BLUMENLESE

 

Aus den Schriften

des Johann von Bernieres-Louvigni

 

1. Ich bin für Gott geschaffen, ich bin ein Eigentum Gottes.

 

2. Gott, du bist überall! Du siehst alles, und doch ist der Mensch, das elende Geschöpf, so verwegen, zu sündigen vor deinen Augen, schwebend in deinem göttlichen Wesen. (In ihm leben, schweben und sind wir [Apg.17,28]).

 

3. Wir hangen an Gott mit einem Faden der Barmherzigkeit. Zerreißt ihn die Gerechtigkeit, so fallen wir augenblicklich in den Abgrund der Sünde und des Elends.

 

4. Das Bestreben eines Menschen, sich von sich selbst loszu­reißen, ist unter allen großen Taten die größte. Erreicht er durch Gottes Gnade seinen Zweck, so ist er ein Mensch von unschätz­barem Werte.

 

5. Wozu so viele Bücher? Wenn uns Gott die Gnade schenkt, uns selbst zu vernichten, uns selbst zu sterben, so ist es genug. Dieses einzige Buch schafft uns wahres Licht, und lehrt uns alles, was wir zu wissen nötig haben.

 

6. Aus Eitelkeit glauben wir von uns, und wollen andere von uns glauben machen, was wir in der Tat nicht sind. Dies sind Lügen, die Gott, der ewigen Wahrheit, nicht gefallen. Demut allein ehrt und liebt die Wahrheit.

 

7. Wer mir Neuigkeiten oder andere unnütze Dinge erzählt, wirft mir Staub in mein Geistesauge und trübt mir den Blick auf den Schönsten aller Schönen.

 

8. Die Sünde, als eine Erfahrung unserer Schwachheit, zer­stört unsere Selbstgefälligkeit; denn sie lässt uns unser Verderben und unser Nichts mit Händen greifen. Doch darf Demütigung, Friede und Vertrauen auf die Verdienste Jesu Christi dabei nicht fehlen.

 

9. Wer seine Fehler entschuldigt, raubt sich selbst eine große Seligkeit; denn er zieht sich auf der Bahn der Verachtung zurück, auf welcher er Gott, den er beleidigte, besonders verherrliche könnte.

 

10. Was dich gefangen nehmen und fesseln will, das musst du nicht nur mit dem Herzen (innerlich), sondern auch in der Tat (wirklich) verlassen. Denn was wir nur mit dem Herzen verlassen, dem sterben wir gewöhnlich nur halb ab. Was wir aber wirklich ver­lassen, dem sterben wir ganz.

 

11. Was nicht Gott selbst ist, oder gerade zu Gott führt, ist Eitelkeit, Rauch und Torheit.

 

12. Ein Augenblick des Willens Gottes ist allen Dingen der Welt vorzuziehen. Jedes Unternehmen, so groß und heilig es auch sein mag, muss man unterlassen, um diesem seligen Augenblicke des göttlichen Willens zu gehorchen, von dem die ganze Seligkeit des Menschen abhängt. Denn alles, was nicht Gottes Wille ist, bringt deinem Innern Zerrüttung, Trennung und Schmerzen.

 

13. Der Fehler der meisten Frommen besteht darin: Sie be­mühen sich neugierig, viele Mittel zur Vollkommenheit zu wissen, ohne auch nur eines davon zu gebrauchen. O Lieber! um wahrhaft fromm zu sein, musst du nicht viel wissen, wohl aber viel tun.

 

14. Der Mensch lebt verschiedene Leben. Das tierische Leben, das natürliche Leben, das bürgerliche Leben, das geistige Leben, das inwendige Leben. Dieses, das inwendige Leben, ist eine unablässige Erhebung des Gemüts zu Gott, eine immerwährende Vereinigung mit Gott, und nährt und erhält sich nur durch den strengen Tod der übrigen Leben. Das heißt, das innere Leben kann nur bestehen, wenn man die andern Leben nur insofern lebt, als es Gott will, nach der Ordnung Gottes. Das inwendige Leben muss daher das gewöhnliche und beständige sein.

 

15. Einer erkannten Eingebung Gottes nicht folgen, ist eine große Untreue. Denn die Treue und Genauigkeit, die keinen Anlass, etwas Gutes zu tun, vorbeigehen lässt, ist die Hauptsache der Gottseligkeit, und zugleich der untrügliche Prüfstein der Quelle und des Wertes aller Offenbarungen und außerordentlichen Dinge.

 

16. Das größte Geheimnis der Gottseligkeit ist, nichts wollen, und alles wollen, was Gott will, und es nur darum wollen, weil es Gott will.

