Aktualisiert am: 10.05.2007
'Briefwechsel zwischen Jesus und Abgarus Ukkama von Edessa'
Wiederoffenbarung eines verschollenen Briefes Jesu
Niederschrift nach wörtlichem innerem Diktat an :Jakob Lorber (27.03.1845-18.12.1846)
Vorwort nach 7. Aufl. 1978, Lorber-Verlag
|
3.
Antwort Jesu durch denselben Boten des Königs innerhalb zehn Tagen 4.
Brief des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem dritten geschrieben 6.
Brief des Abgarus an Jesus, zehn Wochen später geschrieben 6.
Antwort Jesu durch einen Jünger an Abgarus 7.
Letzte Antwort Jesu an Abgarus
Über
die Echtheit des Inhaltes und die Geschichtlichkeit des Briefwechsels
(gekürzte Wiedergabe des Vorwortes des Lorber-Verlags)
Zu
den frühchristlichen, 'apokryphen' (kirchlich nicht offiziell
anerkannten) Dokumenten zählt der Briefwechsel zwischen Jesus und Abgar
Ukkama, dem Fürsten von Edessa... Es steht geschichtlich fest, daß ein
König namens Abgar V. Ukkama als 15. König das Königreich Osrhoene
regiert hat. Und zwar leitete er nach der Chronik der Edessa zweimal die
Geschicke seines Landes als Landesfürst: zunächst vom Jahre 4 v. Chr.
bis zum Jahre 7 nach Christus, und zum zweiten Male vom J. 13 n. Chr.
bis 50 nach Chr. (Vgl. Gutschmid, Untersuchungen über die Geschichte
des Königreiches Osrhoene. Mem. der Akad. v. St. Petersburg. - Dict. Theol.
Cath. Bd. I. Spalte 67. Stichwort
"Abgar" v. J. Parisot.) ...
Des
Königs Beiname war Ukkama, oder besser ukhama, d. h. der
"Schwarze". Im Griechischen wurde daraus Ouchama oder Ouchaniäs.
(Vgl. Assemani, Bibliotheca orientalis. Rom, 1719. Bd. I. Spalte 420.) Die
Geschichtlichkeit des Briefwechsels zwischen Christus und König Abgar
wird von den meisten kirchlichen Schriftstellern als unhaltbar
abgelehnt. So z. B. schreibt Edgar Hennecke in "Neutestamentliche
Apokryphen", 2. Aufl., Tübingen, Mohr, 1924, S.2: "Jesus
selbst hat keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Erst eine
Lokallegende des 3.Jahrhunderts hatte einen Briefwechsel
zustandegebracht, in dem der Heiland als Verfasser auftritt. Diese
Behauptung kann sich berufen auf das sog. Decretum Gelasianum, das der
fränkischen Kirche entstammt und eine Liste der 'aufzunehmenden und
nicht aufzunehmenden Bücher' enthält. Das Decretum ordnet den
Briefwechsel ein in die Liste der nicht aufzunehmenden apokryphen Bücher.
Diese Ablehnung gründet sehr wahrscheinlich auf der Ansicht des
Kirchenlehrers Augustinus, echte Jesusbriefe gebe es nicht. (Vgl.
Augustinus, Contra Faust. 28,4; De Consensu evangelistarum I,7,11.) ...
In
der syrischen Kirche galt die Tradition vom Briefwechsel Jesu mit Abgar
als eine unbestreitbare Tatsache. Dokumente aus frühchristlicher Zeit
berichten davon. Die syrische Liturgie erwähnt den Briefwechsel als
eine geschichtliche Gegebenheit. Die "Doctrina Addai",
wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert, übernimmt die alte Tradition und
weitet sie aus. Bemerkenswert ist auch, daß es in Edessa bereits vor
dem Jahre 170 eine bedeutende Christengemeinde gab. Es müssen also
dorthin bereits sehr früh christliche Glaubensboten gekommen sein, die
dort offene Herzen für die Lehre Jesu Christi fanden. (Vgl. Bibliotheca
Orientalis. Bd. I. Spalte 393; sowie: Dict. Thel. Cath. Bd. I. Spalten
68-72.) - Rubens Duval weist auch in seiner "Histoire politique,
religieuse et litteraire d'Edesse (Extrait du Journal asiatique, Paris,
1892, S. 81) darauf hin, daß die alte Tradition vom Briefwechsel Jesu
mit Abgar stets ein weites Echo im Orient gefunden hat. Der
hervorragendste Zeuge für die Echtheit des Briefwechsels Jesu mit Abgar
ist jedoch Eusebius von Cäsarea (gest. 339)... Eusebius gilt als der
große Geschichtsschreiber des christlichen Altertums... Sein Hauptwerk
ist seine zehn Bücher zählende Kirchengeschichte von der Gründung der
Kirche bis zum Siege Konstantins über Licinus (324)... Die
Kirchengeschichte wurde wohl noch im 4.Jahrhundert ins Syrische und
danach später ins Armenische übersetzt. 403 fertigte Rufinus eine
lateinische Übersetzung an und führte die Darstellung bis 395
fort." (Berthold
Altaner, Patrologie. Freiburg
i. Br., Herder, 1938. S. 141-143.). Dieser
hervorragende Geschichtskenner Eusebius von Cäsarea ... gibt einen
eingehenden Bericht über den Briefwechsel Jesu mit König Abgar.
