige Vorsätze und wirksame Wünsche für seinen Dienst geben.

Damit du dich nicht durch die heftige Einflüsterung  des Feindes verführen lässest, welcher dich neidvoll zu überreden sucht, nichts zu tun, und Zeit zu vergeuden, und das Gebet zu vernachlässigen, will ich dir einige von den unendlichen Früchten vor Augen führen, welche deine Seele aus jener großen inneren Leere erntet:

Das erste ist, im Gebet auszuharren, Frucht viele andere Vorteile entspringen.

2) Du wirst einen Ekel an weltlichen Dingen empfinden, welcher sich allmählich auf die Ertötung der üblen Begierden des früheren Lebens richtet, und andere neue Wünsche zum Dienste Gottes erzeugt.

3) Du wirst über viele Fehler nachdenken, an die du früher nicht gedacht hast.

4) Du wirst, im Begriff etwas Böses zu tun, einen Widerwillen in deinem Herzen empfinden, welcher dich von der Ausführung desselben und zu anderer Zeit von Sprechen, Klagen und Rachgier zurückhält. Dies wird dich von einigen irdischen Genossen abziehen, oder von dieser und jener Gelegenheit und Unterhaltung, der du dich früher arglos, unbedenklich und ohne die geringsten Gewissensbisse hingegeben hast.

5) Wenn du durch Schwachheit in einen leichten Fehler verfallen bist, wirst du einen Tadel darüber in deiner Seele empfinden, welcher dich außerordentlich bekümmern wird.

6) Du wirst in dir den Wunsch fühlen, zu dulden und Gottes Willen zu tun.

7) Du erhältst ein Gefallen an der Tugend, Größere Leichtigkeit in der Selbstüberwindung, Beherrschung der Leidenschaften und der auf deiner Bahn dich hindernden Feinde.

8) Du wirst dich besser von welcher erkennen lernen und voller Scham über deine eigene Unvollkommenheit, eine hohe Ehrfurcht vor Gott in dir fühlen. Auch eine Geringschätzung der Kreaturen, und einen festen Entschluss, nicht vom Gebet abzulassen, obgleich du weißt, dass es dir ein sehr qualvolles Martyrium bereitet.

9) Du wirst in deiner Seele einen Größeren Frieden gewahren, Liebe zur Demut, Vertrauen auf Gott, Selbstverleugnung und Absonderung von alten geschaffenen Wesen. Schließlich wirst du erkennen, dass die Sünden, welche du nun unterlassen kannst, ebenso viele Kennzeichen sind, dass der Herr in deiner Seele (obgleich du es nicht weißt) vermittelst des empfindungslosen Gebets wirkt; wenn du es auch nicht fühlst während dem Gebet. Du wirst es aber dann erfahren, wenn er es für gut hält.

Alle diese und viele andere Früchte entspringen aus dem Gebet, welches du aufgeben möchtest, weil es dir nicht fruchtbringend zu sein scheint, und du keinen Vorteil daraus erwachsen siehst. Sei standhaft und harre geduldig aus, denn deine Seele hat dadurch lauter Gewinne, wenn du es gleich nicht weißt.

Es soll nicht gesagt werden, dass die Seele träge ist, wenn der Heilige Geist in ihr wirksam ist, auch wenn sie nicht tätig eingreift. Überdies ist sie nicht ganz untätig, indem sie wirkt, obgleich nur geistig, voller Einfalt und Innigkeit. Denn auf Gott zu hören, sich ihm zu nähern, seinen inneren Weisungen zu folgen, seine göttlichen Einflüsse in sich aufzunehmen, ihn in seinem eigenen inneren Zentrum anzubeten, mit frommer Hingabe des Willens ihn zu verehren, so vielerlei phantastische Einbildungen beiseite zu werfen und mit Milde und Verachtung so viele Versuchungen zu überwinden; all dies, sage ich, sind wahre Handlungen, obgleich einfach, ganz geistig und gewissermaßen unwahrnehmbar, durch die große Ruhe, mit welcher sie die Seele ausübt.

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Teil I Kapitel V - Die Seele darf nicht unruhig werden, wenn sie sich von Finsternis umfangen sieht, weil dies ein Mittel zu ihrer Größeren Glückseligkeit Ist.

Es gibt zwei Arten von Finsternisse die einen sind Glück, die andern zum Unglück. Die ersten sind solche, welche aus der Sünde entstehen und Unheil bringen, weil sie die Seele zu einem ewigen Abgrunde führen. Die zweiten sind diejenigen, welchen der Herr gestattet in die Seele einzudringen, um in ihr die Tugend zu begründen und zu entwickeln; und diese sind glückbringend, well sie die Seele erleuchten, stärken und ihr höhere Erleuchtung bringen. Du solltest dich deshalb nicht bekümmern und ängstigen, noch trostlos sein, dass du dich von Dunkelheit umgeben findest, in der Meinung, dass Gott dich verlassen habe, weil du das Licht, welches du früher empfunden, nicht mehr findest. Du solltest vielmehr gerade jetzt beständig im Gebet verharren, da es ein deutliches Zeichen ist, dass Gottes unendliche Barmherzigkeit dich auf den inneren Pfad und den segensreichen Weg zum Paradiese zu führen sucht. O wie glücklich wirst du sein, wenn du die Dunkelheit mit Frieden und Ergebenheit aufnimmst. Denn sie ist das Mittel, um zu einem stetigen, vollkommenen, wahren Licht und zu allem geistigen Gut zu gelangen.

Wisse denn, dass der geradeste, beste und sicherste Weg für Fortgeschrittene der Pfad der Finsternis ist, weil der Herr seinen Thron in ihr aufrichtete, wie geschrieben steht: Und dicke, schwarze Wolken umhüllten den Ort, wo er sich verborgen hatte (Ps.18,12). Denn durch Dunkelheit flammt das übernatürliche Licht, welches Gott in der Seele entzündet, empor und vergrößert sich. In der Dunkelheit werden Weisheit und Liebe geboren; in ihr wird die Seele vernichtet und werden die Elemente verzehrt, welche die richtige Anschauung der göttlichen Wahrheit hindern. Auf diese Weise führt Gott die Seele durch den inneren Weg zum Gebete Innerer Ruhe und vollkommener Beschaulichkeit, von welcher so wenige Erfahrung erlangt haben. Endlich läutert Gott durch Finsternis die Sinne und das Gefühl, welche den mystischen Fortschritt verhindern.

Siehe jetzt, ob die Finsternis nicht schätzenswert und aufnahmewürdig ist. In ihr solltest du glauben, vor dem Herrn in seiner heiligen Gegenwart zu stehen. Aber du solltest es mit sanfter und stiller Aufmerksamkeit tun, und nicht nach Feinheiten, Zärtlichkeiten oder sinnlichen Andachtsübungen suchen, noch irgendetwas tun, was nicht nach Gottes Willen und Gefallen ist. Andernfalls würdest du dich während deines ganzen Lebens nur im Kreise herum bewegen und keinen Schritt zur Erreichung der Vollkommenheit tun.

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Teil I Kapitel VI - Damit die Seele den höchsten inneren Frieden erlangen kann, ist es nötig, dass Gott sie nach seiner Art läutert, weil die Übungen und Kasteiungen, welche sie aus eigener Kraft vornimmt, nicht genügend sind.

Sobald du dir fest vornimmst, deine äußeren Sinne zu ertöten, damit du dich zu dem erhabenen Reiche der Vollendung und Vereinigung mit Gott emporschwingen kannst, wird die göttliche Allmacht zur Läuterung deiner üblen Neigungen, unbeherrschten Begierden, eitler Genussucht, Selbstliebe, Stolz und anderen verborgenen Lastern schreiten, welche du nicht kennst, die aber doch im Innern deiner Seele wohnen und die göttliche Vereinigung verhindern.

Du wirst niemals zu diesem glücklichen Zustande gelangen, wenn du dich auch mit äußerlichen Taten der Abtötung und Entsagung abquälst, bis dein Herr dich innerlich reinigt und dich auf seine eigene Weise erzieht, weil er allein weiß, wie die verborgenen Untugenden auszurotten sind. Wenn du standhaft ausharrst, wird er dich nicht allein von der Liebe und Anhänglichkeit an natürliche und zeitliche Güter befreien, sondern dich zu seiner Zeit auch läutern von den übernatürlichen und erhabenen Gütern, als da sind innerliche Mitteilungen, Verzückungen, Begeisterung und andere von Gott verliehene Gnadengaben, damit die Seele zur Ruhe und Freude gelangen kann.

Dieses alles wird der Herr durch das Kreuz und die innere Leerheit in deiner Seele bewirken, wenn du durch freiwillige Übergabe deine Zustimmung zu erkennen gibst, diesen dunkeln und öden Pfad zu beschreiten. Doch darfst du dabei nichts aus deinem eigenen Willen tun. Die Unterwerfung deiner Freiheit ist es, was du vollbringen solltest, dass du eine stille Selbstverleugnung in allen Dingen Obst. Dadurch wird es der Herr für gut halten, dich innerlich und äußerlich absterben zu lassen, weil dies das einzige Mittel ist, durch welches die Seele für die göttlichen Einflüsse empfänglich werden kann. Also hast du die inneren und äußeren Trübsale mit Demut, Geduld und Ruhe zu erdulden, und brauchst dir keine Bußübungen, Geißelungen und Qualen selber aufzulegen.

Der Ackersmann legt Größeren Wert auf die Pflanzen, weiche er in den Boden sät, als auf die, welche von selbst aus ihm hervorsprossen, weil diese niemals rechtzeitig zur Reife kommen. In gleicher Weise hat Gott Größeres Gefallen an der Tugend, welche er in die Seele einsät (während sie in stillem Frieden in ihrem eigenen Nichts ruht, zurückgezogen in ihr innerstes Wesen und ohne jeden eigenen Willen), als an allen andern Vorzügen, weiche die Seele durch ihre eigene Wahl und Bemühungen zu erwerben vorgibt.

Es ist deshalb nur deine Aufgabe, dein Herz gleich einem reinen Papier bereitzuhalten, damit die göttliche Weisheit Schriftzeichen nach ihrem eigenen Belieben darauf schreiben kann. O welch große Arbeit wird es für deine Seele sein, ganze Stunden im Gebet zu verbringen, stumm, entsagend und demütig, ohne dass du selbst irgendetwas zu tun, zu wissen und zu verstehen suchst.

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Teil I Kapitel VII - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Nachdem du deine Zustimmung gegeben hast, so wirst du auf andere Weise als bisher damit beginnen, das geheime und göttliche Wirken in dich aufzunehmen, um vom Herrn geläutert und gesäubert zu werden. Das ist das einzige Mittel, wodurch du von deiner Unwissenheit und Zerfahrenheit rein und frei zu werden vermagst. Wisse jedoch, dass du in ein bitteres Meer von Kümmernissen, von innerlicher und äußerlicher Pein, getaucht werden wirst. Es sind Qualen, welche in die innersten Teile deiner Seele und deines Körpers eindringen werden.

Du wirst die Erfahrung machen, dass die Kreaturen dich verlassen, ja sogar jene, von welchen du ein besonderes Wohlwollen und Mitgefühl in deinen Nöten erhofftest. Die Bäche deiner Verstandesfähigkeiten werden so ausgetrocknet sein, dass du nicht imstande sein wirst, irgendeinen Denkprozess zu vollziehen. Es wird dir nicht einmal soviel übrigbleiben, um einen guten Gedanken von Gott zu fassen. Der Himmel wird dir wie von Erz erscheinen, und kein Licht wirst du von ihm empfangen. Doch wird dich der Gedanke trösten, dass in früherer Zeit in deiner Seele viel Licht und frommer Trost geleuchtet hat.

Die unsichtbaren Feinde werden dich mit Skrupeln, lüsternen Eingebungen und unlauteren Gedanken verfolgen, mit Verlockungen zur Ungeduld, Stolz, Zorn, Fluchen und Lästerung des Namens Gottes, seiner Sakramente und der heiligen Mysterien. Du wirst eine große Lauheit, Überdruss und Widerwillen gegen göttliche Dinge empfinden; eine Dumpfheit und Dunkelheit in deinem Verstande, einen Kleinmut, Verwirrung und Erregung des Herzens; ja eine Kälte und Lässigkeit des Willens, Widerstand zu leisten, dass ein Strohhalm dir wie ein Balken vorkommen wird. Deine Verlassenheit wird so groß sein, dass du glauben wirst, es gäbe keinen Gott mehr für dich, und es sei dir unmöglich gemacht, einen guten Wunsch zu hegen. Du wirst dahinschreiten wie von zwei Wänden eingeschlossen, in fortwährender Angst und Not, ohne einen Hoffnungsschimmer, jemals aus solch einer schrecklichen Bedrängnis herauszukommen.

Sei jedoch ohne Furcht, da all dies notwendig ist, um deine Seele zu reinigen. Sie muss nicht nur ihr eigenes Elend erkennen, sondern auch die Vernichtung aller Leidenschaften und unbeherrschten Begierden empfinden, deren sie sich ehedem erfreute. Willst du nicht endlich den Jonas der Sinnlichkeit in das Meer werfen, damit dich der Herr nach seiner eigenen Weise durch diese inneren Qualen zu veredeln und zu läutern vermag? mit allen deinen äußerlichen Kasteiungen und Abtötungen wirst du niemals wahre Erleuchtung erlangen, noch der Vollkommenheit um einen Schritt näher kommen. Du wirst im Anfang stillstehen, und deine Seele kann nicht zu der lieblichen Ruhe und dem höchsten innerlichen Frieden eingehen.

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Teil I Kapitel VIII - Die Seele soll nicht unruhig werden oder sich von dem geistigen Wege abwenden, weil sie von Versuchungen bestürmt wird.

Unsere eigene Natur ist so verderbt, stolz und ehrsüchtig, so voll von ihren eigenen Lüsten und Meinungen, dass sie ohne Rettung verloren sein würde, wenn Versuchungen sie nicht in Schranken hielten. Der Herr, durch den Anblick unseres Elends und unserer verdorbenen Neigungen von Mitgefühl bewegt, lässt uns daher von vielerlei Gedanken gegen den Glauben, verabscheuungswürdigen Versuchungen, heftigen und qualvollen Verlockungen, durch Ungeduld, Stolz, Völlerei, Prunksucht, Zorn, Lästerung, Fluchen, Mutlosigkeit und eine unendliche Anzahl anderer Sünden befallen, um uns Selbsterkenntnis und Demut zu lehren. Durch solche schreckliche Verführungen demütigt die unendliche Güte unseren Hochmut, und gibt uns in ihnen die heilsamste Arznei.

Durch die Befleckung der Eitelkeit, des Eigendünkels und der Selbstliebe ist all unsere Gerechtigkeit wie ein unflätig Kleid (Jes.69,s). Es ist nötig, dass sie durch das Feuer der Trübsal und Versuchung gereinigt wird, um rein, lauter, vollkommen und den Augen Gottes angenehm zu werden. Deshalb säubert der Herr die Seele, welche er beruft und für sich haben will, mit der rauen Feile der Versuchung, wodurch er sie von dem Roste des Stolzes, der Habsucht, Eitelkeit, des Ehrgeizes und Eigendünkels reinigt. Mit ihr demütigt, besänftigt und lehrt er sie, ihre eigene Unvollkommenheit zu erkennen. Durch sie läutert und entkleidet er das Herz, damit alle seine Funktionen rein und von unschätzbarem Werte sein mögen.

Viele Seelen, welche diese schmerzhaften Qualen erdulden, geraten dadurch in Verwirrung, Betrübnis und Unruhe, da es ihnen scheint, als ob sie schon in diesem Leben von der ewigen Pein betroffen würden. Und wenn sie unglücklicherweise zu einem unerfahrenen Beichtvater kommen, wird sie dieser (statt zu trösten) in noch Größere Angst und Unruhe versetzen. Um den inneren Frieden nicht zu verlieren, musst du glauben, dass die Güte der himmlischen Barmherzigkeit dich in solcher Weise demütigt, betrübt und versucht. Denn dadurch gelangt deine Seele zu einer tieferen Erkenntnis ihrer selbst, und hält sich für die schlimmste, gottloseste und verabscheuungswürdigste Kreatur, und verabscheut sich daher selbst in Demut und Niedrigkeit. O wie glücklich würden die Seelen sein, wenn sie sich mit dem Glauben beruhigen könnten, dass alle diese Versuchungen durch den Teufel veranlasst, und aus Gottes Hand zu empfangen sind, zu ihrem Wohle und geistigen Nutzen.

Darauf wirst du erwidern, dass es nicht des Teufels Werk sei, wenn er dich vermittelst der Kreaturen peinige; sondern es sei dies auf die Boshaftigkeit deines Nächsten zurückzuführen, der dir unrecht tue. Wisse, dass dies eine andere Arglist und verkappte Versuchung ist. Denn obgleich Gott nicht die Sünde eines andern wünscht, so hat er doch dabei seine eigene Wirksamkeit in dir. Durch die Unruhe, welche dir aus den Untugenden eines andern erwächst, kannst du durch die segensvolle Eigenschaft der Geduld vollkommener werden.

Wird dir von jemand ein Unrecht zugefügt, so ist dabei zweierlei zu unterscheiden: die Sünde dessen, der sie tut; und die Strafe, welche du damit erleidest. Die Sünde ist gegen Gottes Willen, und missfällt ihm, obgleich er sie zulässt. Die Strafe entspricht seinem Willen und er wünscht sie zu deinem Besten. Daher sollst du sie wie aus seiner Hand empfangen. Das Leiden und der Tod unseres Herrn Christus waren die Folgen der Gottlosigkeit und Sünde des Pilatus; und dennoch ist es unzweifelhaft so, dass Gott den Tod seines Sohnes um unserer Erlösung willen wünschte.

Beachte wie der Herr zum Besten deiner Seele von den Fehlern eines andern Menschen Gebrauch macht. O Größe der göttlichen Weisheit! Wer vermöchte die Tiefe der geheimnisvollen, außerordentlichen Mittel und all die verhüllten Wege zu ermessen, womit Gott die Seele leitet, welche er zu läutern, zu verwandeln und zu vergöttlichen wünscht?

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Teil I Kapitel IX - Fortsetzung des Vorhergehenden

Damit die Seele die Wohnung des himmlischen Königs sein kann, sollte sie rein und makellos sein. Darum läutert sie der Herr gleich dem Golde im Schmelzofen schrecklicher und qualvoller Versuchungen. Sicher ist es, dass die Seele niemals stärker in der Liebe, noch auch fester im Glauben ist, als wenn sie von solchen Versuchungen bedrückt und gepeinigt wird. Denn die Zweifel und Befürchtungen, welche die Seele befallen, sind Kennzeichen der Liebe. Die in der Seele verbleibenden Nachwirkungen lassen dies deutlich erkennen. Sie bestehen gewöhnlich in einem Ekel vor sich selbst, nebst einer ungemein tiefen Anerkennung der Größe und Allmacht Gottes. Auch erwächst daraus eine große Zuversicht auf den Herrn, dass er sie aus aller Not und Gefahr befreien werde, sowie ein stärkeres Vertrauen in seine Stärke, weil die Seele merkt, dass er es, ist, welcher ihr die Kraft verleiht, diese Qual der Versuchung zu ertragen. Denn diese kommt zeitweilig mit einer solchen Gewalt, dass es unmöglich sein würde, ihr mit eigener Kraft such nur für eine Viertelstunde Widerstand zu leisten.

Wisse daher, dass die Versuchung ein großes Glück für dich ist. Statt daher bekümmert zu sein, solltest du dich vielmehr freuen, und Gott für die Gnade danken, welche er dir zuteil werden lässt. Wenn du aber versucht wirst, so verachte all die hassenswerten Gedanken mit kalter Gelassenheit. Nichts kränkt den Teufel mehr, als sich vernachlässigt und verachtet zu sehen. Deshalb sollst du mit ihm so verfahren, als ob du ihn nicht bemerken würdest. Hatte fest an deinem Frieden, ohne Unwillen, ohne hin und her zu überlegen. Denn nichts ist gefährlicher, als sich mit demjenigen in Verhandlungen einzulassen, der darauf ausgeht, uns zu betrügen.

Alle Heiligen, bevor sie zur Vollkommenheit gelangten, mussten durch dieses schmerzvolle Tal der Versuchung schreiten. Je Größere Heilige sie wurden, mit um so Größeren Versuchungen hatten sie zu ringen. J a auch nach Erlangung der Vollkommenheit, lässt sie der Herr noch von heftigen Versuchungen befallen. Dadurch soll ihre Krone um so glänzender, und der Geist des Hochmuts von ihnen ferngehalten werden. Gott erhält sie auf diese Weise in der Demut und in der allezeit nötigen Wachsamkeit. Schließlich sollst du wissen, dass die größte Versuchung die ist, o h n e Versuchung zu sein. Darum sollst du froh sein, wenn sie dich überfällt, denn so hast du Gelegenheit, ihr mit Ergebung, Ruhe und Standhaftigkeit entgegenzutreten. Wenn du Gott dienen und zu der erhabenen Region des inneren Friedens gelangen willst, musst du den rauen Pfad der Versuchung wandeln. Du sollst den glückbringenden Harnisch anlegen, den heftigen, grausamen Krieg durchkämpfen, und in dem brennenden Ofen dich veredeln, reinigen, läutern und erneuern lassen.

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Teil I Kapitel X - Erklärung des Wesens der innerlichen Sammlung und Belehrung der Seele über ihr Verhalten in derselben, sowie den geistigen Streit, wodurch der Teufel sie zu dieser Zeit abzulenken versucht.

Innerliche Sammlung ist Glaube und Schweigen in Gottes Gegenwart. Du solltest dich daher gewöhnen, in seiner Gegenwart mit hingebungsvoller Aufmerksamkeit gesammelt zu sein, gleich einem, der Gott ergeben und mit ihm verbunden ist. Das soll geschehen in Verehrung, Demut und Unterwerfung, indem du ihn in dem innersten Schrein deiner Seele erschaust, ohne Form, Gleichnis oder einer besonderen Art und Gestalt. Erschaue ihn unter dem Bilde und der allgemeinen Natur eines lebendigen, aufdämmernden und emporleuchtenden Glaubensgefühls, ohne irgendwelche Unterscheidung besonderer Eigenschaften und Merkmale.

Da sollst du dann mit Achtsamkeit und innigem Aufhorchen, mit unbewegtem Ernst und voller Liebe zum Herrn dich aufgeben und dich ihm übergeben, damit er nach Wollen und Gefallen mit dir schalten und walten kann, ohne dass du dabei über dich selbst, noch über das Ziel der Vollkommenheit nachdenkst. Du sollst hierbei die Sinne verschließen, Gott mit aller Sorge um deine Wohlfahrt betrauen, und der Angelegenheit dieses Lebens nicht mehr gedenken. Schließlich soll dein Glaube rein sein, ohne Vorstellung, ohne Einbildung, schlicht, ohne Grübelei, umfassend, ohne besondere Unterscheidung. Das Gebet der innerlichen Sammlung wird gut durch jenes Ringen versinnbildlicht, welches der Patriarch Jakob die ganze Nacht mit Gott hatte, bis der Tag anbrach und Gott ihn segnete (1.Mose 32,22-32). Darum soll die Seele ausharren, und mit den Schwierigkeiten, welche sie in der innerlichen Sammlung findet, ringen ohne davon abzulassen, bis die Sonne der innerlichen Erleuchtung emporsteigt und der Herr ihr seinen Segen gibt.

Kaum wirst du dich dem Herrn auf diesem innerlichen Wege hingegeben haben, als sich auch die ganze Hölle gegen dich verschwören wird. Die Hölle führt gegen eine einzelne Seele, welche in sich selbst gesammelt ist, einen weit hartnäckigeren Krieg, als gegen tausend andere, welche im Äußeren wandeln; weil der Teufel bei einer solchen Seele unendlich im Vorteil ist. Während der Zeit der Sammlung, des Friedens und der Ergebung deiner Seele, wird Gott mehr Gewicht legen auf die mannigfaltigen, ungebührlichen, hässlichen und beunruhigenden Gedanken, welche du in dir hast, als auf die guten Vorsätze und hochstrebenden Empfindungen.

Wisse, dass die Anstrengung, welche du aus eigener Kraft machst, um den übten Gedanken zu widerstehen, ein Hindernis ist, und deine Seele in noch Größere Ängste bringen wird. Das Beste, was du tun kannst, ist, sie ruhig zu verachten, deine eigene Erbärmlichkeit zu erkennen, und all dies Ungemach Gott voller Friede zum Opfer zubringen. Wenn du auch von der Qual der Gedanken nicht loskommen kannst, weit sie die Schlingen des Feindes sind; wenn du kein Licht, keine Tröstung, auch keine geistige Empfindung hast, so sei doch nicht bekümmert, noch lasse ab von der Sammlung. Opfere dich mit alter Kraft zu dieser Zeit auf, ertrage mit Geduld und verharre in seiner Gegenwart. Denn wenn du auf diese Welse ausharrst, wird deine Seele innerlich fortschreiten in der Vollkommenheit. Wenn du meinst, dass es dir an richtiger Vorbereitung mangle, wenn du in der gleichen Weise, wie du begonnen, mit leerem Herzen vom Gebet aufstehst, und es dir keinen Nutzen gebracht hat, so ist dies eine Täuschung. Denn die Frucht des wahren Betens besteht nicht im Genusse des Lichts, noch im Besitze der Kenntnis geistiger Dinge, da diese auch in einem forschenden Verstande, ohne wirkliche Tugend und Vollkommenheit, gefunden werden können. Sondern sie besteht allein in geduldigem Ertragen und gläubiger, stiller Beharrlichkeit, indem du dich in Gottes Gegenwart fühlst, und dein Herz sich mit Ruhe und Gemütsreinheit ihm zuwendet. Während du in dieser Weise ausharrst, wirst du die einzige Vorbereitung und Gesinnung haben, welche dir zu dieser Zeit nötig [st, und wirst unfassbar reiche Früchte ernten.