 

17. Wenn du dich selbst besiegen willst, so musst du allezeit die Partei Gottes gegen dich selbst ergreifen.

 

18. Was wir aus Mangel an Treue und durch Trägheit in der Übung der Gottseligkeit versäumt haben, können wir durch Demut wieder gewinnen, wenn wir uns im Frieden vor Gott vernichten, und dann mit neuem Vertrauen zu Gott die Bahn des Guten fortwandeln. 19. Wir suchen Ruhe und suchen sie durch Entfernung alles dessen, was uns verdrießlich macht, was uns quält und überlästig ist. Allein da finden wir die wahre Ruhe der Seele nicht; das ist nur eine natürliche Ruhe. Die Ruhe der Gnade ist die Ruhe des Kreuzes. Haben wir diese gefunden, so können wir mitten in Schmerzen und Leiden auf eine freie Weise mit Gott umgehen und in Ihm ruhen. Solange uns diese Ruhe mangelt, ist unser Umgang mit Gott noch nicht, wie er sein soll.

 

20. Warum werden doch so wenige Menschen vollkommen? Weil so wenige sich selbst verlieren und gekreuzigt sein wollen.

 

21. Ein Geistes-Freund ist mehr wert als alle Freunde nach dem Fleische; man findet bei ihnen wenig Treue und Beständigkeit, wenig Hilfe und Trost. Wenn wir weise sind, hängen wir uns nicht an die Geschöpfe, denn sie sind schwächer als ein Rohrstab. Niemand verdient unser Vertrauen, als Gott und die uns zu Ihm weisen.

 

22. Es ist eine große Gnade, fromme Menschen finden. Mein Gott, ich danke dir, dass du sie mich finden ließest. Ich preise dich aber auch, dass du sie von mir entfernt hast. Du allein bist mir genug. Aber soll man denn fromme Menschen und ihre Bekannt­schaft fliehen? Nein doch, denn ihr Anblick und ihr Umgang bringt  dir viel Segen. Nur musst du nicht an frommen Menschen hangen, sondern an Gott allein, der in ihnen ist und durch sie redet.

 

23. Ist etwas Gutes in uns, so ist es nicht von uns.

 

24. Wie das Holz, das ins Feuer gelegt wird, das Feuer nährt und vermehrt, so nährt sich die Liebe in dir durch den beständigen Blick auf Christus und seine Vollkommenheiten. Sobald du aber deinen Blick von Ihm weg und auf äußerliche Dinge wendest, und also nicht stets Holz zum Feuer legst, durch die Beschauung seiner Vollkommenheiten, so erlöscht die Liebe. Der kürzeste Weg zum Lieben ist lieben.

 

25. Der arme Stall zu Bethlehem mit Jesus war herrlicher als alle Paläste der Welt. So ist heute noch der ärmste, verlassenste und einfältigste Mensch, der mit Jesus vereinigt ist, höher zu schätzen, als alle Mächtigen der Erde, die in dieser Verbindung nicht stehen. Darum halte es für lauter Ehre und Herrlichkeit, wenn du wegen der Vereinigung mit Christus als ein Tor verachtet wirst. Wir sind Narren um Christi willen (1.Kor.4,10).

 

26. Wie das Haupt die Glieder regiert und bewegt, so musst du dich von Christus führen, regieren und leiten lassen, wie Er es haben will. Deine Seelenführer, Gewissensfreunde haben nur zu sehen, ob du der Führung Jesu folgest. Sie sollen dich keineswegs selbst nach ihrem Kopfe führen.

 

27. Das allerschönste Buch ist Gott in mir. Er lehrt mich, was ich in keinem Buche finde.

 

28. Ein großes Geheimnis der Gottseligkeit ist, so in der Weit leben, als wenn nur Gott allein darin wäre; und alles Gute und Böse, was uns immer von den Geschöpfen widerfahren mag, von Gottes Hand anzunehmen.

 

29. Du kannst nicht verkosten, wie süß der Herr ist, ehe du die Bitterkeit seines Kreuzes geschmeckt hast.

 

30. Alle Wege Gottes sind an und für sich gut; aber für uns ist der beste, den Er uns führt.

 

31. Was dir die Vorsehung zuschickt, taugt viel besser zu deiner Vervollkommnung, als was du dir selbst erwählst.

 

32. Lass andere denken was sie wollen; tue du, was Gott von dir haben will, und tue es so, wie Er es haben will, ohne dich um die Gedanken der Menschen zu bekümmern

 

33. Gott allein ist genug! Lasset uns Gott und das Kreuz lieben, und alles übrige gern entbehren! Wenn wir nur Liebe, Rein­heit und Kreuz haben!

 

34. O wie listig und schlau ist die Natur! Sie möchte immer das Kreuz umgehen und ihm ausweichen. Die Einsamkeit ist gut, aber das Kreuz ist besser.

 

35. Die Freiheit Jesu Christi wird uns nur dann geschenkt, wenn wir den alten Adam mit allen seinen Neigungen und seinem Eigenwillen in Bande und Gefängnis legen.

