Aktualisiert am: 10.05.2007  

 

'Briefwechsel zwischen Jesus und Abgarus Ukkama von Edessa' 


 

 

 Wiederoffenbarung eines verschollenen Briefes Jesu 
Niederschrift nach wörtlichem innerem Diktat an :Jakob Lorber (27.03.1845-18.12.1846)
Vorwort nach 7. Aufl. 1978, Lorber-Verlag

INHALT 

Über die Echtheit des Inhaltes und die Geschichtlichkeit des Briefwechsels (gekürzte Wiedergabe des Vorwortes des Lorber-Verlags). 1

1. Brief des Abgarus an Jesus. 3

1. Antwort Jesu an Abgarus. 3

2. Antwort Jesu an Abgarus. 4  

2. Brief des Abgarus an Jesus

3. Brief des Abgarus an Jesus. 5

3. Antwort Jesu durch denselben Boten des Königs innerhalb zehn Tagen. 5

4. Brief des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem dritten geschrieben. 6

4. Eigenhändige Antwort Jesu in griechischer Sprache, während die früheren in jüdischer Sprache abgefaßt waren. 7

5. Brief des Abgarus an Jesus, geschrieben drei Wochen nach der Antwort des Herrn auf den vierten Brief. 8

5. Antwort Jesu an Abgarus. 9

6. Brief des Abgarus an Jesus, zehn Wochen später geschrieben. 9

6. Antwort Jesu durch einen Jünger an Abgarus. 10

7. Brief des Abgarus an Jesus 9 Wochen nach Empfang der sechsten Antwort an Jesus geschrieben und fünf Tage vor dem Einzug in Jerusalem an ihn gelangt 11

7. Letzte Antwort Jesu an Abgarus. 12

 

Über die Echtheit des Inhaltes und die Geschichtlichkeit des Briefwechsels (gekürzte Wiedergabe des Vorwortes des Lorber-Verlags)

 

Zu den frühchristlichen, 'apokryphen' (kirchlich nicht offiziell anerkannten) Dokumenten zählt der Briefwechsel zwischen Jesus und Abgar Ukkama, dem Fürsten von Edessa... Es steht geschichtlich fest, daß ein König namens Abgar V. Ukkama als 15. König das Königreich Osrhoene regiert hat. Und zwar leitete er nach der Chronik der Edessa zweimal die Geschicke seines Landes als Landesfürst: zunächst vom Jahre 4 v. Chr. bis zum Jahre 7 nach Christus, und zum zweiten Male vom J. 13 n. Chr. bis 50 nach Chr. (Vgl. Gutschmid, Untersuchungen über die Geschichte des Königreiches Osrhoene. Mem. der Akad. v. St. Petersburg. - Dict. Theol. Cath. Bd. I. Spalte 67. Stichwort "Abgar" v. J. Parisot.) 

 

 

... Des Königs Beiname war Ukkama, oder besser ukhama, d. h. der "Schwarze". Im Griechischen wurde daraus Ouchama oder Ouchaniäs. (Vgl. Assemani, Bibliotheca orientalis. Rom, 1719. Bd. I. Spalte 420.)

 

Die Geschichtlichkeit des Briefwechsels zwischen Christus und König Abgar wird von den meisten kirchlichen Schriftstellern als unhaltbar abgelehnt. So z. B. schreibt Edgar Hennecke in "Neutestamentliche Apokryphen", 2. Aufl., Tübingen, Mohr, 1924, S.2: "Jesus selbst hat keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Erst eine Lokallegende des 3.Jahrhunderts hatte einen Briefwechsel zustandegebracht, in dem der Heiland als Verfasser auftritt. Diese Behauptung kann sich berufen auf das sog. Decretum Gelasianum, das der fränkischen Kirche entstammt und eine Liste der 'aufzunehmenden und nicht aufzunehmenden Bücher' enthält. Das Decretum ordnet den Briefwechsel ein in die Liste der nicht aufzunehmenden apokryphen Bücher. Diese Ablehnung gründet sehr wahrscheinlich auf der Ansicht des Kirchenlehrers Augustinus, echte Jesusbriefe gebe es nicht. (Vgl. Augustinus, Contra Faust. 28,4; De Consensu evangelistarum I,7,11.) 

 

... In der syrischen Kirche galt die Tradition vom Briefwechsel Jesu mit Abgar als eine unbestreitbare Tatsache. Dokumente aus frühchristlicher Zeit berichten davon. Die syrische Liturgie erwähnt den Briefwechsel als eine geschichtliche Gegebenheit. Die "Doctrina Addai", wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert, übernimmt die alte Tradition und weitet sie aus. Bemerkenswert ist auch, daß es in Edessa bereits vor dem Jahre 170 eine bedeutende Christengemeinde gab. Es müssen also dorthin bereits sehr früh christliche Glaubensboten gekommen sein, die dort offene Herzen für die Lehre Jesu Christi fanden. (Vgl. Bibliotheca Orientalis. Bd. I. Spalte 393; sowie: Dict. Thel. Cath. Bd. I. Spalten 68-72.) - Rubens Duval weist auch in seiner "Histoire politique, religieuse et litteraire d'Edesse (Extrait du Journal asiatique, Paris, 1892, S. 81) darauf hin, daß die alte Tradition vom Briefwechsel Jesu mit Abgar stets ein weites Echo im Orient gefunden hat. 

 

Der hervorragendste Zeuge für die Echtheit des Briefwechsels Jesu mit Abgar ist jedoch Eusebius von Cäsarea (gest. 339)... Eusebius gilt als der große Geschichtsschreiber des christlichen Altertums... Sein Hauptwerk ist seine zehn Bücher zählende Kirchengeschichte von der Gründung der Kirche bis zum Siege Konstantins über Licinus (324)... Die Kirchengeschichte wurde wohl noch im 4.Jahrhundert ins Syrische und danach später ins Armenische übersetzt. 403 fertigte Rufinus eine lateinische Übersetzung an und führte die Darstellung bis 395 fort." (Berthold Altaner, Patrologie. Freiburg i. Br., Herder, 1938. S. 141-143.).