Bei dieser innerlichen Sammlung ist der Kampf sehr häufig vorhanden. Dieser wird dich einerseits der Empfindung berauben, um dich zu versuchen, zu demütigen und zu läutern; anderseits werden dich unsichtbare Feinde mit fortgesetzten Einflüsterungen Überfallen, um dich zu stören und zu beunruhigen. Die Natur selbst wird dich zu quälen scheinen, da sie immerdar ein Feind des Geistes ist. Denn sie erleidet eine Höllenpein bei allen geistigen Übungen, besonders während des Gebets, da sie dann der lustbringenden Vergnügen beraubt, schwach, melancholisch und voller Verdrießlichkeit bleibt. Daher wird sie äußerst ungeduldig ein Ende des Gebets verlangen, durch Unruhe der Gedanken, Mattigkeit des Körpers, aufdringlicher Schlaf usw. Bist du da nicht imstande, die Sinne zu zügeln, so wird jeder einzelne selbständig seinem eigenen Vergnügen folgen. Glücklich bist du, wenn du inmitten dieses Martyriums auszuharren vermagst.

Jene große Lehrerin und Mystikerin, die heilige Theresa, bestätigt dies alles durch ihre himmlische Lehre in dem Briefe, welchen sie dem Bischof von Osmia schrieb, um ihn zu unterweisen, wie er sich im Gebet und bei anstürmenden, störenden Gedanken zu verhalten habe. Sie schreibt: "Es ist notwendig, die Störung einer Schar von Gedanken, zudringlicher Einbildungen und den Aufruhr natürlicher Neigungen zu ertragen, nicht nur seitens der Seele, sondern auch des Körpers, hervorgerufen durch den Mangel an Gehorsam gegen den Geist, den er besitzen sollte." (8.Brief). Man nennt diese geistlich "Trockenheiten", welche indessen sehr nützlich sind, wenn sie mit Geduld entgegengenommen und ertragen werden. Wer immer sich gewöhnt, sie ohne Murren zu erdulden, wird aus dieser Beschwerde einen unermesslichen Vorteil ziehen. Zwar ist es gewiss, dass der Böse die Seele während der Sammlung oftmals sehr stürmisch mit einem Heer von Gedanken belästigt, um ihre Ruhe zu zerstören und sie von jenem überaus lieblichen und sicheren inneren Verkehr abzuziehen, indem er schreckliche Vorstellungen erregt und sie sehr häufig in einen Gemütszustand versetzt, als ob sie einer furchtbaren Marter unterworfen werden sollte.

Die heilige Theresa schreibt im gleichen Briefe weiter: "Da die Vögel, welches die Teufel sind, dies wissen, so stacheln und quälen sie die Seele mit Einbildungen, beunruhigenden Gedanken und jenen Störungen, welche der Teufel bei dieser Gelegenheit hervorruft, indem er die Gedanken ablenkt, sie von einer Sache zur andern schweifen lässt, und (nachdem er damit fertig ist) das Herz angreift. Es ist keine geringe Frucht des Gebets, diese Beunruhigung und Zudringlichkeiten geduldig zu ertragen. Es ist eine Aufopferung seiner selbst in einem wirklichen Brandopfer, d.h. man wird gänzlich in dem Feuer der Versuchung verzehrt und kein Teil verschont."

Siehe, wie diese himmlische Frau uns ermutigt, Gedanken und Versuchungen zu erdulden und zu ertragen, weil sie, vorausgesetzt dass ihnen nicht nachgegeben wird, den Gewinn verdoppeln. So viele Male, wie du dich ruhig bemüht hast, diese nichtigen Gedanken abzuweisen, soviele Kronen wird der Herr auf dein Haupt setzen. Und obgleich es dir scheinen mag, als wärest du untätig, so lass dich doch nicht beirren, denn ein gutes Verlangen, mit Festigkeit und Beständigkeit im Gebet, ist dem Herrn sehr wohlgefällig.

Die heilige Theresa schließt den Brief mit diesen Worten: "Aus diesem Grunde ist es keine verlorene Zeit, ohne fühlbaren Gewinn dabei zu bleiben, sondern ein großes Glück, solange jemand ohne Selbstinteresse arbeitet, allein zur Ehre Gottes. Und wenn es auch scheinen mag, als wären es vergebliche Bemühungen, so ist dem doch nicht so; sondern es ist wie bei Kindern, welche unter der Obhut Ihrer Väter sich mühen und arbeiten obgleich sie den Löhn für ihr Tagewerk nicht am Abend empfangen; jedoch an dem Jahresende erfreuen sie sich alle."  Kurzum du siehst, wie die Heilige unsere Darlegung durch ihre köstliche Lehre bestätigt.

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Teil I Kapitel XI - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Gott liebt nicht den, welcher am meisten tut, am besten aufhorcht, noch auch den, der die größte Liebe zeigt, sondern denjenigen, welcher am meisten duldet, Indem er in Gottes Gegenwart mit Glauben und Ehrfurcht betet. Es ist in der Tat ein hartes Martyrium für die Seele, wenn das natürliche, sinnliche Gebet von ihr genommen wird. Doch der Herr hat Gefallen daran, wenn sie so ruhig und ergeben ist. Unterlasse zu dieser Zeit das mündliche Gebet, weil (wie gut und heilig es auch immer an sich sei) sein gegenwärtiger Gebrauch eine offenbare Versuchung für dich sein würde, indem der Teufel dir vorspiegelt, dass Gott nicht zu deinem Herzen spricht, unter dem Vorwande, dass du keine Empfindungen hast und Zeit vergeudest.

Gott achtet nicht auf den Reichtum der Worte, sondern auf die Reinheit der Gesinnung. Er hat zu dieser Zeit sein größtes Gefallen daran, die Seele schweigend, sehn suchtsvoll, demütig, ruhig und entsagend zu sehen. Schreite vorwärts, harre aus, bete und bewahre deinen Frieden; denn wo du kein Gefühl findest, wirst du doch eine Pforte finden, durch welche du in dein eigenes Nichts eintreten kannst, erkennend, dass du nichts bist, nichts tun kannst, ja sogar, dass du nicht einmal einen guten Gedanken in dir hast. Wie viele haben diese glückbringende Übung des inneren Gebets und der innerlichen Sammlung schon begonnen und wieder davon abgelassen, unter dem Vorwand, dass sie ' keine Erquickung empfänden, Zeit verlören, dass ihre Gedanken sie beunruhigten und jenes Gebet nichts für sie sei. Denn sie könnten keinerlei Empfindung von Gott, noch irgendeine Fähigkeit zu denken und zu urteilen erlangen, nachdem sie doch Glauben, Ruhe und Geduld gezeigt hätten. All dies ist aber nichts anderes als ein undankbares Jagen nach fühlbaren Genüssen, wobei sie sich durch Eigenliebe fortreißen lassen und sich selbst suchen, und nicht Gott, weil sie nicht ein wenig Schmerz und Trockenheit ertragen können, ohne über den unendlichen Verlust, welchen sie erleiden, nachzugrübeln. Sie hätten aber durch die geringste Tat der Ehrerbietung gegen Gott inmitten innerer Empfindungslosigkeit empfangen.

Der Herr lehrte der verehrungswürdigen Mutter Franziska Lopez von Valenzia und einem Mönch des dritten Ordens von Sankt Franziskus drei Dinge von großer Bedeutung und Tragweite in Bezug auf die innerliche Sammlung: An erster Stelle, dass eine Viertelstunde Gebet, mit Sammlung der Sinne und Fähigkeiten und mit Ergebung und Demut, der Seele mehr Nutzen bringt, als 5 Tage Bußübungen, härene Gewänder, Kasteiungen, Fasten, Schlafen auf unbedecktem Boden, weil dies nur Abtötungen des Körpers sind, aber durch Sammlung die Seele geläutert wird.

Zweitens, dass es der göttlichen Allmacht wohlgefälliger ist, die Seele in stillem, ergebenem Gebet während einer Stunde zu haben, als auf dem Wege zu großen Pilgerfahrten; weil es Gott große Freude bereitet und sehr rühmenswert ist, wenn sie im Gebet sich selbst und anderen, für welche sie betet, Nutzen schafft; wogegen die Seele auf einer Wallfahrt gewöhnlich zerstreut und die Sinne, bei einer Schwächung der Tugend, verwirrt werden, abgesehen von vielen anderen Gefahren.

Drittens, dass beständiges Beten die Seele immer gerade auf Gott gerichtet hält, und dass eine Seele, um innerlich zu sein, sich mehr mit Hingabe des Willens, als mit Verstandesarbeit betätigen sollte. All dies kann in ihrer Lebensgeschichte nachgelesen werden. Je mehr die Seele sich an Gefühlsliebe erfreut, je weniger Gefallen hat Gott an ihr, und umgekehrt; je weniger die Seele an dieser Gefühlsliebe hängt, um so mehr Freude hat Gott an ihr. Wisse, dass es der Gipfelpunkt des Gebets ist, den Willen, unter Beherrschung der Gedanken und Versuchungen, mit der größtmöglichsten Ruhe auf Gott zu richten.

Ich will dies Kapitel schließen, indem ich dich von den gewöhnlichen Irrtümern derjenigen befreie, welche sagen, dass bei dieser innerlichen Sammlung oder dem Gebet der Stille die Verstandeskraft nicht wirksam, und dass die Seele träge und gänzlich untätig sei. Es ist dies eine offenbare Täuschung derjenigen, welche wenig Erfahrung besitzen, weil die Seele nicht vermittelst des Gedächtnisses oder durch die sekundäre Funktion des Verstandes (welches die Urteilskraft ist), noch durch die dritte (das Schlussvermögen) tätig ist. Sie wirkt aber durch die Hauptkraft des Verstandes, nämlich durch das einfache Erkennen, welches durch den wahren Glauben erleuchtet und durch die göttlichen Gaben des Heiligen Geistes unterstützt wird. Der Wille ist mehr geneigt, eine Verrichtung fortzusetzen, als viele neue vorzunehmen, so dass die Wirksamkeit des Verstandes (ebenso wohl wie die des Willens) einfach, unwahrnehmlich und geistig ist; so dass die Seele sich ihrer kaum bewusst wird, geschweige denn über sie nachdenkt.

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Teil I Kapitel XII - Was die Seele in der innerlichen Sammlung tun soll?

 

Damit du dich völlig in Gottes Hand ergeben kannst, sollst du mit vollkommener Selbstentsagung zum Gebet schreiten, indem du durch Betätigung der Kraft des Glaubens dich ganz in der göttlichen Gegenwart fühlst. Versenke dich hierauf in eine heilige Ruhe, mit Stillschweigen und Gelassenheit; und suche jenen ersten Zustand der Betrachtung, durch Glaube und Liebe, zu bewahren einen ganzen Tag, ein ganzes Jahr, ja dein ganzes Leben hindurch.

Es ist nicht deine Aufgabe, diese Handlungen zu vervielfältigen, noch fühlbare Bezeugungen deiner Verehrung zu wiederholen, weil sie die Reinheit des vollkommen geistigen Willenaktes trüben. Da diese süßen Empfindungen Außerdem unvollkommen sind (in Anbetracht der Überlegung, die ihnen vorhergeht, der Selbstzufriedenheit und äußerlichen Tröstung, auf welche sie sich richten und wodurch die Seele nach außen auf die äußeren Sinne abgelenkt wird), so ist es nicht notwendig, sie zu erneuern, wie der Mystiker Falcon ausgezeichnet durch folgendes Gleichnis veranschaulicht hat: "Wenn ein einem Freunde geschenktes Kleinod einmal in seine Hände gelegt worden ist, so ist es unnötig, diese schon vollzogene Schenkung dadurch zu wiederholen, dass man täglich zu ihm sagt: "Mein Freund, ich schenke dir dieses Kleinod"; sondern man lässt es einfach in seinem Besitz, und nimmt es ihm nicht wieder, weil man (vorausgesetzt dass man es ihm nicht entzieht oder zu entziehen beabsichtigt) es ihm ganz sicher geschenkt hat."

Wenn du dich in gleicher Weise dem göttlichen Willen einmal gewidmet und voller Liebe hingegeben hast, bleibt dir weiter nichts zu tun, als dies fortzusetzen, ohne neue und fühlbare Handlungen vorzunehmen, vorausgesetzt, dass du das einmal gegebene Kleinod nicht wieder zurücknimmst, indem du einen groben Fehler gegen Gottes Willen begehst. Wenn du auch äußerlich noch die Pflichten deines Berufs und Standes auszuüben hast, so schadet das dir nicht, denn damit erfüllst du den Willen Gottes und verbleibst in einem fortwährenden tugendhaften Lebenswandel. "Derjenige betet immerdar, der gute Werke tut; er vernachlässigt das Beten nur dann, wenn er aufhört tugendhaft zu sein." Du solltest daher alle diese Empfindsamkeiten verachten, damit deine Seele geordnet wird und eine Gewöhnung an die innerliche Sammlung erlangen kann, weiche so wirkungsvoll ist, dass der Entschluss zu beten allein schon eine lebendige Gegenwart Gottes erweckt. Oder, besser ausgedrückt, die innerliche Sammlung soll nichts anderes sein als die wirksame Fortsetzung des unablässigen Gebets, in welches die betreffende Person sich versenken soll.

Wie gut erfüllte die verehrungswürdige Mutter von Chantal, die geistige Tochter des Sankt Franziskus von Sales, diese Aufgabe. In ihrer Lebensgeschichte findet sich folgende, an ihren Meister geschriebene Worte: "Ich kann, mein teurer Vater, keine geistige Übung verrichten, ohne dass mir folgendes als die festeste und sicherste Verfassung erscheint: Mein Geist, in seinem oberen Teil, ist in einer höchst einfachen Einheit; er hat sich nicht vereinigt, weil, wenn er die Einheit (wie er sich häufig zu tun anschickt) durch eigenes Tun zu erstreben trachtet, er Schwierigkeiten findet und klar erkennt, dass er sich selbst nicht vereinigen kann, sondern vereinigt wird. Die Seele möchte aus dieser Einheit Nutzen ziehen für die Frühmette, die heilige Messe, Vorbereitung zur Kommunion und das Danksagungsfest; kurzum sie möchte bei allem In jener höchst einfachen Gemeinschaft des Geistes verbleiben, ohne über irgendetwas anderes nachzusinnen." Auf all dieses antwortete der heilige Vater zustimmend, empfahl ihr darin auszuharren und wies sie darauf hin, dass lm Frieden die göttliche Ruhe liegt.

Ein andermal schrieb sie dem Heiligen folgendes: "Bei dem Bestreben, einige besondere Ausübungen meiner einfältigen Betrachtung, vollkommenen Selbstentsagung und Aufopferung in Gott vorzunehmen, tadelte mich die göttliche Weisheit und ließ mich verstehen, dass dies nur von der Liebe zu mir selbst ausgehe, und ich damit meine Seele schädige. "Durch dies wirst du über deinen Irrtum aufgeklärt worden sein und erkannt haben, welches der vollkommenste und geistige Weg des Gebets ist, sowie was bei der innerlichen Sammlung getan werden soll. Du wirst einsehen, dass es förderlich ist, um die Liebe rein und vollkommen zu gestalten, die vielen empfindungsvollen und inbrünstigen Andachtsübungen zu beschränken. Erhalte die Seele friedvoll und verharre in jener inneren Schweigsamkeit. Denn zärtliche Hingabe, innige Wonne und andere süße Empfindungen, welche die Seele bei ihrem Verlangen erfährt, sind keine reinen Geister, sondern mit der Empfindlichkeit der Natur vermischte Zustände. Auch ist es nicht vollkommene Liebe, sondern sinnliches Vergnügen, welches die Seele ablenkt und schädigt, wie der Herr der verehrungswürdigen Mutter von Chantal bedeutete.

Wie glücklich und wohl gerichtet wird dagegen die Seele sein, wenn sie, in sich selbst zurückgezogen, dort in ihr eigenes Nichts versinkt, in ihrer Mitte, wie in ihrem oberen Teil, ohne auf ihr Tun zu achten; ob sie sich erinnert oder nicht; ob sie gut oder übel wandelt; ob sie wirkt oder nicht; ohne sich um irgendein sinnliches Ding zu kümmern oder seiner zu gedenken.

Dann glaubt der Verstand mehr mit reinem Vertrauen, liebt der Wille mit vollkommener Liebe, ohne irgend ein Hemmnis, und empfindet jenen reinen und vollkommenen Zustand der Betrachtung und Liebe, dessen die Seligen, nach der Schilderung der Heiligen, im Himmel genießen, mit keinem andern Unterschied, als dass sie dort einander von Angesicht zu Angesicht schauen, wohingegen die Seele hier durch die Hülle eines dunklen Glaubensgefühls blickt.

O wie wenige Seelen erlangen diesen vollkommenen Pfad des Gebets, weil sie nicht tief genug in diese innerliche Sammlung und mystische Stille eindringen, und weil sie sich nicht von unvollkommener Grübelei und sinnlicher Lust freimachen. Dass doch deine Seele, ohne nachdenkliche Aufmerksamkeit, sich im Gebet jener heiligen und geistigen Ruhe übergeben und mit Augustinus sagen möchte: "Lass sie stille sein und nichts tun, sich selbst vergessen und in jenes dunkle Glaubensgefühl versenken." Wie sicher und geborgen würde sie sein, obgleich es ihr vorkommen mag, als wäre sie bei solcher Untätigkeit und Müßigkeit verloren! Ich will diese Belehrung mit einem Brief beschließen, welche die erlauchte Mutter von Chantal an eine Schwester und eifrige Dienerin Gottes schrieb: "Die göttliche Güte führte mich auf diesen Weg des Gebets, wo ich mich durch einfache Betrachtung des Herrn ihm gänzlich hingegeben fühlte, in ihm aufgegangen und ruhend. 

Er ließ mir diese Gnadengunst auch dann noch zuteil werden, als ich ihr durch meine Untreue Widerstand leistete, indem ich der Furcht Raum gab und mich in diesem Zustand als unnütz ansah, wodurch ich, in der Absicht meinerseits etwas zu tun, alles vollkommen verdarb. Noch heute finde ich mich oftmals von der gleichen Furcht ergriffen, wenn auch nicht im Gebet, so doch bei andern Übungen, womit ich mich etwas zu beschäftigen immer geneigt bin, obgleich ich sehr wohl weiß, dass ich durch solches Tun aus meiner inneren Sammlung komme und insbesonders erkenne, dass das einfache Schauen Gottes noch immer mein einziges Heilmittel und mein Trost in allen Aufregungen, Versuchungen und den Ereignissen des Lebens ist."

"Und sicherlich würde ich, wenn ich meiner inneren Stimme gefolgt wäre, von keinem andern Mittel (welcher Art es auch gewesen sein möchte) Gebrauch gemacht haben, weil ich mich, wenn ich meine Seele mit besonderen Betrachtungen, Überlegungen und Selbstpeinigungen zu stärken rühme, neuen Verführungen und Bedrängnissen aussetze. - Überdies vermag ich solches nicht ohne große Anstrengung zu tun, welche mich erschöpft und innerlich verzehrt, so dass ich genötigt werde, eilends zu dieser einfachen Selbst-Hingabe zurückzukehren, wodurch mir Gott auf seine Weise seinen Willen erkennen lässt, dass ich die Tätigkeit meiner Seele vollkommen zur Ruhe bringen soll, da er alles durch seine eigene göttliche Wirksamkeit zu vollbringen wünscht. Zu meinem Glück erwartet er nicht mehr von mir, als dieses alleinige Schauen bei allen geistlichen Übungen und in all den Mühen, Versuchungen und Trübsalen, welche mich in diesem Leben befallen mögen. In der Tat gelingen mir alle Dinge um so besser, je ruhiger ich meinen Geist durch dieses Mittel erhalte, und meine Leiden und Nöte verschwinden mit einem Schlag. - Oftmals hat mich mein gesegneter Franziskus von Sales dessen versichert."

"Unsere verstorbene Superiorin ermutigte mich, fest auf diesem Wege auszuharren, und bei dieser einfachen Anschauung Gottes keine Furcht vor irgendetwas zu hegen. Sie sagte mir, dass dies genug sei, und je größer die geistige Armut und Ruhe in Gott wären, um so süßeren Trost und Stärkung empfinge die Seele, welche sich befleißigen sollte, so rein und einfach zu werden, dass sie keinen andern Richtpunkt fände, als in Gott allein."

"Ich erinnere mich, vor einigen Tagen eine Erleuchtung gehabt zu haben, welche mir Gott zu diesem Zweck zuteil werden ließ, und die einen solchen Eindruck auf mich machte, als ob ich ihn deutlich gesehen hätte. Dadurch wurde mir geoffenbart, dass ich niemals auf mich selbst sehen, sondern mit geschlossenen Augen, mich an meinen geliebten Herrn lehnend, dahinschreiten soll, ohne danach zu verlangen, den Weg zu sehen oder kennenzulernen, worauf er mich führt. Ich solle meine Gedanken weder auf irgendetwas richten, noch selbst Vergünstigungen von ihm erbitten, sondern wie tot in mir selbst, gänzlich und wahrhaft in ihm ruhen." Soweit die Ausführungen dieser erleuchteten und mystischen Frau, deren Worte unsere Belehrung bestätigen und beglaubigen.

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Teil I Kapitel XIII - Erklärung, wie die Seele, welche sich mit vollkommener Ergebung durch reine Glaubenskraft in Gottes Gegenwart versetzt hat, immerdar in dem erlangten, wirksamen Schauen wandelt.

Du wirst mir sagen (wie schon viele Seelen zu mir gesagt haben), dass du dir, wenn du dich auch reinen Glaubens in Gottes Gegenwart versetzt hast, doch kein Verdienst erwirbst oder vollkommener wirst, weil deine Gedanken so zerstreut sind, dass du sie nicht auf Gott zu richten vermagst.

Lass dich nicht entmutigen, denn du verlierst weder Zeit noch Verdienst; auch lasse nicht ab vom Beten. Denn es ist nicht notwendig, dass du während der ganzen Zeit der innerlichen Sammlung wirklich immer an Gott denkst. Es genügt, dass du im Anfang aufmerksam gewesen bist, vorausgesetzt, dass du dein Bestreben nicht unterbrichst, noch auch die von dir erzeigte wirkliche Hingabe wieder zurücknimmst.

Gerade so erfüllt derjenige, welcher die Messe hört und die gottesdienstlichen Handlungen verrichtet, seine Pflicht sehr gut, auch wenn er nur anfänglich aufmerksam gewesen ist, und im Verlaufe seine Gedanken nicht Immer fest auf Gott gerichtet hält. Dies bestätigt der Doktor Angelikus Sankt Thomas mit den folgenden Worten: "Die erste Anstrengung allein und das Denken an Gott hat Kraft und Wert genug, alles spätere Beten wahr, wirksam und verdienstvoll bleiben zu lassen, obgleich in der Folge keine wirkliche Anschauung Gottes vorhanden sein mag." Siehe jetzt, wie die Heiligen das bestätigen, was wir vorbringen.

So dauert (nach der Ansicht jenes Heiligen) das Gebet noch fort, obgleich die Phantasie auf unzählige Gedankengebiete hinüberschweift, vorausgesetzt, man gibt ihnen nicht nach, wechselt nicht den Ort, unterbricht das Gebet nicht, und ändert auch nicht den ersten anfänglichen reinen Vorsatz, mit Gott zusammen zu sein. - Und sicherlich wird man ihn auch nicht ändern, solange man seinen Platz nicht verlässt. Daraus folgt mit logischer Notwendigkeit, dass man im Gebete verharrt, wenn auch die Einbildungskraft mit mannigfachen unfreiwilligen Gedanken beschäftigt ist. Weiter sagt der Heilige: "Derjenige betet im Geist und in der Wahrheit, welcher stets mit dem Geiste und dem Bestreben zu beten einhergeht, obgleich durch Schwäche und Gebrechlichkeit seine Gedanken späterhin abschweifen mögen."

Aber du wirst sagen, ob du nicht wenigstens, wenn du in Gottes Gegenwart stehst, daran denken und oft zu ihm sprechen sollst: "Herr bleibe bei mir und ich werde mich dir gänzlich hingeben." - Hierauf antworte ich, dass dazu kein Grund vorliegt. Du hast die Absicht zu beten und zu diesem Zweck jenen Platz aufgesucht. Glaube und Absicht sind genügend, und diese wirken stets weiter. Ja sogar, je einfacher dieses Erinnern ist, ohne Worte und Gedanken, um so reiner, geistiger, innerlicher und gotteswürdiger Ist es.