 

36. Jesus Christus will selbst deine Stärke sein, o Seele! Er will selbst für dich streiten. Fliehe stets zu Ihm in deinen inneren und äußeren Versuchungen und Leiden. Er wird dir Siege verschaffen, so sehr deine Feinde wüten.

 

37. In dem Herzen des Demütigen finden sich stets die zwei Gegensätze, das Nichts und das All. Das Nichts des Geschöpfs und das All Gottes. Lasset uns nie von diesen beiden ausgehen.

 

38. Das Gebet erkennt man an den Früchten. Wenn dein Gebet in dir die Neigungen der Natur und der Welt tötet, und da­gegen den Sinn und das Bild Jesu Christi in dir erzeugt, so sei un­bekümmert; dein Gebet ist gut.

 

39. Nimm du von Gott ganz einfältig an, was Er dir gibt, ohne darauf zu sehen, ob es groß oder klein ist. Es ist genug, dass es von Gott ist, und immer mehr ist, als du verdienst.

 

40. Tun und leiden, was Gott will, und weil es Gott will, und weil es Ihm so gefällt, das ist die reinste Tugend, und der Himmel einer wahrhaft frommen Seele.

 

41. Wenn du leidest, so leide nur darum gern, damit du des Kreuzes Christi teilhaftig werdest. Oder sollte der Bräutigam in Dornen gehen und die Braut weichlich leben? Würde sich das wohl reimen?

 

42. Die geschaffenen Dinge müssen dir nicht fester am Herzen hängen, als die Handschuhe an den Händen.

 

43. Begegnet dir etwas Unangenehmes, so danke der Hand, die so mildiglich ihre Gnaden mitteilt, und betrübe dich nur, wenn du kein Kreuz hast. Doch wähle dir selbst keines, lass es dir die Vorse­hung auflegen.

 

44. Das beste ist, alles Gott überlassen, und nichts selbst wählen.

 

45. Was bedarfst du mehr, als Gott? Sollte Er dir nicht genug sein?

 

46. Du sollst auch an den Mitteln nicht hangen, die zu Gott führen. Du sollst nur an Gott allein hangen, den du um so reiner findest, je mehr du von allem andern los bist.

 

47. Die Last des Kreuzes fühlen und tragen, die Gott unsern Schultern auflegt, ist das vollkommenste Gebet.

 

48. Die äußerste Armut des Geistes erfüllt uns am reich­lichsten mit Gott. Augenblicke eines solchen Armutsgefühls sind mehr wert, als tagelange Gebete, die nur in Gedanken und lieblichen Empfindungen bestehen. Denn leiden heißt mit Christus sein, und in so guter Gesellschaft sein, heißt beten. Allein unsere größte Krankheit ist die, dass wir nichts glauben, als was uns unsere Sinne sagen.

 

49. Was hilft es dir, dass du dein Gut den Armen schenkst, deinen Leib kasteiest und in deiner Andacht voller Inbrunst bist? Dies eine nur ist not: Aus dir selbst ausgehen und nichts mehr mit eigener Liebe behalten.

 

50. Das größte Werk Gottes und seiner Gnade ist unsere vollkommene Selbstvernichtung. Die Stufen, auf welchen man die Höhe dieses Berges erreicht, sind folgende: Erstens verleugne einmal die Anhänglichkeit an das grobe Sinnliche, an die Reich­tümer, Ehren und Wollüste usw. Zweitens verleugne die feinere und geistliche Selbstsucht, z.B. deine eigene Meinung, deinen eigenen Willen, auch die Anhänglichkeit an göttliche Tröstungen. Drittens verleugne und vernichtige dich selbst, so zwar, dass Jesus Christus dir alles sei, und deine Seele keine andere Stütze habe, als Ihn allein.

 

51. Das Gebet ist ein Feuer; wer sich davon entfernt, erkaltet. 52. Ich weiß meinem Freunde nichts Besseres zu wünschen, als die Gabe und den Geist des Gebets. Denn das Gebet führt uns in die Schatzkammer der Wunder Gottes und in das heilige Kämmerlein der göttlichen Liebe. Es ist der Weg zu allen Gnaden.

 

53. Kein Freund Gottes kann uns etwas Besseres sagen, als: Stirb allem ab, um für Gott und in Gott zu leben.

 

54. Freue dich der Gegenwart deines Gottes, auch wenn Dunkelheit und Zerstreuung Ihn vor dir verbirgt. Ist es finster vor dir und siehst du Ihn nicht, so sei es dir genug, dass Er dich sieht, dass Er den ernsten Willen in dir sieht, ganz für Ihn zu sein.