 

Dieser hervorragende Geschichtskenner Eusebius von Cäsarea ... gibt einen eingehenden Bericht über den Briefwechsel Jesu mit König Abgar. Eusebius schreibt am Ende des I. Buches seiner Kirchengeschichte (Migne, Patr. Graeca 20, 121-124. 136. 137.), er habe diesen Briefwechsel in den Archiven der Stadt Edessa gefunden. In dieser königlichen Urkundensammlung seien die geschichtlichen Schriftstücke über die Ereignisse der Stadt Edessa und über die Regierungszeit des Königs Abgar aufbewahrt. Er habe mit großer Sorgfalt den Briefwechsel Jesu mit Abgars aus dem Syrischen ins Griechische übertragen. 

 

Diesem Bericht läßt Eusebius die Übersetzung der zwei ersten Briefe folgen (die nachfolgend aufgeführt sind, d. Vf.)... Eusebius fügt den beiden Briefen einen Bericht über die Missionstätigkeit eines Thaddäus (oder Addäus) bei, der einer der 12 Jünger Jesu gewesen sei, und vom Apostel Judas oder Thomas nach Edessa gesandt worden sein, um dort das Evangelium zu verkünden. Dieser Thaddäus habe den König Abgar in der Lehre Christi unterrichtet, ihn geheilt, und dann das Evangelium mit solcher Macht verkündet, daß ein großer Teil des Volkes sich bekehrt habe.

 

Diese Einzelheiten sind auch berichtet in der sog. Doctrina Addai. Diese in syrischer Sprache verfaßte Schrift enthält auch die beiden ersten Briefe Abgars und Jesu; fügt aber noch den Bericht einer Überlieferung hinzu, nach der ein Bote Abgars für seinen König ein Bild Jesu verfertigt habe. 

 

... Leider sind die alten Schriftstücke des königlichen Archivs von Edessa, vielleicht durch Kriegseinwirkungen, verloren gegangen.

Nun ist... der gesamte Briefwechsel Jesu mit Abgar dem 'Schreibknecht' Gottes, Jakob Lorber, durch das 'Innere Wort' diktiert worden... Die beiden nachfolgenden ersten Briefe sind keine Übersetzung eines vorhandenen Textes, sei es in syrischer, in griechischer oder in lateinischer Sprache. Der (an Lorber) diktierte deutsche Text erweist sich als ein ursprüngliches Schriftwerk, das mit den übrigen, verlorengegangenen, - durch das Diktat des Herrn an Lorber aber wieder vorliegenden, - Briefen ein Ganzes bildet.... Der Text der diktierten Briefe stimmt mit dem griechischen Text der Briefe nach Eusebius am genauesten überein. Der Text der "Doctrina Addai" weist dagegen ergänzende Satzteile auf. 

 

Der Inhalt des Briefwechsels ist wie ein Evangelium in kürzester Form. Die Briefe Jesu enthalten die wichtigsten Lehren Seiner Heilsbotschaft und eine geniale kurze Darlegung unserer Erlösung durch Seinen Opfertod.

 

 

1. Brief des Abgarus an Jesus

br1,01] Abgarus, Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der in dem Lande um Jerusalem erschienen ist, alles Heil!

 

br1,02] Ich habe von Dir gehört und von Deinen Gesundmachungen, wie Du sie ohne Arzneimittel und Kräuter verrichtest. Denn die Rede geht, daß Du die Blinden sehen, die Lahmen gehen machst, daß Du die Aussätzigen reinigst, die unreinen Geister austreibst und diejenigen heilst, die mit langwierigen Krankheiten kämpfen, und endlich sogar die Toten auferweckst.

 

br1,03] Nachdem ich alle diese Dinge von Dir gehört habe, so habe ich demnach bei mir selbst geschlossen, eines von beiden müsse wahr sein: entweder Du seiest Gott, vom Himmel herabgekommen - oder Du, der diese Dinge tut, seiest doch zum wenigsten ein Sohn des großen Gottes!

 

br1,04] Ich ersuche dich daher durch dieses Schreiben, dich zu mir zu bemühen, um die Krankheit, die ich habe, zu heilen!

 

br1,05] Ich habe auch gehört, daß die Juden wider Dich murren und Dir Böses zufügen wollen. - Ich aber habe eine zwar kleine, aber wohlgeordnete Stadt, welche für uns beide hinreichend sein wird. Daher komme Du, mein überaus hochgeachtetster Freund Jesus zu mir und bleibe bei mir in meiner Stadt und in meinem Lande! Da sollst Du von jedermann auf den Händen und im Herzen getragen sein! - Ich erwarte Dich mit der größten Sehnsucht meines Herzens!

 

br1,06] Gesandt durch meinen getreuen Knecht Brachus. 

 

 

1. Antwort Jesu an Abgarus

an1,01] Abgarus, du bist selig, weil du Mich nicht gesehen und doch - Glauben hast! Denn siehe, es steht von Mir geschrieben, daß die, welche Mich gesehen haben, nicht an Mich glauben werden, auf daß die, welche Mich nicht gesehen haben, glauben und leben mögen in Ewigkeit!

 

an1,02] Was aber das betrifft, darum du Mir schriebst, daß Ich solle zu dir kommen, da Ich hier im Judenlande verfolgt werde, da sage Ich dir: Es ist nötig, daß alles das, um dessentwillen Ich in die Welt gekommen bin, an diesem Orte an Mir erfüllt werde, und daß Ich, nachdem dies alles in der Kürze an Mir erfüllt sein wird, zu Dem aufsteigen werde, von dem Ich ausgegangen bin von Ewigkeit.

 

an1,03] Sei aber geduldig in deiner leichten Krankheit! So Ich in den Himmel werde aufgenommen sein, da werde Ich einen Jünger zu dir senden, damit er deine Krankheit heile und dir und allen, die bei dir sind, die wahre Gesundheit gebe!

 

 an1,04] Geschrieben durch Jakobus, einen Jünger des Herrn Jesu Christi, und aus der Gegend von Genezareth übersandt durch Brachus, des Königs Boten. 