Würde es nicht ungehörig und respektlos sein, wenn du in Gegenwart eines Königs oft zu ihm sagen würdest: "Ich glaube, dass Eure Majestät zugegen ist:" Dies ist ganz das gleiche. Mit dem Auge des reinen Glaubens sieht die Seele Gott, glaubt an ihn und ist in seiner Gegenwart. Hat die Seele demgemäss Glauben, so hat sie nicht nötig zu sagen: "Mein Gott, du bist hier", sondern nur so zu glauben, wie sie glaubt, indem der Glaube und Wille sie zur Zeit des Gebets, durch eben diesen reinen Glauben und völlige Ergebung zum Schauen Gottes führen. - Solange du nicht den Glauben und die reine Absicht, ergeben zu sein, aufgibst; wandelst du stets im Glauben und der Ergebung, und folgerichtig auch im Gebet. Du bleibst in dem erlangten wirksamen Schauen, obgleich du es nicht wahrnimmst, nicht dessen gedenkst, noch auch neue Handlungen und Überlegungen dabei vornimmst.

Wir haben die Beispiele eines Christen, einer Frau und eines Mönchs gehört. So sagt der Mönch, ohne sich von neuem zu besinnen, in Bezug auf sein Ordensgelübde: "Ich bin ein Mönch". Die Frau sagt in Hinsicht auf ihren Ehestand: "ich bin eine Frau"; und der Christ mit Rücksicht auf die empfangene Taufe: "Ich bin ein Christ". Keiner von ihnen hört bei alledem auf, getauft und verheiratet zu sein, oder das Ordensgelübde abgelegt zu haben. Der Christ ist nur gebunden, gute Werke zur Bestätigung seines Glaubens zu tun und mehr mit dem Herzen als mit dem Munde zu glauben. Die Frau soll Beweise ihrer Treue geben, die sie ihrem Gatten versprochen hat; und der Mönch von dem Gehorsam, den er seinen Oberen gelobt hat.

In derselben Weise soll die Seele, welche einmal zur Gewissheit des Glaubens, dass Gott in ihr weilt, gekommen Ist, in allen Werken und Andachtsübungen in diesem Glauben und Vorsatze in Zufriedenheit verharren, ohne neue Beweise solchen Glaubens oder dieser Ergebung zu erbringen. Sie muss nur entschlossen sein, nichts zu verlangen oder zu tun außer durch Gott. 

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Teil I Kapitel XIV - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Die wahre Lehre gilt nicht nur für die Zeit des Gebets, sondern auch für später, Tag und Nacht, zu allen Stunden und für alle täglichen Obliegenheiten deines Berufs, deiner Pflicht und Stellung.

Wenn du mir sagst, dass du manchmal während eines ganzen Tages vergißest, deine Ergebung zu erneuern, so antworte ich, dass du im Irrtum bist. Denn du glaubst, dass du durch Erfüllung deiner täglichen Berufspflichten (wie Studium, Lesen, Predigen, Geschäfte oder Essen und Trinken u.dgl.) abgelenkt wirst. Das eine stört aber das andere nicht. Durch solches Tun vernachlässigst du nicht Gottes Willen zu erfüllen, noch auch im wirksamen Gebete Fortschritte zu machen. St. Thomas sagt: Diese Verrichtungen sind nicht gegen seinen Willen, noch auch deiner Ergebung hinderlich, da Gott sicherlich wünscht, dass du dich ernährst, studierst, arbeitest, Geschäfte machst usw. Aus diesem Grunde entziehst du dich durch Betätigung dieser Pflichten, welche nach seinem Willen und Gefallen sind, nicht seiner Gegenwart noch auch deiner eigenen Ergebung.

Wenn du jedoch während oder außerhalb des Gebets geflissentlich abgelenkt oder zerstreut wirst, indem du dich bei wachem Geiste von der Leidenschaft hinreißen lässest, dann wird es für dich gut sein, dich wieder zu Gott zurückzuwenden und in seine heilige Gegenwart durch die Erneuerung der reinen Glaubenskräfte und Ergebenheit zurückzukehren. - Es ist aber nicht notwendig, die Glaubenskräfte zu betätigen, wenn du dich empfindungslos findest, weil die Empfindungslosigkeit gut und heilsam ist, und (wie hart sie auch immer sei) die Seele doch nicht der göttlichen Gegenwart berauben kann, welche im Glauben begründet ist. Niemals sollst du Empfindungslosigkeit Ablenkung nennen, da es doch bei den Anfängern der Mangel an Empfindung und bei den Fortgeschrittenen die geistige Abgezogenheit ist, durch welche deine Seele mehr und mehr innerlich werden und der Herr in ihr wundersame Dinge wirken wird. Nur unterziehe dich der Empfindungslosigkeit mit Standhaftigkeit, und verharre in deiner inneren, eigenen Leerheit.

Wenn du vom Gebete kommst, so strebe danach, nicht zerstreut und abgelenkt zu werden. Verpflichte dich mit vollkommener Ergebung dem göttlichen Willen, damit Gott mit dir und all dem deinen nach seinem himmlischen Gefallen schalten und walten kann. Vertraue ihm wie einem gütigen und liebreichen Vater. Lass niemals ab von diesem Vorsatz, damit du auch während den Berufsgeschäften im Gebet in Gottes Gegenwart und in fortwährender Bezeugung deiner Ergebung verbleiben kannst. Aus diesem Grund sagt Chrysostomus: "Ein tugendhafter Mensch lässt nicht ab vom Gebet, solange er nicht aufhört gerecht zu sein. Wer immer gut handelt, der betet auch immer; der gute Wunsch ist schon Gebet. Und wenn das Verlangen nach dem Guten fortgesetzt wird, so dauert auch das Gebet an."

Du wirst, was gesagt worden ist, durch folgendes klare Beispiel verstehen lernen: Wenn jemand eine Reise nach Rom antritt, so geschieht jeder unterwegs gemachte Schritt mit Absicht. Nichtsdestoweniger ist es aber unnötig, bei jedem Schritt sein ursprüngliches Verlangen kundzugeben oder einen neuen Willensakt auszuüben, indem er spricht: "Ich will nach Rom gehen, ich gehe nach Rom." Denn nach seiner ersten Absicht, nach Rom zu reisen, bleibt der Wille in ihm. Also schreitet er weiter, ohne davon zusprechen, behält aber doch dabei stets sein Ziel im Auge. Du wirst hierbei deutlich erkennen, dass dieser Reisende sich mit einem einzigen, bestimmten Akt des Willens und Verlangens auf die Reise begeben hat. Obwohl er auf der Reise spricht, hört, sieht, nachdenkt, isst, trinkt und mancherlei andere Dinge treibt, so wird doch seine erste Absicht und die wirkliche Reise nach Rom nicht unterbrochen.

Gerade so ist es bei der betrachtenden Seele. Wenn jemand einmal den Entschluss gefasst hat, Gottes Willen zu tun und in seiner Gegenwart zu sein, beharrt er in diesem Willen, solange er ihn nicht zurücknimmt, obgleich er durch Hören, Sprechen, Essen oder andere notwendige und  nützliche Handlungen seines Berufs in Anspruch genommen wird.

Du wirst sagen, dass alle Christen in dieser Andachtsübung wandeln, weil alle Glauben besitzen und diese Lehre befolgen. Auch wenn sie sich nicht verinnerlicht haben, so gehen sie doch den äußerlichen Weg der Meditation und der logischen Schlussfolgerung. In der Tat haben alle wahren Christen Glauben, besonders die, welche denken und Betrachtungen anstellen. Jedoch der Glaube derer, welche auf dem innerlichen Wege vorwärts schreiten, ist wesentlich anders, da er ein lebendiger, umfassender Glaube ist, ohne Unterscheidung. Er ist demzufolge wirksamer, tätiger und erleuchteter. Denn der Heilige Geist ist es, der die Seele, welche am besten gerüstet ist, zumeist erleuchtet. Es ist aber jene Seele dafür am empfänglichsten, welche das Gemüt gesammelt hat; denn im Verhältnis zur Sammlung gibt der Heilige Geist Erleuchtung. Trotzdem ist es richtig, dass Gott dem Denkenden einiges Licht zuteil werden lässt. Es ist dies aber so spärlich und verschieden von demjenigen, welches er dem in einem reinen, umfassenden Glauben gesammelten Geiste spendet, dass sich das eine gegen das verhält wie zwei bis drei Tropfen zu einem Meer. Beim Meditieren werden nämlich zwei oder drei besondere Wahrheiten der Seele offenbart; in der innerlichen Sammlung jedoch und der Ausübung eines reinen, umfassenden Glaubens, ist die Weisheit Gottes ein weitausgebreitetes Meer. Sie ergießt sich in einem emporleuchtenden, einfältigen, allgemeinen und umfassenden Wissen.

In gleicher Weise ist die Entsagung in diesen Seelen vollkommener, weil sie der Innerlichen und von Gott verliehenen Kraft entquillt. Je länger nun die Ausübung des reinen Glaubens mit Schweigen und Ergebung fortdauert, um so mehr vergrößert sich diese Kraft, so dass die Gaben des göttlichen Geistes in den betrachtenden Seelen stetig zunehmen. Diese göttlichen Gaben werden zwar in allen gefunden, welche sich in einem Zustand der Gnade befinden. Doch sind sie in den einen gleichsam tot, ohne Stärke und von unendlich verschiedener Art gegenüber denjenigen, welche in den innerlichen Seelen walten, infolge ihrer Erleuchtung, Lebendigkeit und Wirksamkeit.

Aus allen diesen Ausführungen solltest du die Überzeugung gewinnen, dass die nach innen gerichtete Seele, weiche gewöhnt ist, täglich zu bestimmten Stunden mit dem dir beschriebenen Glauben und in Ergebung zu beten, unablässig in Gottes Gegenwart wandelt. Alle Heiligen, alle erfahrenen und mystischen Meister, bezeugen diese wahre und wichtige Lehre, weil sie allesamt einen und denselben Meister hatten, welches der Heilige Geist Ist.

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Teil I Kapitel XV - Ein Weg, auf welchem man zur innerlichen Sammlung gelangen kann, ist die hochheilige Menschheit unseres Herrn Christus.

Es gibt zwei Arten geistiger Menschen, welche einander gerade entgegengesetzt sind. Die einen sagen, dass man stetig Ober die Mysterien des Leidensweges Christi nach denken und meditieren soll. Die andern verfallen in das entgegengesetzte Extrem, und lehren, dass die Betrachtung der Mysterien des Lebens, Leidens und Sterbens unseres Heilandes kein Gebet sei. Denn nur das erhabene Aufschwingen zu Gott, dessen heilige Größe die Seele schweigend und ruhig betrachte, dürfe Gebet genannt werden.

Sicherlich ist unser Herr Christus der Führer, die Tür und der Weg, wie er selbst mit den Worten bezeugte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Ehe die Seele imstande ist, in die Gegenwart Gottes zu kommen und mit ihm vereinigt zu werden, muss sie mit dem kostbaren Blut des Erlösers gewaschen und mit den reichen Gewändern seines Leidens und Duldens geschmückt werden.

Unser Herr Christus, mit seiner Lehre und seinem Vorbilde, ist der Spiegel, der Führer der Seele, der Weg und die einzige Pforte, durch welche wir in die Gefilde des ewigen Lebens und zu dem unermesslichen Ozean der Gottheit gelangen können. Daraus folgt, dass die Erinnerung an das Leiden und Sterben unseres Heilandes nicht völlig verwischt werden soll. Ja es ist sogar gewiss, dass die Seele, zu welcher geistigen Höhe sie such immer emporgehoben werden mag, sich nicht von der heiligen Menschheit abscheiden soll. Man darf aber deshalb auch nicht daraus schließen, dass die an innerliche Sammlung gewöhnte Seele immer über die erhabenen Mysterien unseres Erlösers nachsinnen und grübeln soll. Die Meditation ist heilig und weise; wollte Gott, dass alle Menschen in dieser Welt sie ausübten. Auch soll eine Seele, die in der Meditation Nahrung und Nutzen findet, in ihrem Zustand gelassen und nicht in einen höheren gedrängt werden.

Es bleibt Gott allein überlassen (nicht dem geistigen Führer), die Seele von der Meditation zur reinen Beschauung emporzuheben. Denn wenn sie Gott nicht durch seine besondere Gnade zu diesem Zustande des Gebets beruft, so vermag der geistige Führer mit all seiner Weisheit und Belehrung nichts zu tun. Um einen sicheren Mittelweg zu finden und jene zwei so entgegengesetzten Extreme zu vermeiden, müssen wir annehmen, dass es zwei Arten gibt, der heiligen Menschenordnung gerecht zu werden, und zur Tür des göttlichen Reichs zu gelangen, welche Christus, unser Heil, ist. Der erste ist der Pfad der Betrachtung des Lebens, Leidens und Todes unseres Heilandes; der andere ist an ihn zu gedenken durch den Verstandesgebrauch, den reinen Glauben oder das Gedächtnis.

Wenn sich die Seele durch innerliche Sammlung vervollkommnet und verinnerlicht, dann behält sie nach vorgenommener Beschauung der gedachten Mysterien Glauben und Liebe zu dem fleischgewordenen Worte. Sie ist bereit, um seinetwillen alles zu tun, was es ihr vorschreibt, und sich nach seinen Geboten zu richten, obgleich sie ihr nicht immer vor Augen sind. Wenn man einem Sohn gebietet, seinen Vater niemals zu vergessen, so erwartet man nicht, dass er denselben beständig vor seinen leiblichen Augen haben soll. Sondern er soll nur seiner stets so gedenken, dass er stets bereit ist, seine Pflicht gegen ihn zu erfüllen.

Die mit Zustimmung eines erfahrenen Führers zur innerlichen Sammlung gelangte Seele hat daher nicht nötig, sich einem beständigen Nachdenken Ober die heiligen Mysterien hinzugeben, da dies nicht ohne große geistige Anstrengung geschehen kann. Sie bedarf dieser Verstandesarbeit gar nicht, da diese nur dazu dient, den Glauben an dasjenige zu erlangen, was sie ja bereits schon besitzt.
Für fortgeschrittene Seelen ist der beste Weg, durch die heilige Menschheit unseres Herrn Christus in die innerliche Sammlung einzugehen und sich seiner zu erinnern, Indem sie die heilige Menschwerdung und das Leiden des Herrn durch einen einfachen Glaubensakt betrachten, und sinnend auf dieselben schauen, als das Tabernakel der Gottheit, den Anfang und das Ende unseres Erlösers. Denn Jesus Christus wurde um unsertwillen geboren, und erduldete und erlitt um unsertwillen einen schändlichen Tod.

Dies ist der Weg, welcher den in sich gekehrten Seelen Gewinn bringt. Diese heilige, fromme, schnelle und augenblickliche Erinnerung an die Menschwerdung kann für sie kein Hindernis auf dem Wege der innerlichen Sammlung bilden, solange sich die Seele, wenn sie sich dem Gebet widmen will, nicht davon zurückgetrieben findet. Denn dann wird es besser für sie sein, an der innerlichen Sammlung festzuhalten. Wenn sie sich aber nicht davon abgestoßen fühlt, so bildet das einfache und schnelle Gedenken der Menschwerdung des göttlichen Worts kein Hindernis weder für die größte und erhabenste noch für die höchst geläuterte und verwandelte Seele.

Dies ist der Weg, welchen die heilige Theresa den Betrachtenden empfiehlt, indem sie die verwirrten Ansichten der Schulgelehrten verwirft. Dies ist auch der gerade, sichere Weg, welchen der Herr vielen Seelen zur Erlangung der heiligen Ruhe der Beschauung gelehrt hat.

Die Seele soll daher, wenn sie in die Sammlung eingeht, sich an die Pforte der göttlichen Barmherzigkeit stellen, nämlich an die liebenswerte und süße Erinnerung an das Kreuz und Leiden des menschgewordenen und aus Liebe gestorbenen Worts. Dort soll sie In Demut stehen, dem göttlichen Willen hingegeben, was auch immer der göttlichen Allmacht gefallen wird, mit ihr zu tun. Und wenn ihr das Andenken an die Mysterien des Leidensweges Christi wieder entschwindet, so ist es nicht nötig, es aufs neue zu erwecken, sondern sie soll still und ruhig in der Gegenwart des Herrn verharren. In wunderbarer Weise wird diese unsere Belehrung von Paulus bekräftigt, in dem an die Kolosser geschriebenen Brief, worin er sie und uns ermahnt, dass wir, ob wir nun essen, trinken oder sonst etwas tun, alles im Namen Jesu Christi und um seinetwillen treiben sollen (Ko1.3,17). Gebe Gott, dass wir alles mit Jesus Christus beginnen, und dass wir in ihm und durch ihn allein zur Vollkommenheit gelangen mögen.

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Teil I Kapitel XVI - Von dem Innerlichen, mystischen Stillesein.

Es gibt drei Arten des Schweigens. Die erste ist das der Worte, die zweite das des Begehrens, und die dritte das der Gedanken. Die erste ist vollkommen, die zweite vollkommener und die dritte am vollkommensten. Durch das Schweigen der Worte erwirbt man Kraft; durch das Schweigen des Begehrens erlangt man Ruhe; durch das Schweigen der Gedanken kommt man zur innerlichen Sammlung. Durch Nichtsprechen, Nichtwollen und Nichtdenken gelangt man zur wahren und vollkommenen mystischen Stille, worin Gott mit der Seele spricht, sich ihr mitteilt, und Ihr im Abgrunde seiner eigenen Tiefe die vollkommenste und erhabenste Weisheit lehrt.

Gott beruft und führt die Seele zu dieser inneren Abgeschiedenheit und mystischen Stille, wenn er sagt, dass er zu ihr allein sprechen will in dem geheimsten und verborgensten Gemache des Herzens. Du sollst in diese mystische Stille eingehen, wenn du die süße, innere und göttliche Stimme zu hören begehrst. Um diesen Schatz zu erlangen, genügt es nicht, die Welt zu verlassen, noch auch allen eigenen Wünschen und geschaffenen Dingen zu entsagen, solange du nicht auch alles eigene Wollen und Denken aufgibst. Darum ruhe in dieser mystischen Stille und öffne das Tor, damit Gott sich dir mitteilen, sich mit dir vereinigen und dich in sich umbilden kann. Die Vollkommenheit der Seele besteht nicht in vielem Reden oder Nachdenken über Gott, sondern in rechter Liebe zu ihm. Diese Liebe wird durch vollkommene Ergebung und innerliches Stilleseln erlangt; das Tun ist alles. Dies bestätigt und schürft uns Johannes, der Evangelist, mit folgenden Worten ein: Meine Kindlein, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit (I.Joh.3,18).

Du bist nun darüber zur Klarheit gekommen, dass vollkommene Liebe nicht nur in liebevollem Tun oder zärtlichen Ergüssen besteht, noch weniger im innerlichen Tun, womit du Gott beteuerst, dass du eine unendliche Liebe zu ihm empfändest und ihn mehr liebtest wie dich selbst. Es kann sein, dass du dich und deine Eigenliebe dabei mehr suchst, als die wahre Gottesliebe, weil Liebe (n den Werken, nicht in schönen Redensarten besteht. Um einem Geschöpf, das mit der Vernunft begabt ist, den verborgenen Wunsch und Willen deines Herzens erkennen zu lassen, musst du dich mit Worten ausdrücken. Gott aber, welcher das Herz prüft, bedarf deines äußerlichen Bekenntnisses und deiner Versicherungen nicht, noch !st er, nach den Worten des Evangelisten, mit der Liebe in Worten und mit der Zunge zufrieden; sondern allein mit derjenigen Liebe, die wahr und tatkräftig ist.

Was nützt es, ihm mit großem Eifer und Inbrunst zu versichern, dass du Ihn über alles, zärtlich und vollkommen, liebst; du kannst dich aber bei einer dir zugefügten kleinen Beleidigung nicht verleugnen, noch aus Liebe zu ihm deine Persönlichkeit vergessen. Das ist ein offenbarer Beweis, dass deine Liebe eine solche mit der Zunge, nicht mit der Tat ist. Trachte danach, bei allem ergebungsvoll zu sein und du wirst dadurch (ohne ihm zu erklären dass du ihn liebst) die vollkommenste, ruhigste, wirksamste und wahre Liebe erlangen. Petrus versicherte dem Herrn sehr eifrig, dass er gern bereit wäre, sein Leben für ihn zu opfern. Aber auf die Frage einer jungen Magd verleugnete er ihn, und mit seinem Eifer war es zu Ende.

Maria Magdalena verlor nicht ein Wort, und dennoch wurde der Herr, freudig berührt von ihrer vollkommenen Liebe, ihr Lobsprecher, indem er sagte, dass sie viel geliebt habe. - Es ist daher wahr, dass im stummen Schweigen die höchsten Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und Liebe ausgeübt werden, ohne dass es nötig ist, Gott zu beteuern, dass du ihn liebst, an ihn glaubst und auf ihn hoffst. Denn der Herr kennt besser als du die wirklichen Empfindungen des Herzens. Wie gut wurde jene reine Art von Liebe von dem tiefen und großen Mystiker, dem verehrungswürdigen Gregorius Lopes, erkannt und ausgeübt, dessen ganzes Leben ein fortwährendes Gebet und eine anhaltende Beschaulichkeit von so reiner und geistiger Liebe zu Gott war, dass er niemals Gefühlserregungen und sinnlichen Empfindungen Raum gab.

Nachdem er drei Jahre hindurch beständig innerlich gebetet hatte: "Dein Wille geschehe in Zeit und Ewigkeit", mit jedem Atemzug diese Worte wiederholend, offenbarte ihm die göttliche Allmacht den unerschöpflichen Schatz reiner und stetiger Glaubens- und Liebeskraft, in Schweigen und Ergebung, so dass er von sich sagen konnte, dass er während der 36 Jahre, welche er noch lebte, jene reine Kraft der Liebe ununterbrochen in seinem innern besessen habe, ohne jemals das geringste selbstsüchtige Verlangen oder irgendetwas Sinnliches, oder der Natur Entsprungenes, an sich gezeigt zu haben. - O verkörperter Seraph und vergöttlichter Mensch' Wie wohl verstandest du es, dich in die innere, mystische Stille zu versenken, und den äußeren von dem inneren Menschen zu unterscheiden!  

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ZWEITER TEIL.

VON DEM GEISTIGEN MARTYRIUM, WODURCH GOTT DIE SEELEN LÄUTERT; VON DER DURCH GOTT VERLIEHENEN UND PASSIVEN BESCHAULICHKEIT; VON DER VOLLKOMMENEN ERGEBUNG, INNEREN DEMUT, GÖTTLICHEN WEISHEIT, WAHRHAFTEN VERNICHTIGUNG UND DEM INNERLICHEN FRIEDEN.

Teil II Kapitel I - Der Unterschied zwischen dem äußeren und inneren Menschen.

Es gibt zwei Arten geistiger Personen, innerliche und äußerliche. Die äußerlichen suchen Gott draußen, durch Vernunftsschlüsse, Vorstellungen und Nachgrübeln. Sie bemühen sich namentlich durch vielerlei Fasten, Kasteiung des Körpers und Abtötung der Sinne, Tugend zu erlangen. Sie unterwerfen sich selbst strengen Bußübungen, kleiden sich in grobes Tuch, geißeln das Fleisch durch strenge Selbstzucht und beobachten Stillschweigen. Sie fühlen sich In der göttlichen Gegenwart, indem sie sich Gott als gegenwärtig vorstellen nach der Idee, welche sie von Gott haben. Sie haben ihr wohlgefallen daran, fortwährend Gott zu forschen, und geben ihre Liebe oftmals in heißen Liebesbezeugungen zu erkennen. All dieses ist aber Kunst und Meditation.     

Auf diese Weise trachten sie nach Größe und suchen (vermöge ihrer freiwilligen und äußerlichen Selbstpeinigung) nach sinnlichen Gemütsbewegungen und warmen Empfindungen, in dem Glauben, dass Gott nur dann in ihnen Wohnung nehme, wenn sie solche haben. Dies ist der äußere Weg und der Pfad der Anfänger. Obgleich er nützlich ist, gelangt man auf ihm doch nicht zur Vollkommenheit. Ja man kommt ihr darauf sogar nicht einen Schritt näher, wie die Erfahrung an vielen lehrt, welche nach 50 Jahren äußerlicher Übungen leer von Gott und voll ihrer selbst sind. Sie sind und bleiben nur dem Namen nach geistige Menschen.      

Es gibt andere wahrhaft Geistige, welche den ersten Teil des inneren Weges, der zur Vollkommenheit und Vereinigung mit Gott führt, durchschritten haben. Denn Gott hatte sie durch seine unendliche Liebe von dem äußeren Wege abberufen, auf welchem sie sich vorher bewegten. Diese Menschen zogen sich in das innere ihrer Seelen zurück, mit wahrer Ergebung in die Hände Gottes, unter einem völligen Vonsichwerfen und sogar Vergessen ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie wandeln erhobenen Geistes beständig in des Herrn Gegenwart, durch reinen Glauben, ohne Bild, Form und Gleichnis, aber mit großer, in Seelenruhe und Gelassenheit gegründeter Zuversicht. In der ihnen verliehenen innerlichen Sammlung wirkt der Geist mit solch einer Kraft, dass er die Seele, das Herz, den Körper und alle seine Kräfte inwendig zusammenzieht.