Eusebius schreibt am Ende des I. Buches seiner Kirchengeschichte (Migne,
Patr. Graeca 20, 121-124. 136. 137.), er habe diesen Briefwechsel in den
Archiven der Stadt Edessa gefunden. In dieser königlichen
Urkundensammlung seien die geschichtlichen Schriftstücke über die
Ereignisse der Stadt Edessa und über die Regierungszeit des Königs
Abgar aufbewahrt. Er habe mit großer Sorgfalt den Briefwechsel Jesu mit
Abgars aus dem Syrischen ins Griechische übertragen. Diesem
Bericht läßt Eusebius die Übersetzung der zwei ersten Briefe folgen
(die nachfolgend aufgeführt sind, d. Vf.)... Eusebius fügt den beiden
Briefen einen Bericht über die Missionstätigkeit eines Thaddäus (oder
Addäus) bei, der einer der 12 Jünger Jesu gewesen sei, und vom Apostel
Judas oder Thomas nach Edessa gesandt worden sein, um dort das
Evangelium zu verkünden. Dieser Thaddäus habe den König Abgar in der
Lehre Christi unterrichtet, ihn geheilt, und dann das Evangelium mit
solcher Macht verkündet, daß ein großer Teil des Volkes sich bekehrt
habe. Diese
Einzelheiten sind auch berichtet in der sog. Doctrina Addai. Diese in
syrischer Sprache verfaßte Schrift enthält auch die beiden ersten
Briefe Abgars und Jesu; fügt aber noch den Bericht einer Überlieferung
hinzu, nach der ein Bote Abgars für seinen König ein Bild Jesu
verfertigt habe. ...
Leider
sind die alten Schriftstücke des königlichen Archivs von Edessa,
vielleicht durch Kriegseinwirkungen, verloren gegangen. Nun
ist... der gesamte Briefwechsel Jesu mit Abgar dem 'Schreibknecht'
Gottes, Jakob Lorber, durch das 'Innere Wort' diktiert worden... Die
beiden nachfolgenden ersten Briefe sind keine Übersetzung eines
vorhandenen Textes, sei es in syrischer, in griechischer oder in
lateinischer Sprache. Der (an Lorber) diktierte deutsche Text erweist
sich als ein ursprüngliches Schriftwerk, das mit den übrigen,
verlorengegangenen, - durch das Diktat des Herrn an Lorber aber wieder
vorliegenden, - Briefen ein Ganzes bildet.... Der Text der diktierten
Briefe stimmt mit dem griechischen Text der Briefe nach Eusebius am
genauesten überein. Der Text der "Doctrina Addai" weist
dagegen ergänzende Satzteile auf. Der
Inhalt des Briefwechsels ist wie ein Evangelium in kürzester Form. Die
Briefe Jesu enthalten die wichtigsten Lehren Seiner Heilsbotschaft und
eine geniale kurze Darlegung unserer Erlösung durch Seinen Opfertod. 1.
Brief des Abgarus an Jesus
br1,01]
Abgarus, Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der in dem Lande um
Jerusalem erschienen ist, alles Heil! br1,02]
Ich habe von Dir gehört und von Deinen Gesundmachungen, wie Du sie ohne
Arzneimittel und Kräuter verrichtest. Denn die Rede geht, daß Du die
Blinden sehen, die Lahmen gehen machst, daß Du die Aussätzigen
reinigst, die unreinen Geister austreibst und diejenigen heilst, die mit
langwierigen Krankheiten kämpfen, und endlich sogar die Toten
auferweckst. br1,03]
Nachdem ich alle diese Dinge von Dir gehört habe, so habe ich demnach
bei mir selbst geschlossen, eines von beiden müsse wahr sein: entweder
Du seiest Gott, vom Himmel herabgekommen - oder Du, der diese Dinge tut,
seiest doch zum wenigsten ein Sohn des großen Gottes! br1,04]
Ich ersuche dich daher durch dieses Schreiben, dich zu mir zu bemühen,
um die Krankheit, die ich habe, zu heilen! br1,05]
Ich habe auch gehört, daß die Juden wider Dich murren und Dir Böses
zufügen wollen. - Ich aber habe eine zwar kleine, aber wohlgeordnete
Stadt, welche für uns beide hinreichend sein wird. Daher komme Du, mein
überaus hochgeachtetster Freund Jesus zu mir und bleibe bei mir in
meiner Stadt und in meinem Lande! Da sollst Du von jedermann auf den Händen
und im Herzen getragen sein! - Ich erwarte Dich mit der größten
Sehnsucht meines Herzens! br1,06]
Gesandt durch meinen getreuen Knecht Brachus. 1. Antwort
Jesu an Abgarus
an1,01]
Abgarus, du bist selig, weil du Mich nicht gesehen und doch - Glauben
hast! Denn siehe, es steht von Mir geschrieben, daß die, welche Mich
gesehen haben, nicht an Mich glauben werden, auf daß die, welche Mich
nicht gesehen haben, glauben und leben mögen in Ewigkeit! an1,02]
Was aber das betrifft, darum du Mir schriebst, daß Ich solle zu dir
kommen, da Ich hier im Judenlande verfolgt werde, da sage Ich dir: Es
ist nötig, daß alles das, um dessentwillen Ich in die Welt gekommen
bin, an diesem Orte an Mir erfüllt werde, und daß Ich, nachdem dies
alles in der Kürze an Mir erfüllt sein wird, zu Dem aufsteigen werde,
von dem Ich ausgegangen bin von Ewigkeit. an1,03]
Sei aber geduldig in deiner leichten Krankheit! So Ich in den Himmel
werde aufgenommen sein, da werde Ich einen Jünger zu dir senden, damit
er deine Krankheit heile und dir und allen, die bei dir sind, die wahre
Gesundheit gebe! an1,04]
Geschrieben durch Jakobus, einen Jünger des Herrn Jesu Christi, und aus
der Gegend von Genezareth übersandt durch Brachus, des Königs Boten. an1,05]
Bald darauf, als Abgarus vom Herrn Jesus diese überhimmlische Antwort
erhalten hatte, begab es sich, daß dieses Königs ältester Sohn und
Thronfolger in eine tödliche Fieberkrankheit verfiel, zu der alle Ärzte
in Edessa sagten, daß sie unheilbar sei. Das brachte den armen Abgarus
nahe zur Verzweiflung. In solcher seiner übergroßen Betrübnis schrieb
er abermals an den guten Heiland. br2,01]
Abgarus, ein armseliger Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande, der
erschienen ist in dem Lande um Jerusalem, alles Heil und alle Ehre
Gottes! br2,02]
O Jesus, Du guter Heiland! Siehe, mein ältester Sohn, der Thronerbe,
der sich mit mir über die Maßen auf Deine Ankunft in meiner Stadt
freute, ist todeskrank geworden. Ein böses Fieber hat sich seiner bemächtigt
und droht, ihn in jedem Augenblicke zu töten! - Ich aber weiß, wie es
mir der Bote beteuert hat, daß Du derlei Kranke ohne Arznei bloß durch
Wort und Willen in die Ferne heilst! O Jesus, Du guter Heiland, Du
wahrhaftiger Sohn des allerhöchsten Gottes, der Du solches sicher bist
- lasse also meinen Sohn, der Dich so sehr liebt, daß er für Dich
sogar in den Tod gehen möchte, wieder gesund werden durch Deines
Willens mächtiges Wort! br2,03]
O Jesus, Du guter Heiland! bescheide mich, der ich auch krank bin, nur
diesmal nicht auf die Zeit nach Deiner mir verkündeten Himmelfahrt!