 

an1,05] Bald darauf, als Abgarus vom Herrn Jesus diese überhimmlische Antwort erhalten hatte, begab es sich, daß dieses Königs ältester Sohn und Thronfolger in eine tödliche Fieberkrankheit verfiel, zu der alle Ärzte in Edessa sagten, daß sie unheilbar sei. Das brachte den armen Abgarus nahe zur Verzweiflung. In solcher seiner übergroßen Betrübnis schrieb er abermals an den guten Heiland.

 

2. Brief des Abgarus an Jesus

br2,01] Abgarus, ein armseliger Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande, der erschienen ist in dem Lande um Jerusalem, alles Heil und alle Ehre Gottes!

 

 br2,02] O Jesus, Du guter Heiland! Siehe, mein ältester Sohn, der Thronerbe, der sich mit mir über die Maßen auf Deine Ankunft in meiner Stadt freute, ist todeskrank geworden. Ein böses Fieber hat sich seiner bemächtigt und droht, ihn in jedem Augenblicke zu töten! - Ich aber weiß, wie es mir der Bote beteuert hat, daß Du derlei Kranke ohne Arznei bloß durch Wort und Willen in die Ferne heilst! O Jesus, Du guter Heiland, Du wahrhaftiger Sohn des allerhöchsten Gottes, der Du solches sicher bist - lasse also meinen Sohn, der Dich so sehr liebt, daß er für Dich sogar in den Tod gehen möchte, wieder gesund werden durch Deines Willens mächtiges Wort! 

 

 br2,03] O Jesus, Du guter Heiland! bescheide mich, der ich auch krank bin, nur diesmal nicht auf die Zeit nach Deiner mir verkündeten Himmelfahrt! Sondern helfe, helfe, helfe sogleich meinem Sohne!

 

br2,04] Geschrieben in meiner Stadt Edessa, übersandt durch den früheren getreuen Boten. 

 

 

2. Antwort Jesu an Abgarus

an2,01] Abgarus, groß ist dein Glaube! Und darum könnte es mit deinem Sohne wohl besser werden. Aber da Ich bei dir Liebe gefunden habe mehr als in Israel, so will Ich dir auch mehr tun, als so Du nur allein geglaubt hättest!

 

 an2,02] Siehe, Ich, der Herr von Ewigkeit, nun ein Lehrer der Menschen und ein Befreier vom ewigen Tode, werde deinem Sohne das ewige Leben schenken vor Meiner Auffahrt, da er Mich, ungesehen und ungekannt, vor Meinem bevorstehenden Leiden für alle Menschen aus seinem ganzen Herzen geliebt hat. Und so wirst du, Mein lieber Abgarus, wohl deinen Sohn dem Leibe nach verlieren in der Welt, aber dem Geiste nach tausendfach gewinnen in Meinem ewigen Reiche!

 

an2,03] Glaube aber ja nicht, daß dein Sohn, so er stirbt, im Ernste sterben wird! - Nein, nein! Sondern wann er stirbt, da erst wird er erwachen vom Todesschlaf dieser Welt zum wahren, ewigen Leben in Meinem Reiche, welches ist geistig und nicht leiblich.

 

an2,04] Darum lasse dich nicht betrüben in deiner Seele! Denn siehe, höre und - schweige: Ich allein bin der Herr, und außer Mir ist keiner mehr! Darum tue Ich frei, was Ich tue. Und niemand kann zu Mir sagen: tue das oder tue das nicht!

 

an2,05] Was Ich aber nun tue und zulasse - daß Ich wie ein schwacher Mensch verfolgt werde - das habe Ich schon ehedem vorgesehen, bevor noch die Erde gegründet war und eher, als Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herab der Erde leuchteten. Denn Ich ging eben darum aus von Meinem Vater, der in Mir ist wie Ich in Ihm! Der Vater aber ist der Höchste. Denn Er ist Meine Liebe, Mein Wille. Der Geist aber, der aus Mir und dem Vater gehet, wirkend von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist das Heiligste. Und das alles bin Ich, der dir nun solches offenbaret!

 

an2,06] Darum betrübe dich nicht, da du nun weißt, wer Der ist, der dir solches veroffenbaret hat! Schweige jedoch davon bis dahin, da Ich werde am Pfahl (Kreuz d. Vf.) erhöhet werden von den Juden, wovon dir, sobald es geschieht, Kunde wird. Denn sonst (wenn du unzeitig redest) würde die Welt vor der Zeit fallen. 

 

an2,07] In den nächsten Tagen aber wird ein armer Jüngling in deine Stadt kommen. Diesen nehme auf, so wirst du darob Mein Herz erfreuen - und tue ihm Gutes darum, daß Ich deinem Sohne eine so große Gnade erweise und ob seiner Liebe ihn vor Mir dahin gehen lasse, wo Ich hingehen werde nach der Erhöhung am Pfahle. - Amen.

 

an2,08] Geschrieben zu Kana in Galiläa durch den Jünger Johannes und übersandt durch des Königs Boten.

 

3. Brief des Abgarus an Jesus

br3,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande, der im Lande um Jerusalem erschienen ist, alles Heil in Ewigkeit!

 

br3,02] Aus Deinem herrlichen Gnadenbriefe, den Du, o Herr Herr Gott von Ewigkeit, mir bestaubtem Wurme vor diesem meinem jetzt an Dich gerichteten Schreiben zu meinem und meines Sohnes übergroßem Troste allergnädigst zugesandt hast, habe ich klarst ersehen, daß in Dir die höchste Liebe wohnen muß. Denn sonst wäre es rein unmöglich, daß Du, als der alleinige Herr aller Himmel wie dieser Erde, mir, einem Wurm vor Dir, meines Dich über alles liebenden Sohnes wohlgedenkend, einen so allmächtig wirkenden Trost hättest können zukommen lassen! - Ich kann Dir, o Herr, dafür doch wohl nichts anderes tun als, vor Deinem allerheiligsten Namen in den Staub meiner Nichtigkeit sinkend, Dir meinen und meines Sohnes Dank darbringen. Nimm diesen unsern heißesten Dank als ein Pfand unserer innigsten Liebe gnädigst an und gedenke unser allezeit in Deiner für mich unbegreiflichen Milde! 