Insofern diese Seelen die innerliche Abtötung schon vollzogen haben, und von Gott in dem Feuer der Trübsal geläutert worden sind, durch lange und qualvolle Prüfungen, die alle an seiner Hand und nach seinem Willen geschickt werden, sind sie Herren über sich selbst, weil sie sich gänzlich besiegt und aufgeopfert haben. Also leben sie in großer Ruhe und innerem Frieden. Wenn sie auch bei manchen Gelegenheiten auf Widerstand und Versuchungen stoßen, erringen sie doch bald den Sieg, weil sie bereits geprüft und mit göttlicher Kraft begabt sind. Der Sturm der Leidenschaft kann in ihnen nicht lange toben; wenn auch heftige Versuchungen und lästige Einflüsterungen des Bösen geraume Zeit in ihnen wirken können. Doch werden sie alle mit unschätzbarem Gewinn überwunden, denn Gott selbst kämpft in ihnen.

Diese Seelen haben sich bereits eine Größere Erleuchtung und wahres Wissen von Christus, unserem Herrn, errungen, sowohl in Bezug auf seine Gottheit, als auch auf seine Menschheit. Das ihnen verliehene Wissen gebrauchen sie mit ruhigem Schweigen in der innerlichen Unterredung und in dem erhabenen Teil der Seele. Diese innerliche Unterredung geschieht mit einem Geist, der frei ist von Vorstellungen und von außen kommenden Erinnerungen; mit einer Liebe, die rein und ledig ist von allen Kreaturen. Auch haben sie sich von nur äußerlichen Handlungen zu der Liebe zu Gott und der Menschheit aufgeschwungen. Sie vergessen, woran sie sich erfreuten, und in allem finden sie, dass sie ihren Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben.

Diese glückseligen und erhabenen Seelen finden kein Gefallen an weltlichen Dingen; sondern an Verachtung, am Alleinsein und daran, von jedermann vergessen und verlassen zu werden. Sie leben so uneigennützig und abgezogen dahin, dass sie sich (obgleich ihnen fortgesetzt übernatürliche Gnadengabe zuteil werden) doch immer gleich bleiben. Sie hängen ihr Herz an nichts, sondern hegen im Innersten eine große Demut und Selbstverachtung. Beständig sind sie in die Tiefe ihrer eigenen Unwürdigkeit und Niedrigkeit hinabgebeugt. Auf diese Weise sind sie immer ruhig, heiter und gleichmütigen Geistes, sowohl den außerordentlichen Beweisen göttlicher Gnadengaben gegenüber, wie auch in den strengsten und schärfsten Qualen. Es gibt keine Nachricht, welche sie zu erschüttern vermöchte, kein glückliches Ereignis, welches sie erfreuen könnte. Durch Trübsale werden sie nicht verstört, noch auch durch die innere, fortwährende und göttliche Gemeinschaft eitel und eingebildet gemacht. Sie bleiben stets voll heiliger und kindlicher Furcht, in bewundernswürdigem Frieden, Beständigkeit und Heiterkeit der Seele.

 

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Teil II Kapitel II - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Die den äußerlichen Weg Wandelnden bemühen sich, fortwährend alle Tugenden nacheinander auszuüben, um sich dieselben für immer anzueignen. Sie streben danach, sich von ihren Unvollkommenheiten mit angemessener Kraftanspannung zu befreien. Sie lassen es sich angelegen sein, ihre selbstsüchtigen Neigungen, eine nach der andern, auszurotten, durch verschiedene und einander entgegengesetzte Verfahren. Mit all ihren Bemühungen aber erreichen sie nichts, weil wir nichts tun können, das nicht mit Unvollkommenheit und Ungemach behaftet wäre.

Auf dem innerlichen Wege dagegen und bei dem liebenden Verkehr in Gottes Gegenwart, wirkt der Herr selber. Die Tugend wird aufgerichtet, der Eigennutz ausgetilgt, Unvollkommenheiten zerstört und Leidenschaften entfernt. Das macht die Seele unerwartet frei, und zieht sie von allem ab (auch wenn sich Gelegenheit bietet), ohne dass sie auch nur des Guten gedächte, welches ihr Gott mit unendlicher Barmherzigkeit zugeteilt hat.

Es muss jedoch bemerkt werden, dass diese Seelen, obschon sie zu hoher Vollkommenheit gelangt sind und wahre göttliche Erleuchtung besitzen, doch ihre eigene Gebrechlichkeit, ihre Schwächen und Untugenden tief erkennen. Sie sehen, was sie noch bedürfen, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Sie sind bekümmert und verachten sich selbst. Sie üben sich selbst in liebender Gottesfurcht und Verachtung ihrer selbst. Das geschieht aber mit wahrer Zuversicht auf Gott und Misstrauen gegen sich selbst. Je demütiger sie in wirklicher Selbstverachtung und Selbsterkenntnis werden, um so Größeres Gefallen hat Gott an ihnen, und sie gelangen dadurch zu einer besonderen Achtung und Verehrung in seiner Gegenwart. All dem Guten, das sie tun, und allem was sie fortwährend von innen und außen erleiden, messen sie vor der göttlichen Gegenwart keinerlei Bedeutung bei.

Ihr stetiges Bestreben richtet sich darauf, mit Ruhe und Stillschweigen in sich einzudringen, in Gott, weil dort sein Zentrum, seine Wohnung und Freude ist. Sie legen Größeren Wert auf diese innere Abgeschiedenheit, als auf das Sprechen über Gott. Sie ziehen sich in das innere, geheime Zentrum der Seele zurück, um Gott zu erkennen und seinen göttlichen Einfluss mit Furcht und liebender Verehrung in sich aufzunehmen. Wenn sie aus sich herausgehen, tun sie es nur zu dem Zwecke, sich selbst zu erkennen und zu verachten.

Wisse aber, dass die Zahl der Seelen, die diesen göttlichen Zustand erlangen, gering ist. Denn es gibt nur wenige, welche gern Verachtung erleiden und sich läutern und reinigen lassen wollen. Aus diesem Grunde wird selten eine Seele gefunden, die weiter fortschreitet und nicht auf der Schwelle beharren bleibt, obgleich viele diesen inneren Weg betreten. Der Herr sagte zu einer Seele: "Dieser innere Weg wird von wenigen beschritten. Er stellt eine so hohe Gnadengabe dar, dass sie niemand verdient. Sie wird nur wenigen zuteil, weil dieser Pfad nichts anderes ist als ein Sterben der Sinne. Die Zahl derer ist aber klein, welche so sterben und vernichtet werden wollen. Es braucht aber eine solche Gesinnung, um dieses so hohe und herrliche Geschenk zu erhalten."

Durch das was bisher gesagt worden ist, wirst du von deinem Irrtum befreit worden sein, und voll und ganz den großen Unterschied erkennen, der zwischen dem äußeren und inneren Wege besteht. Du siehst jetzt den Unterschied der Gegenwart Gottes, welche durch die Meditation hervorgerufen wird, und welche von Gott verliehen und übernatürlichen Ursprungs ist, die herbeigeführt wird durch die innere Vereinigung und durch passive Beschauung. Und endlich wirst du den großen Unterschied erkennen zwischen dem äußerlichen und innerlichen Menschen.

Das Mittel zur Erlangung des innerlichen Friedens ist nicht sinnliches Lustgefühl, noch geistiger Trost, sondern die Vernichtung der Eigenliebe. Es ist ein Ausspruch des heiligen Bernhard, dass Gott dienen nichts anderes heißt, als Gutes tun und Böses erdulden. Wer auf dem Wege der Annehmlichkeit und des Trostes zur Vollkommenheit gelangen will, ist im Irrtum. Kein anderer Trost darf von Gott begehrt werden, als dass wir aus Liebe zu ihm unser Leben zum Opfer bringen. Der Weg unseres Herrn Christus war nicht der Weg der Annehmlichkeit und des Behagens, auch berief er uns durch seine Worte und sein Beispiel nicht zu einem solchen Weg. Hingegen sagte er: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach." (Mark.8,34). Die Seele, welche danach verlangt, mit Christus vereinigt zu werden, muss ihm auf dem Wege des Leidens nachfolgen. 

Nur so kann sie ihm ähnlich werden. Kaum wirst du begonnen haben, die Süßigkeit der göttlichen Liebe im Gebet zu empfinden, so wird der Feind mit seinen trügerischen Künsten in deinem Herzen den Wunsch nach Abgeschiedenheit und Einsamkeit erwecken. Du möchtest ohne jedes Hindernis die Zeit in beständigem und freudevollem Gebet verbringen. Oeffne aber deine Augen und bedenke, dass dieser Rat und Wunsch nicht der wirklichen Lehre unseres Herrn Christus entspricht. Er hat uns nicht dazu eingeladen, der Annehmlichkeit und dem Behagen unseres eigenen Willens zu folgen, sondern vielmehr dazu, uns selbst zu verleugnen. indem er sagte: "der verleugne sich selbst", wollte er soviel sagen: Wer mir nachfolgen und zur Vollkommenheit gelangen will, möge seinen Eigenwillen gänzlich dahingeben. Er möge alles verlassen, sich vollkommen dem Joche des Gehorsams und der Unterwerfung ergeben, vermittelst der Selbstverleugnung, weiche das echteste Kreuz Ist.

Es gibt viele gottergebene Seelen, weiche aus seiner Hand große Gedanken, Gesichte und geistige Erleuchtungen empfangen. Und doch lässt ihnen der Herr bei alldem nicht die Gnade zuteil werden, Wunder zu verrichten, verborgene Geheimnisse zu erkennen und zukünftige Ereignisse vorauszusagen. Er begabt aber andere Seelen mit diesen Kräften, welche fortwährend unter Trübsalen, Versuchungen und dem wahren Kreuze gewandelt sind im Geiste vollkommener Demut, Gehorsams und Unterwerfung.

O welch ein großes Glück ist es für eine Seele, unterdrückt und untergeben zu sein: was ist es für ein Reichtum, wenn man arm ist; was für eine hohe Ehre, verachtet zu sein; weich eine Erhöhung, erniedrigt zu werden; welcher Trost, betrübt zu sein; welches Zeugnis wahren Wissens, für unwissend gehalten zu werden. Und was ist es doch endlich für eine unaussprechliche Seligkeit, mit Christus gekreuzigt zu werden.

Das ist jenes Lob, welches der Apostel pries: "Es sei ferne von mir mich zu rühmen, denn allein des Kreuzes unseres Herrn Jesu Christi" (Ga1.6,14). Lasst andere sich rühmen ihres Reichtums, ihres Ranges, ihrer Genüsse und Ehren; für uns aber gibt es keine Größere Ehre, als verachtet und mit Christus gekreuzigt zu werden.

Wie betrübend aber ist es, dass kaum eine Seele gefunden wird, welche geistige Genüsse verachtet und bereit ist, um Christi willen sich zu verleugnen und sein Kreuz voller Liebe zu umfangen. "Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt", sagt der Heilige Geist. Viele werden zur Vollkommenheit berufen, aber nur wenige gelangen dahin, weil Wenige das Kreuz mit Geduld, Standhaftigkeit, Frieden und Ergebung auf sich nehmen.

Sich selbst in allen Dingen zu verleugnen, dem Urteil anderer sich zu unterwerfen, alle in sich wohnenden Leidenschaften ständig zu ertöten, seine Ichheit in jeder Beziehung zu vernichten, immer dem zu folgen, was dem eigenen Wollen, Verlangen und Wähnen entgegengesetzt ist, das sind Dinge, welche nur wenige zu vollbringen vermögen. Viele gibt es, welche sie predigen, aber nur wenige, die sie ausüben.

 Manche Seelen haben diesen Pfad in Angriff genommen und begeben sich täglich auf ihn. Sie harren aus, solange sie den süßen Geschmack ihrer anfänglichen Begeisterung haben. Kaum aber ist diese köstliche Empfindung und Sinnesfreude entschwunden, so werden sie wankelmütig und weichen zurück. Sie scheuen sich vor dem hereinbrechenden Sturm von Trübsal, Versuchung und Trockenheit, welche doch nötig sind, um die Höhe der Vollkommenheit zu erklimmen. Das ist, aber ein klares Zeichen, dass sie sich selbst suchten, nicht aber Gott oder die Vollkommenheit.

Möge es Gott gefallen, dass die Seelen, welche das Licht empfangen haben, und zu dem innerlichen Frieden berufen sind, die aber in Dürre, Trübsal und Versuchung keine Standhaftigkeit zeigen und abfällig geworden sind, nicht in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden; damit es Ihnen nicht ergeht wie jenem, der kein hochzeitliches Kleid anhatte. Denn ob er schon ein Diener war, so war er doch nicht bereit, sondern von der Liebe zu sich selbst besessen.

Dieses Ungeheuer muss bekämpft, die sieben Köpfe dieser Hydra der Eigenliebe müssen abgeschlagen werden, damit wir auf den Gipfel des hohen Berges des Friedens gelangen können. Dieses Ungetüm taucht an allen Orten auf. Oftmals geht es Beziehungen ein, welche dann ein besonderes Hindernis bilden, weil sich die Natur leicht von ihnen beeinflussen lässt. Bald verbirgt es sich, mit einem löblichen Anstrich von Dankbarkeit, unter leidenschaftlicher und rückhaltsloser Liebe zu dem Beichtvater (geistigen Vater); dann wieder unter der Zuneigung zu höchst feiner, geistiger und weltlicher Hoffart und dem Fütterstaat der Ehre, welche Dinge dem Menschen sehr stark anhaften. Einmal trachtet es nach geistigen Genüssen, indem es sich sogar auf die Gnaden Gottes stützt, welche Gott in seiner Gnade dem Menschen großmütig gewährt. Ein andermal verlangt er es Maßlos nach Erhaltung der Gesundheit, und sucht, unter dem Vorwand ein Werkzeug Gottes zu sein, nur den eigenen Nutzen und die eigene Bequemlichkeit. Bisweilen umgibt es sich auch, unter merkwürdig feinen Verhüllungen, mit dem Schein des Guten; und endlich hängt es sich mit einer bemerkenswerten Zähigkeit in allen Stücken an das eigene Urteil und die eigene vorgefasste Meinung. Wozu die Wurzeln tief in seinem Willen begründet liegen. All dies sind Äusserungen der Eigenliebe, und es ist unmöglich, bevor sie nicht überwunden werden, die Höhe vollkommener Beschauung, die höchste Glückseligkeit liebevoller Vereinigung, und den erhabenen Thron der innerlichen Friedens zu erreichen.

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Teil II Kapitel IV - Von zwei geistigen Martyrien, wodurch Gott die Seele reinigt, welche er mit sich vereinigt.

Zur Läuterung der Seelen, welche Gott vervollkommnen und erleuchten will, benutzt er zwei Wege. Der erste, welchem dieses und das folgende Kapitel handeln soll, geht durch das bittere Meer der Trübsal, Versuchungen, Drangsale, Unterdrückungen und inneren Qualen. Der zweite geht durch das brennende Feuer einer entflammten Liebe, einer ungeduldigen und hungrigen Liebe. Bald bedient er sich beider Wege bei denjenigen Seelen, welche er zum Gipfel der Vollkommenheit erheben will; bald versetzt er sie in den unruhevollen Abgrund der Trübsal und innerer wie äußerer Bitterkeit, indem er sie durch die Flammen harter Versuchungen ausdörrt. Bald bringt er sie in den Schmelztiegel einer ruhelosen und eifersüchtigen Liebe, worin er sie mit einer großen Gewalt zusammenzieht. Denn je Größer die Erleuchtung und Vereinigung ist, in weiche der Herr die Seele zu führen beabsichtigt, um so heftiger ist die Qual und Läuterung, da alles Wissen und die Vereinigung mit Gott aus Leiden hervorgeht, welches der wahre Prüfstein der Liebe ist.

0 dass du den hohen Wert der Trübsal erkennen lerntest. Sie ist es, welche die Sünden tilgt, die Seele reinigt und Geduld erzeugt. Sie entflammt die Seele im Gebet, erweitert und bewegt sie zur Ausübung der erhabensten Liebesarbeit. Sie macht die Seele fröhlich, bringt sie nahe zu Gott, beruft sie und verschafft ihr Eintritt in den Himmel. Sie ist es auch, welche die, wahrhaften Diener Gottes versucht, sie friedfertig, wachsam und standhaft macht. Sie bewirkt, dass uns Gott schnell erhört. "Da mir angst war,. rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott; da erhörte er meine Stimme aus seinem Tempel" (Ps.18,7). Sie vernichtet, läutert und veredelt; kurz, sie ist das, was die Seele aus dem Weltlichen zum Himmlischen erhebt, aus dem Menschlichen zum Göttlichen, indem sie dieselbe verwandelt und sie auf wunderbare Weise mit dem menschlichen und göttlichen Wesen des Herrn vereinigt. Der heilige Augustinus sagte richtig, dass das Leben der Seele auf Erden Versuchung wäre. Gesegnet ist die Seele, welche immerfort angegriffen wird, wenn sie der Versuchung standhaften Widerstand leistet. Es ist dies das Mittel, welches der Herr gebraucht, um sie zu demütigen, zunichte zu machen, zu verzehren, zu ertöten, zu vervollkommnen und mit seinen göttlichen Gaben zu erfüllen. Durch die Trübsal und die Versuchung krönt und verwandelt er sie. Ueberzeuge dich nun selbst, dass Versuchungen und Kämpfe für den Fortschritt der Seele notwendig sind.

O gesegnete Seele, wenn du nur standhaft und ruhig zu bleiben vermöchtest in dem Feuer der Trübsal, und dich waschen lassen würdest mit dem bitteren Wasser des Leidens, wie schnell würdest du dich reich sehen an himmlischen Gaben, und wie schnell würde die himmlische Güte einen glänzenden Thron und eine liebliche Wohnung in deiner Seele aufrichten, um sich in ihr zu ergötzen und zu trösten. Wisse, dass der Herr nur in ruhigen Gemütern seine Ruhe findet. Das Feuer der Versuchung muss zuerst den Unrat der Leidenschaft aufgezehrt und das bittere Wasser der Betrübnis muss die schmutzigen Flecken unlauterer Begierden hinweggewaschen haben. Der Herr lässt sich nur dort nieder, wo der Friede herrscht und die Eigenliebe verbannt ist.

Auch wenn du durch Gottes Gnade Herr aber deine äußeren Sinne geworden bist, so wirst du doch noch nicht das kostbare Unterpfand des innerlichen Friedens in deiner Seele finden. Die Seele muss zuerst gereinigt werden von den unordentlichen Leidenschaften fleischlicher Begierde, der Wertschätzung des eigenen Begehrens und Denkens (wie geistig sie auch immer sein mögen), und vielen andern üblen Neigungen und geheimen Lastern, welche in deinem inneren hausen. Denn dadurch wird der ungestörte Eintritt jenes großen Herrn, der sich mit dir zu vereinigen wünscht, auf beklagenswerte Weise verhindert. Selbst die errungenen aber nicht geläuterten Tugenden bilden ein Hindernis für dieses große Geschenk des innerlichen Friedens. Außerdem wird die Seele gehemmt durch das unlautere Verlangen nach erhabenen Gnadengaben, durch den Wunsch geistigen Trost zu empfinden, durch das Trachten nach göttlichen Gunstbezeugungen, sofern sie sich damit unterhält und ihrer mehr zu empfangen wünscht, um sich an ihnen zu erfreuen; endlich auch durch die Begierde, groß zu sein.

O wie vielerlei muss in einer Seele gereinigt werden, die auf den heiligen Berg der Vollkommenheit und Umwandlung durch Gott gelangen soll. O wie wohl geordnet, entblößt, selbstvergessen, vernichtet muss die Seele sein, welche den Eintritt dieses göttlichen Herrn in sich nicht hindern, noch den fortwährenden Umgang mit ihm nicht stören soll. Die Anordnung dieser Vorbereitungen im Grunde der Seele für den göttlichen Eintritt muss notwendigerweise durch die göttliche Weisheit geschehen. Wenn ein Seraph nicht genug ist, um eine Seele zu reinigen, wie sollte eine Seele, die schwach, elend und ohne Erfahrung ist, fähig sein, sich selbst zu reinigen?

Deshalb ist es der Herr, der dich lenkt und dich vorbereitet ohne dein Zutun. Von deiner Seite braucht es keine Mithilfe, als nur die Bereitschaft zu dem inneren und äußeren Kreuz. Dann reinigt dich der Herr durch das Feuer der Trübsal und der inneren Qual. Du wirst in dir eine passive Trockenheit finden, Dunkelheit, Angst, Widersprüche, beständiges Widerstreben, eine innere Verlassenheit, schreckliche Öde, unaufhörliche, starke Einflüsterungen und heftige Versuchungen des Feindes. Schließlich wirst du so niedergedrückt sein, dass du nicht mehr vermagst, dein leiderfülltes Herz emporzuheben, noch die geringste Tat des Glaubens, der Liebe oder der Hoffnung zu vollbringen.   

Nun wirst du dich verlassen sehen, preisgegeben den Leidenschaften der Ungeduld, des Zorns, der Wut, Lästerung und unlauterer Begierden. Du wirst dir selbst als das elendeste Geschöpf erscheinen, als größter Sünder in der Welt, der von Gott Verworfenste, aller Tugend beraubt und ledig. Du wirst dich in einer fast höllischen Pein so bekümmert und verlassen fühlen, dass du glauben möchtest, Gott gänzlich verloren zu haben. Dies wird dir die grausamste, schneidendste und bitterste Qual verursachen.   

Aber wenn du dich auch auf diese Weise bedrängt siehst, und dir selbst stolz, ungeduldig und zornig vorkommst, so werden diese Versuchungen doch ihre Kraft und Gewalt über dich verlieren. Sie haben keinen Platz In deiner Seele, da in deinem innersten Teil eine geheime Tugend, eine erhabene Gabe innerlicher Stärke herrscht, welche die schrecklichste Marter und Pein, und die stärkste Versuchung überwindet.

Bleibe standhaft, o gesegnete Seele, bleibe standhaft, denn es wird dir nicht so geschehen, wie du dir einbildest. Auch bist du Gott niemals näher als in solchem Zustande der Verlassenheit. Denn wenn die Sonne auch hinter dem Gewölk verborgen ist, so verändert sie doch nicht ihren Lauf, noch mindert sich im geringsten ihr strahlender Glanz. Der Herr duldet diese qualvolle Verlassenheit in deiner Seele, um dich zu reinigen, zu läutern und dich deiner selbst zu berauben. Du darfst deshalb ganz ihm gehören und dich ihm ganz zu eigen geben; wie auch seine unendliche Güte sich dir ganz hingibt, damit er sein Wohlgefallen an dir finden kann. Denn wenn du auch seufzest, klagst und weinst, so ist Er doch heiter und freudevoll in dem geheimsten und verborgensten Gemache deiner Seele.

Teil II Kapitel IV - Wie wichtig und notwendig es für die Innerliche Seele ist, dieses erste und geistige Martyrium wie blind zu erdulden.

Damit die Seele aus dem Irdischen zum Himmlischen emporgehoben wird, und zu dem höchsten Gut der Vereinigung mit Gott gelangen kann, Ist es nötig für sie, in dem Feuer der Trübsal und Versuchung geläutert zu werden. Es müssen zwar alle Diener des Herrn Mühseligkeit, Verfolgungen und Ungemach erleiden. Aber die glücklichen Seelen, welche von Gott den geheimen Pfad des inneren Lebens geführt werden, müssen schrecklichere und heftigere Versuchungen und Qualen erdulden, welche noch bitterer sind als diejenigen, womit die Märtyrer der ersten christlichen Kirche gekrönt wurden.

Die Märtyrer wurden, abgesehen von der kurzen Dauer ihrer Marter, mit hellem Licht und besonderer Hilfe durch die Hoffnung auf die nahe und sichere Belohnung getröstet. Die verlassene Seele aber, welche in sich selbst sterben und gänzlich von sich ausgehen und ihr Herz reinigen muss, sieht sich ferne von Gott, umringt von Versuchungen, Finsternis, Bedrängnis, Kummer, in beschwerlicher, strenger und seelischer Dürre. Sie empfindet die Schrecken des Todes in jedem Augenblick ihrer qualvollen Versuchungen. Es ist eine schreckliche Trostlosigkeit, ohne die geringste Linderung, eine so große Betrübnis, dass der Schmerz davon gleich einem verlängerten Tod und einem fortwährenden Martyrium erscheint. Man kann deshalb nicht ohne triftigen Grund sagen, dass wenn es auch viele Märtyrer gibt, so gibt es doch nur wenige Seelen, weiche unserem Herrn Christus mit Frieden und Ergebung in solchen Qualen nachfolgen. Zudem wurden die Märtyrer von Menschen gefoltert, und Gott tröstete ihre Seelen. Hier aber ist es Gott, welcher Bedrängnis bringt und sich selbst verbirgt. Er lässt die Dämonen, gleich grausamen Peinigern, tausend Wege finden, um Seele und Körper so zu peinigen, dass der ganze Mensch innen wie außen gekreuzigt ist.    