 

55. Du kannst nur dann mit aller Fülle Gottes erfüllt werden, wenn du von allen Geschöpfen leer bist.

 

56. Du kannst nichts verlieren, wenn du in der Welt nichts suchst, als dich in Gott zu verlieren.

 

57. O welch eine große Gnade, wenn nicht mehr wir, sondern Jesus Christus in uns lebt, wenn Er allein in uns wirkt und leidet. Dieses wunderbare und herrliche Sichselbstverlieren in Jesu Christo ist die Seligkeit dieses Lebens.

 

58. Kreuz, Leiden und Versuchungen mögen wohl deine Sinne einnehmen, wenn nur Gott deinen Grund einnimmt, oder vielmehr dein Grund selbst ist.

 

59. Selig, wem Gott sich schenkt! Diesen Schatz und diese Gnade kennen die Weisen und Klugen der Welt nicht.

 

60. Sich in Gott verlieren ist ein Schatz über alle Schätze. Wer diesen Schatz nur von ferne ahnt, den hält in seinem Laufe keine Angst und kein Tod mehr auf, er dringt durch alles. Ein göttlicher Strahl, der sein Innerstes berührt, weckt seine Grund­neigungen auf, und spornt ihn an in seinem Lauf, dass er sich gedrungen fühlt, Gott zu suchen, bis er Ihn gefunden hat.

 

61. Ich muss in meinem Nichts bleiben; d. h. ich muss stets erkennen und bekennen, dass ich nichts kann und nichts verdiene. Denn das ist die Wahrheit. Wenn ich davon abgehe und etwas sein will, was ich doch nicht bin, so lebe ich in der Lüge und Eitelkeit. Darum heißt es: Wie habt ihr die Eitelkeit so lieb und die Lügen so gern (Ps. 4,3).

 

62. Wenn die reine Liebe auf Erden wohnt, so wohnt sie ge­wiss nur in dem Herzen dessen, der die Verachtung liebt. Denn ein solcher vergisst sich selbst und sucht nichts als Gottes Willen, Gottes Ehre und Gottes Wohlgefallen.

 

63. Die Hauptursache, warum wir uns so wenig oder gar nicht bessern, ist diese: Wir wollen nicht ganz von der Gnade abhangen, nicht unser ganzes Vertrauen auf Gott allein setzen; sondern wir bauen noch allzu viel auf Geschöpfe, d. h. auf die Mittel, deren wir uns zu unserer Besserung bedienen, z.B. auf gute Bücher, auf Ge­spräche mit andern, auf Predigten, Betrachtungen u. dgl. Diese Dinge sind alle gut, wenn wir sie gebrauchen mit großer Zuversicht zu Gott, der es doch allein vermag, uns aus unserem Verderben herauszuziehen, und sich in uns zu verherrlichen zum Lobe seiner preiswürdigen Gnade.

 

64. Ich kann Gott nichts geben und nichts für Ihn tun. Das Beste, was ich kann, ist das, dass ich meine Ohnmacht bekenne, und auch dieses Bekenntnis kann ich ohne seine Gnade nicht tun. Er ist es selber, der es in mir tut.

 

65. Wir müssen uns nicht so sehr über unsere Unvoll­kommenheiten beunruhigen. Sie sind böse Kinder, die man zwar nicht lieben, aber doch dulden muss, weil sie dazu dienen, uns in unseren Augen zu vernichten, und uns der großen und unendlichen Vernichtung Jesu Christi am Kreuze gleichförmig zu machen.

 

66. O mein Gott, wie schwer ist es, sich selbst in keinem Stücke zu suchen, und nicht nach Selbsterhebung zu streben! Diese Neigung ist so innig mit uns verwandt, als das Mark mit unseren Gebeinen. Beinahe in allem, was wir für uns oder für unseren Nächsten tun, suchen wir allezeit ein wenig unsere Ehre.

 

67. Unsere verborgenen Fehler schaden uns sehr. Die offen­baren nützen uns viel, wenn wir es verstehen.

 

68. Warum lassen wir uns denn Christen nennen, wenn wir nicht ganz und ohne Vorbehalt in den Wegen Jesu Christi wandeln wollen? wenn wir nicht einzig und allein Ihm gleichförmig zu werden suchen?

 

69. Um nach dem Sinne der Welt große Dinge zu unter­nehmen, brauchst du viel Geld, großes Glück und viel Freunde. Um nach Gottes Sinn Großes zu wirken, sind dir Verachtung, Armut, Widerwärtigkeit und Feinde unentbehrlich. Denn je mehr du leidest, desto mehr wirst du wirken; je mehr du von allem los bist, desto reicher wirst du in Gott.

 

70. Man philosophiert so viel im Christentum. Und wozu doch? Eins ist not! Der Geist Jesu Christi muss der Geist meines Geistes, die Seele meines Lebens und Tuns sein. Lass doch alle anderen Überlegungen, denn sie hindern dich nur.