 

br3,03] Meines sehr kranken Sohnes Liebe zu Dir hat mir ein liebes Begehren nach Dir vor ein paar Tagen kundgetan. Herr, vergib es mir, so ich es Dir durch dieses Schreiben wieder kundtue! - Wohl weiß ich es, daß Dir unsere Gedanken schon eher bekannt sind, als ich und mein Sohn sie nur gedacht haben. Aber demungeachtet schreibe ich Dir, wie man einem Menschen schreibt, und tue das nach dem Rate jenes von Dir mir anempfohlenen armen jungen Menschen, der sich nun schon bei mir, bestgehalten, befindet und mir sagte, daß jedermann also zu Dir kommen müsse, der von Dir etwas erhalten will. 

 

br3,04] Dieser junge Mensch gab vor, Dich gesehen zu haben. Er hat zwar eine sehr einfache, aber sonst, wie es mir vorkommt, sehr richtige und treffende Darstellungsgabe. Dieser junge Mensch, seiner Fähigkeit zufolge mir sehr teuer, beschrieb uns jüngst zu unserer größten Freude Deine Gestalt auf eine so anschauliche Weise, daß ich und mein Sohn, der noch lebt, aber wohl schon höchst schwach ist, Dich förmlich zu sehen glaubten. In meiner Stadt aber lebt ein sehr großer Künstler in der Malerkunst. Dieser malte mir sogleich nach der Darstellung des jungen Menschen Deinen Kopf mit der Brust. Mich und meinen Sohn überraschte dieses Bild um so höchst erfreulicher, als mir der arme junge Mensch beteuerte, daß Du, o Herr, gerade also aussehest! 

 

br3,05] Darum aber habe ich nun auch diese Gelegenheit benützt, durch den treuen Überbringer dieses meines gebührenden Dankschreibens Dir Dein eigen Bild zu übersenden, auf daß Du es selbst besehen und mir dann durch den Boten kundtun möchtest, ob dieses Bild Dir wohl gleichsieht?

 

br3,06] O Herr Jesus, Du guter Heiland aller Menschen, zürne uns ja nicht darob! Denn nicht eine verächtliche Neugierde, nein, sondern reine, übergroße Liebe zu Dir trieb uns dazu, uns dies allerteuerste Kleinod unseres Herzens also anfertigen zu lassen, auf daß wir von Dir uns doch irgendeine Vorstellung machen können, der Du unsere Herzen bis in die tiefste Tiefe mit Deiner Liebe erfüllt hast und bist geworden unser größter Reichtum, unser größter Trost und unseres Herzens köstlichster Brautschmuck im Leben und im Tode!

 

br3,07] O Herr, höre ja nimmer auf, unser in Deinem Herzen zu gedenken! - Dein für uns heiliger Wille geschehe!

 

3. Antwort Jesu durch denselben Boten des Königs innerhalb zehn Tagen

an3,01] Meinen Segen, Meine Liebe und Meine Gnade dir, Mein geliebter Sohn Abgarus!

 

an3,02] Ich sage hier in Judäa wohl oft zu denen, welchen Ich von allerlei Übeln des Leibes geholfen habe: "Siehe, das hat dir dein Glaube getan!" - Aber noch keinen habe ich gefragt: "Liebst du Mich?" Und noch keiner hat es mir aus der Tiefe seines Herzens gesagt: "Herr, ich liebe dich!"

 

an3,03] Du aber glaubtest schon lange zuvor, ohne Mich gesehen zu haben, daß Ich der Alleinige bin. Und nun liebst du Mich schon wie einer, der schon lange wiedergeboren ist aus dem Feuer des Geistes.

 

an3,04] O Abgarus! Abgarus! Wüßtest du und könntest du es fassen, wie sehr Ich dich darum liebe und welch eine große Freude du Meinem ewigen Vaterherzen machest - dich würde die zu große Seligkeit erdrücken, so daß du nimmer leben könntest!

 

an3,05] Sei aber standhaft bei allem, was du mit der Zeit von den bösen Juden über Mich hören wirst, die Mich bald in die Hände der Henker übergeben werden. So du aber das hören wirst und wirst dich nicht darob ärgern, so wirst du geistig nach deinem Sohne der Erste sein, der lebendigen Anteil an Meiner Auferstehung vom Tode haben wird.

 

an3,06] Wahrlich, wahrlich Ich sage dir: Die da glauben Meiner Lehre, daß sie von Gott ausgegangen ist, die sollen auferwecket werden am jüngsten Tage, allda ein jeder sein rechtes Gericht finden wird. Aber die Mich wie du lieben, die werden den Tod nimmer schmecken! Sondern wie da ist der schnellste Gedanke, also schnell auch werden sie aus diesem Leben des Leibes in das allerhellste ewige Leben verklärt werden und werden Wohnung nehmen bei Mir, ihrem Vater von Ewigkeit. Solches behalte jedoch sorgfältig bei dir geheim, bis Ich werde auferstanden sein!

 

an3,07] Dann aber wird alsbald ein Jünger zu dir kommen, wie Ich dir schon im ersten Briefe verheißen habe, und wird, bis auf deinen Sohn, der vor Mir ohne Schmerz in Mein Reich gehen wird, dich und dein ganzes Haus gesund machen leiblich und geistig.

 

an3,08] Ob der Ähnlichkeit zwischen Meiner Außengestalt und deinem Mir durch deinen Boten zugesandten Bilde wird dich dein Bote, der Mich nun schon zum dritten Male sah, auf das getreueste benachrichtigen. Wer ein Bild in deiner Absicht von Mir will, dem sei es keine Sünde! Denn da erduldet die Liebe ja alles. Aber wehe denen, die Mich zu einem Götzen gestalten werden!- Halte aber auch dieses Bild geheim!