Dein Kummer wird dir unüberwindlich und deine Leiden durch keinerlei Trost heilbar erscheinen. Ja selbst der Himmel will keinen erquickenden Regen mehr auf dich her absenden. Du wirst dich von Schmerzen umfangen und von innerer Bangigkeit bedrückt fühlen, denn deine Kräfte sind verdunkelt und dein Gebet zur Ohnmacht verurteilt. Heftige Versuchungen werden dich bedrängen, ja auch quälende Zweifelsucht und lästiger Glaubensmangel. Einsicht und Urteilskraft werden dich verlassen. Alle Wesen werden dir Verdruss bereiten. Versammlungen geistlicher Art werden dir Schmerz verursachen. Das Lesen von Büchern, wie heilig diese immer sein mögen, wird dir nicht mehr wie früher Trost gewähren. Wenn man dir von Geduld spricht, so wird es dich außerordentlich verstimmen. Die Furcht, Gott durch deine Undankbarkeit und durch den Mangel an Erkenntlichkeit gegen seine Güte zu verlieren, wird deine Seele bis ins innerste durchwühlen. Wenn du seufzend zu Gott um Hilfe flehst, wirst du anstatt Trost innerlichen Tadel und Ungunst von ihm empfinden. Es wird dir ergehen wie jenem kanaanitischen Weibe, dem er zuerst keine Antwort gab, und das dann wie ein Hündlein behandelt wurde.   

Obgleich dich der Herr zu dieser Zeit nicht verlassen wird, da es unmöglich sein würde, einen Augenblick zu leben ohne seinen Beistand, so wird die Hilfe doch so verborgen sein, dass deine Seele sie nicht erkennen, und auch nicht der Hoffnung und des Trostes fähig sein wird. Du wirst dich vielmehr ohne jedes Heilmittel glauben, und wirst gleich den Verdammten die Qualen der Hölle erleiden. "Stricke des Todes hatten mich umfangen, und Ängste der Hölle hatten mich getroffen" (Ps.116,3). Gerne möchtest du diese Qualen mit einem gewaltsamen Tode vertauschen, denn das würde dir eine Erleichterung bringen. Und gleich wie die Verdammten kein Ende Ihrer Leiden und Bitterkeiten sehen, also wird es dir auch ergehen.

Wenn du aber wüsstest, o gesegnete Seele, wie sehr du von jenem göttlichen Herrscher inmitten deiner langen Qualen geliebt und verteidigt wirst, so würdest du sie so süß finden, dass Gott ein Wunder wirken müsste, um dich am Leben zu erhalten. Sei standhaft, o glückliche Seele, standhaft und guten Mutes. Denn wie unerträglich du dir selbst auch immer sein magst, so wirst du doch beschirmt, bereichert und geliebt vom höchsten Gut. Es scheint als hätte Gott nichts anderes zu tun, als dich der Vollkommenheit, den höchsten Stufen der Liebe, zuzuführen. Wenn du dich nicht abwendest, sondern standhaft ausharrst, ohne von deinem Unternehmen abzulassen, so wisse, dass du Gott das ihm wohlgefälligste Opfer darbringst. Wenn Gott Schmerzen empfinden könnte, so würde er keine Ruhe finden, bis er diese liebende Vereinigung mit deiner Seele vollendet hätte.     

Wenn er durch seine Allmacht aus dein Chaos des Nichts so viele Wunder hervorgebracht hat, was wird er dann in deiner Seele tun, welche nach seinem eigenen Bilde und Gleichnis geschaffen ist, wenn du nur standhaft, ruhig und ergeben ausharrst, in wahrer Erkenntnis deiner Nichtigkeit? Ob du schon von Leid verstört und jeden Trostes beraubt bist, so bist du doch eine glückliche Seele, solange du darin festbleibst, nicht durch Verlangen nach äußerlichem Trost aus dir selbst herauszutreten: Ängstige und beunruhige dich nicht zu sehr wegen der Fortdauer dieses heftigen Martyriums. Harre aus in Demut und tritt nicht aus dir hinaus, um nach Hilfe zu suchen. Denn dein ganzes Heil besteht darin, stille zu sein und Friede zu halten mit Ruhe und Entsagung. Hierin wirst du die göttliche Kraft zur Überwindung eines solch mühsamen Kampfes finden. Er ist in dir, der für dich streitet, und er ist die Stärke selbst.

Wenn du zu diesem qualvollen Zustand schrecklicher Verlassenheit gelangst, sind Weinen und Wehklagen deiner Seele nicht untersagt, wenn sie nur in ihrem oberen Teil gefasst bleibt. Wer könnte auch des Herrn schwer lastende Hand ohne Tränen und Jammer ertragen? Sogar jener große Kämpfer Hiob brach in Wehklagen aus. Auch unser Herr Christus klagte in seiner Verlassenheit; aber ihr Weinen geschah in Ergebenheit. Sei nicht betrübt, wenn Gott dich auch kreuzigt und deine Treue erprobt. Folge dem Weibe von Kanaan, das zurückgestoßen und geschmäht, den Herrn um so heftiger mit ihrer Bitte bestürmte, obgleich sie recht erniedrigend von ihm behandelt worden war.      

Es ist nötig, den Becher zu leeren und nicht zurückzuweichen. Wenn die Schuppen von deinen Augen genommen wären, wie von denen des Paulus, würdest du die Notwendigkeit des Leidens erkennen und dich dessen rühmen. Paulus achtete es für höher, gekreuzigt zu werden, als ein Apostel zu sein. Dein Glück beruht nicht im Genießen, sondern im ruhigen und ergebenen Dulden. Die heilige Theresa erschien nach ihren Tode einer gewissen Seele und sagte ihr, dass sie nur für die erduldete Pein Belohnung empfangen habe, nicht aber für alle Entzückungen und Offenbarungen, deren sie sich in dieser Welt erfreut hätte.  

Dieses schmerzensreiche Martyrium fürchterlicher Verlassenheit und passiver Läuterung ist so grauenvoll, dass es mit Recht den Namen "Hölle" unter den mystischen Heiligen erhalten hat. Denn es scheint unmöglich, dass jemand auch nur einen Augenblick in Qualen zu leben vermag, die so bitter sind, dass (wie mit großem Recht gesagt werden kann) derjenige, welcher sie leidet, sterbend lebt und im Sterben einen verlängerten Tod lebt. Nichtsdestoweniger sollst du wissen, dass es notwendig ist, sie zu ertragen, um zu dem süßen, erfreulichen und überfließenden Reichtum erhabener Beschauung und liebender Vereinigung gelangen zu können. Es hat keine heilige Seele gegeben, welche dieses geistige Martyrium und diese schmerzlichen Qualen nicht durchgemacht hätte. Der heilige Papst Gregorius erlitt solche in den letzten zwei Monaten seines Lebens. Franziskus von Assisi hatte sie zweieinhalb Jahre zu ertragen. Maria Magdalena von Pazzi sogar fünf Jahre und Rosa von Peru 15 Jahre. Und nach so vielen Wundertaten, welche die Welt in Staunen versetzte, erduldete sie der heilige Dominikus bis nahezu eine halbe Stunde vor seinem glücklichen Tod.

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Teil II Kapitel VI

Das andere nützlichere und verdienstlichere Martyrium der Seelen, die in Vollkommenheit und tiefer Beschauung schon fortgeschritten sind, ist ein Feuer göttlicher Liebe, welches die Seele verbrennt und sie durch dieses Liebesgefühl in einen Schmerzenszustand versetzt. - Bald stimmt die Abwesenheit ihres Geliebten die Seele traurig; bald wird ihr die süße, brennende und willkommene Bürde der liebenswerten, göttlichen Gegenwart zur Qual. Dieses süße Martyrium lässt sie immerdar seufzen; manchmal, wenn sie sich ihres Geliebten erfreut und ihn hat, weil das Gefühl dieses Besitzes so lieblich ist, dass sie es nicht zu fassen vermag. Das anderemal, wenn er sich nicht offenbart, seufzt sie wegen des heißen Dranges, womit sie sich bestrebt, ihn zu suchen, zu finden und zu genießen. All dies ist nichts anderes als seufzen, dulden und sterben aus Liebe.

O dass du nur dazu gelangen könntest, die so entgegengesetzten Zustande zu begreifen, welchen eine liebende Seele ausgesetzt ist. Es ist ein Kampf, der auf der einen Seite furchtbar und wild, und auf der andern Seite süß, schmelzend und lieblich ist: Es ist ein Martyrium, so durchbohrend und scharf, womit die Liebe sie quält, als auch ein peinvolles und süßes Kreuz zugleich, dass sich die Seele während ihres ganzen Lebens nicht davon freimachen möchte: 

In dem Grad, als Licht und Liebe sich vergrößern, wächst auch der Kummer über die Abwesenheit jenes Guts, welches sie so innig liebt. Sich ihm nahe zu fühlen, bereitet ihr Freude; aber das niemals Fertigwerden mit dem Erkennen, und der nie ganz vollkommene Besitz, verzehrt ihr Dasein. Sie verlangt nach Speise und Trank, und hat solche dicht vor ihrem Mund, und kann sich doch nicht davon sättigen. Sie sieht sich verschlungen und versenkt in einem Meer von Liebe, während die mächtige Hand, welche sie erretten könnte, ihr nahe ist und es doch nicht tut. Sie weiß auch nicht, wann er kommen wird, nach dem sie so sehnlich verlangt.

Zuweilen vernimmt sie die innere Stimme ihres Geliebten, welche sie lockt und ruft. Es ist ein sanftes, zartes Flüstern, das aus dein Geheimsten der Seele, wo seine Wohnung ist, hervordringt und sie mächtig ergreift. Sie wird wie zerschmolzen und aufgelöst, indem sie sieht, wie nahe sie ihn in sich selbst hat, und er ihr doch so fern ist, dass sie nicht dazu gelangen kann. Dies berauscht sie, erniedrigt sie, schreckt sie und erfüllt sie mit Unersättlichkeit. Und das ist der Grund, dass man die Liebe so mächtig nennt, wie den Tod selbst, weil die Liebe geradeso tötet wie der Tod.

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Teil II Kapitel VII - Innerliche Abtötung und völlige Ergebung sind nötig zur Erlangung des innerlichen Friedens.

Der feinste Pfeil, welchen die Natur abschießt, ist der, uns zu dem Verbotenen zu verleiten, unter dem Vorwand, dass es notwendig und unnützlich sein möchte. O wie viele Seelen hat diese vergoldete Täuschung schon irregeführt und um den Geist betrogen: Niemals wirst du das köstliche Manna schmecken, welches niemand kennt, außer dem, der es empfängt (Offb.2,17); wenn du dich nicht gänzlich überwindest bis zur Abtötung deiner selbst. Derjenige, welcher sich nicht befleißigt, seinen Leidenschaften abzusterben, ist nicht wohl bereitet, die Gabe des geistigen Verständnisses zu empfangen. Und ohne dieses Verständnis ist es für ihn unmöglich, in sich selbst einzudringen und in seinem Geiste verwandelt zu werden. Denn diejenigen, welche draußen bleiben, haben nichts davon.

Niemals beunruhige dich wegen irgendeines Vorfalls; denn die Unruhe ist die Tür, durch welche sich der Feind in die Seele einschleicht, um sie ihres Friedens zu berauben. Entsage und verleugne dich selbst vollkommen. Denn obwohl wahre Selbstaufopferung anfänglich herb ist, wird sie dennoch In der Mitte leicht und am Ende sehr süß. Du wirst erkennen, dass du von der Vollkommenheit noch fern bist, wenn du Gott nicht In allen Dingen findest. Wisse, dass reine, vollkommene und wirkliche Liebe in dem Kreuze, in freier Selbstverleugnung und Entsagung, in völliger Demut, geistiger Armut und Geringschätzung seiner selbst besteht. In der Zeit heftiger Versuchung, Verlassenheit und Vereinsamung ist es notwendig für dich, in das Innerste deines Wesens einzudringen, damit du nur auf Gott schauen und ihn betrachten mögest, der seinen Thron und seine Wohnung im Grunde deiner Seele hat.

Du wirst Ungeduld und Herzensbitterkeit aus der Tiefe empfindlicher, hungernder und gequälter Liebe emporwachsen sehen. Wahre Liebe mit ihren Wirkungen kennt man, wenn die Liebe tief gedemütigt ist, und ernstlich wünscht, abgetötet und ausgelöscht zu sein. Es gibt viele, die keinen Geschmack an Gott finden, obgleich sie sich dem Gebet gewidmet haben. Denn am Ende Ihrer Gebete sind sie weder abgetötet, noch dienen sie Gott länger. Um jenes friedliche und beständige Dienen zu erlangen, ist es nötig, eine große Reinheit des Geistes und Herzens, großen Seelenfrieden und eine umfassende Entsagung zu gewinnen. Den Einfältigen und Abgetöteten ist die Wiedererweckung der Sinne eine Art von Tod, und es geschieht ihnen auch niemals, wenn sie nicht durch Notwendigkeit oder zur Erbauung ihrer Nächsten dazu berufen werden.

Der Grund unserer Seele, sollst du wissen, ist der Ort unserer Glückseligkeit. Dort zeigt uns der Herr Wunder, dort stürzen wir und verlieren wir uns selbst in das uner messliche Meer seiner unendlichen Güte, in welcher wir fest und unbewegt verbleiben. Dort wohnt das unvergleichliche Labsal unserer Seele und ihre erhabene und süße Ruhe.  Ein demütiges und ergebenes Herz, welches zu diesem Grunde gelangt ist, sucht nach nichts anderem mehr, als nur Gott zu gefallen. Der heilige und liebende Geist lehrt sie alles durch seine süße, erquickende Salbung.

Unter den Heiligen gibt es einige gigantische Gestalten, welche fortwährend körperliche Leiden mit Geduld ertragen. Solchen nimmt sich Gott besonders an. Wahrlich, groß und herrlich ist die Gabe derer, welche durch die Kraft des Heiligen Geistes, sowohl innere wie äußere Qualen mit Zufriedenheit und Ergebung ertragen. Dies ist jene Art von Heiligkeit, welche, je seltener sie ist, um so kostbarer vor Gottes Augen erscheint. Diejenigen, welche diesen Pfad wandeln, sind selten, weil es in der Welt nur wenige gibt, die sich völlig selbst verleugnen, um dem gekreuzigten Christus in Einfalt und Nacktheit des Geistes durch die einsamen und dornigen Gebiete des Kreuzes nachzufolgen, ohne Grübeleien über sich selbst anzustellen.

Ein Leben der Selbstverleugnung übertrifft alle Wundertaten der Heiligen. Ein solches Leben weiß nicht, ob es lebendig oder tot sei, ob verloren oder gewonnen, ob es einwilligt oder widerstrebt. Dies ist das wahrhaft entsagende Leben. Wenn es auch lange Zeit wahren wird, bevor du zu diesem Zustand gelangen kannst, und du dich kaum um einen Schritt auf ihm vorangekommen siehst, so darf dich dies doch nicht erschrecken; denn Gott pflegt die Seele in einem Augenblick mit dem zu begnadigen, was er ihr vorher viele Jahre hindurch versagt hat.

Derjenige, welcher wünscht, blindlings Unrecht zu dulden, ohne den Trost Gottes oder seiner Geschöpfe, ist so weit fortgeschritten, dass er ungerechten Anschuldigungen keinen Widerstand mehr entgegensetzen kann. Ja auch in der schrecklichsten, inneren Verlassenheit ist er unfähig dazu. Der geistige Mensch, welcher durch Gott und in ihm lebt, bleibt innerlich gleichmütig inmitten alter Widerwärtigkeiten, weil Kreuz und Ungemach ihm Leben und Freude sind. Die Trübsal ist ein großer Schatz, womit Gott die Seinen in diesem Leben auszeichnet. Deshalb sind böse Menschen für die guten notwendig, und auch die Dämonen, welche uns zu verderben suchen, indem sie Drangsal über uns bringen. Sie können uns aber nicht schaden, sondern nur den denkbar höchsten Nutzen schaffen.

Es muss Trübsal geben, denn nur so wird das Leben eines Menschen für Gott annehmbar. Ohne Trübsal ist das Leben gleich dem Körper ohne Seele, der Seele ohne Gnade, der Erde ohne Sonne. Mit dem Winde der Trübsal trennt Gott auf der Tenne der Seele die Spreu von dem Korn. Wenn Gott in dem innersten Teil der Seele Schmerz schafft, vermag ihr kein Geschöpf Trost zu bringen; ja Tröstungen sind sogar schwere und bittere Qualen für sie. Wenn sie wohl unterrichtet ist über Gesetz und Ordnung der Wege reiner Liebe, in der Zeit großer Verlassenheit und innerer Pein, so sollte sie nicht außerhalb unter den Geschöpfen nach Trost suchen, noch sich mit ihnen beklagen. Auch wird sie nicht fähig sein, geistige Bücher zu studieren, weil dies ein geheimer Weg ist, sich dem Leiden zu entziehen.

Zu bedauern sind jene Heiligen, welche nicht zu der Einsicht kommen können, dass Trübsal und Leiden der größte Segen für sie sind. Die Vollkommenen sollten immerdar nach dem Tode und nach Leiden trachten, und jederzeit in einem Zustande des Todes und Leidens sein. Nichtig ist der Mensch, welcher nicht duldet, denn er ist dazu geboren, dass er sich mühen und leiden soll. Und das gilt ganz besonders für die Freunde und Erwählten Gottes. Lege deinen Irrtum ab und glaube, dass es für die Seele notwendig ist, dass sie sich verneine und verliere in ihrem Leben, Fühlen, Wissen und Können, um zur vollkommenen Umgestaltung in Gott gelangen zu können. Sie muss sterben lebend und nicht lebend, sterbend und nicht sterbend, duldend und nicht duldend, sich verleugnend und nicht verleugnend, ohne Ober etwas nachzugrübeln. Die Vollkommenheit derer, die ihr nacheifern, erlangt ihren Glanz nur durch das Feuer, durch Martyrien, Schmerzen, Qualen, Bedrängnisse und Demütigungen, welche mit Tapferkeit und Mut ertragen werden. Derjenige aber, welcher einen Rastpunkt zu haben wünscht, um auszuruhen, und die Vernunftschlüsse des Denkens und der Sinneswahrnehmungen nicht überschreitet, wird niemals in das geheime Gemach des Wissens eingehen, wenn er auch durch Lesen vielleicht einen Vorgeschmack davon bekommen kann.

 

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Teil II Kapitel VIII - Fortsetzung des Vorhergehenden.

Wisse, dass sich der Herr nicht eher in deiner Seele offenbaren wird, als bis diese in sich selbst vernichtet und tot ist in allen ihren Sinnen und Kräften. Auch wird sie niemals zu diesem Zustande gelangen, bevor sie nicht (nach vollkommener Selbstentäußerung) den festen Entschluss gefasst hat, ganz allein mit Gott zu sein. Ja sie darf keinen Unterschied mehr machen zwischen Achtung und Verachtung, zwischen Licht und Finsternis, Kampf und Frieden. Kurz, damit die Seele zur völligen Ruhe und zu höchstem, innerlichem Frieden gelangen kann, sollte sie zuerst in sich selbst sterben und allein in Gott und für ihn leben. Je mehr sie in sich selbst tot ist, um so mehr wird sie Gott erkennen. Wenn sie aber auf diese fortgesetzte Selbstverleugnung und innerliche Abtötung nicht achtet, wird sie nimmermehr zu diesem Zustande gelangen, noch auch Gott in sich erhalten. Sie wird immerfort leidenschaftlichen Aufwallungen des Gemüts unterworfen sein; wie Vorurteilen, Murren, Empfindsamkeit, Entschuldigungen, Verteidigungen. Auch wird sie auf Ehre und einen guten Namen achten, welche Dinge alle Feinde der Vollkommenheit, des Friedens und des Geistes sind.

Unter denjenigen, die auf geistigem Wege wandeln, ist das Absterben der Gemütszustände nicht bei allen gleich. Groß ist der Unterschied, weicher zwischen Tun, Leiden und Sterben besteht. Das Tun ist erfreulich und gehört den Anfängern. Das Leiden mit Verlangen kommt den Fortgeschrittenen zu, und das immerwährende Sterben in sich selbst ist denjenigen zu eigen, welche vollendet und vollkommen sind, von denen man nur wenige auf der Welt findet. An den Glücklichen aber, welche einen fortwährenden Tod erleiden, hat Gott seine Wonne, seinen Ruhm und sein Wohlgefallen. Wie glücklich wirst du sein, wenn du keinen andern Gedanken hast, als in dir selbst zu ersterben. Du wirst dann nicht nur Sieger über deine Feinde, sondern auch über dich selbst werden. Da wirst du dann finden reine Liebe, vollkommenen Frieden und göttliche Weisheit.

Ein Mensch kann unmöglich mystisch denken und leben in einfältigem Verständnis der göttlichen und eingeflössten Weisheit, bevor er nicht zuerst in sich selbst erstirbt durch voltständige Aufgabe des Sinnlichen und allen intellektuellen Verlangens. Für einen geistigen Menschen gilt die oberste Regel, alle Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen, und dich in nichts zu mischen, wozu du durch deine Pflicht nicht angehalten bist. Denn eine Seele, welche alles verlässt um Gott zu finden, fängt an alles, was sie sucht, im Ewigen zu besitzen. Es gibt Seelen, welche nach Ruhe suchen; andere, welche sie nicht suchen, genießen sie; andere haben Freude am Schmerz, und andere suchen ihn. Die ersten tun so gut wie nichts; die zweiten machen Schritte; die dritten laufen; und die letzten fliehen. Vergnügen gering zu schätzen und sie als Pein zu erachten, ist die Eigentümlichkeit eines wahrhaft abgetöteten Menschen. Frohgefühl und innerlicher Friede sind die Früchte des göttlichen Geistes, und niemand erlangt ihren Besitz, wenn er nicht im Innersten der Seele ein Entsagender Ist.

Du wirst erkennen, dass das Missvergnügen geistlicher Menschen schnell verschwindet; dessen ungeachtet aber bemühe dich, niemals missvergnügt zu werden, noch darin zu verharren, denn es schädigt deine Gesundheit, verstört die Vernunft und beunruhigt deinen Geist. Von anderen heiligen Ratschlägen, die du beobachten musst, präge dir die folgenden gut ein: Schaue nicht auf die Fehler anderer, sondern nur auf deine eigenen. Beobachte Stillschweigen, mit einem beständigen, inneren Verkehr mit dir selbst. Ertöte dich in allen Dingen und zu jeder Zeit, wodurch du dich von vielen Unvollkommenheiten befreien und zum Herrscher über große Tugenden machen wirst.

Töte dich darin ab, dass du über niemand jemals übel urteilst, weil die Verdächtigung deines Nächsten die Reinheit des Herzens trübt, dasselbe beunruhigt, die Seele aus sich herausführt und ihre Ruhe raubt. Niemals wirst du die vollkommene Entsagung besitzen, wenn du Wert legst auf menschliche Wertschatzung, und Rücksicht nimmst auf das, was die Leute sagen mögen. Die Seele, welche auf dem innerlichen Wege dahinschreitet, wird sich bald verlieren, wenn sie einmal anfängt, unter den Geschöpfen und im Verkehr mit ihnen nach Vernunft zu suchen. Es gibt nichts Vernünftigeres, als nicht nach Vernunft auszuschauen, sondern zu glauben, dass Gott uns von Beschwerden überfallen lässt, um uns zu demütigen, zu vernichten und zu einem völlig selbstlosen Leben zu führen.

Betrachte, wie Gott eine Seele höher schätzt, welche innerlich ergeben lebt, als eine andere, welche Wunder verrichtet und sogar Tote auferweckt: Viele Seelen gibt es, welche trotz allem Beten doch immer unvollkommen und voller Eigenliebe bleiben, weil sie nicht ertötet sind. Als wahren Grundsatz mögest du in dein Herz fassen, dass niemand eine Seele kränken oder schmähen kann, weiche sich selbst verachtet und in ihren eigenen Augen nichts ist.  Endlich hoffe, dulde, schweige und habe Geduld. Lass dich von nichts ängstigen, durch nichts erschrecken; denn alles nimmt ein Ende; nur Gott bleibt sich gleich. Geduld erringt alles. Wer Gott besitzt, hat alles; wer ihn nicht hat, hat nichts.

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Teil II Kapitel IX - Um den inneren Frieden zu erlangen, ist es nötig, dass die Seele ihr Elend erkennt.

Würde die Seele nicht in einige Fehler verfallen, so könnte sie niemals ihr eigenes Elend verstehen lernen, such nicht durch menschliche Rede oder geistliche Bücher..  Darum muss sie zuerst ihre eigene bejammernswerte Schwäche erkennen, wenn sie jemals den köstlichen Frieden erlangen will. Denn wie kann eine Heilung geschehen, wo keine klare Erkenntnis des Mangels ist. Gott wird bald diesen, bald jenen Fehler über dich verhängen, damit du durch diese Erkenntnis deiner selbst, wenn du dich so oftmals straucheln siehst, zu der Überzeugung kommen mögest, dass du ein bloßes Nichts bist. Denn erst im Nichts sind Wissen und Glauben, wahrer Friede und vollkommene Demut gegründet. Und damit du dieses Geheimnis (von dem was du bist) tiefer erforschen und erkennen mögest, will ich versuchen, dich über einige deiner mannigfaltigen Untugenden aufzuklären.