Sondern helfe, helfe, helfe sogleich meinem Sohne! br2,04]
Geschrieben in meiner Stadt Edessa, übersandt durch den früheren
getreuen Boten. 2. Antwort
Jesu an Abgarus
an2,01]
Abgarus, groß ist dein Glaube! Und darum könnte es mit deinem Sohne
wohl besser werden. Aber da Ich bei dir Liebe gefunden habe mehr als in
Israel, so will Ich dir auch mehr tun, als so Du nur allein geglaubt hättest! an2,02]
Siehe, Ich, der Herr von Ewigkeit, nun ein Lehrer der Menschen und ein
Befreier vom ewigen Tode, werde deinem Sohne das ewige Leben schenken
vor Meiner Auffahrt, da er Mich, ungesehen und ungekannt, vor Meinem
bevorstehenden Leiden für alle Menschen aus seinem ganzen Herzen
geliebt hat. Und so wirst du, Mein lieber Abgarus, wohl deinen Sohn dem
Leibe nach verlieren in der Welt, aber dem Geiste nach tausendfach
gewinnen in Meinem ewigen Reiche! an2,03]
Glaube aber ja nicht, daß dein Sohn, so er stirbt, im Ernste sterben
wird! - Nein, nein! Sondern wann er stirbt, da erst wird er erwachen vom
Todesschlaf dieser Welt zum wahren, ewigen Leben in Meinem Reiche,
welches ist geistig und nicht leiblich. an2,04]
Darum lasse dich nicht betrüben in deiner Seele! Denn siehe, höre und
- schweige: Ich allein bin der Herr, und außer Mir ist keiner mehr!
Darum tue Ich frei, was Ich tue. Und niemand kann zu Mir sagen: tue das
oder tue das nicht! an2,05]
Was Ich aber nun tue und zulasse - daß Ich wie ein schwacher Mensch
verfolgt werde - das habe Ich schon ehedem vorgesehen, bevor noch die
Erde gegründet war und eher, als Sonne, Mond und Sterne vom Himmel
herab der Erde leuchteten. Denn Ich ging eben darum aus von Meinem
Vater, der in Mir ist wie Ich in Ihm! Der Vater aber ist der Höchste.
Denn Er ist Meine Liebe, Mein Wille. Der Geist aber, der aus Mir und dem
Vater gehet, wirkend von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist das Heiligste. Und
das alles bin Ich, der dir nun solches offenbaret! an2,06]
Darum betrübe dich nicht, da du nun weißt, wer Der ist, der dir
solches veroffenbaret hat! Schweige jedoch davon bis dahin, da Ich werde
am Pfahl (Kreuz d. Vf.) erhöhet werden von den Juden, wovon dir, sobald
es geschieht, Kunde wird. Denn sonst (wenn du unzeitig redest) würde
die Welt vor der Zeit fallen. an2,07]
In den nächsten Tagen aber wird ein armer Jüngling in deine Stadt
kommen. Diesen nehme auf, so wirst du darob Mein Herz erfreuen - und tue
ihm Gutes darum, daß Ich deinem Sohne eine so große Gnade erweise und
ob seiner Liebe ihn vor Mir dahin gehen lasse, wo Ich hingehen werde
nach der Erhöhung am Pfahle. - Amen. an2,08]
Geschrieben zu Kana in Galiläa durch den Jünger Johannes und übersandt
durch des Königs Boten. 3. Brief
des Abgarus an Jesus
br3,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande, der im
Lande um Jerusalem erschienen ist, alles Heil in Ewigkeit! br3,02]
Aus Deinem herrlichen Gnadenbriefe, den Du, o Herr Herr Gott von
Ewigkeit, mir bestaubtem Wurme vor diesem meinem jetzt an Dich
gerichteten Schreiben zu meinem und meines Sohnes übergroßem Troste
allergnädigst zugesandt hast, habe ich klarst ersehen, daß in Dir die
höchste Liebe wohnen muß. Denn sonst wäre es rein unmöglich, daß
Du, als der alleinige Herr aller Himmel wie dieser Erde, mir, einem Wurm
vor Dir, meines Dich über alles liebenden Sohnes wohlgedenkend, einen
so allmächtig wirkenden Trost hättest können zukommen lassen! - Ich
kann Dir, o Herr, dafür doch wohl nichts anderes tun als, vor Deinem
allerheiligsten Namen in den Staub meiner Nichtigkeit sinkend, Dir
meinen und meines Sohnes Dank darbringen. Nimm diesen unsern heißesten
Dank als ein Pfand unserer innigsten Liebe gnädigst an und gedenke
unser allezeit in Deiner für mich unbegreiflichen Milde! br3,03]
Meines sehr kranken Sohnes Liebe zu Dir hat mir ein liebes Begehren nach
Dir vor ein paar Tagen kundgetan. Herr, vergib es mir, so ich es Dir
durch dieses Schreiben wieder kundtue! - Wohl weiß ich es, daß Dir
unsere Gedanken schon eher bekannt sind, als ich und mein Sohn sie nur
gedacht haben. Aber demungeachtet schreibe ich Dir, wie man einem
Menschen schreibt, und tue das nach dem Rate jenes von Dir mir
anempfohlenen armen jungen Menschen, der sich nun schon bei mir,
bestgehalten, befindet und mir sagte, daß jedermann also zu Dir kommen
müsse, der von Dir etwas erhalten will. br3,04]
Dieser junge Mensch gab vor, Dich gesehen zu haben. Er hat zwar eine
sehr einfache, aber sonst, wie es mir vorkommt, sehr richtige und