 

an3,09] Geschrieben in Judäa durch Meiner Jünger einen, der Meinem Herzen nahe ist, und übersandt wieder durch denselben Boten.

 

an3,10] Mein Heil deinem Hause! - Amen.  

 

 

4. Brief des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem dritten geschrieben

br4,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande alles Heil, der im Lande um Jerusalem erschienen ist und nun verfolgt wird von einem Ende zum andern durch die dummen, blinden Juden, die nicht erkennen das heilige Urlicht, die Sonne der Sonnen in ihrer Mitte!

 

br4,02] O Du mein guter Heiland Jesus! Nun ist in Wirklichkeit geschehen an meinem lieben Sohne, was Du, o Herr, mir im zweiten Briefe vorhergesagt hast. Er ist vor ein paar Tagen gestorben und hat mich auf dem Totenbette noch angelegentlichst mit vielen Tränen in den Augen gebeten, ich möchte Dir mit diesem Schreiben seinen innigsten Dank ausdrücken dafür, daß Du ihn wirklich so ganz ohne Schmerzen und ganz ohne Furcht vor dem Tode des Leibes hast gnädig dahinscheiden lassen.

 

br4,03] Dein Bild hat er wohl bei tausend Male an sein Herz gedrückt. Und sein letztes Wort war: "O Du mein guter Vater Jesus! O Jesus, Du ewige Liebe, der Du allein das wahre Leben bist von Ewigkeit! Du, der Du jetzt wie eines Menschen Sohn wandelst unter denen, die Deine Allmacht ins Dasein rief und denen sie Gestalt und Leben gab - Du allein, ja Du bist meine Liebe in Ewigkeit!!! - Ich lebe, ich lebe, ich lebe durch Dich - in Dir - ewig!!!"

 

 br4,04] Nach diesen Worten verschied mein lieber Sohn. Wohl wirst Du, o Herr, es wissen, daß also das irdische Ende meines Sohnes war und daß ich und mein ganzes Haus viel geweint haben um ihn. Aber dennoch schreibe ich Dir dieses wie ein Mensch dem andern, dieweil es also mein sterbender Sohn vor seinem irdischen Ende sehnlichst gewünscht hat.

 

br4,05] O Herr vergib mir armen Sünder vor Dir, so ich Dir nun schon durch ein viertes Schreiben zur Last werde und Dir, o Herr, vielleicht irgendeine Störung in Deinem allerheiligst wichtigsten Geschäfte bewirke. 6. Schließlich wage ich noch die Bitte, diesem Schreiben anzufügen, daß Du Deinen Trost mir nicht entziehen möchtest! Denn siehe, mich hat nun nach meinem Sohne dennoch eine große Traurigkeit befallen, der ich bei meinem festesten und wie möglich besten Willen nicht ledig werden kann. Daher bitte ich Dich, Du guter Heiland, Du bester Vater von Ewigkeit, Du wollest von diesem großen Schmerze mich frei machen. Aber nicht mein, sondern Dein heiliger Wille geschehe!

 

 

4. Eigenhändige Antwort Jesu in griechischer Sprache, während die früheren in jüdischer Sprache abgefaßt waren

an4,01] Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen Sohn betrifft, so weiß Ich alles. Und es ist Mir überaus lieb, daß es mit ihm ein so schönes Ende für diese Welt, aber einen noch bei weitem schöneren Anfang in Meinem Reiche genommen hat.

 

an4,02] Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst. Denn siehe, der Guten gibt es wenige auf der Welt. Die aber sind wie dein Sohn, die sind wohl einer Nachtrauer wert!

 

an4,03] Siehe, auch Ich weine deinem Sohne eine köstliche Träne nach! - So ward einst alle Welt aus einer Träne aus Meinem Auge. Und so wird auch der neue Himmel wieder gestaltet.

 

an4,04] Ich sage dir, daß da gute Tränen von einem übergroßen Werte im Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel gezieret in Ewigkeit. Aber mit bösen Haß-, Neid- und Zorntränen wird die Hölle in ihren Festen gestärkt.

 

an4,05] Daher sei dir der größte Trost, daß du trauerst um den Guten! Behalte diese Trauer noch eine Kürze, bis du Mir nachtrauern wirst eine Kürze. Dann aber wird dich Mein Jünger frei machen von allem.

 

an4,06] Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung finden! Vergiß der Armen nicht! Diese sind allzumal Meine Brüder! Was du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten hundertfältig.

 

an4,07] Suche das Große - das ist mein Reich - so wird dir auch das Kleine dieser Welt zukommen! So du aber suchest das Kleine, dann könntest du des Großen nicht wert erachtet werden.

 

an4,08] Du aber hast (in deinem Gefängnisse) einen Verbrecher, der nach deinem weisen Gesetze den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und Erbarmung stehen höher als Weisheit und Gerechtigkeit! Handle daher mit ihm nach der Liebe und nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir und mit Dem, der in Mir ist und von dem Ich als Mensch deinesgleichen ausgehe. - Amen.

an4,09] Von Mir Selbst geschrieben zu Kapernaum und übersandt durch deinen Boten.

 

 

 

5. Brief des Abgarus an Jesus, geschrieben drei Wochen nach der Antwort des Herrn auf den vierten Brief

br5,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der im Judenlande um Jerusalem erschienen ist als das Urlicht und die ewige Urkraft, die alles (Himmel, Welten, Wesen) neu gestaltet und dennoch nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten! Ihm alles Heil von uns Kindern der Nacht! 

 

br5,02] O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl die Größe Deiner Liebe zu uns Menschen, die wir nur Deine Geschöpfe sind, fassen - jener Liebe, aus welcher Du nun alles neu gestalten willst, indem Du dabei selbst einen Weg wandelst, der nach meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich und undenkbar zu sein scheint! 

   

br5,03] Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauche verwehen könntest, als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so regierest und erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch die ganze Unendlichkeit! Und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im Meere, die Sonne, der Mond und alle zahllosen Sterne horchen der Allmachtstimme Deines Herzens, das da der ewige Mittelpunkt aller Dinge und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist. 