Du bist so unruhig und empfindlich, dass wenn du auch nur beim Gehen strauchelst oder auf deinem Wege gehindert wirst, die Hölle selbst empfindest. Wenn dir deine Forderung verweigert oder ein Vergnügen durchkreuzt wird, so brausest du sogleich zornig auf. Wenn du an deinem Nachbar einen Fehler erspähst, tadelst du ihn Unbesonnenerweise, anstatt ihn zu bedauern und daran zu denken, dass du selbst solchen Untugenden unterworfen bist. Wenn du einen für dich geeigneten Gegenstand erblickst, und kannst ihn nicht erlangen, so wirst du betrübt und von Kummer erfüllt. Wenn du eine geringfügige Unbill von deinem Nächsten erleidest, schiltst du auf ihn und beklagst dich darüber; und gerätst wegen einer Kleinigkeit innerlich und äußerlich in Unruhe, und verlierst dich selber.

Du möchtest zwar geduldig sein, aber mit der Geduld eines andern. Und wenn die Ungeduld anhält, schiebst du die Schuld voller Verdruss auf deinen Gefährten, ohne zu bedenken, dass du dir selbst unerträglich bist. Ist dein Groll dann verraucht, so hüllst du dich listig wieder in das Gewand der Tugend, indem du sittliche Grundsätze aufstellst, und geistige Redensarten mit Verstandesschärfe vorbringst, ohne deine früheren Mängel zu bessern. Obgleich du dich willig anklagst und deine Fehler vor andern tadelst, geschieht dies nicht aus vollkommener Demut, sondern um dich vor demjenigen, welcher deine Gebrechen sieht, zu rechtfertigen, damit du aufs neue zu deiner früheren Selbstschätzung zurückkehren kannst.

Bisweilen behauptest du voller List, dass du nicht durch lasterhafte Gewohnheit, sondern von eifrigem Gerechtigkeitsgefühl dazu verleitet wirst, dich über deinen Nächsten zu beklagen. Du hältst dich zumeist für tugendhaft, standhaft und mutig, so dass du selbst dein Leben in die Hände des Tyrannen hingeben würdest, um der göttlichen Liebe willen. Indessen vermagst du kaum das geringste verletzende Wort zu ertragen, sondern betrübst dich und gerätst gleich darüber in Unruhe. Dies alles sind stets arbeitende Maschinen der Selbstliebe und des verborgenen Stolzes deiner Seele. Wisse daher, dass die Eigenliebe in dir herrscht, welche das größte Hindernis bildet zur Erlangung jenes köstlichen Friedens.

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Teil II  Kapitel X - Es wird gezeigt, welches die falsche und welches die wahre Demut ist, nebst deren Wirkungen.

Du musst wissen, dass es zwei Arten Demut gibt; die eine ist falsch und erlogen, die andere wahr. Die erheuchelte Demut ist gleich dem Wasser, das emporsteigen soll, und deshalb künstlich abwärts getrieben wird, damit es nachher in die Flöhe steigt. Solche Seelen vermeiden jegliche Ehrbezeugung, damit sie für demütig gehalten werden. Sie sagen von sich selbst, dass sie sehr böse seien, damit sie für gut gehalten werden möchten; und wiewohl sie ihre eigene Fehlerhaftigkeit erkennen, so wünschen sie doch nicht, dass diese auch von andern erkannt werden sollen. Das ist falsche, erheuchelte Demut, und nichts als ein geheimer Dünkel.

Die wahre Demut wird daran erkannt, dass sie zur vollkommenen Gewohnheit geworden ist. Solche Seelen denken niemals an die Demut, sondern urteilen demütig von sich selbst. Sie wirken mutig und geduldig, sie leben und sterben in Gott, sie machen sich weder aus sich selbst noch aus den Kreaturen etwas. Sie sind in allen Dingen standhaft und ruhig, erdulden frohgemut Beschwerden und wünschen deren stets noch mehr, damit sie ihrem geliebten und verachteten Jesus nachfolgen können. Sie verlangen danach, der Welt ein Gespött und Spielball zu sein. Sie sind zufrieden mit dem, was sie von Gott empfangen, und sind mit einem wohltuenden Schamgefühl von ihren Fehlern überzeugt. Sie demütigen sich nicht durch einen Entschluss der Vernunft, sondern durch einen inneren Willensdrang. Sie bleiben stets unbewegt in ihrem Nichts und in sich selbst mit vollkommenem Frieden, so dass es keine Ehre gibt, wonach sie verlangen, keine Beleidigung, weiche sie aufregen könnte, kein Unrecht, welches sie verstörte, keine Mühseligkeit, die sie bedrückte, kein Glücksfall, der sie stolz machen könnte.

Damit du bekannt werden mögest mit der innerlichen und wahren Demut, so wisse, dass sie nicht in äußerlichen Handlungen besteht. Sie besteht nicht im Einnehmen des geringsten Platzes, in dürftiger Kleidung, in unterwürfiger Redeweise, im Schließen der Augen, in zärtlichen Seufzern, im Verurteilen deiner Lebensführung, indem du dich einen Elenden nennst, um andern verstehen zu geben, dass du demütig seiest. Sie besteht einzig und allein in der Verachtung deiner selbst und in dem Begehren, verabscheut zu werden, mit einem tiefen und gründlichen Wissen, ohne zu bekümmern, ob du für demütig gehalten wirst oder nicht, und wenn es gleich durch einen Engel geschähe.

Die Qual des Lichts, womit der Herr in seiner Barmherzigkeit die Seele erleuchtet, bewirkt zweierlei: Sie offenbart die Größe Gottes und bewirkt zu gleicher Zeit, dass die Seele ihre eigene Hilflosigkeit erkennen kann. Keine Zunge vermöchte es auszudrücken, wie tief sie zu Boden gedrückt ist, voll heißen Verlangens, jedermann ihre Niedrigkeit erkennen zu lassen. Und dies ist so weit von Großsprecherei und Selbstgefälligkeit entfernt, als sie in jener Gnade Gottes nichts als seine Güte und lautere Barmherzigkeit erblickt, welcher es gefällt, sich ihrer zu erbarmen.

Niemals wird dir von Menschen oder Teufeln Schaden gebracht werden, sondern allein durch dich selbst, durch deinen eigenen Stolz und dem Ungestüm deiner Leidenschaften. Sei vor dir selbst auf der Hut, denn du bist dir selbst der größte aller Teufel. Lass dich nicht nach Hochschätzung gelüsten, während doch Jesus, als Gott im Fleisch, ein Narr und Trunkenbold genannt und bezichtigt wurde. Von ihm sagten Menschen, er sei vom Bösen besessen. O welch eine Torheit der Christen! Gern möchten sie alle der Glückseligkeit teilhaftig werden, ohne jedoch willens zu sein, ihm auf dein Wege des Kreuzes nachzufolgen. Sie wollen keine Schmähungen erdulden, keine Erniedrigung auf sich nehmen und nicht in Armut leben und in anderen Tugenden. Der wahrhaft demütige Mensch ist ruhig und heiter in seinem Herzen. Da besteht er die Prüfung, die ihm auferlegt wird von Gott und den Menschen, ja vom Teufel selbst. Er ist erhaben über alle Vernunft und Klugheit, selbstbeherrscht, und bleibt in der Ruhe und dem Frieden der Seele. Er sucht in aller Demut reines, göttliches Genüge, sowohl im Leben als auch im Tod. Äußere Dinge beunruhigen ihn nicht mehr, als waren sie gar nicht vorhanden.

Das Kreuz und der Tod sind ihm Entzücken, obgleich er es nicht äußerlich zur Schau trügt. Aber ach: von wem sprechen wir eigentlich? Denn es gibt solche demütige Menschen nur sehr wenige auf der ganzen Welt. Hoffe du, verlange, dulde und stirb, ohne dass jemand darum weiß. Denn darin beruht die demütige und vollkommene Liebe: O wieviel Friede wirst du in deiner Seele finden, wenn du dich gründlich demütigst und sogar die Verachtung in Liebe umfassest. Niemals wirst du zu vollkommener Demut gelangen, solange du nicht begehrst, dass deine eigene Sündhaftigkeit (die du erkannt hast) auch allen andern Menschen bekannt werden möchte. Wenn das geschieht, so wirst du dann Lobeserhebungen vermeiden, Beleidigungen ruhig über dich ergehen lassen, und alles verschmähen, was einen schonen Schein, selbst auf dein eigenes Sein wirft.

Wenn dich irgendein Missgeschick überfällt, so klage niemanden deswegen an, sondern halte dafür, dass es aus Gottes Hand kommt, dem Geber alles Guten. Wenn du die Fehler deines Nächsten zu ertragen wünschest, so richte deine Augen auf deine eigenen. Und wenn du dir einbildest, einen Fortschritt in der Vollkommenheit durch eigene Kraft gemacht zu haben, so wisse, dass du keinesfalls demütig, noch einen Schritt vorangekommen bist auf dem Wege des Geistes. Die Stufen der Demut sind zu vergleichen mit den Zuständen eines begrabenen Körpers, der am tiefsten Platz bestattet ist, gleich einem Toten, verfault und verwest. So sollst du sein in der eigenen Meinung, nämlich Staub und Nichts. Endlich, wenn du wünschest gesegnet zu sein, so lerne dich selbst verabscheuen und von andern verabscheut zu werden.

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Teil II  Kapitel XI - Grundsätze, ein einfältiges, demütiges und aufrichtiges Herz zu erkennen.

Ermanne dich, demütig zu sein und Trübsal willkommen zu heißen, weil es zu deinem Besten dient. Freue dich der Geringschätzung und richte dein Verlangen darauf, dass Gott deine heilige Zuflucht, dein Trost und Beschützer sein möge. Wer in der Gunst Gottes steht, ist Größer als jeder Mensch auf Erden, und möchte er noch so ein hohes Ansehen genießen. Daher verachtet der wahrhaft demütige Mensch alles Weltliche, sogar bis auf sich selbst, und setzt sein Vertrauen und seine Zuflucht einzig und allein in Gott. Der wirklich Demütige erträgt still und geduldig innere Beschwerden. Er legt in kurzer Zeit eine lange Wegstrecke zurück, gleich einem, der vor dem Winde segelt.

Der wahrhaft Demütige findet Gott in allen Dingen. Er nimmt alles aus Gottes Hand, auch die Verachtung, Beschimpfung und Unbill durch Kreaturen. Darum kann er alles mit großem Frieden und innerlicher Ruhe entgegennehmen, und das Werkzeug, womit Gott ihn prüft, mit besonderer Liebe umfassen. Zu gründlicher Demut ist noch nicht gekommen, wer an Lobsprüchen Gefallen findet, obgleich er sie weder wünscht noch sucht, sondern ihnen vielmehr aus dem Wege geht. Denn Lobeserhebungen verursachen einem demütigen Herzen bittere Pein, wenn es dabei auch vollkommen ruhig und unbewegt bleibt.

Derjenige besitzt keine innerliche Demut, welcher sich nicht selbst verabscheut mit einem tödlichen, aber dabei friedlichen und ruhigen Hasse. Keiner jedoch wird in den Besitz dieses Schatzes gelangen, welcher nicht eine tiefe und gründliche Erkenntnis hat von seiner eigenen Schlechtigkeit, Verderbtheit und Schwäche. Wer sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen sucht, besitzt kein einfältiges und demütiges Herz, besonders wenn er dies gegen seine Vorgesetzten tut. Denn Entgegnungen entspringen einem geheimen Dünkel, welcher in der Seele wohnt, und zu einem völligen Verderben gereicht. Falschheit ist ein Zeichen geringer Unterwerfung. Und eine geringe Unterwerfung ist ein Zeichen noch geringerer Demut. Sowohl das eine als das andere ist der Nährboden von Unfrieden, Zwietracht und Verwirrung.

Das demütige Herz kommt nicht in Unruhe bei Unvollkommenheiten. Es wird aber doch bis ins Innerste betrübt, weil sie Gott nicht gefallen können. Einem Demütigen ist es auch gleichgültig, wenn er keine großen Dinge ausüben kann, denn er verharrt immerdar in seiner eigenen Unwürdigkeit und seinem Nichts. Ja er verwundert sich sogar, dass er überhaupt etwas Tugendhaftes zu tun vermag, und dankt dem Herrn sogleich dafür, wohl wissend, dass es Gott ist, der alles tut. Hingegen ist er unzufrieden mit seinem eigenen Wirken.

Obgleich der wirklich Demütige alles sieht, bückt er doch auf nichts, um es zu verurteilen, weil er nur über sich selbst übel urteilt. Der wahrhaft Demütige findet stets eine Entschuldigung für den, welcher ihn kränkt, zum mindesten darin, dass er es in einer guten Absicht getan habe. Und wer könnte wohl einem Menschen zürnen, welcher das Gute beabsichtigt? Gott missfällt die falsche Demut mehr als der wirkliche Stolz, weil jene Außerdem Heuchelei ist. Der wahrhaft Demütige wird, wenn auch alles für ihn einen widrigen Ausgang nimmt, doch dadurch weder beunruhigt noch betrübt, weil er darauf vorbereitet und überzeugt ist, er verdiene es nicht anders. Er gerät unter dem Ansturm lästiger Gedanken, womit ihn der Böse zu quälen sucht, weder in Anfechtungen noch in Unruhe. Er bekennt vielmehr seine Unwürdigkeit und ist erfreut darüber, dass der Herr ihn durch den Teufel züchtigt, obgleich es durch ein gewöhnliches Werkzeug geschieht. All sein Leiden erscheint ihm ein Nichts, und alles !st ihm unbedeutend, was er auch Immerzu tun vermag.

Wer die vollkommene, innere Demut erlangt hat, empfindet es als große Pein, sich selbst ertragen zu müssen. Trotzdem kommt er bei keiner Gelegenheit aus der Fassung, weil er sich selbst verabscheut und seine Unvollkommenheit, seine Undankbarkeit und Gebrechlichkeit in allen Dingen erkennt. Dies ist das Merkmal, woran die wahre Herzensdemut erkannt wird. Die glückliche Seele aber, welche zu diesem heiligen Hass ihrer selbst gelangt ist, lebt überwältigt, ertränkt und verschlungen In der Tiefe ihrer eigenen Nichtigkeit. Der Herr erhebt sie aber daraus empor, indem er ihr göttliche Weisheit verleiht, und sie mit Licht, Frieden, Ruhe und Liebe erfüllt.

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Teil II  Kapitel XII - Die Innerliche Abgeschiedenheit ist es vor allem, welche den Menschen zur Erlangung des inneren Friedens führt.

Obgleich die äußere Einsamkeit viel dazu verhilft, den inneren Frieden zu erlangen, so meinte der Herr doch diese nicht, wenn er durch den Mund des Propheten sagt: "Ich will sie in die Einsamkeit führen und im Verborgenen mit ihr reden" (Hos.2,16). Denn hier ist die innerliche Einsamkeit gemeint, welche (verbunden mit der äußeren) zur Erlangung des kostbaren Kleinods des inneren Friedens führt. Die innerliche Einsamkeit besteht im Vergessen der Kreaturen, in der Loslösung seiner selbst von ihnen, in einer vollkommenen Entäußerung von allen Zuneigungen, Gedanken, Wünschen und dem Eigenwillen. Dies ist die wahre Einsamkeit, wo die Seele mit süßer, innerer Heiterkeit in den Armen ihres höchsten Guts ruht.

O welch unendlicher Raum ist in einer Seele, welche zu dieser göttlichen Abgeschiedenheit gelangt ist. Da breitet sich eine innere, umfassende, verborgene und unermessliche Weite aus in einer solchen glücklichen Seele, die dazu gelangt ist, wahrhaft einsam zu sein. Dort unterredet sich der llerr und verkehrt innerlich mit der Seele; dort erfüllt er sie mit sich selbst, weit sie leer ist. Er umhüllt sie mit Licht und mit seiner Liebe, weil sie nackt ist. Er liebt sie empor, weil sie erniedrigt ist, und verwandelt sie und vereinigt sie mit sich, weil sie allein ist. O wonnevolle Einsamkeit und Gleichnis ewiger Seligkeiten: O Spiegel, in welchem der ewige Vater immerdar erblickt wird: Mit Recht hat man dich Einsamkeit genannt, denn du bist so sehr allein, dass sich kaum eine Seele findet, weiche nach dir sucht, welche dich liebt und dich kennt. O göttlicher Herr! 

Warum streben die Seelen von der Erde nicht nach dieser Herrlichkeit! Warum verscherzen sie sich ein so hohes Gut allein durch die Liebe zu erschaffenen Dingen und durch das Verlangen nach ihnen' O wie glücklich würdest du sein, gesegnete Seele, wenn du alles verließest um Gottes willen: Suche einzig und allein ihn, verlange nach nichts als nur nach ihm; lass (leine Seufzer nur für ihn sein. Wolle, nichts, so wird dir nichts Beschwerde bereiten. Und so du etwas Gutes begehrst, wie geistig es auch immer sei, tue es in solcher Weise, dass es dich nicht verstört, wenn du es nicht erlangen kannst.

Wenn du mit solcher Unabhängigkeit Gott deine weltentfremdete, freie und abgeschiedene Seele übergibst, so wirst du das glücklichste Geschöpf auf Erden sein. Denn in dieser heiligen Einsamkeit hat der Höchste seine geheime Wohnung. In dieser Einöde und diesem Paradies erfreuen wir uns des Verkehrs mit Gott. Nur in dieser innerlichen Zurückgezogenheit kann jene wunderbare, machtvolle und göttliche Stimme vernommen werden. So du einzutreten wünschest in diesen irdischen Himmel, vergiss jede Sorge und jeden Gedanken. Tritt aus dir selbst heraus, damit die Liebe Gottes in deiner Seele leben kann. Lebe, soviel du vermagst, abgezogen von den Kreaturen. Weihe dich gänzlich deinem Schöpfer und bringe dich ihm zum Opfer dar mit friedlichem und ruhigem Geist.

Je mehr die Seele sich selbst entäußert, desto weiter geht sie ein in diese innere Einsamkeit, wo sie mit Gott bekleidet wird. Je weiter sie in eine gr8ssere Abgeschiedenheit und Leerheit ihrer selbst gelangt, um so mehr erfüllt sie der göttliche Geist. Es gibt kein gesegneteres Leben als ein einsames, weil in einem solchen Leben sich Gott selbst ganz der Kreatur hingibt. Gleichzeitig gibt sich die Kreatur ganz ihrem Gott hin durch ein inniges und köstliches Liebesband. O wie wenige gelangen dazu, diese wirkliche Einsamkeit zu schmecken: Damit die Seele wahrhaft einsam sei, sollte sie alle Kreaturen und sogar sich selbst vergessen, da sie sonst niemals Gott näher kommen kann. Viele Menschen verlassen alles, kommen aber nicht los von ihren Neigungen, ihrem eigenen Willen und von sich selbst. Daher werden so wenige dieser wahrhaft Einsamen gefunden. Denn solange die Seele nicht frei wird von eigener Begierde und Verlangen, von ihrem eigenen Willen, von geistigen Gaben, ja selbst von der Ruhe im Geist, wird sie niemals zu diesem hohen Glück der innerlichen Einsamkeit gelangen können.

Schreite vorwärts, o gesegnete Seele, vorwärts zu dieser Glückseligkeit der inneren Einsamkeit. Siehe wie Gott dich ruft einzutreten in dein innerliches Zentrum, wo er dich erneuern, dich verwandeln, dich erfüllen, dich bekleiden und dir ein neues, himmlisches Königreich zeigen will, das voll ist von Freude, Friede und Heiterkeit der Seele.

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Teil II  Kapitel XIII - Es wird gezeigt, was verliehene und passive Beschauung Ist, und ihre wunderbare Wirkung vor Augen geführt.

Wenn die Seele einmal an die innerliche Sammlung und erworbene Betrachtung (von welcher wir gesprochen haben) gewöhnt ist; wenn sie einmal ertötet ist und ihren Lüsten zu entsagen wünscht; wenn sie einmal kraftvoll innere wie äußere Erniedrigung willkommen heißt und willig ist, aufrichtigen Sinnes ihren Leidenschaften und eigenem Tun abzusterben; so pflegt Gott sie allein zu sich zu nehmen, und sie (mehr als ihr bewusst ist) zu einer vollkommenen Ruhe zu erheben. Da lässt er sein Licht, seine Liebe und seine Kraft lieblich und innerlich in sie einströmen, und erschafft und entzündet in ihr eine wahre Fähigkeit zu jeder Art von Tugend. Daselbst versetzt sie der göttliche Bräutigam, indem er das Wirken ihrer Kräfte aufhebt, in eine sanfte und wohltuende Ruhe. Es ist eine entzückende, wonnige Ruhe, da die Seele im Schlafe empfängt und geniesst, ohne zu wissen was sie genießt. Sie sieht sich erhoben und emporgezogen zu diesem passiven Zustande, vereinigt mit ihrem höchsten Gut, ohne dass es ihr irgendeine Mühe und Anstrengung kostet, diese Vereinigung zu erlangen. In dieser erhabensten Region und dem heiligen Tempel der Seele findet Gott seine Zufriedenheit. Da offenbart er sich und schafft ein Wohlgefallen aus der Kreatur, in einer Weise, die erhaben ist über alle menschliche Fassungskraft und Vernunft. Da regiert sie auch allein der reine Geist, welcher Gott ist, und gelangt (da die Reinheit der Seele für sinnliche Dinge unempfänglich ist) zur Herrschaft über sie, indem er ihr Erleuchtungen und diejenigen Empfindungen zuteil werden lässt, welche zu der vollkommensten und reinsten Vereinigung nötig sind.

Wenn die Seele aus diesen lieblichen und göttlichen Umarmungen wieder zu sich selbst gekommen ist, wird sie reich an Licht und Liebe, an einer tiefen Ehrfurcht vor der göttlichen Grüße, sowie an Erkenntnis ihrer eigenen Ohnmacht. Sie sieht sich ganz göttlich verwandelt und befähigt, liebend zu umfassen, zu dulden und vollkommene Tugend auszuüben. Eine einfaltige, reine, verliehene und vollkommene Beschauung ist deshalb eine erkannte und innerliche Offenbarung, welche Gott von sich selbst, von seiner Güte, von seinem Frieden und von seiner Milde gibt. Da zeigt sich Gott rein, unaussprechlich, abgezogen von allen besonderen Gedanken, inmitten einer innerlichen Stille. Aber es ist Gott voller Seligkeit; ein Gott, welcher uns an sich zieht,; ein Gott, weicher uns wonnesam emporhebt auf eine geistige und höchst reine Weise. Das ist ein wunderbares Geschenk, welches die göttliche Majestät gewährt wein sie will, wie sie will, wann sie will und für welche Zeit sie will. Und doch ist der Zustand dieses Lebens mehr ein solcher des Kreuzes, der Geduld, der Erniedrigung und des Leides, als der des Genießens.

Niemals wirst du dich an diesem göttlichen Wein erlaben, solange du nicht fortgeschritten bist in der Tugend und der innerlichen Abtötung, solange du dich nicht mit aufrichtigem Herzen bemühst, in deiner Seele einen großen Frieden, Stillschweigen, Vergessenheit und innerliche Abgeschiedenheit zu befestigen. Wie kann die liebliche, innere und machtvolle Stimme Gottes vernommen werden inmitten des Getöses und der Unruhe der Kreaturen? Und wie ist es möglich, auf den reinen Geist zu lauschen mitten in der Welt und inmitten künstlich gefügter Gedanken und Verstandesarbeit? Wenn die Seele nicht fortgesetzt in sich selbst ersterben will, indem sie sich von all diesen materiellen Dingen und Ergötzlichkeiten losreißt; so wird die Beschauung für sie nichts anderes sein als bloße Eitelkeit, selbstgefälliges Vergnügen und Vermessenheit.

Nicht immer teilt sich Gott mit gleicher Fülle in dieser süßesten und eingeflössten Beschauung mit. Manchmal gewährt er diese Gnade reicher als zu andern Zeiten; zuweilen erwartet er nicht, dass die Seele so tot und vernichtet sei. Denn da dieses Geschenk bloße Gnade ist, verleiht er es wann es ihm gefällt, und wie es ihm gefällt, so dass keine allgemeine Regel daraus gemacht, noch irgendein bestimmtes Maß für seine göttliche Größe aufgestellt werden kann. Ja er bewirkt sogar durch diese Beschauung, dass sie sich verleugnet, vernichtet und erstirbt. Manchmal gibt der Herr dem Verstande Größeres Licht, und manchmal dem Willen Größere Liebe. Es ist hierbei nicht nötig, dass die Seele sich anstrenge oder bemühe. Sie muss empfangen was Gott ihr gibt, und so vereinigt bleiben wie er es wünscht, weil seine Majestät Herr ist. Und zur gleichen Zeit, da er sie in Schlummer bringt, bemächtigt er sich ihrer und erfüllt sie, um in ihr mächtig und lieblich zu walten, ohne jedes Bemühen und Wissen ihrerseits. Und ehe sie dieser unvergleichlichen Barmherzigkeit noch gewahr wird, ist sie schon gewonnen, überführt und verwandelt.