treffende Darstellungsgabe. Dieser junge Mensch, seiner Fähigkeit
zufolge mir sehr teuer, beschrieb uns jüngst zu unserer größten
Freude Deine Gestalt auf eine so anschauliche Weise, daß ich und mein
Sohn, der noch lebt, aber wohl schon höchst schwach ist, Dich förmlich
zu sehen glaubten. In meiner Stadt aber lebt ein sehr großer Künstler
in der Malerkunst. Dieser malte mir sogleich nach der Darstellung des
jungen Menschen Deinen Kopf mit der Brust. Mich und meinen Sohn überraschte
dieses Bild um so höchst erfreulicher, als mir der arme junge Mensch
beteuerte, daß Du, o Herr, gerade also aussehest! br3,05]
Darum aber habe ich nun auch diese Gelegenheit benützt, durch den
treuen Überbringer dieses meines gebührenden Dankschreibens Dir Dein
eigen Bild zu übersenden, auf daß Du es selbst besehen und mir dann
durch den Boten kundtun möchtest, ob dieses Bild Dir wohl gleichsieht? br3,06]
O Herr Jesus, Du guter Heiland aller Menschen, zürne uns ja nicht
darob! Denn nicht eine verächtliche Neugierde, nein, sondern reine, übergroße
Liebe zu Dir trieb uns dazu, uns dies allerteuerste Kleinod unseres
Herzens also anfertigen zu lassen, auf daß wir von Dir uns doch
irgendeine Vorstellung machen können, der Du unsere Herzen bis in die
tiefste Tiefe mit Deiner Liebe erfüllt hast und bist geworden unser größter
Reichtum, unser größter Trost und unseres Herzens köstlichster
Brautschmuck im Leben und im Tode! br3,07]
O Herr, höre ja nimmer auf, unser in Deinem Herzen zu gedenken! - Dein
für uns heiliger Wille geschehe! 3. Antwort Jesu durch denselben Boten des Königs innerhalb zehn Tagenan3,01]
Meinen Segen, Meine Liebe und Meine Gnade dir, Mein geliebter Sohn
Abgarus! an3,02]
Ich sage hier in Judäa wohl oft zu denen, welchen Ich von allerlei Übeln
des Leibes geholfen habe: "Siehe, das hat dir dein Glaube
getan!" - Aber noch keinen habe ich gefragt: "Liebst du
Mich?" Und noch keiner hat es mir aus der Tiefe seines Herzens
gesagt: "Herr, ich liebe dich!" an3,03]
Du aber glaubtest schon lange zuvor, ohne Mich gesehen zu haben, daß
Ich der Alleinige bin. Und nun liebst du Mich schon wie einer, der schon
lange wiedergeboren ist aus dem Feuer des Geistes. an3,04]
O Abgarus! Abgarus! Wüßtest du und könntest du es fassen, wie sehr
Ich dich darum liebe und welch eine große Freude du Meinem ewigen
Vaterherzen machest - dich würde die zu große Seligkeit erdrücken, so
daß du nimmer leben könntest! an3,05]
Sei aber standhaft bei allem, was du mit der Zeit von den bösen Juden
über Mich hören wirst, die Mich bald in die Hände der Henker übergeben
werden. So du aber das hören wirst und wirst dich nicht darob ärgern,
so wirst du geistig nach deinem Sohne der Erste sein, der lebendigen
Anteil an Meiner Auferstehung vom Tode haben wird. an3,06]
Wahrlich, wahrlich Ich sage dir: Die da glauben Meiner Lehre, daß sie
von Gott ausgegangen ist, die sollen auferwecket werden am jüngsten
Tage, allda ein jeder sein rechtes Gericht finden wird. Aber die Mich
wie du lieben, die werden den Tod nimmer schmecken! Sondern wie da ist
der schnellste Gedanke, also schnell auch werden sie aus diesem Leben
des Leibes in das allerhellste ewige Leben verklärt werden und werden
Wohnung nehmen bei Mir, ihrem Vater von Ewigkeit. Solches behalte jedoch
sorgfältig bei dir geheim, bis Ich werde auferstanden sein! an3,07]
Dann aber wird alsbald ein Jünger zu dir kommen, wie Ich dir schon im
ersten Briefe verheißen habe, und wird, bis auf deinen Sohn, der vor
Mir ohne Schmerz in Mein Reich gehen wird, dich und dein ganzes Haus
gesund machen leiblich und geistig. an3,08]
Ob der Ähnlichkeit zwischen Meiner Außengestalt und deinem Mir durch
deinen Boten zugesandten Bilde wird dich dein Bote, der Mich nun schon
zum dritten Male sah, auf das getreueste benachrichtigen. Wer ein Bild
in deiner Absicht von Mir will, dem sei es keine Sünde! Denn da
erduldet die Liebe ja alles. Aber wehe denen, die Mich zu einem Götzen
gestalten werden!- Halte aber auch dieses Bild geheim! an3,09]
Geschrieben in Judäa durch Meiner Jünger einen, der Meinem Herzen nahe
ist, und übersandt wieder durch denselben Boten. an3,10]
Mein Heil deinem Hause! - Amen. 4. Brief
des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem dritten geschrieben
br4,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande alles
Heil, der im Lande um Jerusalem erschienen ist und nun verfolgt wird von
einem Ende zum andern durch die dummen, blinden Juden, die nicht