 

br5,04] O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich im hellsten Tage ihres Geistes nun so erkennen wie ich armer Sünder aus meiner Nacht!

 

br5,05] O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich bei Dir! So aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner größten Seligkeit geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil Du, o Herr, mich nur insoweit für würdig befunden hast, mit mir armen, dummen Tropfe brieflich zu reden und mich über so viele Wunderdinge zu belehren, über die man freilich wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von einem Menschen belehrt werden kann.

 

br5,06] Was wußte ich wohl früher von einem Leben nach dem Tode? Alle Weisen der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt. Denn unsere Vielgötterlehre hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit; diese gleicht aber ebensowenig der Wirklichkeit wie ein leerer Traum, in welchem man bald auf dem Meere zu Fuße geht und bald zu Schiffe übers Land fährt.

 

br5,07] Du, o Herr, aber hast es mir im Worte und in der Tat gezeigt, wie nach dem Tode dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenes, wahrhaftes freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar verändert wird ewig.

 

br5,08] Aus diesem Grunde aber habe ich es mir nun auch zur unerläßlichen Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für Deine endlos große Gnade durch dieses Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich gegen diese Deine Gnade in das reinste Nichts zerfällt.

 

br5,09] Aber was, o Herr, könnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor gegeben hättest!? 

 

br5,10] Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem Menschen Geeignetste zu sein - weil der Undank sicher sein volles Eigentum ist. Daher auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als eben meinen geringsten Dank - aber dennoch mit der vollsten Versicherung, daß ich nun bereit bin, in meinem kleinen Staate alles sogleich einzuführen, was Du, o Herr, mir gnädigst gebieten möchtest.

 

br5,11] So habe ich nach Deinem Wunsche den großen Staatsverbrecher nicht nur alsogleich aus dem Kerker gehoben, sondern ihn auch alsogleich in meine Schule und an meinen Tisch bringen lassen. Ob ich daran recht getan oder etwa, wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel getan habe, das zu beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin. Darum komme ich, o Herr, auch in diesem Stücke zu Dir mit diesem Schreiben, daß Du mir darüber die rechte Weisung gnädigst erteilen möchtest. 

   

br5,12] Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichen Gehorsam Dir, o Herr Jesus, ganz allein! Dein Wille geschehe!

 

 

5. Antwort Jesu an Abgarus

an5,01] Höre, du Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Ich habe nun bei zweiundsiebzig Jünger, darunter zwölf Apostel, aber alle zusammen haben nicht solche Sehekraft wie du allein, der du ein Heide bist und Mich und alle die vielen Wunder seit Meiner Menschwerdung und Geburt nie gesehen hast.

  

an5,02] Darum sei du auch der besten Hoffnung! Denn siehe, es wird geschehen und ist schon geschehen, daß Ich den Kindern das Licht nehmen werde und werde es in der Fülle geben euch Heiden! Denn siehe, erst vor kurzem habe Ich unter den hier mitunter lebenden Heiden, Griechen und Römern, Glauben gefunden, desgleichen in ganz Israel nicht anzutreffen ist. Liebe und Demut aber sind nun unter den Juden ganz fremde Eigenschaften des menschlichen Herzens geworden, während Ich sie nicht selten unter euch im Vollmaße antreffe.

   

an5,03] Siehe, darum werde Ich es den Kindern nehmen und werde es euch geben, das ist: all Mein Reich zeitlich und ewig! Die Kinder aber sollen sich nähren vom Unflate der Welt!

  

an5,04] Du möchtest Meinen Willen in deinem Staate zum Gesetze machen? - Das wird sich vorderhand noch nicht tun! Denn siehe, es gehört zu allem eine gwisse Reife. Aber Mein Gesetz ist nichts als Liebe. Willst du schon in deinem Staate etwas von Mir einführen, so führe dieses Gestz ein, dann wirst du mit Meinem Willen ein leichtes Werk haben! Denn siehe, Mein Wille und Mein Gesetz sind so völlig eins, wie da Ich und der Vater völlig eins sind.

 

an5,05] Freilich liegt dann in Meinem Willen noch so manches, was du nun nicht fassen könntest. Wann aber Mein Jünger zu dir kommen wird, der wird dich in alles leiten. Und so du durch ihn auf Meinen Namen getauft wirst, dann wird der Geist Gottes über dich kommen und wird dich selbst in allen Dingen unterweisen.

  

an5,06] Mit dem Verbrecher hast du völlig recht getan. Denn siehe, Ich tue mit euch Heiden ja dasselbe! Deine Tat aber sei dir ein guter Spiegel dessen, was Ich schon jetzt tue und später in der Fülle tun werde.

 

an5,07] Dies zu deiner Ruhe und zu deinem Segen!- Amen 

 

 

6. Brief des Abgarus an Jesus, zehn Wochen später geschrieben

br6,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heilande alles Heil, der um Jerusalem erschienen ist, ein Heil allen Völkern, die eines guten Herzens sind und den rechten Willen haben, nach Seinem Worte ihr Leben einzurichten!

 

br6,02] O Herr, vergib mir meine große Dreistigkeit und mein schon wahrhaft unverschämtes Zudringen zu Dir! Aber Du weißt es ja, daß gute Ärzte bei den Menschen stets in größtem Ansehen standen, weil sie allezeit auch in den Dingen der Natur die sichersten Kenntnisse besaßen, und daß sich bei großen Erscheinungen in der Natur darum jedermann gerne an sie wandte, um von ihnen einen, wenn schon matten Aufschluß zu erhalten. Und wie endlos höher als alle naturkundigen Ärzte der Welt stehst freilich Du in meinen Augen, der Du nicht nur ein Arzt in allen Dingen, sondern auch zugleich der Schöpfer und Herr aller Natur bist von Ewigkeit!

 

br6,03] Dir kann ich daher ganz allein nur meine gegenwärtige sonderbare Staatsnot vortragen und Dich aus aller Tiefe meines Herzens um die gnädige Abwendung dieser sonderbaren Not anflehen.