 

71. Viele sind berufen zur Vollkommenheit durch Einsichten, Lichter, Empfindungen und Bewegungen der Gnade; aber wenige sind erwählt, wenige erreichen die Vollkommenheit. Warum? Weil sie nicht treu sind, sich selbst zu sehr schonen, zu zärtlich mit ihrem Fleisch verfahren, zu sehr an ihren Gütern, Freunden und Ver­wandten hangen, zuviel Menschenfurcht haben, und ihrer Vernunft mehr Gehör geben, als dem Rufe der Gnade.

 

72. Wer sich dem Gebet ergibt, muss ein Gestorbener sein. Denn wenn dich dein Gebet nicht mit Kraft ausrüstet, über deine Leidenschaften, natürlichen Gewohnheiten und Neigungen einen Sieg nach dem andern zu erhalten, und alle christlichen Tugenden zu üben, so ist dein Gebet falsch und eitel Betrug.

 

73. Man muss sich selbst in allem überwinden, und daher in einem ewigen Kriege mit sich selbst leben. Dieses (ich habe es schon oft erfahren) erleichtert uns die Übung des Gebets. Denn je mehr wir uns Gewalt antun und uns überwinden, desto mehr öffnet uns Gott im Gebet den Zutritt zu Ihm.

 

74. Das wahre Gebet ist nichts anderes, als ein sich Zurück­ziehen und Losreißen von allem, was nicht Gott ist.

 

75. Wehe dem, der für seinen Leib mehr sorgt als für seine Seele, und lieber den Neigungen der Natur als den Eingebungen der Gnade folgt! Wehe dem, der alle Dinge recht haben will: Ein gutes Haus, gute Dienstboten, gute Kleider usw. Nur das kann er wohl leiden, dass er eine böse Seele hat. Wehe dem, der sich durch seine Sünden zum schlimmsten Stück Fleisch im ganzen Hause macht! Denn da er Gott verlässt, um seinen Lüsten zu dienen, so sind seine Pferde und Hunde, als unschuldige Geschöpfe, von Gott und seinen Engeln höher geachtet als er.

 

76. Es ist ohne Vergleich leichter, seinen Leidenschaften und Neigungen zu befehlen, als zu gehorchen. Es ist leichter, sie zu be­herrschen, als Sklave zu sein. Darum wandelt man auch leichter auf dem Wege der Seligkeit, als auf der Strasse des Verderbens.

 

77. Ein bewährtes Mittel, stets vollkommener zu werden, ist der stete Hinblick auf Christus. Man stellt sich Ihn lebendig vor Augen, als wenn Er vor uns herwandelte und uns einladet, Ihm nachzufolgen, zu wandeln, wie Er gewandelt hat; zu leben, zu reden, zu beten, im Umgang mit andern und in allem sich so zu ver­halten, wie Er sich verhielt, und mit eben der Gemütsbeschaffenheit, die Er bei allem hatte. Dieser unablässige Blick auf Christus hat eine besondere Kraft, Ihn unserer Seele einzudrücken.

 

78. Wie viele Ärzte des Kranken Tod sind, so sind die vielen Mittel, mit denen man sich in der Heiligung behelfen will, meistens das größte Hindernis der Heiligung.

 

79. Jeder würde Jesum gern aufnehmen, wenn Er nur allein käme; denn Er ist der Liebenswürdigste und Suchenswürdigste. Aber sein Staatsgefolge, das Ihn immer begleitet, die Armut, die Verachtung, das Leiden aller Art, das will niemandem gefallen.

80. Ein Blick auf Gott beseligt mich mehr als aller Glanz und alle Herrlichkeit der Großen dieser Welt. Ja, in einem einzigen  Worte von Gott finde ich eine paradiesische Wonne, dass mir alle Lust der Welt zum Ekel wird.

 

81. Alle menschlichen Stützen müssen dir entrissen werden; du darfst nichts außer Gott haben, worauf du fußen und ruhen könntest, wenn du in Gott bleibende Wohnung nehmen willst.

 

82. Wie ist es möglich? Die Menschen werfen sich so leicht aus sich selbst hinaus, um die Eitelkeit zu sehen! Und in sich selbst können sie das höchste Glück genießen, die Herrlichkeit Gottes schauen; und doch wollen sie nicht in sich selbst einkehren.

83. Wie viele Stunden verschwenden wir, indem wir unser Vergnügen, unseren Frieden und unsere Ruhe vergebens suchen, weil wir nicht da suchen, wo wir sie allein finden könnten, in der völligen Übergabe an Jesus und in der Liebe seines Kreuzes! Wir betrügen uns selbst, wenn wir durch die Kreuzesflucht Ruhe und Seligkeit zu finden hoffen. Denn je mehr wir das Kreuz fliehen, desto mehr verfolgt es uns, und lässt uns solange keine Ruhe und keine Freude finden, bis wir dasselbe freiwillig umarmen und auf uns nehmen.