erkennen das heilige Urlicht, die Sonne der Sonnen in ihrer Mitte! br4,02]
O Du mein guter Heiland Jesus! Nun ist in Wirklichkeit geschehen an
meinem lieben Sohne, was Du, o Herr, mir im zweiten Briefe vorhergesagt
hast. Er ist vor ein paar Tagen gestorben und hat mich auf dem
Totenbette noch angelegentlichst mit vielen Tränen in den Augen
gebeten, ich möchte Dir mit diesem Schreiben seinen innigsten Dank
ausdrücken dafür, daß Du ihn wirklich so ganz ohne Schmerzen und ganz
ohne Furcht vor dem Tode des Leibes hast gnädig dahinscheiden lassen. br4,03]
Dein Bild hat er wohl bei tausend Male an sein Herz gedrückt. Und sein
letztes Wort war: "O Du mein guter Vater Jesus! O Jesus, Du ewige
Liebe, der Du allein das wahre Leben bist von Ewigkeit! Du, der Du jetzt
wie eines Menschen Sohn wandelst unter denen, die Deine Allmacht ins
Dasein rief und denen sie Gestalt und Leben gab - Du allein, ja Du bist
meine Liebe in Ewigkeit!!! - Ich lebe, ich lebe, ich lebe durch Dich -
in Dir - ewig!!!" br4,04]
Nach diesen Worten verschied mein lieber Sohn. Wohl wirst Du, o Herr, es
wissen, daß also das irdische Ende meines Sohnes war und daß ich und
mein ganzes Haus viel geweint haben um ihn. Aber dennoch schreibe ich
Dir dieses wie ein Mensch dem andern, dieweil es also mein sterbender
Sohn vor seinem irdischen Ende sehnlichst gewünscht hat. br4,05]
O Herr vergib mir armen Sünder vor Dir, so ich Dir nun schon durch ein
viertes Schreiben zur Last werde und Dir, o Herr, vielleicht irgendeine
Störung in Deinem allerheiligst wichtigsten Geschäfte bewirke. 6.
Schließlich wage ich noch die Bitte, diesem Schreiben anzufügen, daß
Du Deinen Trost mir nicht entziehen möchtest! Denn siehe, mich hat nun
nach meinem Sohne dennoch eine große Traurigkeit befallen, der ich bei
meinem festesten und wie möglich besten Willen nicht ledig werden kann.
Daher bitte ich Dich, Du guter Heiland, Du bester Vater von Ewigkeit, Du
wollest von diesem großen Schmerze mich frei machen. Aber nicht mein,
sondern Dein heiliger Wille geschehe! 4.
Eigenhändige Antwort
Jesu in griechischer Sprache, während die früheren in jüdischer
Sprache abgefaßt waren
an4,01]
Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen Sohn betrifft, so weiß
Ich alles. Und es ist Mir überaus lieb, daß es mit ihm ein so schönes
Ende für diese Welt, aber einen noch bei weitem schöneren Anfang in
Meinem Reiche genommen hat. an4,02]
Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst. Denn siehe,
der Guten gibt es wenige auf der Welt. Die aber sind wie dein Sohn, die
sind wohl einer Nachtrauer wert! an4,03]
Siehe, auch Ich weine deinem Sohne eine köstliche Träne nach! - So
ward einst alle Welt aus einer Träne aus Meinem Auge. Und so wird auch
der neue Himmel wieder gestaltet. an4,04]
Ich sage dir, daß da gute Tränen von einem übergroßen Werte im
Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel
gezieret in Ewigkeit. Aber mit bösen Haß-, Neid- und Zorntränen wird
die Hölle in ihren Festen gestärkt. an4,05]
Daher sei dir der größte Trost, daß du trauerst um den Guten! Behalte
diese Trauer noch eine Kürze, bis du Mir nachtrauern wirst eine Kürze.
Dann aber wird dich Mein Jünger frei machen von allem. an4,06]
Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung
finden! Vergiß der Armen nicht! Diese sind allzumal Meine Brüder! Was
du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten hundertfältig. an4,07]
Suche das Große - das ist mein Reich - so wird dir auch das Kleine
dieser Welt zukommen! So du aber suchest das Kleine, dann könntest du
des Großen nicht wert erachtet werden. an4,08]
Du aber hast (in deinem Gefängnisse) einen Verbrecher, der nach deinem
weisen Gesetze den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und
Erbarmung stehen höher als Weisheit und Gerechtigkeit! Handle daher mit
ihm nach der Liebe und nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir
und mit Dem, der in Mir ist und von dem Ich als Mensch deinesgleichen
ausgehe. - Amen. an4,09]
Von Mir Selbst geschrieben zu Kapernaum und übersandt durch deinen
Boten. 5. Brief
des Abgarus an Jesus, geschrieben drei Wochen nach der Antwort des Herrn
auf den vierten Brief
br5,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der im
Judenlande um Jerusalem erschienen ist als das Urlicht und die ewige
Urkraft, die alles (Himmel, Welten, Wesen) neu gestaltet und dennoch
nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von
denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten!