 

br6,04] Siehe, wie Du sicher schon lange von Grund aus weißt, ist vor zehn Tagen hier ein kleines Erdbeben verspürt worden, welches, Dir ewig Dank, ohne besondere Spuren verüberging. Ein paar Tage nach diesem Erdbeben fing jedoch alles Wasser an, trübe zu werden. Und jeder Mensch, der das Wasser trank, bekam Kopfschmerzen und ward darauf ganz unsinnig.

 

br6,05] Ich gab da sogleich ein strenges Gebot heraus, daß da in meinem ganzen Lande das Wasser so lange niemand gebrauchen dürfe, bis ich es wieder zu gebrauchen gebieten werden. Unter der Zeit aber sollen alle meine Staatsbürger zu mir nach Edessa kommen, allwo sie Wein und Wasser bekommen werden, das ich für den Zweck auf großen Schiffen eigens aus ziemlicher Entfernung holen lasse.

 

br6,06] Ich glaube, weil mich zu dieser Handlung rein nur die Liebe zu meinem Volke und die wahrste Erbarmung über dasselbe antrieb, keine schlechte Tat begangen zu haben. Darum bitte ich Dich, o Herr, in aller Demut und Zerknirschtheit meines Herzens, Du wollest mir und meinem Volke aus dieser Not helfen!

 

br6,07] Denn siehe, es will sich das Wasser nicht klären und dessen tolle Wirkung ist stets die gleiche. O Herr, ich weiß, daß Dir alle guten und bösen Mächte untertan sind und Deinem Winke weichen müssen; daher bitte ich Dich, Du wollest Dich gnädigst meiner erbarmen und mich wegen des armen Volkes befreien von dieser Plage! - Dein göttlicher, heiliger Wille geschehe!

    

br6,08] Als der Herr diesen Brief gelesen hatte, erregte Er sich tief in Seinem Innern und sprach laut wie ein Donner: "O Satana, Satana! Wie lange willst du Gott, deinen Herrn, noch versuchen!? Was tat dir, du ärgste Schlange, dies arme, gute Völklein, daß du es also scheußlich plagest?

 

br6,09] Auf daß du wieder erfahrest, daß Ich dein Herr bin, so habe es in diesem Lande von diesem Augenblick an ein Ende mit deiner Bosheit! Amen.

 

br6,10] Hast du dir nicht einst bloß der Menschen Fleisch bedungen, es zu proben, was Ich dir gestattete wie bei Hiob?! Was machst du nun mit Meiner Erde?! - Hast du Mut, so greife Mich an! Aber Meine Erde und die Menschen, die Mich in ihrem Herzen tragen, lasse in Ruhe bis zur Zeit, die Ich dir zur allerletzten Freiheitsprobe gönnen werde!" 

 

 

6. Antwort Jesu durch einen Jünger an Abgarus

an6,01] Mein lieber Sohn und Bruder Abgarus! Diesen argen Streich hat dir nicht dein Feind, sondern allein Mein Feind gespielt! Du jedoch kennst diesen Feind nicht; Ich aber kenne ihn schon gar lange.

 

an6,02] Dieser Mein Feind ist der alte, unsichtbare Fürst dieser Welt und hatte bisher eine große Macht nicht nur auf dieser Erde, die sein Haus ist, sondern auch in den Sternen. Allein seine Macht wird nur noch eine kurze Zeit dauern, und bald wird der Fürst dieser Welt geschlagen werden.

 

an6,03] Du aber fürchte ihn nimmerdar! Denn für dich und dein Volk habe Ich ihn nun geschlagen. - Gebrauche daher nun ganz ruhig das Wasser deines Landes! Denn es ist in diesem Augenblicke rein und gesund geworden.

 

an6,04] Siehe, dieweil du Mich liebst, ist dir Arges begegnet. Weil aber deine Liebe zu Mir mächtiger ward in der Bedrängnis, so hat deine Liebe gesiegt über alle Macht der Hölle und du bist nun für alle Zeit frei von solchen höllischen Ausgeburten!

 

an6,05] Daher wird es kommen, daß der Glaube großen Versuchungen preisgegeben wird und wird durch Feuer und Wasser wandeln müssen. Aber das Feuer der Liebe wird das Glaubensprobefeuer ersticken und das Wasser mit seiner Allgewalt verdampfen.

  

an6,06] Wie es aber nun deinem Lande naturmäßig ergangen ist, so wird es dereinst vielen durch Meine Lehre ergehen geistig. Sie werden auch sehr unsinnig werden, die aus den Pfützen der falschen Propheten trinken werden!

 

an6,07] Meine Liebe, Meinen Segen und Meine Gnade dir, Mein Bruder Abgarus! - Amen.

 

 

 

7. Brief des Abgarus an Jesus 9 Wochen nach Empfang der sechsten Antwort an Jesus geschrieben und fünf Tage vor dem Einzug in Jerusalem an ihn gelangt

br7,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande alles Heil, der erschienen ist in der Gegend um Jerusalem, ein Heil allen Völkern, ein Herr und ein gesalbter König von Ewigkeit, ein Gott aller Kreatur, aller Menschen und aller Götter, der guten wie der bösen!

 

br7,02] O mein Gott, o mein Herr, o Du alleiniger Erfüller meines Herzens und vollster Inbegriff aller meiner Gedanken! Ich weiß es zwar wohl schon aus Deinem ersten, gnädigsten Briefe an mich, daß mit Dir nach Deinem eigenen, unbegreiflichen Ratschlusse das alles geschehen muß, was die argen jerusalemitischen Juden mit Dir vorhaben.

 

br7,03] Ich kann es mir wohl auch dunkel vorstellen, daß das alles schon so wird sein müssen. Aber daß sich, von meiner menschlichen Seite betrachtet, mein Dich nun über alles liebendes Herz dagegen sträubet, das wirst Du, o Herr, sicher noch besser einsehen als ich, ein schwacher Mensch. Daß ich aber vollen Grund habe, Dir, o Herr, solches zu berichten, wird das im Verlaufe meines Schreibens Folgende zeigen.  