Die Seele, welche sich in diesem glücklichen Zustande befindet, muss zweierlei meiden: Erstens die Tätigkeit des menschlichen Geistes und zweitens die eigenen Interessen. Unser menschlicher Geist ist nicht gewillt, in sich selbst zu ersterben, sondern liebt es, sich nach seiner Weise zu betätigen, da er in seine eigenen Handlungen verliebt ist. Es ist eine große Pflichttreue und Selbstverleugnung erforderlich, damit der Mensch zur vollkommenen und passiven Empfänglichkeit für die göttlichen Einflüsse gelangen kann. Seine fortwährende Gewohnheit, nach eigenem Gutdünken zu handeln, bildet ein Hindernis zu seiner Vernichtigung.

Das zweite ist, dass du an der 13eschauung selbst interessiert bist. Du musst daher in deiner Seele eine vollkommene Entäußerung von allem, was nicht Gott ist, zustande bringen, ohne irgendein anderes Ziel oder Interesse im Innern oder im Äußern zu suchen, als nur den göttlichen Willen. Mit einem Wort, was du deinerseits vollbringen musst, um dich für dieses reine, passive und vollkommene Gebet tauglich zu machen, ist eine gänzliche und unbedingte Hingabe deiner selbst in die Hände Gottes; mit vollkommener Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen, damit du beschäftigt werden mögest nach seinem Gefallen. Du musst nach seiner Anordnung mit gleichmütiger und vollkommener Ergebung alles entgegennehmen, was er dir zuteilt.

Du musst wissen, dass es wenige Seelen gibt, welche zu diesem verliehenen und passiven Gebet gelangen, weil nur wenige tauglich sind für diese göttlichen Einflüsse. Denn es braucht eine vollkommene Nacktheit und einen Tod der eigenen Tätigkeit und Kraft. Nur diejenigen, welche es fühlen, können wissen, dass diese vollkommene Nacktheit erworben wird (mit göttlicher Gnadenhilfe) durch beständige und innerliche Abtötung, indem der Mensch allen eigenen Neigungen und Begierden abstirbt. Niemals (ganz besonders aber hier) darfst du auf die Wirkungen schauen, welche in deiner Seele hervorgebracht werden. Denn dies würde das göttliche Walten hemmen, statt es zu bereichern. Du hast nur nach Gleichgültigkeit, Entsagung und Vergessenheit zu ringen. Dadurch wird, ohne dass du es gewahr wirst, das höchste Gut in deiner Seele eine geeignete Anlage zurücklassen zur Ausübung der 'fugend, 'eine währe Liebe zu deinem Kreuz, zur Selbstverachtung, zur eigenen Vernichtung, und ein noch stärkeres Verlangen nach Größerer Vollkommenheit und Vereinigung.

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Teil II  Kapitel XIV - Von den zwei Wegen, auf denen die Seele zur eingeflössten Beschauung emporsteigt, nebst einer Erklärung, welches und Wie viele deren Stufen sind.

Es gibt zwei Wege, auf denen die Seele zu dem Glück der Beschauung und hingegebenen Liebe emporsteigt: die Lust und das Verlangen danach. Gott pflegt zuerst die See le mit sinnlichen Annehmlichkeiten zu erfüllen, weil sie so schwach und elend ist, dass sie ohne diesen vorherigen Trost sich nicht aufschwingen könnte zum Genusse himmlischer Dinge. Auf dieser ersten Stufe wird sie durch Zerknirschung vorbereitet und in Reue geübt, indem sie über die Leiden des Erlösers nachdenkt und mit Größem Eifer alle weltlichen Begierden und lasterhaften Lebensgewohnheiten ausrottet. Denn das Himmelreich duldet Gewalt, und das schwache, zaghafte Herz erringt es niemals, sondern nur diejenigen, welche Gewalt und Zwang mit sich selbst ausüben.

Der zweite Weg ist das Verlangen. Je mehr man sich an den himmlischen Dingen erfreut, um so mehr werden sie begehrt. Auf die geistlichen Freuden folgt das Verlangen nach himmlischen und göttlichen Segnungen, und eine Verachtung der weltlichen Freuden. Aus diesem Verlangen wird das Streben geboren, Christus unserem Herrn nachzufolgen, welcher sagte: "Ich bin der Weg". Die Stufen seiner Nachfolge, welche der Mensch erklimmen muss, sind die Barmherzigkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Armut, Selbstverachtung, das Kreuz, das Gebet und die Abtötung. Es gibt drei Stufen eingeflösster Beschauung. Die erste ist Sättigung. Wenn die Seele von Gott erfüllt ist, empfindet sie einen Hass gegen alle weltlichen Dinge. Dann ist sie ruhig und lässt sich allein an göttlicher Liebe genügen.

Die zweite ist Trunkenheit. Diese Stufe ist eine Gemütsausschreitung und eine Erhebung der Seele, welche aus der Fülle der göttlichen Liebe entspringt. Die dritte ist Sicherheit. Diese Stufe vertreibt alle Furcht. Die Seele ist so von göttlicher Liebe durchdrungen, und dem göttlichen Willen so hingegeben, dass sie willig zur Hölle gehen würde, wenn es ihm gefällig wäre. Auf dieser Stufe empfindet sie eine solche sichere Bürgschaft der göttlichen Vereinigung, dass es ihr unmöglich erscheint, jemals von ihrem Geliebten getrennt zu werden.

Es gibt sechs andere Stufen der Beschauung, nämlich die folgenden: Feuer, Vereinigung, Erhebung, Erleuchtung, Seligkeit und Ruhe. Durch die erste wird die Seele entzündet; ist sie entzündet, wird sie gesalbt; ist sie gesalbt, wird sie erhoben; erhoben gelangt sie zur Beschaulichkeit, und beschauend empfindet sie Wonne; in dein Wonnegefühl findet sie Ruhe. Durch diese Stufen hebt sich die Seele höher empor, abgesondert, und erfahren auf dem geistigen und innerlichen Wege. Auf der ersten Stufe, welche das Feuer Ist, wird die Seele 'erleuchtet. Das geschieht durch einen göttlichen und feurigen Strahl, welcher das göttliche Liebesgefühl entzündet und das menschliche austrocknet. Die zweite ist die Salbung, welche eine liebliche und geistigbelebende Substanz ist. Diese breitet sich über die ganze Seele aus. Sie lehrt, stärkt und macht fähig, die göttliche Wahrheit zu empfangen und zu betrachten. Bisweilen dehnt sie sich auf die Natur selbst aus, sie durch Geduld bestätigend, mit einer fühlbaren Lust, welche himmlisch erscheint.

Die dritte ist die Erhebung des innerlichen Menschen über sich selbst, um ihn tauglich zu machen für den klaren Quell reiner Liebe. Die vierte Stufe, die Erleuchtung, ist ein eingeflösstes Erkennen, durch welches die Seele in süßer Weise die göttliche Wahrheit betrachtet. Sie schwingt sich auf von Klarheit zu Klarheit, von Licht zu Licht, von Erkenntnis zu Erkenntnis, unter Führung des göttlichen Geistes. Die fünfte Stufe ist ein Schmecken der göttlichen Süßigkeit, ein Wonnegefühl, welches dem reichen und köstlichen Quell des heiligen Geistes entströmt.

Die sechste ist eine liebliche und wunderbare Ruhe, herrührend von dem siegreichen Ausgang des innerlichen Kampfes und dem häufigen Gebet. Aber davon haben sehr wenige eine eigene Erfahrung. Hierbei ist die Fülle von Glück und Frieden so groß, dass die Seele in einem lieblichen Schlummer befangen scheint, worin sie sich erquickt und ausruht an der göttlichen Brust der Liebe. Viele andere Stufen der Beschaulichkeit gibt es noch, wie Verzückungen, Entrückungen, Verschmelzung, Küsse, Frohlocken, Umarmungen, Erhebung, Vereinigung, Umwandlung, Verlöbnis und Vermählung, welche zu erklären ich unterlassen will, um nicht Grund zu geben zur Vernunftsforschung, und weil es ganze Bücher gibt, weiche von alt diesen Dingen handeln. Zudem sind diese Sachen für diejenigen, weiche noch nie so etwas empfunden haben, wie Farbe für den Blinden oder Musik für den Tauben. Kurz gesagt, auf diesen Stufen steigen wir hinauf zu dem Gemach und der Ruhestätte des Friedenskönigs und wahren Salomos.

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Teil II  Kapitel XV - Zeichen, um den inneren Menschen und das gereinigte Gemüt zu erkennen.

Es gibt vier Zeichen, womit man den innerlichen Menschen erkennen kann. Als erstes, wenn der Verstand keine anderen Gedanken fasst, als solche, welche zu dem Licht des Glaubens emporstreben, und der Wille so erzogen ist, dass er keine anderen Handlungen der Liebe hervorbringt, als für Gott und um seinetwillen. Zweitens, wenn das Denken und der Wille, nach Beendigung einer Arbeit, mit welcher er beschäftigt war, sich leicht und schnell zu Gott hinwenden. Drittens, wenn er zum Gebet schreitend, alle äußeren Dinge vergisst, als ob er sie niemals gesehen oder sich mit ihnen beschäftigt hätte. Viertens, wenn er gegen' äußere Dinge eine natürliche Abscheu hat, und in Furcht steht, sich in weltliche Angelegenheiten zu verfangen; es sei denn, dass die Nächstenliebe solches von ihm fordert.

Eine solche Seele ist frei vom äußeren Menschen, und gelangt leichter zur Innerlichen Abgeschiedenheit, worin sie nichts sieht als Gott. Sie sieht sich in Gott, und liebt ihn mit Ruhe und Frieden und wahrer Liebe. Dort, in jenem verborgenen Zentrum, redet Gott freundlich zu ihr und unterrichtet sie von einem neuen Königreich und von wahrem Frieden und Freude. Diese geistliche, abgezogene, weltfremde und zurückgezogene Seele sieht ihren Frieden nicht mehr gestört, wenn sie auch äußerlich Kämpfe zu bestehen haben mag. Infolge der unendlichen Entfernung dringen die Stürme niemals bis zu jenem ungetrübten, inneren Himmel, wo reine und vollkommene Liebe herrscht. Wenn sie auch bisweilen nackt, verlassen, geschlagen und vereinsamt sein mag, so "ist dies doch nur die Wut des Sturmes, weicher nur draußen drohen und wüten kann. Diese geheime, innerliche Liebe hat vier Wirkungen. Die erste wird Erleuchtung genannt, die eine geschmeckte und auf Erfahrung beruhende Erkenntnis der Größe Gottes und des eigenen Nichts ist. Die zweite ist Entflammung, ein lebhaftes Verlangen, in diesem gütigen und göttlichen Feuer gleich dem Salamander verzehrt zu werden. Die dritte ist Süßigkeit, ein friedvoller, freudiger, lieblicher und inniger Genuss. Die vierte ist ein Verschlungenwerden von den Kräften in Gott, durch welches Eintauchen die Seele so von Gott durchdrungen und erfüllt wird, dass sie nun nichts anderes mehr suchen, begehren oder wollen kann, als ihr höchstes und ewiges Gut.

Aus dieser völligen Sättigung entspringen zwei Wirkungen: Die erste ist ein großer Mut, um Gottes willen zu leiden. Die zweite ist eine bestimmte Hoffnung oder Gewissheit, ihn niemals verlieren noch von ihm getrennt werden zu können. Hier in dieser innerlichen Zurückgezogenheit hat der geliebte Jesus sein Paradies. Zu ihm können wir uns erheben, obwohl wir noch auf der Erde wallen müssen. Wenn du aber begehrst zu wissen, wer zu dieser inneren Zurückgezogenheit durch das göttliche Vorbild hingezogen wird, so wisse dass es der ist, welcher im Unglück, in geistiger Betrübnis und tiefer Armut fest und unerschüttert bleibt. Diese standhaften und innerlichen Seelen sind von alter Eigenheit gänzlich entblößt und völlig in Gott eingegangen, den sie ununterbrochen beschauen. Sie sind ohne Makel; sie leben in Gott und durch ihn; sie scheinen heller als tausend Sonnen; sie sind dem 5ohne Gottes teuer, die Lieblinge Gottes des Vaters, und die erkorenen Bräute des Heiligen Geistes.

An drei Merkmalen wird ein geläutertes Gemüt erkannt, wie der heilige Thomas in einer seiner Abhandlungen sagt. Das erste Zeichen ist Eifer, welcher eine Kraft der Seele ist, die alle Lässigkeit und Trägheit tilgt, um sie mit Ernst und Vertrauen zum Streben nach Tugend anzuleiten. Das zweite ist Strenge, welche ebenfalls eine Kraft der Seele ist, die sich gegen die sinnlichen Begierden richtet, begleitet von einer heißen Liebe zu Mühseligkeit, Niedrigkeit und einer heiligen Armut. Das dritte ist Gütigkeit und Sanftmut des Gemüts, welche allen bitteren Groll, Neid, Widerwillen und Hass gegen den Nächsten vertreiben. Bevor nicht das Gemüt gereinigt, die Liebe geläutert, das Gedächtnis leer, der Verstand erhellt, der Wille verleugnet und entflammt ist, vermag die Seele niemals zu einer innigen und zärtlichen Vereinigung mit Gott zu gelangen. Die Seele muss deshalb, weil der Geist Gottes Reinheit, Licht und Stille ist, große Reinheit, Frieden, Aufmerksamkeit und Ruhe besitzen; denn Gott wünscht in ihr seine Ruhestätte zu nehmen. Der kostbaren Gabe eines gereinigten Gemüts werden aber nur diejenigen teilhaftig, welche sie mit fortwährendem Eifer suchen, lieben und bewahren. Solche wünschen gerne, als die niedrigsten in der Welt angesehen zu werden.

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Teil II  Kapitel XVI - Von der göttlichen Weisheit.

Die göttliche Weisheit ist eine übersinnliche und eingeflösste Erkenntnis der göttlichen Vollkommenheiten und ewigen Dinge, welche vielmehr Beschaulichkeit als Vernunftsforschung genannt werden sollte. Die Wissenschaft wird erworben und führt zur Erkenntnis der Natur. Die Weisheit wird verliehen und erzeugt ein Erkennen der göttlichen Güte. Die Wissenschaft begehrt das zu wissen, was man nur mit Mühe und Schweiß erlangen kann; die göttliche Weisheit verlangt danach, selbst das nicht zu wissen was sie weiß, obgleich sie alles versteht. Kurz gesagt: Die Leute der Wissenschaft beschäftigen sich mit der Erkenntnis weltlicher Dinge, und der göttlich Weise lebt versunken in Gott selbst.

Die erleuchtete Vernunft in dem Weisen ist eine erhabene und einfache Erhebung des Geistes, wodurch er mit klarem und scharfem Auge alles sieht, was unter ihm ist und was sein Leben und Sein betrifft. Dies macht die Seele einfältig, erleuchtet, gleichförmig, geistig und gänzlich in sich gekehrt und abgezogen von jedem erschaffenen Ding. Die Weisheit bewegt und entführt mit sanfter Gewalt die Herzen der Demütigen und Gelehrigen, und erfüllt sie mit überschwänglicher Klarheit, Frieden und Freudigkeit. Endlich sagt der Weise von ihr, dass sie ihm alles Gute auf einmal gebracht habe: "Gekommen sind mir alle Güter mit ihr zugleich" (Weish.7,11).

Wisset, dass der größte Teil der Menschheit in Meinungen lebt und nach dem trügerischen Schein der Einbildung. Der natürliche Mensch urteilt nach der äußeren Wahrnehmung, der geistlich- weise Mensch beurteilt jede Sache gemäss der wahren, ihr zugrunde liegenden Wirklichkeit. Seine Aufgabe Ist es zu verstehen, zu begreifen, einzudringen und hinauszukommen über jedes geschaffene Ding, sogar Ober sich selbst.  Es ist die besondere Eigentümlichkeit eines weisen Menschen, viel zu tun und wenig zu sagen.

Die Weisheit offenbart sich in den Werken und Taten des Weisen. Er ist ein unumschränkter Herrscher über all seine Leidenschaften, Erregungen und Neigungen. In seinem ganzen Tun ist er wie ein unbewegtes und stilles Wasser, worin die Sonne der Weisheit sich in voller Klarheit spiegelt.

Das Verständnis der mystischen Wahrheiten ist geheim und verschlossen für die rein schulmäßig Gelehrten, sofern sie nicht demütig sind. Denn es ist die Wissenschaft der Heiligen, und niemand kennt sie, außer denen, weiche herzlich lieben und die eigene Verachtung suchen. Deshalb dringen die Seelen, welche durch Ergreifung dieser Mittel dahin gelangen, rein mystisch und wahrhaft demütig zu werden, zu der tiefsten Erfassung der Gottheit hindurch. Je sinnlicher aber die Menschen leben, nach dein Willen des Fleisches und Bluts, um so entfernter sind sie von dieser mystischen Wissenschaft. Gewöhnlich findet man, dass in dem Menschen, welcher viel Schulgelehrsamkeit und erforschtes Wissen besitzt, die göttliche Weisheit nicht vorherrscht. Hingegen bilden sie eine bewundernswerte Vermischung, wenn beide zusammenkommen. Die Gelehrten, welche durch Gottes Gnade diese mystische Erkenntnis erlangt haben, sind würdig der Verehrung und des Preises im religiösen Leben.

Die äußeren Handlungen der Mystiker und Weisen, welche sie mehr passiv denn aktiv vollbringen, werden doch klug von ihnen geregelt, nach Zahl, Maß und Gewicht, wenn sie ihnen auch sehr lästig sind. Die Predigten der gelehrten Leute, welche des Geistes ermangeln, sind keineswegs das Wort Gottes, sondern nur Menschenrede, übertüncht mit falschem Golde, obwohl sie aus mannigfachen Geschichtchen, eleganten Schilderungen, scharfsinnigen Schlüssen und erwählten Beweisen zusammengesetzt sein mögen. Diese Prediger verderben die Christen, indem sie dieselben mit Wind und Nichtigkeiten füttern, so dass sowohl sie als die Hörer Gottes leer sind. Diese Lehrer füttern ihre Zuhörer mit dem Winde verderblicher Spitzfindigkeiten, indem sie ihnen Steine statt Brot geben, Blätter statt Frucht, und geschmacklose Erde, vermischt mit vergiftetem Honig, anstatt wirklicher Nahrung. Sie sind es, welche nach Ehre jagen, ein Götzenbild des Ruhmes und Beifalls aufrichten, und keinesfalls Gottes Preis und die Erbauung der Menschen suchen.

Diejenigen, welche mit Eifer und Aufrichtigkeit predigen, predigen um Gottes willen; die andern predigen um ihretwillen. Diejenigen, welche Gottes Wort mit Geist verkündigen, lassen es Eindruck machen auf das Herz. Was die andern ohne Geist predigen, geht nicht weiter als bis zu den Ohren. Vollkommenheit besteht nicht im Lehren der Vollkommenheit, sondern im Vollbringen. Denn nicht der ist der größte Heilige oder weiseste Mensch, welcher die Wahrheit am besten kennt, sondern derjenige, der sie ausübt.

Es entspricht einer ständigen Erfahrung, dass göttliche Weisheit Demut erzeugt. Die Weisheit aber, welche von Gelehrten erworben wird, bringt Stolz hervor. Helligkeit besteht nicht darin, tiefe und scharfsinnige Begriffe zu bilden von der Erkenntnis und den Eigenschaften Gottes, sondern in der Selbstverleugnung und der Liebe zu Gott. Deswegen ist auch die Heiligkeit mehr unter den Einfältigen und Demütigen zu finden, als unter den Gelehrten. Wie viele arme, alte Frauen gibt es auf der Welt, welche wenig oder nichts besitzen von menschlicher Wissenschaft, aber reich sind an Liebe zu Gott: Wie viele Gottesgelehrte sehen wir dagegen, die bis über die Ohren in ihre leere Weisheit versunken, und doch sehr arm sind an wahrem Licht und Liebe! Wenn du redest, rede so wie einer der am Lernen ist, und nicht wie einer, der alles weiß. Rechne es dir zu Größerer Ehre an, für einen Unwissenden gehalten zu werden, als für einen weisen und klugen Mann.

Wenn auch die rein forschenden Gelehrten einige kleine Funken von Geist besitzen, so steigen doch diese nicht aus dem schlichten Grunde erhabener und göttlicher Weisheit. Denn wer recht weise ist hat einen tödlichen Hass gegen Formen und äußeres Ansehen. Die Untermischung mit ein wenig Wissenschaft bildet immerdar ein Hemmnis für die ewige, tiefe, reine, einfältige und echte Weisheit. Es gibt zwei Wege, welche zur Erkenntnis Gottes führen, der eine ist entfernt, der andere nahe. Der erste wird Vernunftsforschung genannt, der andere Beschaulichkeit. Die Gelehrten, welche wissenschaftlich forschen durch die Annehmlichkeit der sinnenfälligen Schlussfolgerung, steigen vermittelst derselben zu Gott empor, so gut sie es vermögen, damit sie durch diese Hilfe fähig werden mögen, ihn zu lieben. Aber keiner von denen, weiche diesen schulmäßigen Weg verfolgen, gelangt jemals allein auf ihm zu dem mystischen Pfade oder zu der Hoheit der Vereinigung, Umwandlung, Einfalt, Licht, Friede, Ruhe und Liebe. Anders ist es bei demjenigen, der durch die göttliche Gnade auf dem mystischen Pfad der Beschaulichkeit geführt worden ist.

Diese Gelehrten, welche bloße Schulweisheit haben, wissen nicht, was der Geist ist, noch was es heißt, in Gott verloren zu sein. Auch haben sie noch nicht den Geschmack des süßen Himmelsbrots empfunden, welches in der innersten Tiefe und im Grunde der Seele ruht, und von dort aus einen unfassbaren, innigen und köstlichen Überfluss mitteilt. Ja es gibt sogar einige unter ihnen, welche dieses mystische Wissen verdammen, weil sie es weder verstehen noch empfinden. Wenn ein Göttlicher die Köstlichkeit der Beschauung nicht schmeckt, so kann kein anderer Grund dafür angegeben werden, als dass er nicht eingeht durch die enge Pforte, auf welche Paulus hinweist, wenn er sagt: "Welcher sich unter euch dünkt weise zu sein, der werde ein Narr In dieser Welt, dass er möge weise sein. Er zeige seine Demut, indem er sich selbst für unwissend hält" (1.Kor.3,18).

Es ist ein allgemeines Gesetz und auch ein Grundsatz in der mystischen Theologie, dass die Ausübung vor der Theorie erworben werden sollte. Es sollte eine tatsächliche Ausübung der übernatürlichen Beschauung vorhanden sein, und zwar vor dem Suchen nach Erkenntnis und dem' Forschen nach einem umfassenden Verständnis. Obgleich das mystische Wissen gewöhnlich den Demütigen und Einfältigen eigen ist, so sind doch dessen ungeachtet Gelehrte seiner nicht unfähig, wenn sie sich nicht selbst suchen, noch viel Gewicht auf Ihr eigenes künstliches Wissen legen. Besser wäre noch, sie könnten ihr Wissen vergessen, als ob sie es niemals besessen hatten. Sie sollten nur von ihm Gebrauch machen am geeigneten Ort und zur passenden Zeit, bei der Predigt und einer gelehrten Unterredung, wenn sich ihnen dazu Anlass bietet. Nachher aber sollten sie ihr Gemüt wieder der schlichten und einfältigen   Betrachtung Gottes ohne Form, Gestalt oder Unterscheidung hingeben.

Das Studium, welches nicht zur Gottes Ehre allein betrieben wird, ist nur ein kurzer Weg zur Hölle, weil es den Wind des Hochmuts hervorruft. Bejammernswert ist der größte Teil der Menschen In dieser Zeit, deren einziges Studium es ist, die unersättliche Wissbegierde der Natur zu befriedigen. Viele suchen Gott und finden ihn nicht, weil sie mehr von Neugierde als von aufrichtiger, reiner und edler Absicht getrieben werden. Sie begehren mehr geistliche Erquickung als Gatt selbst; und da sie ihn nicht mit Wahrheit suchen, finden sie weder Gott noch geistige Freuden.

Wer nicht die vollkommene Verleugnung seiner selbst erstrebt, wird nicht wahrhaft abgeschieden werden. Daher kann er niemals tauglich für die Wahrheit und das Licht des Geistes sein: Um zur mystischen Erkenntnis zu gelangen, darf sich der Mensch nie mit äußeren Dingen befassen, außer mit kluger Vorsicht und nur dort, wo seine Pflicht es erheischt. Wenige Menschen gibt es, welche einen Größeren Wert darauf legen, zu hören als zu sprechen. Der wahrhafte Mystiker spricht jedoch nur, wenn er es nicht umgehen kann. Er lässt sich in nichts ein, es sei denn ein Gebot der Pflicht. Solche Dinge führt er aber mit großer Klugheit aus.