Ihm alles Heil von uns Kindern der Nacht! br5,02]
O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl die Größe Deiner Liebe zu uns
Menschen, die wir nur Deine Geschöpfe sind, fassen - jener Liebe, aus
welcher Du nun alles neu gestalten willst, indem Du dabei selbst einen
Weg wandelst, der nach meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich
und undenkbar zu sein scheint! br5,03]
Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauche verwehen könntest,
als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so
regierest und erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch
die ganze Unendlichkeit! Und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im
Meere, die Sonne, der Mond und alle zahllosen Sterne horchen der
Allmachtstimme Deines Herzens, das da der ewige Mittelpunkt aller Dinge
und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist. br5,04]
O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich im hellsten
Tage ihres Geistes nun so erkennen wie ich armer Sünder aus meiner
Nacht! br5,05]
O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich
bei Dir! So aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner
größten Seligkeit geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil
Du, o Herr, mich nur insoweit für würdig befunden hast, mit mir armen,
dummen Tropfe brieflich zu reden und mich über so viele Wunderdinge zu
belehren, über die man freilich wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von
einem Menschen belehrt werden kann. br5,06]
Was wußte ich wohl früher von einem Leben nach dem Tode? Alle Weisen
der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt. Denn unsere Vielgötterlehre
hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit; diese gleicht aber
ebensowenig der Wirklichkeit wie ein leerer Traum, in welchem man bald
auf dem Meere zu Fuße geht und bald zu Schiffe übers Land fährt. br5,07]
Du, o Herr, aber hast es mir im Worte und in der Tat gezeigt, wie nach
dem Tode dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenes,
wahrhaftes freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar verändert
wird ewig. br5,08]
Aus diesem Grunde aber habe ich es mir nun auch zur unerläßlichen
Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für Deine endlos große Gnade durch
dieses Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich
gegen diese Deine Gnade in das reinste Nichts zerfällt. br5,09]
Aber was, o Herr, könnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor
gegeben hättest!? br5,10]
Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem
Menschen Geeignetste zu sein - weil der Undank sicher sein volles
Eigentum ist. Daher auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als
eben meinen geringsten Dank - aber dennoch mit der vollsten
Versicherung, daß ich nun bereit bin, in meinem kleinen Staate alles
sogleich einzuführen, was Du, o Herr, mir gnädigst gebieten möchtest. br5,11]
So habe ich nach Deinem Wunsche den großen Staatsverbrecher nicht nur
alsogleich aus dem Kerker gehoben, sondern ihn auch alsogleich in meine
Schule und an meinen Tisch bringen lassen. Ob ich daran recht getan oder
etwa, wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel getan habe, das zu
beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin. Darum komme ich,
o Herr, auch in diesem Stücke zu Dir mit diesem Schreiben, daß Du mir
darüber die rechte Weisung gnädigst erteilen möchtest. br5,12]
Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichen Gehorsam Dir, o Herr
Jesus, ganz allein! Dein Wille geschehe! 5.
Antwort Jesu an Abgarus
an5,01]
Höre, du Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Ich habe nun bei
zweiundsiebzig Jünger, darunter zwölf Apostel, aber alle zusammen
haben nicht solche Sehekraft wie du allein, der du ein Heide bist und
Mich und alle die vielen Wunder seit Meiner Menschwerdung und Geburt nie
gesehen hast. an5,02]
Darum sei du auch der besten Hoffnung! Denn siehe, es wird geschehen und
ist schon geschehen, daß Ich den Kindern das Licht nehmen werde und
werde es in der Fülle geben euch Heiden! Denn siehe, erst vor kurzem
habe Ich unter den hier mitunter lebenden Heiden, Griechen und Römern,
Glauben gefunden, desgleichen in ganz Israel nicht anzutreffen ist.
Liebe und Demut aber sind nun unter den Juden ganz fremde Eigenschaften
des menschlichen Herzens geworden, während Ich sie nicht selten unter
euch im Vollmaße antreffe. an5,03]
Siehe, darum werde Ich es den Kindern nehmen und werde es euch geben,
das ist: all Mein Reich zeitlich und ewig! Die Kinder aber sollen sich nähren
vom Unflate der Welt! an5,04]
Du möchtest Meinen Willen in deinem Staate zum Gesetze machen? - Das
wird sich vorderhand noch nicht tun! Denn siehe, es gehört zu allem
eine gwisse Reife. Aber Mein Gesetz ist nichts als Liebe. Willst du
schon in deinem Staate etwas von Mir einführen, so führe dieses Gestz
ein, dann wirst du mit Meinem Willen ein leichtes Werk haben! Denn
siehe, Mein Wille und Mein Gesetz sind so völlig eins, wie da Ich und
der Vater völlig eins sind. an5,05]
Freilich liegt dann in Meinem Willen noch so manches, was du nun nicht
fassen könntest. Wann aber Mein Jünger zu dir kommen wird, der wird
dich in alles leiten. Und so du durch ihn auf Meinen Namen getauft
wirst, dann wird der Geist Gottes über dich kommen und wird dich selbst
in allen Dingen unterweisen. an5,06]
Mit dem Verbrecher hast du völlig recht getan. Denn siehe, Ich tue mit
euch Heiden ja dasselbe! Deine Tat aber sei dir ein guter Spiegel
dessen, was Ich schon jetzt tue und später in der Fülle tun werde. an5,07]
Dies zu deiner Ruhe und zu deinem Segen!- Amen 6. Brief
des Abgarus an Jesus, zehn Wochen später geschrieben
br6,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande alles
Heil, der um Jerusalem erschienen ist, ein Heil allen Völkern, die
eines guten Herzens sind und den rechten Willen haben, nach Seinem Worte
ihr Leben einzurichten! br6,02]
O Herr, vergib mir meine große Dreistigkeit und mein schon wahrhaft
unverschämtes Zudringen zu Dir! Aber Du weißt es ja, daß gute Ärzte
bei den Menschen stets in größtem Ansehen standen, weil sie allezeit
auch in den Dingen der Natur die sichersten Kenntnisse besaßen, und daß
sich bei großen Erscheinungen in der Natur darum jedermann gerne an sie
wandte, um von ihnen einen, wenn schon matten Aufschluß zu erhalten.