 

84. Die wahre Liebe ist nie müßig; denn sie wirkt oder leidet unablässig.

 

85. Die dich am empfindlichsten drücken, die liebe am zärt­lichsten; denn sie nützen dir mehr, als wenn sie dir ein Königreich gäben.

 

86. Das vornehmste Augenmerk der Gnade ist, nichts sein zu wollen auf Erden. Und die Natur fürchtet nichts so sehr, als das Nichtssein. (Verweile hier, lieber Leser, und frage dich, wer bei dir zu Hause ist, die Natur oder die Gnade?)

 

87. Wer sich verwundert, wenn er sündigt, kennt sich selbst noch nicht. Wer darüber unruhig und mutlos wird, kennt Gottes Güte nicht.

 

88. Hüte dich, dass du dir keine fremden Güter zueignest. Wenn zwischen zwei Freunden Friede herrschen soll, so muss jeder mit dem Seinigen zufrieden sein. Gott gehört alles, dir aber nichts. Bleibe du bei deinem Nichts, so hast du Frieden mit Gott.

 

89. Wo Demut ist, da ist auch Licht. Denn der Demütige er­kennt die Wahrheit, dass Gott alles ist, und alle Geschöpfe eitel nichts sind. Und da er im Lichte dieser großen Wahrheit wandelt, so denkt er nur an Gott, redet nur von Gott, will nichts als Gott, handelt nur für Gott. Aber, o wie selten ist diese Erkenntnis, die allein wahr­haft demütige Menschen bildet! Die Blindheit und Unwissenheit des Menschen beschäftigt sich immer nur mit sich selbst oder mit andern Geschöpfen, als wenn sie wichtige und große Dinge wären; Gott aber liegt ihnen so wenig im Sinn, als wenn Er nicht wäre.

 

90. Du möchtest wissen, wie ferne du noch von Gott bist? Lass einmal sehen, wie ferne du noch vom Leben und Wandel Jesu Christi bist, dem du nicht ähnlich werden, viel weniger ähnlich bleiben kannst, ohne immerwährendes Sterben und Verleugnen alles dessen, was Fleisch und Welt liebt.

 

91. Das Verderblichste ist, den Bewegungen Gottes nicht mit Treue und Tapferkeit folgen.

 

92. Das Streben des geistigen Menschen ist ganz dahin ge­richtet, täglich ärmer zu werden, bis er nichts mehr besitzt als Gott allein.

 

93. Der Schmied wirft das Eisen ins Feuer und hämmert dann darauf, um es biegen und bilden zu können, wie er es haben will. Gott wirft die Seelen, die Er heiligen will, in den Ofen der Trübsal, und bildet sie durch die Schläge des Leidens, wie Er sie haben will. Aber eben darum ist die Heiligkeit selten, weil sie niemand so teuer bezahlen will.

 

94. Du bist aus der Welt ausgegangen, um in dich einzu­gehen. Nun musst du auch aus dir selbst ausgehen, um in Gott zu bleiben.

 

95. Wer das Kreuz Christi (das Leiden) nicht hochschätzt, der hat den Geist Christi nicht.

 

96. Will deine Flamme erlöschen, so blicke auf den Liebens­würdigsten und Vollkommensten. Man kann Ihn nicht ansehen, ohne Ihn zu lieben.

 

97. Ich weiß kein besseres Mittel, von all meiner Unreinheit frei zu werden, - als mich in Gott, das große Meer der unendlichen Reinheit, zu versenken, und mich darin zu verlieren.

 

98. Ich fürchte alle meine Werke (Hiob 9,28), auch die, die vor den Augen der Menschen die besten scheinen. Doch das macht mich nicht unruhig, und ich genieße bei aller Demütigung einen großen Frieden; denn ich vertraue auf die unendliche Güte Jesu Christi.

 

99. Unsere meisten Unternehmungen bleiben fruchtlos und ohne Wirkung, weil sie nicht bloß auf die Gnade Jesu Christi ge­gründet sind, sondern wenigstens einigermaßen auf unsere eigene Anstrengung und Bemühung, oder auf die Hilfe anderer. Da lässt es uns Gott nur darum nicht gelingen, damit wir lernen, uns auf Ihn allein zu stützen und Ihn allein im Auge zu haben.

 

100. Es ist mir genug, dass Gott ist, der Er ist, nämlich die unendliche, unwandelbare Seligkeit. Es ist mir genug, dass Jesus Christus ist, und dass in seinem göttlichen Herzen die Fülle des Heiligen Geistes wohnt. Ich bin zwar arm in mir selbst, aber reich in Christo Jesu, in dem alle meine Schätze verborgen sind. Sind sie mir gleich manchmal verschlossen, so sind sie doch meine Schätze. Er eröffnet sie mir, wenn es Ihm gefällt, und ich kann dann wieder daraus nehmen, was ich bedarf, um meiner ganzen Armseligkeit abzuhelfen.