Der Geist der göttlichen Weisheit erfüllt die Menschen mit Milde, regiert sie mit Mut, und erleuchtet diejenigen mit Vortrefflichkeit, welche sich seiner Leitung unterworfen haben. Dort, wo der göttliche Geist wohnt, ist immer Einfalt und heilige Freiheit zu finden. Aber List und Falschheit, Lüge und Verschlagenheit, Verstellung und weltliche Schlauheit, sind für den weisen und aufrichtigen Menschen die Hölle selbst.

Wer das mystische Wissen erlangen will, muss losgelöst und abgeschieden sein von fünf Dingen: Erstens, von den Kreaturen; zweitens, von zeitlichen Dingen; drittens, von den Gaben des Heiligen Geistes; viertens, von sich selbst; fünftens, muss er in Gott verloren sein. Dieses letztere ist das vollkommenste von allen, weil nur die Seele dahin gelangt, welche versteht, so entrückt zu sein; und welche allein weiß, wo Sicherheit zu finden ist. Gott hat mehr Gefallen an der Hingabe des Herzens als an weltlichem Wissen. Das Herz von allein zu reinigen, was es gefangen hält und befleckt, ist weit ein anderes als gut und heilig zu leben, ohne auf die Reinheit des Herzens zu achten. Denn ein reines Herz ist das wichtigste zur Erlangung der göttlichen Weisheit.

Niemals wirst du diese höchste und göttliche Weisheit erlangen, so du keine Stärke hast, dich nicht nur von deiner Anhänglichkeit an vergängliche und natürliche Güter zu reinigen, sondern auch von solchen übernatürlicher und erhabener Art, als da sind Innerliche Mitteilungen, Verzückungen, Entrückungen und andere freiwillig gewährte Gnadengaben, in welchen die Seele ruht und sich damit unterhält.

Obwohl manche Seelen viele Stunden im Gebet verbringen, und täglich das Abendmahl empfangen, misslingt es ihnen doch, zur ruhigen Beschauung, zur göttlichen Weisheit und zur wahren Erkenntnis zu gelangen. Das aber kommt daher, weil sie sich nicht voll und ganz ihm unter werfen. Sie verleugnen und überwinden sich nicht, und geben sich nicht ganz Gott zum Opfer hin mit vollkommener Selbstentäußerung und Uneigennützigkeit. Kurzum, ehe die Seele nicht geläutert ist in dem Feuer der inneren Pein, wird sie nimmermehr zu einem Zustand der Erneuerung, der Umwandlung, der vollkommenen Anschauung, der göttlichen Weisheit und zärtlichen Vereinigung gelangen.

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Teil II  Kapitel XVII - Von der wahren und vollkommenen Vernichtigung.

Wisse, dass dieser ganze Prozess der Vernichtigung seinen Grund nur in zwei Prinzipien hat. Das erste ist, sich selbst und alles Weltliche für gering und niedrig zu achten. Daraus muss die praktische Ausübung dieses Selbstverzichts und der Selbstentsagung und das Verlassen aller erschaffenen Dinge ihren Ursprung nehmen, und zwar mit Eifer und in Wirklichkeit. Das zweite Prinzip muss eine große Ehrfurcht vor Gott sein, ihn zu lieben, ihn anzubeten und ihm zu folgen ohne das geringste eigene Interesse, und möge es noch so heilig sein. Aus diesen zwei Prinzipien entspricht noch eine völlige Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen. Dieser mächtige und werktätige Einklang mit dem göttlichen Willen in allen Dingen führt die Seele zur Vernichtigung und Umgestaltung in Gott, ohne die Beimischung von Entzückungen, äußerlichen Ekstasen oder ungestümer Hingebung. Denn dieser Weg ist vielen Täuschungen unterworfen, verbunden mit der Gefahr der Schwäche und den Kämpfen des Erkenntnisvermögens, so dass selten jemand auf diesem Pfade zu dem Gipfel der Vollkommenheit empordringt. Er wird aber erreicht auf dem anderen Wege, welches ein sicherer, fester und wirklicher Weg ist, wenn auch nicht ohne ein gewichtiges Kreuz. Denn im Kreuz ist der hohe Weg der Vernichtigung und Vollkommenheit begründet, welcher nebenbei noch von vielerlei Gaben des Lichts, göttlichen Wirkungen und unerschöpflichen weiteren Gnadenbeweisen begleitet ist.

Doch die Seele, welche vernichtet ist, muss von alldem entblößt sein, wenn es Ihr nicht ein Hemmschuh werden soll auf dem Wege zur Vergöttlichung. Wenn die Seele unablässig fortgeschritten ist aus ihrer eigenen Niedrigkeit, sollte sie weiter zu der Ausübung der Vernichtigung übergehen, welche im Verachten von Ehre, Würde und Lob besteht. Denn es liegt kein Grund vor, seine eigene Schlechtigkeit und sein bloßes Nichts mit Würden und Ehren zu umgeben.  Der Seele, welche ihre Niedrigkeit erkennt, scheint es unmöglich, auf irgendetwas Anspruch zu erheben. Sie ist vielmehr von Scham erfüllt und hält sich unwürdig der Tugend und des Lobes. Sie heißt mit Gleichmut jede Gelegenheit zur Verachtung, Verfolgung, Schande, Entehrung und 13eschimpfung willkommen, als ob sie solche Schmach wirklich verdient hätte. Sie bringt dem Herrn Dank dar, wenn solche Gelegenheiten auftauchen, wo sie so behandelt wird, wie sie es verdient. Auch erkennt sie sich für unwürdig, dass er seine Gerechtigkeit an ihr ausübe; vor allem aber freut sie sich der Verachtung und Schmach, weil dadurch ihr Gott großen Ruhm erlangt.

Eine solche Seele erwählt stets den niedrigsten, den schlechtesten und verachtetsten Rang, sowohl hinsichtlich des Platzes, wie auch der Kleidung und aller anderen Dinge. Und das tut sie nicht auf eine besondere Weise, weil sie der Meinung ist, dass auch die tiefste Niedrigkeit noch Immer zu hoch für sie ist, und sie sich derselben für unwert achtet. Eine solche Ausführung bringt die Seele zur wahren Vernichtigung ihrer selbst. Die Seele, welche zur Vollkommenheit strebt, beginnt ihre Leidenschaften zu ertöten. Schreitet sie darin fort, verleugnet sie sich selbst. Alsdann geht sie, mit göttlichem Beistand, zu dem Studium ihrer Nichtigkeit über, worin sie sich verachtet, vor sich zurückschaudert und sich niederwirft in der Erkenntnis, dass sie nichts sei, nichts zu tun vermöge und nichts wert sei. Daraus folgt, dass sie in sich selbst erstirbt, in ihrem Empfinden, auf viele Arten und zu allen Stunden. Aus diesem geistigen Tode endlich leitet die wirkliche und vollkommene Vernichtigung ihren Ursprung ab, insofern als von der, ihrem Wollen und Verstehen einmal abgestorbenen Seele mit Fug und Recht gesagt werden kann, dass sie zu dem vollkommenen und glücklichen Zustand der Vernichtigung gelangt sei. Dieser Zustand ist die letzte Bedingung für die Umwandlung und Vereinigung, weiche die Seele selbst nicht versteht, weil sie nicht vernichtet sein würde, wenn sie dahin gelangte, sie zu begreifen. Und obgleich sie diesen glückseligen Zustand der Vernichtigung erlangt hat, soll sie doch daran erinnert werden, dass sie Immer noch weiter fortzuschreiten hat, und sie mehr und mehr gereinigt und vernichtet werden muss.

Wisse, dass diese Vernichtigung, um sie in der Seele vollkommen zu machen, sich in des Menschen eigenem Urteil vollziehen muss, in seinem Wollen und Wirken, seinen Neigungen, Wünschen, Gedanken und in ihm selbst. Die Seele muss ihrem Wollen, Begehren, Bestreben, Verstehen und Denken erstorben sein. Sie muss wollen, wie wenn sie nicht wollte; begehren, wie wenn sie nicht begehrte; verstehen, wie wenn sie nicht verstände; denken, als ob sie nicht dächte; ohne sich zu irgendetwas hingezogen zu fühlen. In gleicher Weise muss sie willkommen heißen Verachtung und Ehre, Auszeichnungen und Zurechtweisungen. O wie glücklich ist die Seele, welche so erstorben und vernichtet ist: Sie lebt nicht länger in sich selbst, weil Gatt in ihr lebt. Jetzt kann sehr wahr von ihr gesagt wer den, sie sei ein wiedererstandener Phönix, weil sie verwandelt, vergeistigt, umgestaltet und vergöttlicht ist.

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Teil II  Kapitel XVIII - Es wird dargelegt, wie dieses Nichts der rechte Weg Ist, Reinheit der Seele, vollkommene Beschaulichkeit und den reichen Schatz des innerlichen Friedens zu erlangen.

Der Weg, diesen erhabenen Zustand eines umgeschaffenen Gemüts zu erreichen, wodurch ein Mensch unmittelbar zu dem größten Gut, zu unserem ersten Urquell und zum höchsten Frieden gelangt, ist das Nichts. Bemühe dich, 0 Seele, immerdar in dieser Armut begraben zu ruhen. Dieses Nichts und dieses erkannte Elend ist das Mittel, durch welches der Herr in deiner Seele Wunder wirkt. Hülle dich in dieses Nichts und in diese Armut, und sorge, dass dieses Nichts und dieses Elend deine fortwährende Nahrung und Wohnstätte ist, bis du gänzlich vernichtet bist; und dann darfst du fest versichert sein, dass wenn du auf diese Weise das Nichts geworden bist, der Herr in deiner Seele das Alles sein wird.

Warum, denkst du, hindern unzählige Seelen den überquellenden Strom göttlicher Gaben? Nur deshalb, weil sie wünschen, etwas zu tun, und das Verlangen haben groß zu sein. All dies führt sie aber heraus aus der innerlichen Demut und aus ihrem eigenen Nichts, und dadurch verhindern sie die Wunder, welche die göttliche Güte in ihnen wirken mochte. Sie klammern sich an die geistigen Gaben, und bleiben daran haften, um aus dem Zentrum des Nichts herauszukommen. Dadurch verderben sie aber (las ganze Werk. Sie suchen Gott nicht in Wahrheit, und finden ihn deshalb nicht. Denn du musst wissen, dass er nur durch Unterschützung unseres eigenen Selbst und im Nichts gefunden werden kann.

Wir suchen uns selbst, sooft wir aus unserem Nichts herausgehen, und deshalb gelangen wir niemals zur stillen und vollkommenen Beschaulichkeit. Krieche hinein, so weit du immer kannst, in die Wahrheit deines Nichts, und dann wird dich nichts beunruhigen. Ja du wirst demütig und beschämt sein, da du öffentlich Ansehen und Achtung verlierst. = O was für eine starke Schutzwehr wirst du In diesem Nichts finden: Wer kann dir je Beschwerde verursachen, wenn du dich einmal in diese Festung zurückziehst? Denn die Seele, weiche von sich selbst verachtet und von sich selbst als Nichts erkannt wird, kann von niemand Unrecht oder Kümmernis empfangen. Die Seele, welche in ihrem Nichts bleibt, und innerlich still ist, lebt ergebungsvoll in jeder Widerwärtigkeit, da sie solche für geringer hält als sie verdient. Sie meidet den Argwohn gegen ihren Nächsten, schaut niemals auf anderer Menschen Fehler, bloß auf ihre eigenen. Sie ist frei von zahllosen Unvollkommenheiten, und wird zum Herrscher über hohe Tugenden.

Wahrend die Seele still und ruhig verharrt in ihrem Nichts, macht sie dasselbe vollkommen und bereichert sie. Der Herr prägt ihr sein eigenes Bild und Gleichnis ein, ohne dabei ein Hemmnis zu finden. Durch das Nichts musst du dahin kommen, dich in Gott zu verlieren, welches die letzte Stufe der Vollkommenheit ist. Und wenn du dich so zu verlieren weißt, wirst du glücklich sein. Du wirst dich selbst gewinnen und dich ganz sicherlich finden. In dieser Werkstätte des Nichts wird die Einfalt erzeugt, innerliche und eingeflösste Sammlung gefunden, Ruhe erlangt und das Herz von jeglicher Art Unvollkommenheit gereinigt. O welch einen Schatz wirst du entdecken, wenn du einmal deine Wohnung aufschlägst im Nichts: Und wenn du einmal recht warm im Zentrum des Nichts liegst, so wirst du dich niemals um etwas kümmern, das außerhalb ist (welches die große, hässliche und breite Stufe ist, woran sich so viele Tausend Seelen stoßen), falls du, nicht durch deine Pflicht dazu berufen bist.

Wenn du dich nur im Nichts einschließest (wo die Wechselfälle des Geschicks keinen Zutritt haben), so wird dich nichts beängstigen oder deinen Frieden stören. Dies ist der Weg, die Herrschaft über dich selbst zu gewinnen, weil die völlige und wahrhaftige Herrschergewalt allein im Nichts regiert. Mit dem Helm des Nichts bist du gewappnet gegen heftige Versuchungen und die schrecklichen Einflüsterungen des boshaften Feindes. So du erkennst, dass du nichts bist, nichts tun kannst, und soviel wie nichts wert bist, wirst du passive Trockenheit ruhig willkommen heißen. Du wirst schreckliche Verlassenheit ertragen und dich geistigen Martyrien und innerlichen Qualen unterziehen. Vermittelst dieses Nichts musst du in dir selbst sterben, auf vielerlei Art, jederzeit und zu allen Stunden.

Wer vermöchte die Seele aus diesem süßen und angenehmen Schlaf zu erwecken, wenn sie einmal im Nichts zur Ruhe gekommen ist? Dies ist der Weg, auf welchem David zur völligen Vernichtigung gelangte, ohne es zu wissen (Psalm 17). Im Nichts verharrend, wirst du die Tür gegen alles verschließen, was nicht Gott ist. Du wirst dich auch von deinem eigenen Selbst zurückziehen, und jener innerlichen Einsammlung entgegengehen, wo der göttliche Bräutigam in dem Herzen seiner Braut spricht, sie hohe und göttliche Weisheit lehrend. Ertränke dich selbst in diesem Nichts, und du wirst darin eine heilige Zufluchtsstätte gegen jegliches Unwetter finden.

Auf diesem Wege sollst du zurückkehren zu dem glücklichen Stande der Unschuld, dessen unsere ersten Eltern verlustig gingen. Durch diese Pforte sollst du in das gesegnete Land der Lebendigen eingehen, wo du das höchste Gut, den Reichtum der Liebe, die Schönheit der Rechtschaffenheit, die gerade Bahn der Billigkeit und Gerechtigkeit, und alles in allem, nämlich die Vollkommenheit, finden wirst. Endlich, schaue nach nichts aus, verlange nichts, wolle nichts, bemühe dich um nichts; und dann wird deine Seele (in allem zur Ruhe gekommen) still und voller Freude leben. Dies, dies ist der Weg, Reinheit der Seele, vollkommene Beschauung und innerlichen Frieden zu erlangen. Wandle daher diesen sicheren Pfad und versuche, dich selbst in diesem Nichts zu begraben, dich selbst zu verlieren und tief darin zu versinken. Doch musst du den Willen haben, vernichtet, vereinigt und umgestaltet zu werden. 

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Teil II  Kapitel XIX - Von dem hohen Glück Innerlichen Friedens und dessen wunderbaren Wirkungen.

Wenn die Seele einmal vernichtet und in völliger Nacktheit (Selbstentäußerung) erneuert worden ist, so erfährt sie in ihrem oberen 'feil einen tiefen Frieden und ei ne süße Ruhe, weiche sie zu einer so vollkommenen Liebesvereinigung führt, dass sie gänzlich von Freude durchdrungen wird. Solch eine Seele ist schon zu so hohem Glücke gelangt, dass sie sonst nichts mehr will noch begehrt, als was ihr Geliebter will. Sie stimmt in allen Füllen, im Hochgefühl des Glücks wie im Leide der Bedrängnisse, mit diesem Willen überein, und findet auch ihre Freude daran, in allem nach seinem göttlichen Wohlgefallen zu handeln.

Da gibt es nun nichts mehr, was sie nicht erquickte; noch verlangt sie etwas, was sie nicht wohl verlangen dürfte. Sterben ist ihre Lust, und Leben ihre Freude. Sie ist ebenso zufrieden hier auf Erden, wie sie es im Paradiese sein könnte. Sie ist nicht weniger frohgemut bei Entbehrung als im Besitze; in Krankheit als in Gesundheit; weil sie weiß, dass dies der Wille des Herrn ist. Dieser ist ihr Leben, ihr Ruhm, ihr Paradies, Ihr Friede, ihr Ort des Ausruhens, ihre Ruhe, ihr Trost und ihre höchste Glückseligkeit.

Eine solche Seele, welche durch die Stufe der Vernichtigung die Region des Friedens erreicht hat, würde (wenn sie wählen könnte) die Verlassenheit der Tröstung und die Verachtung der Ehre vorziehen, weil sie weiß, dass solches ihrem liebreichen Jesus mehr gefällt.

Sie hat nun keinen Hunger mehr nach den himmlischen Dingen, keinen Durst nach Gott, keine Furcht ihn zu verlieren, keine Trauer des Herzens und Kampf mit dem Bösen. Denn nun haben sich alle Dinge verändert, und der Hunger ist verwandelt in Sattheit, der Durst in Befriedigung, die Furcht in Sicherheit, die Traurigkeit in Freude, das Weinen in Lachen und der wilde Kampf in den höchsten Frieden.

O glückliche Seele, die du auf Erden schon ein so hohes Glück genießest: Wisse, dass diese Art Seelen (obgleich es nur wenige sind) die stärksten Säulen sind, welche die Kirche tragen und den göttlichen Zorn niederhalten. Diese Seele, welche in den Himmel des Friedens eingegangen Ist, sieht sich erfüllt von Gott und seinen übernatürlichen Gnadengaben. Weil sie auf die reine Liebe gegründet ist, hat sie gleiches Gefallen an Licht und Dunkelheit, an Nacht und Tag, an Betrübnis und Erquickung. Durch diesen heiligen und himmlischen Gleichmut verliert sie niemals ihren Frieden, auch nicht im Missgeschick. Sie verliert ihre Ruhe auch nicht in Quälereien, sondern sieht sich voll von unaussprechlichen Gefühlen der Wonne.

Und wenn auch der Fürst der Finsternis alle Stürme der Hölle mit schrecklichen Anfechtungen gegen sie entfesselt, so bietet sie ihnen doch Trotz und steht fest gleich einer starken Säule. Es geschieht ihr dadurch nicht mehr, als was einem hohen Berg und tiefen Tal während einem Sturm und Unwetter widerfahren kann.

Das Tal ist verdunkelt durch dicke Wolken, wildtobende Hagelschauer, Donnerschlag und Blitz, dass es ein Anblick ist gleich dem Bild der Hölle. Zur gleicher Zeit aber ist der Gipfel des Berges überflutet von hellem Sonnenglanz, und bietet einen Anblick von feierlicher und erhabener Ruhe.

Das gleiche geschieht dieser gesegneten Seele. Das Tal des unteren "feil erleidet Trübsal, Kämpfe, Finsternis, Verlassenheit, Qualen, Martyrien und Einflüsterungen. Zu derselben Zeit ergießt die wahre Sonne ihre Strahlen über den erhabenen Berg des oberen Teils der Seele, entzündet und erleuchtet ihn, und so wird er hell, friedvoll, glänzend, ruhig, heiter und ein lauterer Ozean der Freude.

Die Ruhe dieser reinen Seele, welche auf den Berg der Gelassenheit gelangt ist, ist so groß, dass ein Abglanz und Widerschein des Göttlichen sogar in ihrem Äußern zum Ausdruck kommt. 5o geht es auch mit dem Frieden ihres Geistes und der Fröhlichkeit ihres Innern.

Denn auf dem Throne der Ruhe werden die Vollkommenheiten geistiger Schönheit offenbar; als da sind das wahre Licht der geheimen und göttlichen Mysterien unseres heiligen Glaubens, die vollkommene Demut, die umfassendste Entsagung, die Keuschheit, die Armut des Geistes, die Aufrichtigkeit und Unschuld der 'raube, die äußere Bescheidenheit, Schweigsamkeit und innerliche Einsamkeit; Freiheit und Herzensreinheit. Dazu gehört auch das Vergessen aller erschaffenen Dinge, frohe Einfalt, himmlische Gleichgültigkeit, beständiges Gebet, eine gänzliche Selbstentäußerung, vollkommene Uneigennützigkeit, eine sehr weise Beschaulichkeit, himmlischer Verkehr, und endlich der erhabenste und heiterste innere Friede, von welchem diese glückliche Seele sagen kann, was der Welse von der Weisheit sprach: "Es kamen aber zugleich mit ihr alle anderen Güter in meinen Besitz, und ungezählten Reichtum brachte sie mit" (Weish.7,ll).

Dieses ist der reiche und verborgene Schatz; dies der verlorene Groschen des Evangeliums, dies das gesegnete Leben, das glückliche Leben, das wahrhaftige Leben und die Seligkeit auf Erden. O du liebliche Größe, die du übertriffst das Wissen der Söhne der Menschen: O vortreffliches, übernatürliches Leben, wie wundervoll und unbeschreiblich bist du. Du bist das Abbild der Seligkeit selbst: Wie erhebst du die Seele vom irdischen, welche durch dich alle Nichtigkeiten der Erde aus dem Auge verliert: Du bist arm anzuschauen, aber innerlich voller Reichtum. Du erscheinst niedrig, stehst aber außerordentlich hoch. Kurzum, du bist dasjenige, was die Menschen schon hienieden dazu bringt, ein göttliches Leben zu führen. Gib mir, o Herr, du größte Güte, einen vollgemessenen Teil dieses himmlischen Glücks und wahren Friedens, welches die Welt, sinnlich wie sie ist, weder verstehen noch empfangen kann.

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Teil II  Kapitel XX - Ein Klageruf und schmerzlicher Seufzer zu Gott, wegen der geringen Anzahl von Seelen, welche zur Vollkommenheit, liebenden Vereinigung und göttlichen Umwandlung gelangen.

O göttliche Majestät, in deren Gegenwart die Säulen des Himmels zittern und beben: O du gütige, mehr als unendliche Macht, in deren Liebe die Seraphe brennen: Gib mir, o Herr, die    Erlaubnis, unsere Blindheit und Undankbarkeit zu beklagen. Wir alle leben in Irrtümern, und verlassen dich, der du unser lassen dich, die Quelle lebendigen den Schmutzes der Welt willen. O wir Kinder der Menschen! Wie lange noch wollen wir der Lüge und Eitelkeit nachlaufen? Wer ist es, der uns so in die Irre geführt hat, dass wir Gott, unser höchstes Gut, verlassen sollten? Wer verkündet uns mehr Wahrheit? Wer liebt uns am meisten? Wer verteidigt uns am meisten? Wer erweist sich mehr als Freund, bezeugt sich zärtlicher als ein Bräutigam, und besser als ein Vater? Sollte unsere Blindheit denn so groß sein, dass wir alle diese größte und unendliche Güte verlassen sollten? O göttlicher Herr; wie wenige Seelen gibt es in der Welt, welche dir in Vollkommenheit dienen: Wie gering ist die Zahl derer, welche willig sind, dem gekreuzigten Christus nachzufolgen, das Kreuz zu umfangen und sich selbst zu verleugnen und zu verdammen! 

O wie klein ist die Schar der Uneigennützigen und vollkommen Entblößten! Wie wenige sind jener Seelen, die sich selber tot, doch für Gott lebend, und seinem göttlichen Wohlgefallen gänzlich dahingegeben sind! Wie wenige sind, welche mit einfältigem Gehorsam, tiefer Selbsterkenntnis und wahrer Demut geschmückt sind! Wie groß ist der Mangel an Seelen, welche mit gänzlicher Gleichgültigkeit sich in Gottes Hände geben, auf dass er mit ihnen tue was ihm gefällt. Wie wenig reine Seelen mit einfältigem und selbstlosem Herzen gibt es, welche alles eigene Verstehen, Wissen, Begehren und Wollen von sich werfen, und nur nach Selbstverleugnung und dem geistigen Tode trachten! Wie gering ist die Zahl der Seelen, welche zulassen wollen, dass der göttliche Schöpfer in ihnen ein Gemüt schaffe, um zu leiden und zu sterben: Wie wenige Seelen wollen sich selbst vergessen, wollen ihr Herz frei machen von eigenen Liebhabereien, von Wünschen, Genugtuungen und eigener Liebe. Wenige sind gewillt, sich auf der Heerstrasse der Selbstverleugnung und des innerlichen Weges führen zu lassen, sich vernichten zu lassen, sich selbst und ihren Sinnen abzusterben. Wenige sind bereit, innerlich leer, geläutert und entkleidet zu werden, damit Gott sie erfüllen, kleiden und vollkommen machen möge! Mit einem Wort; wie klein, o Herr, ist das Häuflein derer, die blind, taub, stumm und vollkommen beschauend sind!

Schande über uns, den Kindern Adams, die wir um einer schlechten Sache willen wahres Glück verachten; die wir unser größtes Gut, den reichen Schatz und die unendliche Güte verscherzen!  Große Ursache hat der Himmel zu klagen, dass so wenige Seelen sind, welche seinem köstlichem Pfade folgen wollen. "Die Strassen Zions sind verödet, weil niemand zum Feste kommt." (Klagel.1,4).


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