Und wie endlos höher als alle naturkundigen Ärzte der Welt stehst
freilich Du in meinen Augen, der Du nicht nur ein Arzt in allen Dingen,
sondern auch zugleich der Schöpfer und Herr aller Natur bist von
Ewigkeit! br6,03]
Dir kann ich daher ganz allein nur meine gegenwärtige sonderbare
Staatsnot vortragen und Dich aus aller Tiefe meines Herzens um die gnädige
Abwendung dieser sonderbaren Not anflehen. br6,04]
Siehe, wie Du sicher schon lange von Grund aus weißt, ist vor zehn
Tagen hier ein kleines Erdbeben verspürt worden, welches, Dir ewig
Dank, ohne besondere Spuren verüberging. Ein paar Tage nach diesem
Erdbeben fing jedoch alles Wasser an, trübe zu werden. Und jeder
Mensch, der das Wasser trank, bekam Kopfschmerzen und ward darauf ganz
unsinnig. br6,05]
Ich gab da sogleich ein strenges Gebot heraus, daß da in meinem ganzen
Lande das Wasser so lange niemand gebrauchen dürfe, bis ich es wieder
zu gebrauchen gebieten werden. Unter der Zeit aber sollen alle meine
Staatsbürger zu mir nach Edessa kommen, allwo sie Wein und Wasser
bekommen werden, das ich für den Zweck auf großen Schiffen eigens aus
ziemlicher Entfernung holen lasse. br6,06]
Ich glaube, weil mich zu dieser Handlung rein nur die Liebe zu meinem
Volke und die wahrste Erbarmung über dasselbe antrieb, keine schlechte
Tat begangen zu haben. Darum bitte ich Dich, o Herr, in aller Demut und
Zerknirschtheit meines Herzens, Du wollest mir und meinem Volke aus
dieser Not helfen! br6,07]
Denn siehe, es will sich das Wasser nicht klären und dessen tolle
Wirkung ist stets die gleiche. O Herr, ich weiß, daß Dir alle guten
und bösen Mächte untertan sind und Deinem Winke weichen müssen; daher
bitte ich Dich, Du wollest Dich gnädigst meiner erbarmen und mich wegen
des armen Volkes befreien von dieser Plage! - Dein göttlicher, heiliger
Wille geschehe! br6,08]
Als der Herr diesen Brief gelesen hatte, erregte Er sich tief in Seinem
Innern und sprach laut wie ein Donner: "O Satana, Satana! Wie lange
willst du Gott, deinen Herrn, noch versuchen!? Was tat dir, du ärgste
Schlange, dies arme, gute Völklein, daß du es also scheußlich
plagest? br6,09]
Auf daß du wieder erfahrest, daß Ich dein Herr bin, so habe es in
diesem Lande von diesem Augenblick an ein Ende mit deiner Bosheit! Amen. br6,10]
Hast du dir nicht einst bloß der Menschen Fleisch bedungen, es zu
proben, was Ich dir gestattete wie bei Hiob?! Was machst du nun mit
Meiner Erde?! - Hast du Mut, so greife Mich an! Aber Meine Erde und die
Menschen, die Mich in ihrem Herzen tragen, lasse in Ruhe bis zur Zeit,
die Ich dir zur allerletzten Freiheitsprobe gönnen werde!" 6. Antwort
Jesu durch einen Jünger an Abgarus
an6,01]
Mein lieber Sohn und Bruder Abgarus! Diesen argen Streich hat dir nicht
dein Feind, sondern allein Mein Feind gespielt! Du jedoch kennst diesen
Feind nicht; Ich aber kenne ihn schon gar lange. an6,02]
Dieser Mein Feind ist der alte, unsichtbare Fürst dieser Welt und hatte
bisher eine große Macht nicht nur auf dieser Erde, die sein Haus ist,
sondern auch in den Sternen. Allein seine Macht wird nur noch eine kurze
Zeit dauern, und bald wird der Fürst dieser Welt geschlagen werden. an6,03]
Du aber fürchte ihn nimmerdar! Denn für dich und dein Volk habe Ich
ihn nun geschlagen. - Gebrauche daher nun ganz ruhig das Wasser deines
Landes! Denn es ist in diesem Augenblicke rein und gesund geworden. an6,04]
Siehe, dieweil du Mich liebst, ist dir Arges begegnet. Weil aber deine
Liebe zu Mir mächtiger ward in der Bedrängnis, so hat deine Liebe
gesiegt über alle Macht der Hölle und du bist nun für alle Zeit frei
von solchen höllischen Ausgeburten! an6,05]
Daher wird es kommen, daß der Glaube großen Versuchungen preisgegeben
wird und wird durch Feuer und Wasser wandeln müssen. Aber das Feuer der
Liebe wird das Glaubensprobefeuer ersticken und das Wasser mit seiner
Allgewalt verdampfen. an6,06]
Wie es aber nun deinem Lande naturmäßig ergangen ist, so wird es
dereinst vielen durch Meine Lehre ergehen geistig. Sie werden auch sehr
unsinnig werden, die aus den Pfützen der falschen Propheten trinken
werden! an6,07]
Meine Liebe, Meinen Segen und Meine Gnade dir, Mein Bruder Abgarus! -
Amen. 7. Brief
des Abgarus an Jesus 9 Wochen nach Empfang der sechsten Antwort an Jesus
geschrieben und fünf Tage vor dem Einzug in Jerusalem an ihn gelangt
br7,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande alles
Heil, der erschienen ist in der Gegend um Jerusalem, ein Heil allen Völkern,
ein Herr und ein gesalbter König von Ewigkeit, ein Gott aller Kreatur,
aller Menschen und aller Götter, der guten wie der bösen! br7,02]
O mein Gott, o mein Herr, o Du alleiniger Erfüller meines Herzens und
vollster Inbegriff aller meiner Gedanken! Ich weiß es zwar wohl schon
aus Deinem ersten, gnädigsten Briefe an mich, daß mit Dir nach Deinem
eigenen, unbegreiflichen Ratschlusse das alles geschehen muß, was die
argen jerusalemitischen Juden mit Dir vorhaben. br7,03]
Ich kann es mir wohl auch dunkel vorstellen, daß das alles schon so
wird sein müssen. Aber daß sich, von meiner menschlichen Seite
betrachtet, mein Dich nun über alles liebendes Herz dagegen sträubet,
das wirst Du, o Herr, sicher noch besser einsehen als ich, ein schwacher
Mensch. Daß ich aber vollen Grund habe, Dir, o Herr, solches zu
berichten, wird das im Verlaufe meines Schreibens Folgende zeigen.