 

101. Ich trage überall mich selbst mit herum, und finde mich selbst auch überall. Mein Gott, wann wirst du mich von mir selbst erlösen? Wann werde ich nichts mehr im Auge haben als dich allein und dein Wohlgefallen? Wenn wir alles verlassen haben, dann müssen wir am Ende erst noch uns selbst verlassen.

 

102. Jesus Christus kann nur in ganz vernichteten Herzen herrschen.

 

103. Nichts ist groß auf Erden als die Demut, nichts reich als die Armut, nichts verehrungswürdig als die Liebe zur Verachtung.

 

104. Suche die Vollkommenheit nicht weit, sie liegt dir nahe, sie in deinen Händen. Liebe du nur den Geist Jesu, der lauter Liebe zur Armut, zum Elend und Kreuz war.

 

105. Wie viel vermag eine Seele, die nichts durch sich selbst, sondern alles in Abhängigkeit von der Gnade tut!

 

106. Ich kenne Seelen, die sich in ihren eigenen Übungen quälen und einkerkern. Sie halten ihren Weg für erhaben, und werden nicht gewahr, dass sie keine anderen Flügel als die Natur haben. Der Geist des Herrn bläst, wo er will, darum müssen wir auf seine Bewegungen warten.

 

107. Fast alle unsere Andachten sind natürlich, weil die Natur mehr dabei wirkt als die Gnade. Es soll aber gerade umgekehrt sein. Doch damit will ich nicht sagen, dass die Natur nichts dabei wirken soll, sondern sie soll in ihren Wirkungen von den Bewe­gungen der Gnade abhängig bleiben, so wie diese von Gott ab­hangen.

 

108. So elend ich bin, so beschäftige ich mich doch mehr in Gott und mit Gott, als in mir und mit mir selbst. Ich denke mehr an seine Barmherzigkeit und Güte, als an meine Unvollkommenheit und Bosheit. So wandelt meine Seele die Bahn der Liebe, die alle Furcht verscheucht, die das Herz eiskalt und für die Eindrücke der göttlichen Liebe unempfänglich macht. Die Liebe hingegen ist ein Feuer, in dem unsere Unvollkommenheit wie der Schnee an der Sonne verschwindet. Denke du daher nicht immer an deine Unvoll­kommenheiten, denke lieber an die göttlichen Vollkommenheiten, die werden dein Herz erweitern und die Liebe statt der gefühllos machenden Furcht einflössen.

 

109. Der Herr macht den Grundriss zu seinen Heiligen auf Tabor, auf Golgatha vollendet er sie. Da macht Er die letzten Pinselstriche an ihnen.

 

110. Wenn unsere Liebe rein und fest wäre, würden wir nichts neben Gott besitzen wollen, aus Furcht, eben deswegen Ihn selbst nicht rein und ganz zu besitzen. Da wir aber heimlich an den Lichtern, Gefühlen und süßen Empfindungen hangen, so sind wir nicht ganz befriedigt, wenn Gott allein in unseren Herzen wohnt, ohne uns das angenehme, süße Gefühl seiner Gegenwart empfin­den zu lassen. Gott allein, ohne dieses Gefühl, soll uns ewig genug sein, und wir sollen nicht klagen, dass Er uns verlassen habe, son­dern Ihn vielmehr preisen. Denn Er wirkt Großes in dieser Dürre, und reinigt die Liebe, deren geringster Grad köstlicher ist als der Besitz alles Geschaffenen und aller Empfindungen.

 

111. Es hält lange, bis man erkennt, dass die Gottseligkeit im Inwendigen und nicht außer der Seele sei, und nur darin bestehe, dass man durchaus an nichts mit Eigenheit festhalte, weder an seinem eigenen Willen, noch an seiner Meinung, noch an sonst etwas, das nicht Gott ist.

 

112. Der tiefe Grund des Verderbens in uns belästigt zwar sehr, man muss aber Geduld haben; denn nur Jesus kann ihn durch sich selbst zerstören. Alle Mittel, so heilig sie sind, können die Ver nichtung dieses unseligen Grundes nicht einmal anfangen. Die Gnaden und Gaben erheben uns zu Jesus, und wenn wir dann Ihn gefunden haben, so fängt Er die Vernichtung dieses Grundes in uns an. Das geschaffene Licht (das ist ein Licht, das nicht Jesus selbst ist, sondern von Ihm ausgeht) zeigt uns zwar dieses Grundver­derben, verdeckt es aber doch zugleich. Wir können dieses schreckliche Verderben nicht wahrhaft erkennen, bis Jesus, die ewige Sonne, in unserem Inwendigen selbst aufzugehen anfängt. Dann fühlt man sein Elend und seine Ohnmacht so sehr, dass man nicht mehr daran zweifeln kann, und sich selbst keinen Rat mehr weiß. Alle Propheten waren nur Vorbilder Christi; so sind auch alle Lichter Jesu Christi nicht Jesus Christus selbst, und können die er­wünschte Vernichtung nicht zustande bringen.

