Ein Wanderer im Lande der Geister

von Franchezzo

Aus dem englischen original Text von 1896 

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Auf hohem Throne saß der Kaiser — das widerwärtigste und abschreckendste Beispiel verkommener Intelligenz und Menschlichkeit unter der ihn umgebenden Menge gesunkener Geister. In seinem Gesicht waren Grausamkeit und Laster so sehr ausgeprägt, daß im Vergleich zu diesen Zügen die anderen zur Bedeutungslosigkeit herabsanken. Obwohl es mich empörte, mußte ich doch den mächtigen Einfluß bewundern, der von dieses Mannes Intellekt und Willen ausging. Das Gefühl könig­licher Gewalt selbst über ein so zusammen-gewürfeltes Volk wie dieses, sowie das Bewußtsein, daß er auch in der Hölle wie von Rechts wegen regiere, schienen seinem Hochmut und seine Herrschsucht selbst inmitten jener grauenvollen Umgebung noch zu nähren.

Trotz der vielen Jahrhunderte seit dem Tode des Kaisers war dieser sich seiner wirklichen Lage und seines wahren Selbst noch nicht bewußt geworden. "Während ich ihn betrachtete, hatte ich für einen Augenblick eine Vision, in der seine Per­sönlichkeit so dargestellt war, wie sie seinem eigenen Auge noch erschien — nicht so, wie er in Wirklichkeit war oder von den widerlichen Kreaturen seiner Umgebung wahrgenommen wur­de. Ich sah einen stattlichen Mann mit scharfgeschnittenen grausamen Zügen und mit Augen, die denen eines wilden Geiers glichen. Bei alledem besaß er einen schönen Körper und hatte die Fähigkeit, zu bezaubern. Alles, was abstoßend und gemein war, verbarg die irdische Hülle; es war nicht wie jetzt in der ganzen Nacktheit des Geistes offenbar.

Ich sah seinen Hof und seine Genossen, wie sie in ihrem irdischen Dasein waren und erkannte, daß sich jeder in seinen eigenen Augen als genau derselbe erschien wie früher. Alle waren sich Gleicherweise der schrecklichen Veränderung an der eigenen Person nicht bewußt, während jeder bei den anderen die Umwandlung beobachtet hatte.

 In diesem Bewußtseinszustand befanden sich alle mit Aus­nahme eines einzigen Mannes. Dieser kauerte in einer Ecke und hatte sein entstelltes Angesicht mit dem Mantel bedeckt. Ihm war, wie ich bemerkte, sein eigener moralischer Tiefstand sowie auch der seiner Umgebung voll zum Bewußtsein gekommen. In seiner Seele war der Wunsch nach Besserung aufgestiegen. Und so aussichtslos ihm auch dessen Erfüllung dünkte, so innig sehnte er sich doch danach, daß sich ihm ein Weg — einerlei wie hart und dornig er sei — eröffnen möge, der ihn aus dieser Höllenmacht hinwegführe und ihm noch in letzter Stunde Hoffnung auf ein Leben abseits der Schrecken dieses Ortes gäbe. Als ich den Mann erblickte, erkannte ich, daß er es war, den meine Sendung betraf. Auf welche Weise ich ihm jedoch Beistand leisten sollte, wußte ich nicht, noch konnte ich es erraten. Ich fühlte nur, daß die Macht, welche mich bis hierher geführt hatte, mir auch fernerhin den Weg zeigen würde.

Während ich so dastand und die dunklen Geister betrach­tete, wurden sie meiner Anwesenheit gewahr. Ein Ausdruck von Zorn und Wut trat in das Antlitz des Herrschers, und mit rauher Stimme fuhr er mich barsch an: wer ich sei und wie ich es wagen könne, mich ihm zu nahen. Ich antwortete: „Ich bin ein Fremder, erst jüngst in diese dunkle Sphäre gekommen und ganz überrascht, in der geistigen Welt einen solchen Ort zu finden." Der Geist brach in ein wildes Gelächter aus und schrie, sie würden mir bald über viele Dinge in der geistigen Welt Auf­klärung verschaffen. „Da du aber," fuhr er fort, „ein Fremd­ling bist und wir Fremde hier stets auf königliche Weise begrüßen, bist du gebeten, dich niederzulassen und an unserem Mahle teilzunehmen."

Er wies auf einen freien Platz an der langen Tafel vor ihm, an der viele Geister saßen. Den Dingen nach zu schließen, welche die Tafel bedeckten, konnte man glauben, daß es sich um eines jener Gelage handle, wie sie einst in den Tagen seiner irdischen Herrlichkeit üblich waren, denn alles trug den Stempel der Wirklichkeit. Jedoch ich war darauf aufmerksam gemacht worden, daß es mehr oder weniger illusorisch sei: daß die Speisen niemals den schrecklichen Hunger befriedigten, den diese ehemaligen Schlemmer fühlten, und daß der Wein wie ein feuriges Getränk die Kehle austrocknete und den Durst der Trunkenbolde tausendfach erhöhte.