br7,04]
Siehe, ich als ein römischer Vasall und naher Verwandter des Tiberius,
der da Kaiser (Cäsar) in Rom ist, habe auch in Jerusalem meine getreuen
römischen Beobachter, die besonders ein scharfes Auge auf das dortige
überaus hochmütige Priestertum haben. Diese meine Beobachter haben mir
genau berichtet, was diese stolzen, übermütigen Priester und Pharisäer
mit Dir vorhaben. br7,05]
Sie wollen Dich nicht nur nach ihrer Art steinigen oder verbrennen;
nein, das ist ihnen viel zuwenig, sondern sie wollen an Dir ein Exempel
der allerunmenschlichsten Grausamkeit statuieren! - Höre, o Herr! Diese
Bestien in Menschengestalt wollen Dich mit scharfen Nägeln ans Kreuz
heften und Dich so lange daran hängen lassen, bis Du langsam vor
ungeheuersten Schmerzen stirbst am Schandpfahle! Und dieses Meisterstück
menschlicher Bosheit wollen sie an diesem bald kommenden Osterfeste ausführen! br7,06]
Herr, sei es, wie es wolle - aber mich hat es bis ins Innerste empört!
Ich weiß, wie diese rein sinnlichen und herrschsüchtigen Bestien Dich
gar nicht darum töten wollen, weil Du Dich als ihren verheißenen
Messias ausgibst vor dem Volke. O das würde diese priesterliche Hyänenbrut
wenig kümmern! Denn Ich weiß es nur zu gut, daß sie bei sich weder an
einen Gott noch viel weniger an Dich glauben und unter sich aus einer
Gotteslästerung sich wenig machen. br7,07]
Aber sie haben einen ganz andern Plan! - Siehe, diese Bestien wissen, daß
sie von Rom ihrer geheimen Umtriebe wegen mit Argusaugen beobachtet
werden. Und der scharfsichtige Pilatus hat einen solchen
hohepriesterlichen Aufstandsversuch, so fein er auch angelegt war, schon
im vorigen Jahre genau durchschaut und hat, wie Du weißt, beim Feste
gegen fünfhundert Arme und auch Wohlhabende, zumeist leider Galiläer,
vor dem Vorhofe ergreifen und sogleich enthaupten lassen, wodurch er
sich freilich die Feindschaft des Herodes zuzog, da es meistens seine
Untertanen getroffen hatte. br7,08]
Dieses Beispiel wirkte stark erschütternd auf die Gemüter der Templer.
Um die lästige Scharte auszuwetzen, haben sie nun Dich ausersehen,
wollen Dich als einen Staatsrebellen beim Pontius anklagen und Dich auch
als den Haupträdelsführer des vorjährigen Aufstandes bezeichnen, um
sich auf diese Art vor dem römischen Hofe wieder weiß zu waschen, Roms
lästige Argusaugen dadurch von sich abzuwenden und dann wieder leichter
ihre Hochverratspläne zu schmieden, was ihnen aber auf keinen Fall
gelingen wird. Du siehst es ja ohne dies mein Schreiben auch selber und
endlos besser, daß sie von Rom aus auf ein Haar durchschaut sind. br7,09]
Willst Du, o Herr, einen Dienst von mir, Deinem innigsten Freunde und
Anbeter, so sende ich darob sogleich Eilboten nach Rom und an Pontius.
Und ich stehe Dir dafür, daß diese Bestien sogleich in dieselbe Grube
fallen werden, die sie Dir bereitet haben! br7,10]
Doch, da ich Dich, o Herr, nur zu wohl kenne und wohl weiß, daß Du
keines Menschenrates bedarfst, so wirst Du wohl tun, was Dir am besten däucht.
Ich als Mensch aber habe es als eine meiner ersten Pflichten angesehen,
Dir die Sache getreu kundzugeben, wie sie sich auf ein Haar verhält -
verbunden mit meinem innigsten Danke für Deine Gnade, die Du mir und
meinen Volke erwiesen hast. br7,11]
O Herr, lasse mich wissen, was ich hier für dich tun soll! - Dein
allezeit heiliger Wille geschehe! 7. Letzte
Antwort Jesu an Abgarus
an7,01]
Höre, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus, es verhält sich richtig
alles genau also, wie du Mich nun benachrichtigt hast. Aber
dessenungeachtet muß mit Mir alles so geschehen, weil sonst kein Mensch
ewig je das ewige Leben erreichen könnte - was du jetzt freilich nicht
einsiehst, aber in Kürze als großes Geheimnis einsehen wirst. an7,02]
Daher unterlasse vorderhand deine Mir freundlichst dargebotenen Schritte
für Meine Rechtfertigung. Denn sie würden da wenig fruchten, wo des
Vaters ewige Macht waltet, der in Mir ist und von dem Ich als ein Mensch
ausgegangen bin. an7,03]
Mein Kreuz, an das Ich geheftet werde, erschrecke dich ja nicht!- Denn
siehe, gerade dieses Kreuz soll für alle künftigen Zeiten der
Grundstein zum Reiche Gottes und zugleich die Pforte in dasselbe werden! an7,04]
Ich aber werde nur drei Tage lang dem Leibe nach tot sein. Am dritten
Tage aber werde Ich als ein ewiger Überwinder des Todes und der Hölle
wieder vom Tode auferstehen und Mein allmächtiges Gericht wird alle Täter
des Übels treffen. an7,05]
Für die aber, die Meines Herzens sind, werde Ich dann die Pforte der
Himmel weit auftun vor ihren Augen! an7,06]
Wenn du aber in wenigen Tagen wirst die Sonne am Tage ganz verfinstert
erschauen, dann denke, daß Ich, dein größter Freund und Bruder, am
Kreuze gestorben bin! - Erschrecke aber nicht darob! Denn das alles muß
so kommen, und den Meinen wird dennoch kein Haar gekrümmt werden. an7,07]
Wann Ich aber auferstehen werde, in dem Augenblicke sollst du ein
Wahrzeichen bekommen, daran du Meine Auferstehung sogleich erkennen
wirst! an7,08]
Meine Liebe, Gnade und Mein Segen mit dir, Mein lieber Bruder Abgarus! -
Amen. |