 

br7,04] Siehe, ich als ein römischer Vasall und naher Verwandter des Tiberius, der da Kaiser (Cäsar) in Rom ist, habe auch in Jerusalem meine getreuen römischen Beobachter, die besonders ein scharfes Auge auf das dortige überaus hochmütige Priestertum haben. Diese meine Beobachter haben mir genau berichtet, was diese stolzen, übermütigen Priester und Pharisäer mit Dir vorhaben.

 

br7,05] Sie wollen Dich nicht nur nach ihrer Art steinigen oder verbrennen; nein, das ist ihnen viel zuwenig, sondern sie wollen an Dir ein Exempel der allerunmenschlichsten Grausamkeit statuieren! - Höre, o Herr! Diese Bestien in Menschengestalt wollen Dich mit scharfen Nägeln ans Kreuz heften und Dich so lange daran hängen lassen, bis Du langsam vor ungeheuersten Schmerzen stirbst am Schandpfahle! Und dieses Meisterstück menschlicher Bosheit wollen sie an diesem bald kommenden Osterfeste ausführen! 

 

br7,06] Herr, sei es, wie es wolle - aber mich hat es bis ins Innerste empört! Ich weiß, wie diese rein sinnlichen und herrschsüchtigen Bestien Dich gar nicht darum töten wollen, weil Du Dich als ihren verheißenen Messias ausgibst vor dem Volke. O das würde diese priesterliche Hyänenbrut wenig kümmern! Denn Ich weiß es nur zu gut, daß sie bei sich weder an einen Gott noch viel weniger an Dich glauben und unter sich aus einer Gotteslästerung sich wenig machen.

 

br7,07] Aber sie haben einen ganz andern Plan! - Siehe, diese Bestien wissen, daß sie von Rom ihrer geheimen Umtriebe wegen mit Argusaugen beobachtet werden. Und der scharfsichtige Pilatus hat einen solchen hohepriesterlichen Aufstandsversuch, so fein er auch angelegt war, schon im vorigen Jahre genau durchschaut und hat, wie Du weißt, beim Feste gegen fünfhundert Arme und auch Wohlhabende, zumeist leider Galiläer, vor dem Vorhofe ergreifen und sogleich enthaupten lassen, wodurch er sich freilich die Feindschaft des Herodes zuzog, da es meistens seine Untertanen getroffen hatte.

 

br7,08] Dieses Beispiel wirkte stark erschütternd auf die Gemüter der Templer. Um die lästige Scharte auszuwetzen, haben sie nun Dich ausersehen, wollen Dich als einen Staatsrebellen beim Pontius anklagen und Dich auch als den Haupträdelsführer des vorjährigen Aufstandes bezeichnen, um sich auf diese Art vor dem römischen Hofe wieder weiß zu waschen, Roms lästige Argusaugen dadurch von sich abzuwenden und dann wieder leichter ihre Hochverratspläne zu schmieden, was ihnen aber auf keinen Fall gelingen wird. Du siehst es ja ohne dies mein Schreiben auch selber und endlos besser, daß sie von Rom aus auf ein Haar durchschaut sind.

 

br7,09] Willst Du, o Herr, einen Dienst von mir, Deinem innigsten Freunde und Anbeter, so sende ich darob sogleich Eilboten nach Rom und an Pontius. Und ich stehe Dir dafür, daß diese Bestien sogleich in dieselbe Grube fallen werden, die sie Dir bereitet haben!

 

br7,10] Doch, da ich Dich, o Herr, nur zu wohl kenne und wohl weiß, daß Du keines Menschenrates bedarfst, so wirst Du wohl tun, was Dir am besten däucht. Ich als Mensch aber habe es als eine meiner ersten Pflichten angesehen, Dir die Sache getreu kundzugeben, wie sie sich auf ein Haar verhält - verbunden mit meinem innigsten Danke für Deine Gnade, die Du mir und meinen Volke erwiesen hast.

 

br7,11] O Herr, lasse mich wissen, was ich hier für dich tun soll! - Dein allezeit heiliger Wille geschehe! 

 

 

7. Letzte Antwort Jesu an Abgarus

an7,01] Höre, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus, es verhält sich richtig alles genau also, wie du Mich nun benachrichtigt hast. Aber dessenungeachtet muß mit Mir alles so geschehen, weil sonst kein Mensch ewig je das ewige Leben erreichen könnte - was du jetzt freilich nicht einsiehst, aber in Kürze als großes Geheimnis einsehen wirst.

 

an7,02] Daher unterlasse vorderhand deine Mir freundlichst dargebotenen Schritte für Meine Rechtfertigung. Denn sie würden da wenig fruchten, wo des Vaters ewige Macht waltet, der in Mir ist und von dem Ich als ein Mensch ausgegangen bin.

 

an7,03] Mein Kreuz, an das Ich geheftet werde, erschrecke dich ja nicht!- Denn siehe, gerade dieses Kreuz soll für alle künftigen Zeiten der Grundstein zum Reiche Gottes und zugleich die Pforte in dasselbe werden!

 

an7,04] Ich aber werde nur drei Tage lang dem Leibe nach tot sein. Am dritten Tage aber werde Ich als ein ewiger Überwinder des Todes und der Hölle wieder vom Tode auferstehen und Mein allmächtiges Gericht wird alle Täter des Übels treffen.

 

an7,05] Für die aber, die Meines Herzens sind, werde Ich dann die Pforte der Himmel weit auftun vor ihren Augen!

 

an7,06] Wenn du aber in wenigen Tagen wirst die Sonne am Tage ganz verfinstert erschauen, dann denke, daß Ich, dein größter Freund und Bruder, am Kreuze gestorben bin! - Erschrecke aber nicht darob! Denn das alles muß so kommen, und den Meinen wird dennoch kein Haar gekrümmt werden.

 

an7,07] Wann Ich aber auferstehen werde, in dem Augenblicke sollst du ein Wahrzeichen bekommen, daran du Meine Auferstehung sogleich erkennen wirst!

 

an7,08] Meine Liebe, Gnade und Mein Segen mit dir, Mein lieber Bruder Abgarus! - Amen.

 

 

 


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