Man hatte mich ange­wiesen, weder etwas zu essen oder zu trinken, das mir in diesem Reiche angeboten würde, noch auch einer etwaigen Aufforderung, mich zu setzen, Folge zu leisten. Ein solches Gebaren wäre gleichbedeutend mit der nochmaligen Unterwerfung meiner höheren Kräfte unter die Herrschaft der Sinne gewesen und würde mich auf eine Stufe mit diesen dunklen Wesen und in deren Macht bringen. Meine Antwort lautete daher: „Ich weiß zwar die Gründe zu schätzen, die dich zu deiner Einladung veranlassen, aber ich muß dennoch ablehnen, da ich weder zu essen noch zu trinken wünsche."

Bei dieser Zurückweisung schossen seine Augen Blitze leben­digen Feuers nach mir und ein tiefer Schatten des Unmutes glitt über seine Stirn. Doch machte er gute Miene zum bösen Spiel und gab mir ein Zeichen, mich ihm zu nähern. In­zwischen war der Mann, zu dessen Hilfe ich gesandt war, bei meiner Ankunft und der Anrede des Kaisers aus seinem peinvollen Nachsinnen aufgeschreckt und hatte sich verwundert über meine Kühnheit in Sorge um meine Sicherheit heran­gedrängt. Denn er wußte ja nicht mehr von mir, als daß ich anscheinend ein neuer, unglücklicher Ankömmling war, der die Gefahren dieses Ortes noch nicht kennengelernt hatte. Seine Angst um mich und ein gewisses Mitgefühl schufen unbewußt ein Bindeglied zwischen uns, wodurch ich befähigt wurde, ihn mit mir zu ziehen. Als ich einige Schritte gegen des Kaisers Thron hin machte, folgte mir dieser reuige Geist. Dicht an mich herankommend, sprach er leise: „Laß dich nicht von ihm hintergehen. Kehre um und fliehe diesen Ort, so lange es noch Zeit ist. Ich werde ihre Aufmerk­samkeit für kurze Zeit von dir ablenken." Ich dankte dem Geiste und sagte: „Ich fliehe vor keinem Menschen, mag er sein, wer er will, und werde mich hüten, in irgendeine Falle zu gehen." Unser kurzes Zwiegespräch blieb vom Kaiser nicht unbe­merkt. Er wurde sehr ungeduldig, und sein Schwert auf den Boden stoßend schrie er mich an: „Tritt näher, Fremdling! Hast du keine Manieren, da du einen Kaiser warten läßt? Betrachte dir meinen Staatssitz, meinen Thron; besteige ihn für kurze Zeit und siehe, wie man sich an eines Kaisers Stelle fühlt."

Seiner Weisung gemäß blickte ich nach dem Throne und sah, daß er einem Stuhl mit einem Traghimmel darüber glich. Zwei große beschwingte Figuren aus Bronze standen hinter dem Sitz. Eine jede hatte sechs lange Arme, die sie ausstreck­ten, um dadurch die Lehne und die Seiten zu bilden, während der Traghimmel auf den Köpfen der Figuren wie auf Säulen ruhte. Ich hatte keine Lust, auf einem solchen Platze zu sitzen. Sein früherer Inhaber war mir zu sehr zuwider, als daß ich gewünscht hätte, mich ihm zu nähern.

Aber hätte je meine Neugier den Wunsch aufkommen lassen, den Sessel einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, so hätte die Vision, die ich jetzt bekam, mich sicherlich davon abgehalten. Der Sessel schien plötzlich lebendig zu werden. Vor meinem Auge erschien ein unglücklicher Geist, der von jenen Armen ergriffen und unter dieser schrecklichen Umarmung zu einer unförm­lichen Masse zerdrückt wurde. Ich wußte nun, daß dies das Schicksal aller war, die der Kaiser einlud, die Bequemlichkeit seines Stuhles zu probieren.

Die Vision dauerte nur einen Augenblick, worauf ich mich zum Kaiser wandte und unter einer Verbeugung sagte: “Ich habe keine Lust, euren Rang einzunehmen und muß noch mal die mir zugedachte Ehrung zurückweisen.“  


gelesen deutsch: Monika -  Hörprobe 48kbit/s 12,6 MB - zu Hörbücher Downloads oder GimKs Podcast


 


Zuletzt Aktualisiert am: 23.07.2010 - Home