 

113. Alle, die sich dem geistlichen Leben ergeben (in Christo gottselig leben wollen), müssen Widerspruch und Verfolgung leiden (2.Tim.3,12); und zwar manchmal von denen, die sie unterstützen und ihnen die Hände bieten sollten. Ja, die Erfahrung lehrt; Je lauterer das innere Gebet eines Menschen, desto mehr Wider­spruch leidet er. Das reine, inwendige Wesen ist sehr wenigen be­kannt, und wird deswegen von manchen guten Seelen bestritten, die in den Wegen Gottes nicht genug erleuchtet sind. Sie wissen freilich nicht, was sie tun. Dennoch ist es, wie mir scheint, ein Mangel an Demut, eine Sache zu verwerfen, weil man sie nicht ver­steht.

 

114. Ein Leben außer Gott und ohne Gott ist ein Bild des Lebens, kein wahres Leben.

 

115. O wie selig ist derjenige, in dem sich Gott offenbart hat, und dem Er seine göttliche Gegenwart wahrhaft und wesentlich, nicht nur im Bilde und in Gedanken, zu genießen gibt. Das ist eine Quelle unaussprechlicher Seligkeit, die den Klugen dieser Welt, sowie allen denen verborgen ist, welche sich nicht vernichtigen wollen. Sie kennen dieses reiche Nichts nicht, in dem man alles findet, und außer dem man nichts findet als Schmerzen und Plage.

 

116. O wann wird doch einmal das "Ich selbst" in uns zerstört und vernichtet sein! Welche Seligkeit, sich selbst tot zu sein! Allein unsere eigenen Bemühungen vermögen es nicht, unserem Ich diesen Todesstoss zu versetzen. Wir müssen dieses allein von der Hand des Herrn erwarten. Aber das lange Warten auf die Gnade Gottes ist ein wahres Fegfeuer.

 

117. Das innere Gebet gewährt diesen ihm ganz eigenen Vorteil. dass man dabei, ohne daran zu denken und ohne Mühe, in den Tugenden wächst. Außer diesem Gebet aber bemüht man sich viel und gewinnt wenig. Man sät mehr, als man erntet. Nur das innere Gebet, das ist die stete Übung der Vergegenwärtigung Gottes, kann unsere Unvollkommenheiten zerstören und ausrotten.

 

118. Ein Blick auf Jesus Christus stürzt alle Feinde in den Ab­grund.

 

119. Wenn wir auch keine Gelegenheit hätten, Gutes zu tun, so fehlt es uns doch nie an Anlass, Böses zu leiden. Und man kann, um seine Liebe zu Gott zu beweisen, nichts Größeres tun, als für Ihn leiden.

 

120. Der Gnade ist nichts unmöglich, wenn sie einen guten Willen findet, der fest entschlossen ist, nach Vollkommenheit zu streben, ohne sich selbst zu schonen. Es ist der Gnade keine Schwierigkeit zu groß, sie überwindet alle, wenn wir nur beständig ausharren.

 

121. Die Vollkommenheit eines jeden besteht darin, dass er tue, was Gott von ihm haben will.

 

122. Die Vorsehung hat ihre Geheimnisse, die wir erst beim Ausgange der Sache erkennen. Diese Geheimnisse sind voll Liebe für uns, ob sie gleich unseren guten Absichten entgegen zu sein scheinen.

 

123. Wenn eine Seele sich in sich selbst versammelt, so findet sie das Angesicht Jesu Christi, ihres Heilandes, auf sie ge­richtet, das sie einladet, in Liebe auf Ihn zu blicken.

 

124. Wenn ich eine Tugend oder Gemütsbeschaffenheit nötig habe, so suche ich dieselbe nirgends als in Gott allein; nicht in meinen eigenen Gedanken, um sie durch diese in meiner Seele hervorzubringen. Seitdem ich gelernt habe, mich mit Leichtigkeit durch den Glauben mit Gott zu vereinigen, halte ich mich in allen Gelegenheiten und bei jedem Bedürfnis nur an Ihn, und schöpfe aus dieser unendlichen Quelle alle Gnaden, die ich bedarf, auf eine ein­fältige, innige und geistige Weise.

 

 

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bei:

 

Rolf Wolters

Christlicher Schriftenversand

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Aktualisiert am: 02.12.2008 - Home